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Skizze einer Hauptstadtzeitung

Constantin Seibt am Freitag den 6. September 2013

Unter #tag2020 lief in den letzten Wochen eine Spiegel-Debatte, wie eine Regonalzeitung überleben könnte. Dieser Tage stellt der Spiegel-Redakteur Cordt Schnibben einen Prototypen vor. Ich habe ihn gesehen und finde seine Lösung elegant.

Als Ergänzung hier eine (noch rohe) Skizze für den Lokalteil einer Zeitung für eine grosse Stadt.

Nehmen wir etwa Zürich. Es ist für Ankömmlinge keine wirklich freundliche Stadt. Die ersten drei Jahre fühlte sich jedes Bier in einer Szenebar an, als würde man in einem texanischen Saloon ein Glas Milch bestellen. Meistens begrüsste einen Schweigen, im besten Fall knurrte jemand: «Woher chunsch?» (Woher kommst du?) Und das war nicht als Frage gemeint, sondern als Urteil.

Dies war in Bern oder St. Gallen ganz anders. Hier schienen die Leute in den Szenebeizen ehrlich erfreut, einen Fremden zu sehen. Sie stellten sogar Fragen. Nach einem Abend fühlte man sich dort mehr zu Hause als in Zürich nach einem Jahr.

Das Auffällige an Zürich ist, dass die Stadt keinen Lokalpatriotismus kennt. In Basel, Bern oder Luzern sprechen fast alle Leute mit Leidenschaft über ihre Stadt, auch wenn sie sie verfluchen. In Zürich interessiert sich kein Mensch für Zürich. Das deshalb, weil Zürich als Stadt  gross genug ist, um wahr genommen werden zu müssen. Zürich ist das Zentrum von fast allem in der Deutschschweiz, ausser von Politik und Verwaltung. Wer etwas im Leben will, in den Medien, den Banken, der Kunst, dem Theater, der Werbung, der Universität, der Mode oder im Milieu zieht nach Zürich. Kurz: Zürich ist die Hauptstadt der Schweiz, auch wenn im Lexikon steht, dass das Bern ist.

Völlig zu Recht ist Zürich ist im Rest des Landes scheel angesehen. Denn Zürich ist mehr eine Haltung als ein geographischer Ort. Man wird nicht dort geboren, man zieht hin. Es ist die Stadt des Ehrgeizes.

Deshalb zerfällt Zürich auch in Szenen. Im Gegensatz zu Bern, Basel, St. Gallen oder Winterthur, wo etwa die Aussenseiter vergleichsweise wenig Möglichkeiten haben und sich in den gleichen drei, vier Lokalen treffen wie ein Wanderzirkus, zerfällt Zürich in sich selbst konkurrenzierende Milieus. In St. Gallen müssen Punk und Hipster in die gleiche Bar. In Zürich gibt es mehrere Punkszenen, die sich gegenseitig mehr verabscheuen als alle Karrieristen.

Kein Wunder, vergleichen sich Zürcher gern mit New York oder Berlin. Zwar ist die Stadt eine Liga provinzieller. Aber die Mechanismen sind ähnlich. Der Ton in Zürich ist härter als im Rest des Landes. Ankömmlinge werden erstmal ignoriert. Sie müssen sich beweisen. Und auch bei Erfolgen hält man instinktiv Distanz. Denn die Konkurrenz schläft nie.

Deshalb sind Zürcher wenig an der Stadt selbst interessiert: an Parlament, Stadtrat, Baustellen, Gebäuden, dem Image von Zürich. Wesentlich vitaler ist für sie, was in der eigenen Subgruppe geschieht – wer dort auf- und absteigt, was heisser Stoff und was Kaffee von Gestern ist. Hier ticken die Kader im Grosskonzern und die illegalen Sprayer völlig gleich.

Für die Zeitung in einer solchen Stadt bedeutet das, dass sie verschärft dasselbe Problem hat, das traditionelle Medien durch das Internet alle haben. Das Publikum ist keine breite, am selben interessierte Masse mehr; es ist in Interessengruppen zersplittert. Was für ein Massenmedium heisst, dass man es zusammensuchen muss wie ein zerbrochenes Glas.

Journalistisch lohnende Szenen (und ihr dramatisches Potenzial) wären etwa folgende:

  • Kunstszene (Eine harte, erstaunlich hierarchische Szene, in der nur wenige Künstler das grosse Geschäft machen; kein Wunder herrschen viel Opportunismus, Angst und Neid. Man darf nur wenig Fehler machen, sonst bleibt man Amateur. )
  • Film- und Theaterszene (Sie zerfällt in die etablierte und die freie Szene; erstere oft bürokratisch, letztere mit oft prekären Arbeitssituationen. Und in zwei Ästhetiken: die Älteren arbeiten als Kinder der Postmoderne mit Ironie, die junge Garde antwortet mit einer neuen Ernsthaftigkeit.)
  • Bankerszene (Eine Welt unter Druck. Top-Banker laden, wie man hört, aus Scham keine Nicht-Banker mehr in ihre Villen ein, weil sie zu gross sind. Die kleinen Händler und Sachbearbeiter fürchten Entlassung. Die Margen sinken und die Spitzenleute sind gelähmt durch Sprach- und Ideenlosigkeit.)
  • Medienszene (Interessant durch ein grausames Experiment: Was tun die Spezialisten für das Neue, wenn es kommt?)
  • Intellektuellenszene (Das Bestechende an der Berichterstattung über die Intellektuellenszene wäre, dass man sie dazu erst erfinden müsste. Denn es gibt sie längst nicht mehr – nur kluge Köpfe, überall verteilt. Diese könnte eine Redaktion systematisch suchen, sammeln, befragen, schreiben lassen, an einen Tisch setzen – die Zeitung könnte zum Salon des 21. Jahrhunderts werden. Wer sonst?)
  • Politikszene (Ist längst nicht mehr so mächtig wie einst. Aber immer noch die einzige verbindliche Instanz für alle Bewohner.)
  • Expat-Szene (Deutsche, Angelsachsen, Russen fluten die Stadt – wer sind sie? Jedenfalls haben diese keine Plattform. Obwohl sie im Zentrum des Interesses auch der Schweizer stehen.)
  • Werbe-Szene (Teilt das paradoxe Schicksal fast aller Kommunikationsbranchen: Ihre Leute versuchen Auffälliges zu produzieren und bleiben dabei anonym. Weshalb sie sich gegenseitig Preise verleihen müssen. Das Interessante an einer kompeteten Werbe-Berichterstattung für eine Zeitung wäre, dass diese natürlich die besten Kunden sind. Und im Zweifel dort Inserate schalten, wo sie selbst lesen.)
  • Nachtclub-, Party- und Gastroszene: (Die die klassischen Lokalunternehmer, immer auf der Suche nach Coolness.)
  • Das Milieu (Eigentlich eine Geschichtenmaschine par exellence.)
  • Justizszene (Anwälte, Richter, Polizei – die wahren Profiteure des Verbrechens. So wie beim Goldrausch vor allem die Leute reich wurden, die den Goldgräbern Alkohol und Ausrüstung verkauften.)
  • Konzerne (Eine Welt der Grabenkämpfe um Budgets und Karrieren. Grosse Konzerne, die Flaggschiffe der Marktwirtschaft, sind intern oft riesige, fast sowjetisch komplexe Bürokratien. Kleine Staaten im Staat.)
  • Informatik- und Ingenieurszene (Was treiben die Nerds? Immerhin regieren sie die Welt mit ihren Robotern und Computern in Universitäten und Tech-Buden.)
  • Gesundheitsszene (Schon über 10 Prozent aller Erwerbstätigen versucht die restlichen 90 Prozent zu reparieren. Und ihr Anteil wächst und wächst.)
  • Kinderkriegerszene (Eltern verschwinden in einer Parallelwelt aus Spielplätzen, Parks, Badeanstalten. Sind immer in der Gefahr, zu verblöden, schlicht weil ihr Leben Effizienz verlangt – und Effizienz nichts anderes bedeutet, als vorher schon zu wissen, was bei einer Sache herauskommt. Haben keine Zeit zum Bummeln und Nachdenken. Sind also anfällig für Kompakterkenntnisse.)
  • Anarchistenszene (Wer sind die frechen Jungs und die energischen Mädels von heute – also die Chefs von morgen?)
  • Musikszene (Seit jeher so gnadenlos entspannt wie ehrgeizig.)
  • Sportszene (Die ganze Welt der körperlichen Fitness, geistigen Gesundheit und glücklicher Hormone, die ich leider nie kennen gelernt habe.)

Hier sitzt unser Publikum. Oder genauer: Hier lebt, hier leidet, hier plant, hier kämpft es. Und deshalb muss eine städtische Zeitung ihr Kerngeschäft nach ihrer Leserschaft organisieren. Nicht durch Anbiederung, sondern durch das, was sie kann: Neugier, Frechheit, Recherche. Sie muss für Fische wie Haifische der einzelnen Milieus unverzichtbar werden.

Die  meisten Grosstadtzeitungen sind im Lokalen falsch organisiert. Sie sind aufgeteilt in einen politischen und einen nichtpolitischen Teil und nach Geographie. Aber das ist nicht mehr die Welt ihrer Kunden. Deshalb bräuchte die Zeitung Korrespondenten in den einzelnen Szenen, so wie sie Korrespondenten im Parlament oder im Ausland hat. Diese müssten die Fragen beantworten: Wer steigt auf, wer ab? Warum? Was ist angesagt, was nicht, wo die blinden Flecken? Was wird in den Fachmagazinen diskutiert, was passiert im Ausland oder im Netz Wichtiges für die einzelnen Szenen?

Kurz: Eine Zeitung muss in den einzelnen Welten der Stadt systematisch Kompetenz aufbauen. Um respektiert, gefürchtet, gehasst, geliebt und vor allem diskutiert zu werden. Dazu besteht eine gute Chance. Denn alle  Szenen einer grossen Stadt sind Welten des Ehrgeizes – und im Rattenrennen ist schnelle Information über dessen Regeln unbezahlbar. Schafft die Zeitung es, in einem Milieu gut genug zu werden, um scharfe Kritik, amüsanten Klatsch, echte Kontroversen hinzubringen und von Zeit zu Zeit sogar die Profis zu überraschen, ist ihr Geschäft gemacht. Es muss schlicht ein Karrierenachteil werden, die Zeitung nicht zu lesen.

Das wichtigste an der Berichterstattung – egal ob über die Banker oder die Anarchistenszene – ist Regelmässigkeit. Einzelne Ausflüge oder Artikel sind sinnlos. Nur die organisierte Recherche zählt. Ohne Regelmässigkeit erlangt man weder Kompetenz, noch Glaubwürdigkeit.

Und gleichzeitig hat man damit die Chance, dass sich das breite Publikum plötzlich für das Milieu zu interessieren beginnt: Denn jedes Publikum interessiert sich für das, was es kennt. Was natürlich heisst: Etwas, was es kennengelernt hat. Nichts macht süchtiger als Fortsetzungsgeschichten.

Das Ziel einer Grossstadtzeitung wäre es also, ihre Stadt als das zu portraitieren, was sie ist: eine taffe, dynamische, hart arbeitende, fragmentierte Maschine. Ein elektrisierendes, nervöses, ehrgeiziges Mini-New-York. Keine lokale Angelegenheit, sondern der Welt eng durch Geschäfte, Angst, Sehnsucht, Internet und der ewigen Jagd nach Coolness verbunden.

Kurz: Eine Zeitung, die die Leute so aufregt wie ihr Leben selbst.

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23 Kommentare zu “Skizze einer Hauptstadtzeitung”

  1. Peter sagt:

    Oje, ist dieser Text Ihr Ernst?

  2. Peter sagt:

    Er ist nicht absurd, aber voller Klischees.

    • Constantin Seibt sagt:

      Nun, die paar Sätze zu jeder Szene sind nur eine Grobeinschätzung ihres dramatischen Potentials. Und bei mehr Recherche kann man darauf wetten, dass alles weit interessanter und komplexer ist. Doch das ist nicht wirklich der Punkt dieser Skizze. Der ist, den Slogan “Wir schreiben, womit Sie rechnen müssen” der FTD im Lokalen zu denken.

      • Eliane Hangartner sagt:

        Die falschen Klischees stecken im Bild der anderen CH-Städte. Auch in Bern oder Basel bleiben die Fremden fremd, nur die äussere Form ist anders. Schlussendlich hängt es aber auch vom Fremden ab, ob er fremd bleibt oder nicht – ich hatte in Zürich nicht mehr oder weniger Probleme in Kontakt zu kommen als anderswo. Und auch im kleinen Bern gibt es unterschiedliche Szenen, die sich untereinander nicht grün sind, einfach halt nicht so viele. Und auch anderswo wird um jeden Kuchen gleich hart gekämpft wie in Zürich, nur der Kuchen ist kleiner. Skizze lässt sich auf alle Lokalblätter übertragen.

  3. Charlotte Heer Grau sagt:

    Offensichtlich kennen Sie weder Zürich, noch Bern oder Basel, nur sämtliche Klischees über diese Städte. Was eine Zeitung braucht, sind “taffe, dynamische, hart arbeitende” Journis, die den Stoff riechen, und vor allem die nötige Zeit für ihre Recherchen bekommen, damit sie an den Stoff heran kommen. Den Stoff, der eine Stadt ausmacht. Stoff, der nicht nur interessiert, sondern für die Bevölkerung auch relevant ist. Darum geht es.

    Eine Zeitung, die täglich ärgert, weil sie nur auf der Oberfläche herumsurft und einen mit Bauchgeschichten nervt, dafür gibt es kein Geld mehr.

    • Constantin Seibt sagt:

      Sorry, das obige war kein Plädoyer für Bauchgeschichten, wie das Ihr Bauch sagt, im Gegenteil. Sondern der Versuch, eine Organisation zu denken, die dort, wo die Leute leben (oder meinetwegen auch teilweise: ihr Leben verschwenden) genauer hinsieht. Das tun Zeitungen bisher nämlich so gut wie nicht. Nur alle 10 Jahre einmal kommt ein Romancier vorbei, wenns hoch kommt.

  4. SEELG seien die unwissenden…..

  5. Neni sagt:

    Aber dieser Artikel ist mit viel Aufwand-Engagement-Überzeugung geschrieben, tolle Arbeit!!!!

  6. Hmmm – da gibt’s ja lauter wichtige Leute in Zürich. Und wer putzt denen die Schuhe? Ich meine, wo sind all die ‘kleinen Leute’ geblieben? Arbeiter zum Beispiel, Tankstellenpächter, Frittenbudenbesitzer, Fahrradkuriere, Putzfrauen … sind die medial irrelevant? Und ist das jetzt das journalistische Borchardt-Syndrom auf Zürcherisch?

    • Constantin Seibt sagt:

      Touché. Tatsächlich ein blinder Fleck, obwohl die Aufzählung als unvollständig gedacht war. Werd darüber nachdenken.

      • Von der Journalistin Gabriele Göttle gibt’s ein Buch (‘Die Ärmsten!’), dass dieses Thema anpackt, und zwar weder im auskeilenden SVP- noch im mitleidheischenden Gewerkschafts-Stil. So müsste man es machen, einfach nur Kamera sein. Was der Journalist selbst oder seine Peer-Group ideologisch dazu meint, ist völlig unerheblich…

  7. Bernd Schmidt sagt:

    Herr Seibt, ich denke,dass Tageszeitungen einfach überholt sind.

    Einfache Nachrichten gibt es im Netz sofort und umsonst.

    Alles,was Sie vorschlagen, ist auf einem Blog besser untergebracht.

    Sie hatten in einem früheren Post HBO als Vorbild genannt.

    DAS überzeugt mich !

    Wochenzeitungen , die konsequent auf Qualität

    setzt ,statt es möglichst vielen recht machen zu wollen.

    Deutschsprachige Zeitungen und Magazine sind heute Bauchläden,von allem

    ein bisschen, bloss nicht zu anspruchsvoll .

    Wochenzeitungen wie . B. der “New Yorker ” oder “The Economist ”

    werden Käufer finden .

  8. Bernd Schmidt sagt:

    Beim ersten Post die falsche Tonlage erwischt,tut mir leid.
    Es sollte niemand abqualifiziert werden.
    Neuer Versuch:
    Das tägliche Erscheinen ist der Kern des Problems.

    Die Tageszeitung ist ein anachronistisches Format,
    eine Wochenzeitung – auch lokale Wochenzeitung –
    ist es nicht.
    Eine Tageszeitung ist notwendig beschränkt,
    das Netz ist dafür das bessere Medium und umsonst.

    Print ist real ,digital ist es nicht , Der Eindruck ist ,
    dass die Beteiligten im Journalsmus sich selbst aufgegeben
    haben.
    Aus Zeitungen soll noch so viel an Restrendite herausgeholt werden
    wie möglich.

  9. Bernd Schmidt sagt:

    ,bevor es zu Ende geht.

    Print kann eine Verbindlichkeit herstellen,allein
    durch seine Physis,die Digital nie erreichen kann.
    Print ist anonym,es kann bündeln, kann eine
    geschlossene Aussage vermitteln.
    Das Netz ist am Ende Trash,so groß wie seicht.
    Der Fehler, der gemacht wird ,ist zu versuchen,
    etwas zu sein ,was man nicht ist,statt
    darauf zu bauen,dass die eigenen Stärken
    sich durchsetzen.

  10. Bernd Schmidt sagt:

    Die Autorin erhält im Netz eine Menge Aufmarksamkeit
    wird aber nicht bezahlt

  11. Bernd Schmidt sagt:

    Mein Geschreibsel,irgendein 0815 DPA -Artikel und Texte wie von Frau Passig und
    Herrn Seibt sind kommerziell im Netz dasselbe wert,nichts.
    Das ist lächerlich.
    Es muss im Netz Bezahlschranken geben für Qualität.

  12. Bernd Schmidt sagt:

    Sorry für die Multiposts!

  13. Es ist ein wirklich großer Artikel, danke Constantin Seibt