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Der Kolumnentest: Werden Sie durch die Hölle gehen?

Constantin Seibt am Freitag den 23. August 2013

Dieser Blogpost hat genau ein Jahr Verspätung. Aber was ist schon ein Jahr im Internet?

Etwas ärgerlich ist auch, dass er eigentlich Teil 5 einer Serie über das Kolumnenschreiben ist. Und man eigentlich die anderen Teile im Kopf haben müsste. (Tipp für Ungeduldige: zentral ist Teil 3).

Also, falls sie eine Minute Zeit haben, hier:

  • Teil 1: Warum Kolumnen hassenswert sind
  • Teil 2: Warum weder Ihre Ideen, noch ihre Meinungen, noch Ihr Privatleben ausreicht, um eine Kolumne zu füllen
  • Teil 3: Wie Sie trotzdem einen Motor für Kolumnen installieren können
  • Teil 4: Wie dieser Motor in der Praxis arbeitet: Die Anatomie einer Kolumne
  • Teil 6: Das Ziel der Kolumne – das Honorar.

Die Theorie im dritten Teil vertritt die These, dass eine Kolumne umso schmerzloser schreibbar ist, wenn man nicht jedes Mal vor einem weissen Blatt Papier sitzt. Also je klarer man sich einschränkt: durch ein Korsett von Thema, Stil und Haltung.

Bei der Konstruktion des Korsetts sollte man ohne Selbstbetrug arbeiten. Ein Kolumnenkonzept ist alles andere als eine kleine Entscheidung. Denn es prägt ein Stück Ihres zukünftigen Lebens.

Sitzt das Konzept, ist die Kolumne eine erfreuliche Arbeit und Geldquelle. Sitzt es nicht, werden Sie bei jeder Kolumne gleich drei Mal leiden: Davor, weil Sie Angst haben. Dann beim Schreiben. Und danach, weil Sie sich schämen.

Welches Konzept klappt? Welches nicht? Und warum? Hier die Steckbriefe einiger Kolumnen, die ich neben der Monster-Kolumne schrieb. (Ein kleiner Tipp: Überspringen Sie die Beispiele, falls Ihnen Ihre Zeit lieb ist.)

 

1. Fundstücke («NZZ Folio»)

Diese Kolumne lieferte die bildungsbürgerlichste Variante von Punk: klassische Literaturfälschungen. Sie korrigierte die traurige Tatsache, dass die besten Autoren nichts mehr für Zeitschriften schreiben, weil sie tot sind. Also erschien Neues von: Plato, Schopenhauer, Simenon, Frisch, Wilde, Hemingway, etc.

Honorar: 1000 Franken

Länge: 4400 Zeichen

Erscheinungsweise: monatlich

Laufzeit: knapp zwei Jahre

Thema: Eine passende Klassiker-Fälschung zum jeweiligen Heftthema des «Folio».

Stil: Je nach Autor war die beste Wahl das Genre, für das er berühmt wurde: eine Kurzgeschichte, ein Dialog, ein Essay, ein Tagebuch, ein Kurzkrimi. Der Stil blieb sehr nah beim Autor, nur mild übertrieben. Die Illusion des prominenten Verfassers wurde durch die Autorenzeile aufrechterhalten. Mein Name stand nur in der Fussnote, als Herausgeber oder Übersetzer.

Haltung: Einen alten Traum ausleben – die eigene Bibliothek noch einmal neu schreiben.

Aufwand: Zwei bis vier Tage. Meistens verbrachte ich vor dem ersten Satz zwei Nächte in Verzweiflung. Diese Kolumne machte wirklich Arbeit. Denn im Grunde waren weder Thema, noch Form, noch Haltung definiert. Also wurde sie von Folge zu Folge neu entworfen. Man musste sich in Stil und Logik des Autors einlesen; dann eine Geschichte oder ein Essay erfinden; und da die 4400 Zeichen in einem extrem starren Layout standen, war auch die Schlussredaktion ein endlose Bastelei.

Fazit: Trotzdem erfreulich. Längere Zeit war diese Kolumne meine wichtigste Finanzquelle. Ausserdem war das Projekt (Fälschungen im NZZ-Universum) reizvoll. Nicht zuletzt weil immer wieder Experten darauf reinfielen.  Und schliesslich liess sich – zusammen mit den Kolumnen meines Bruders und Vaters – ein Buch daraus kochen.

Beispiel:

Das grösste Kunstereignis 1929

Von Bert Brecht

IN EINER UMFRAGE der «Literarischen Welt» haben sich einige Herren zum bemerkenswertesten Kunsterlebnis des Jahres 1929 geäussert. Gerhard Hauptmann nannte die Aufführung eines (eigenen) Stücks, Franz Werfel sprach sich für die Gedichte seiner Freunde aus, Th. Mann bekannte sich zu einer Oper.

Ich bedaure alle drei, zünde meine Zigarre an und stimme für das interessanteste Spiel der Deutschen Meisterschaft, Schalke 04 gegen Arminia Hannover, das mit 6 zu 2 endete.

Für den zylindertragenden Betrachter mag die Wahl eines Sportereignisses eine Überraschung sein. Doch besteht der Vorteil meiner Wahl gerade in ihrem Mangel an Originalität. Nicht nur wird mein Urteil von 20’000 Kunstkennern geteilt, sondern auch von der Mehrheit der deutschen Fussballpresse, die sowohl dem System des Schalker Kreiselspiels als auch den ausführenden Künstlern Szepan, Kuzorra, Tibulski grösste Hochachtung entgegenbrachte.

Für einmal fand an einem Kulturereignis kein Nepp statt. Der Gegenwert für das Eintrittsgeld wurde geboten. Die einzige Beeinträchtigung des Vergnügens bestand in der Abwesenheit des bürgerlichen Feuilletons, dessen Ablehnung sonst jeder gelungenen Veranstaltung ihre besondere Würde verleiht.

In der Tat ist die Nachricht noch nicht in die Redaktionen vorgedrungen, dass Fussball als Kunstform den traditionellen Formen Literatur, Theater, Malerei, Musik bei weitem überlegen ist. Fussball ist wie alle grosse Kunst einfach. Die Übersichtlichkeit der Regeln gestattet es, in Ruhe Details zu studieren, etwa Kuzorras Ballannahme, die Paraden Sobottkas oder Tibulskis Fallrückzieher. Jeder Zuschauer ist spätestens nach drei Spielen Kenner. Das Publikum ist also ausschliesslich aus Kennern zusammengesetzt.

So ist auch Kritik das Markenzeichen des Publikums. Während der Smokingträger in Konzerten oder im Theatersaal auf dem Maul sitzt, treffen wir in den Sportstadien auf einen Menschen, der pfeift, raucht, singt, aber nicht jede Darbietung zu ertragen gewillt ist. (Dass das Fussballpublikum parteiisch ist, ändert nichts an dieser Tatsache: Unparteiische Beobachter verschweigen in der Regel nur, wer sie für ihr Urteil bezahlt hat.)

Nun zeugen Rufe wie «Elfmeter» oder «Schiess doch, du Affe!» von einer geistigen Beweglichkeit, die diejenige eines Smokingpublikums bei weitem übertrifft. Mitdenkende Kommentare wie: «Pinseln Sie Ihr Bild abstrakter!», «Ophelia auswechseln!» würden auch diesem gut anstehen.

Das hohe Niveau der Fussballkunst basiert auf dem Respekt vor ehrlicher Arbeit. Ihr Ertrag ist messbar: Jedes Spiel ergibt ein Resultat. Dass nicht immer der Bessere gewinnt, spricht für den unbarmherzigen Realismus der Fussballkunst. Man kann Wetten annehmen. Dem Zufall wird eine Chance gegeben, und das, meine Herren, ist im Geschäftsleben nicht anders. (Morgen, wenn Ihr Glück aussetzt, können Sie vernichtet werden.)

Gerade diese Unberechenbarkeit beweist die Überlegenheit des Fussballs gegenüber den traditionellen Kunstformen, in denen der Ausgang der Kämpfe festgelegt ist: im Theater schlägt Hamlet Polonius jedes Mal, aber im Spiel Schalke – Hannover kann die Situation ruhig sein, Szepan bekommt den Ball im Mittelfeld, startet ein ungeheures Dribbling um vier Verteidiger und schiesst ein.

Jederzeit ist die Katastrophe oder der Geniestreich möglich: Fussball lehrt eine Masse in der Möglichkeitsform denken. Sie macht die Erfahrung, dass sich in Sekunden etwas verändern lässt. Fussball ist – zusammen mit der Erkenntnis, dass der Weg ins Spiel fast immer über den Kampf führt – Anschauungsunterricht für Revolutionäre. Auf gutem handwerklichem Niveau – jedenfalls für ein Land, das von einem Rilke, Uhland oder George heimgesucht wurde – ist auch die Lyrik. Die Songs sind singbar und betont sachlich («blau und weiss ist ja der himmel nur / blau und weiss ist unsre fussballgarnitur»), die Beschimpfungen direkt und wirksam («heute hauen wir nach altem brauch / dem fc schalke auf den bauch / lustig lustig tralala / heut ist die arminia mit dem hammer wieder da»).

Last, not least wird einem für sein Geld auch ein gesunder Gegenwert an Gefühlsausbrüchen geboten. Keine Theateraufführung verhilft auch nur einem Zuschauer zu ebensolcher Freude wie den 10 000 Anhängern ein Siegestor in der 89. Minute, keine Chopin- oder Hölderlin-Matinée versetzt in so ehrliche Trauer wie der Verlusttreffer. Wie bei allen interessanten Lebenslagen zahlt man auch im Fussball den Spass mit dem Risiko eines grossen Verlusts. Gutes Amüsement hat schon immer Nerven und Mut verlangt.

Aus oben genannten Gründen stimme ich dafür, das Spiel Schalke – Hannover als Kunstereignis des Jahres 1929 zu wählen, den Stürmer Ernst Kuzorra als Künstler des Jahres auszuzeichnen und Fussball als fruchtbarste Kunstform des 20. Jahrhunderts zu sehen.

 

Kleine grosse Welt (Magazin «Basler Zeitung»)

Da das Basler-Zeitungs-Magazin zu einem Zeitpunkt anfragte, als ich schon drei Kolumnen gleichzeitig schrieb, hatte ich keine weitere Idee. Deshalb tat ich etwas, was ich nie tun wollte: Ich zapfte mein Privatleben als Kolumnenstoff an

Honorar: 600 Franken

Länge: 3000 Zeichen

Erscheinungsweise: alle fünf Wochen

Laufzeit: zwei Jahre

Thema: Damit die Sache nicht allzu harmlos wurde, schränkte ich den Stoff ein: Ich schrieb aussliesslich über meine Niederlagen.

Stil: Auf gedrängtem Platz konnte man nur straight erzählen. Und zuweilen leicht poetisierend.

Haltung: Das “leicht poetisierend” sagt schon viel: ein gewisser freundlicher Abendsonnenschein lag über allen Geständnissen. Vor allem, weil die beschriebenen Niederlagen meist schon länger zurücklagen. Das Konzept war zu wenig radikal. Es tat nicht mehr weh. Ich fing mich an zu langweilen. Erst erzählte ich ein paar Anekdoten über Freunde und Familie, dann begann ich sie als Rohstoff für Short-Story-Skizzen zu nützen. Damit fing die Kolumne an, wieder Spass zu machen.

Aufwand: Zwei bis fünf Stunden.

Fazit: Leichtes Geld.

Beispiel:

Berlin. Bordell. Unschuld.

Sie traten unter der hell erleuchteten Markise des Restaurants hervor in die Nacht. Frank war etwas betrunken, es war in Berlin, sein 18. Geburtstag, und er war etwas schockiert, weil ihm sein Vater eben die erste Nacht seines Lebens vorgeschlagen hatte. «Man muss mit allem einmal anfangen», hatte er gesagt. «Also warum nicht sofort?»

Sie gingen durch Strassen, es nieselte, bis ihm sein Vater vor einer Kneipe einen Hunderter in die Hand drückte. «Okay?», sagte er. Frank steuerte auf eine pralle Blonde zu – nicht sein Typ, aber man war besser emotional nicht allzu beteiligt. Ein paar Treppen später stand er in einem Zimmer aus Plüsch mit Spiegeln, das ihn irritierte: Es sah genau so aus, wie er es sich vorgestellt hatte. Ein Klischee als Wirklichkeit. So etwas passierte sonst nie. «Willst du ein Bier?», fragte die Blonde. Frank nickte. Sie sagte: «Das macht dann 8 Euro extra. Zieh dich schon mal aus.» Sie blieb ziemlich lang weg, Frank lag mit Unterhose und Brille auf dem Bett, starrte in den Spiegel und dachte daran, dass er eingentlich geglaubt hatte, dass im Bordell sich die Frau ausziehe. Schliesslich kam sie rein, stellte das Bier auf den Nachttisch, stülpte ein Kondom über und begann an seinem Schwanz herumzubeissen. Es fühlte sich nicht nicht ganz so an wie beim Zahnarzt, aber ähnlich. Frank dachte: «Immerhin, näher bist du einer Frau noch nie gekommen.» Er sagte: «Warum machen wirs nicht normal?» – «Das kostet 70 extra.» – «Die hab ich nicht.» – «Dann tut es mir Leid», sagte die Blonde. «Aber das sind mal die Tarife.»

Frank setzte sich auf und griff zum Bier. Die Blonde griff nach einer Zigarette und sagte: «Wir sind auch nicht glücklich, wenn der Kunde nicht glücklich ist … Woher kommst du?» – «Aus Zürich.» – «Toll, aus Zürich haben wir wenige.» – Sie rauchten. Dann fasste sich die Blonde ein Herz und sagte: «Mit Mädchen hattest du nicht viel und so … nicht?» – «Nein, ich bin nur betrunken», sagte Frank und dachte: O Gott, auch das noch.

Dann betrat er die Kneipe um die Ecke, die nach Essen roch. Sein Vater stand an der leeren Theke vor einem Glas. Er war viel zu gut gekleidet für seine Umgebung. «Wie wars?», fragte er. – «Okay.» – «Glückwunsch zum Geburtstag», sagte sein Vater. «Sags nur nicht deiner Mutter.» Frank schüttelte den Kopf und sah seinem Vater über den Spiegel hinter der Bar ins Gesicht. Es war dasselbe wie seins, nur hagerer, besser geschnitten und müde.

Und plötzlich wusste Frank, dass das auch einmal sein Gesicht sein würde. In einen paar Wochen würde Schluss sein mit der Schule und irgendwann auch mit der Schüchternheit, er würde eine Freundin haben, einen Job haben, vielleicht Kinder, vielleicht ein Haus und irgendwann würde ihn dieselbe Müdigkeit überfallen wie seinen Vater. Frank wusste mit einem Mal, dass ihm nichts erspart werden würde, keine Demütigung, keine Niederlage und keine Lüge.

Er war so glücklich wie nie zuvor in seinem Leben.

 

Journalismus-Kolumne («Werbewoche»)

Die Vorläuferkolumne zu diesem Blog.

Honorar: 300 Franken

Länge: 3800 Zeichen

Erscheinungsweise: alle fünf Wochen

Laufzeit: über zwei Jahre

Thema: Tricks (und ein paar Frechheiten) zu Artikeln, Karriere und Zeitungsmachen.

Stil: So knapp, trocken und ironisch die Kolumne war, so anders getaktet waren Anfang und Schlussabsatz. Dort wurde der Leser jeweils mit einer kleinen Verbeugung mit «Mbwana» (afrikanisch für: Gebieter) angesprochen. Diese Anrede löste das zentrale Problem  der Kolumne: das Arroganzproblem. Also dass eigentlich nicht einzusehen war, warum gerade ich erfahrenen Profis etwas raten sollte.

Haltung: Ein Butler, der seinen Lord mit schonungsloser Höflichkeit berät.

Aufwand: Vier bis sechs Stunden

Fazit: Eine recht fröhliche Arbeit, aber vollkommen echolos, da im falschen Medium. Ursprünglich nahm ich an, dass die «Werbewoche» von Werbern und Journalisten gelesen werden würde. Aber es waren ausschliesslich Werber.

Beispiel:

Der 100-Mio.-Dollar-Tresor

Es ist ziemlich unhöflich, Mbwana, durch die Räume Ihrer Gastgeber zu gehen und zu fragen: Bei wem haben Sie das alles gestohlen? (Je interessanter die Antwort, desto sicherer werden Sie nicht mehr eingeladen.) Gehen wir durch immaterielle Räume der Ideen, ist die gleiche Frage ein Kompliment: Bei wem haben Sie das geklaut?

Seit jeher war Kultur eine Kette von Diebstählen – die einfachste Definition eines Klassikers ist, dass er von sehr vielen Leuten beklaut wurde. Gute Ideen bleiben gute Ideen, auch wenn es anfangs nicht die eigenen sind. Ein Könner, laut Bert Brecht, ist jemand, der Gelungenes nicht noch einmal macht. Das blieb bei Brecht keine Theorie: Mehrere Dutzend der frechsten Verse seiner Dreigroschenoper stammen von Kipling und Villon.

Ängstliche Geister nennen Diebstahl nicht beim Namen: Sie benützen lieber Worte wie Inspiration oder Import-Export. Exportland Nummer eins für Erfolg versprechende Ideen ist zweifellos Amerika. Ob beim Banking, in der Musik oder im Journalismus: Ohne den amerikanischen Chewing-Gum hätten die deutschsprachigen Gehirne einen strengen arischen Mundgeruch.

Heissester Kandidat für aktuelle Diebstähle ist ein neureicher Dollar-Millionär: Michael Moore. Immerhin knackte sein Schlager «Fahrenheit 9/11» als erster Dokumentarfilm die magische 100-Millionen-Dollar-Grenze. Aus ihm und Moores sonstigem Werk lässt sich für den Schweizer Markt einiges importieren:

1. Erstaunlich viel Publikum interessiert sich für Information, für Politik und Polemik – sofern sie es unterhalten.

2. Was Moore liefert, ist das Big Picture: grosse Politik und kleine Leute zugleich. Er liefert das, was die Medien nicht liefern – einen Überblick im Chaos der Einzelmeldungen, -meinungen und Lokalberichte. Mit simplen Schnitten von Washingtoner Strategen zu desorientierten Soldaten im Irak, von General-Motors-Managern zu Betreibungsbeamten in Detroit schafft er die Antwort zu der in Medien oft vernachlässigten Frage: Was, zum Henker, geht uns das Hickhack der Politik, was der Jargon der Wirtschaft an?

3. Für Kopisten interessant ist, dass Moore mit grosser Komplexität unterhält. Er springt im Höllentempo zwischen derart verschiedenen Genres wie Kommentar, Trickfilm, Reportage, Satire, Expertenmeinung, Selbstinszenierung und menschlichem Drama hin und her. Der Mix von offizieller Politik und Lokalreport, Ernst und Humor, Fakten und Fiktion wird vom Blockbuster-Publikum offensichtlich geschätzt und verstanden. Das Fazit für uns: Viele Schweizer Medienprodukte sind zu sauber und zu wenig mutig. Sie ziehen Argumentation und Tonfall von Anfang bis Ende durch. (Achten Sie mal drauf, Mbwana, wie selten in Reportagen die Perspektive gewechselt wird. Kaum je ein Schwenk zwischen Mikroskop und Blick vom Mars und zurück. Gerade Qualitätsjournalismus liebt die sichere, saubere Halbdistanz des Schreibtischs: nie rohes Fleisch, nie das kalte Auge Gottes, stattdessen Valium mit Niveau.)

4. Praktischerweise kam soeben ein How-to-Buch von Moore auf den Markt: «Hurra Amerika!». Der Titel entspricht leider Moores Schreibstil: Schriftlich sind seine Gags so plump wie ein politischer Fasnachtsredner. Umso sensationeller der Stoff: Pfannenfertige Ideen, wie man selbst inszenierte Reportagen machen kann. So erkaufte sich Moores Sendung «TV Nation» bei einem Kongresslobbyisten für 5000 Dollar einen eigenen, Amerika-weiten Feiertag, fragte bei neoliberalen Republikanern nach, ob sie die persönlich erhaltenen Subventionen zurückzahlen würden, liess einen Ex-KGB-Spion ermitteln, ob Nixon wirklich tot sei.

Einiges in diesem Buch, Mbwana, ist höchst brauch-, also klaubar. Was genau? Nun, da ich vorhabe, mich bald selbst zu bedienen, lasse ich genauere Angaben lieber dort, wo wir Diebe uns wohl fühlen: im Grau der Nacht.

 

Aus dem Labor von Dr. Zork («Luzerner Kulturmagazin»)

Das zentrale Problem, das diese Kolumne nie ganz löste, war: einen Beitrag für ein lokales Magazin einer Stadt zu schreiben, die ich nicht kannte.

Honorar: 150 Franken

Länge: 3000 Zeichen

Erscheinungsweise: monatlich

Laufzeit: ein Jahr

Thema: Die Probleme der Menschheit, der Kultur und der Stadt Luzern werden mittels Chemie und Physik gelöst.

Stil: Die Kolumne hatte drei gleicherweise intelligente wie idealistische Helden: Dr. Zork, seine vernarbte, aber schöne Assistentin Simone plus die Laborratte Herbert. Ein perfektes Team von hart arbeitenden, furcht- und neidlosen, nur der Erkenntnis, der Höflichkeit und dem Optimismus verpflichteten Wesen. Auch wenn sie wegen der Grösse der zu lösenden Probleme manchmal von Melancholie angefochten wurden.

Haltung: Ein Schuss Albernheit. Aber vor allem positiv, konstruktiv, voller Freundlichkeit.

Aufwand: Zwei bis zehn Stunden. Es war manchmal knifflig auf die (pseudo-)wissenschaftliche Pointe zu kommen, die dann der Kolumne den Dreh gab. Also etwa das Problem der Milchunverträglichkeit japanischer Touristen zu lösen. Diese werden eine Woche durch die Schweiz gekarrt, essen abends die rahmreichen Nationalspeisen (Fondue, Raclette, Zürcher Geschnetzeltes) und übergeben sich, weil sie kein Enzym zur Milcheiweissspaltung besitzen, am nächsten Tag im Bus. Die Lösung von Dr. Zork und seinem Team war so einfach wie genial. Sie ersetzen in den fraglichen Produkten Kuhmilch durch Stiermilch.

Das Fazit: Die Kolumne blieb ohne ein jedes Echo. Nur ich allein fing an, sie wirklich gern zu haben, bezaubert durch die Freundlichkeit der drei Helden. So war die Kolumne kein Erfolg, aber eine Freude.

Beispiel:

Weise Weihnacht

24. Dezember. Das Labor war festlich geschmückt. Eine Batterie von auf kleiner Flamme brennenden Bunsenbrennern erleuchtete den sonst so nüchternen Raum.

Dr. Zork streckte seine langen Beine, für einmal in einen Smoking gehüllt, unter den Esstisch. Seine Assistentin Simone Urgh trug die traditionelle, geheimnissvolle Tracht ihres Landes. Die Laborratte Herbert hingegen war frisch geföhnt und gewaschen.

“Geföhnt sieht Herbert aus wie ein Angora-Meerschwein”, bemerkte Dr. Zork. Selbst am Heiligen Abend, während des Truthahn-Essens, funktionierte seine wissenschaftliche Beobachtungsgabe!

“Dafür sehen Sie im Smoking aus wie ein Doktor der Geisteswissenschaften”, gab Herbert elegant zurück.

“Keinen Streit, bitte!” sagte Simone. Sie wusste um den feinen, aber entscheidenden Unterschied zwischen exakten und wortreichen Wissenschaften… “Geisteswissenschaftler” war leider kein Kompliment!

Aber Dr. Zork nahm nur eine weitere Gabel Truthahn zu sich. “Wenn Gott seine Geschöpfe nach seinem Angesicht gestaltet hat”, sagte er, “dann muss er also die Knopfaugen Herberts mit meiner markanten Nase und den zarten Ohren Simones verbinden”, sagte er.

Simone und Herbert lächelten in ihre Serviette. Dr. Zork begab sich tatsächlich auf dem spekulativen Parkett der Geisteswissenschaft, sogar auf das spekulativste der spekulativen Gebiete: der Theologie.

“Noch etwas Butter-Sosse?”, fragte Simone.

“Gerne”, sagte Dr. Zork und fuhr fort: “Und sein Körper müsste Brüste, Brusthaare und diverse Schwänze auf einmal haben.”

“Dr. Zork beruft sich auf das Modell von Angelus Silesius”, sagte Simone.

“Alles in einem, eins in allem”, ergänzte Herbert zertreut, der gerade an das Auswickeln der Geschenke dachte.

Bald war es soweit: Simone erhielt einen Gucci-Laborkittel, Herbert mehrere Sorten französischen Käse und Dr. Zork zwei elegante, säurefeste Kravatten.

Schliesslich deuteten die treuen Mitarbeiter auf einen drei Meter langen, zylindrischen Gegenstand in rosa Geschenkpapier, in dem Dr. Zork zu seiner grossen Freude eine von ihm selbst entwickelte, aber modifizierte Mittelstreckenrakete fand.

“Die grösste Sivlvesterrakete Europas”, freute er sich. “Damit wird Luzern am 2. Januar in allen Schlagzeilen sein!”

So war es auch. Sie starteten Punkt Mitternacht die Rakete durch eine Abschussrampe im Laborgarten. Sie stieg kerzengerade in den Himmel, kippte leider wegen eines Materialfehlers bei Absprengung der 2. Stufe um 182 Grad und setzte bei ihrem Aufschlag die Kappelbrücke in Brand.

Um Schlagzeilen würde man sich in Luzern nicht zu sorgen brauchen.

So ging die Laborcrew etwas nachdenklich zu Bett. Hatte Angelus Silesius mit seiner Theorie Recht, musste Gott musste ein Genie wie Dr. Zork sein, sicher, aber auch ein Versager.

 

Die Woche war wieder nicht gut («WOZ»)

Nach etwa fünf Jahren Laufzeit langweilte mich mein grösster Hit, die satirische Monster-Kolumne. Und ich wollte etwas Neues, noch Härteres schreiben, ich Dummkopf.

Honorar: 200 Franken

Länge: 4000 Zeichen

Erscheinungsweise: wöchentlich

Laufzeit: sechs Monate

Thema: Eine fiktive Zeitungsredaktion («Die Woche»), die jeweils ein Ereignis der letzten Tage verarbeitet.

Stil: Eine Kurzgeschichte mit festem Ensemble von ca. zehn Protagonisten, angelehnt an reale Vorbilder in der Presse.

Haltung: Illusionslos. Zynisch. Ohne Kompromisse. Keine einzige der Hauptfiguren hatte auch nur einen liebenswerten Zug.

Aufwand: Zehn bis achtzehn Stunden

Fazit: Der grösste Flop, den ich je produziert habe. Die Kolumne zu schreiben war ein Alptraum. Erstens funktionierte der Fortsetzungseffekt, also die Wiedererkennbarkeit der Helden, im Wochenrhythmus überhaupt nicht. Zweitens war das wöchentliche Ausdenken einer Kurzgeschichte mit Pointe eine echte Qual. Drittens inspirierte das aktuelle Ereignis, um das die Story konstruiert wurde, kaum – im Gegenteil: Die Aktualität frass unglaublich viel Zeilen und Energie. Viertens waren die Helden überzeugend widerlich. Meist arbeitete ich eine Nacht und einen halben Tag für die Kolumne durch. Erfolgreich war sie nie. Und richtig gut auch nicht.

Beispiel:

Rosé, Rosa, Rot

Frank begleitete die Wirtschaftsredaktorin Irina Korpcek im Speisewagen zur Roche-Pressekonferenz. Sie war hager, nervös, tablettensüchtig und für die Fakten zuständig. Frank dagegen sollte einen Kasten über die Atmosphäre schreiben.

Es war eine hektische Fahrt, schon wegen des Rosés. Irina bestellte dreimal einen Viertel. Frank beschloss, etwas gegen den zunehmenden Nebel zu tun, und bestellte eine Bratwurst mit Ketchup. Irina hielt in ihrem tschechischen Akzent eine Rede, dass so etwas ungesund sei. Dabei kippte sie sein Glas um. Frank wischte sich die Hose ab und beschmierte seinen Ellbogen mit Ketchup.

«Hässlich, Frank», sagte Irina, «hässlich, du hast Ärmel voll Blut. Und von das ganze Nitrat in diesem Wurst bekommst du Knochenschwund …»

Frank antwortete, dass der Verlust von Rückgrat im Journalismus kein Karrierehindernis sei.

«Blödsinn. Scheisse reden iss auch nicht gut für Karriere», sagte Irina und schenkte Frank ein neues Glas ein. «Wägen Leuten wie uns, die immer arbeiten, machen Roche und andere so ein Geschäft. Wir brauchen zum Ausgleich Vitamine.»

Sie schüttelte neckisch ein Multivitaminröhrchen. Frank versuchte sich auf die Unterlagen zu konzentrieren, während Irina weiter über Gesundheit redete. Eigentlich lag der Fall klar. Roche hatte zusammen mit BASF, Rhône-Poulenc und den Japanern eine Preisabsprache über Vitamine getroffen, und alle hatten jahrelang abkassiert. Jetzt folgte eine 750-Millionen-Franken-Busse und das für ein paar Tage das An-den-Pranger-Stellen der Betroffenen.

«Junger Mann, junger Mann, man kann nie genug Vitamin haben», sagte Irina. Frank dachte, dass sie Recht hatte. Er nahm das Röhrchen, öffnete es und kippte den Inhalt in den Mund.

«Nicht, Idiot!», schrie Irina, als Frank mit dem Rosé nachspülte. «Idiot!», brüllte sie, «das seien Aufheller!» – «Aufheller?» – «Aufheller! Sofort Magen auspumpen! Du Arschloch!», schrie sie und fing an zu weinen.

Sie hörte auch im Taxi nicht auf zu klagen, Frank wusste nicht, ob seinetwegen oder wegen des Verlusts ihrer in Roche-Röhrchen versteckten Antidepressiva. Er warf seine rosa Zigarette aus dem Fenster, legte ihr den salatgrünen Arm um die Schultern und brummte beruhigend: «Alles wird rosa.»

Die Roche-Pressekonferenz war ein voller Erfolg. Fritz Gerber, der 70-jährige Präsident, hatte quietschgelbe, buschige Augenbrauen, eine Designerbrille, eine beruhigend blaue Gesichtsfarbe und einen Mund, als wäre er für den Weltrekord im Kieferkrampf bezahlt worden.

Frank fühlte, dass er erleuchtet war, und stand auf. «Ich bin Reporter von der ‘Woche’», sagte er, «Sie predigen Marktwirtschaft und praktizieren Sozialismus, oder?»

Bevor Gerber antworten konnte, stand auch Irina Korpcek auf: «Ich bin 68 vor Sozialismus geflohen! Mit nichts als einer Koffer!», schrie sie.

«Roter Mörder», brüllte Frank gut gelaunt.

«Mit einer Koffer mit nix!», ergänzte Irina.

«Sie stehlen Kindern Vitamine!», schrie Frank.

«Wie Lenin. Dieb! Mörder!», echote seine Chefin.

Es ging Frank erstaunlich gut, obwohl er sich gerade auf die Füsse des Sicherheitsmannes erbrach. Dieses Gefühl blieb, bis er die Abendnachrichten gesehen hatte.

 

Der politische Schundroman («Weltwoche»)

Die «Weltwoche» hatte mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte. Das Honorar für die Kolumne überstieg den Lohn für meinen 100-Prozent-Job bei der «WOZ». Ich hatte ein schlechtes Gewissen (immerhin schrieb ich für die direkte Konkurrenz) und war verkrampft. Also kopierte ich das Konzept der Monster-Kolumne, die ich nach dem obigen Flop wieder schrieb. Jeden Montagmorgen von sechs bis zehn Uhr machte ich mich an die Arbeit.

Honorar: 800 Franken

Länge: 4000 Zeichen

Erscheinungsweise: Wöchentlich

Laufzeit: Sechs Monate

Thema: Ein Prominenter aus Politik, Wirtschaft oder Medien wird in eine fiktive Schundromanumgebung hineingezogen.

Stil: Alle Sorten von Billigromanen

Haltung: Dummköpfe bekommen die Welt, die sie verdienen.

Aufwand: Drei bis vier Stunden

Das Fazit: Ein totaler Flop, nur finanziell nicht. Die Kolumne blieb extrem blass – der neben mir kolumnierende Chefideologe der SVP, Christoph Mörgeli, schlug mich puncto Schärfe, Präzision, Leidenschaft und Stil vernichtend. Er hatte gut Lachen. Jedenfalls bis er, wie man mir erzählte, eines Tages erfuhr, dass er 300 Franken weniger pro Woche bekam als ich. Wie im Banking gibt es auch im Journalismus keinen Zusammenhang von Gehalt und Verdienst. Mörgeli verlangte danach Gehaltserhöhung.

Beispiel: (lieber nicht!)

 

Das Wort zum Donnerstag («Weltwoche»)

Zu meiner Verblüffung gab mit die «Weltwoche» eine zweite Chance.

Honorar: 800 Franken

Länge: 2200 Zeichen

Erscheinungsweise: wöchentlich

Laufzeit: achtzehn Monate

Thema: Ein Jesuiten-Pater berät Prominente aus Politik, Wirtschaft und Medien.

Stil: Ein extrem dichter Memorandumsstil, sehr konzentriert, sehr strukturiert nach den Punkten: Adressat, die Lage, das Problem, der Rat und schliesslich ein PS mit klassischem Zitat.

Haltung: Nach dem Flop mit der punk-linken Monster-Kopie versuchte ich das totale Gegenteil. Ich suchte meine konservativst mögliche Perspektive und Stimme. Und wählte das Gegenteil des flapsigen Stils: ohne Schnörkel, ohne Schonung, aber auch ohne Bösartigkeit, glasklar, so wie der Rat eines Mannes ausfällt, der einer Organisation angehört, die Jahrhunderten Erfahrung mit den Machthabern der Welt hat.

Aufwand: vier bis sechs Stunden

Fazit: Der Blick des Paters, die knappen Sätze, das Memorandumformat und das Vorspiegeln von Erfahrung machte wirklich Spass.

 Beispiel:

Das Wort zum Donnerstag
Heucheln heute

Memo von: Pater Maunzinger

An: Christoph Blocher, Bundesrat

Ihr Problem: Die Kirche kritisierte die Verschärfungen des Asylrechts; Sie warfen der Kirche Heuchelei vor.

Die Lage: Sie haben in Ihrer Karriere der Presse, der bürgerlichen Konkurrenz, dem Bundesrat, also ziemlich allen, Heuchelei vorgeworfen. Und sich oft mit Stolz dazu geäussert, dass Sie nicht zu den Sonntagspredigern und Gutmenschen gehörten. Sondern sagten, was Sache ist.

Ihren Heuchelei-Vorwurf gegen die Kirche begründeten Sie damit, dass diese «redet, ohne Verantwortung zu übernehmen». Das ist leider doppelter Unfug. Stimmt Ihr Satz, dürfte niemand reden: ausser Behörden und Bossen. Und zweitens ist die Kirche eine der wenigen Organisationen, die sich mit Wort, Tat und Geld um Flüchtlinge kümmern.

Ihr Abscheu gegen Heuchelei ist eine alte Figur in der politischen Rhetorik, die Hannah Arendt bereits für die dreissiger Jahre beschrieb: als Bündnis von Mob und Elite. Einig darin, dass Mass- und Herzlosigkeiten «ohne Heuchelei» ausgesprochen werden sollten, verbündeten sich gelangweilte Intellektuelle und Mitglieder der Oberschicht mit den rabiaten Emporkömmlingen in Politik und Halbwelt: zur Attacke gegen die «verlogene» bürgerliche Mittelschicht.

Letztere geschäftete zwar keineswegs so moralisch wie ihre Sonntagsideale. Aber sie musste sich zumindest nach dem Motto «Heuchelei ist die Verbeugung der Tugend vor dem Laster» rechtfertigen. Hier liess sich leicht spotten. Doch das bürgerlich-moralische Winden hatte zwar keine Eleganz, aber seinen Sinn: Dass brutale Offenheit keineswegs eine mildere Form von Brutalität ist, zeigte sich später.

Mein Fazit: Ehrlichkeit und Klarheit sind eher Tricks als Tugenden. In der Tat ist es nach dem neuen Asylgesetz kaum mehr möglich, als Flüchtling legal einzureisen. Dafür kann man Menschen ohne Delikt bis zu zwei Jahre inhaftieren. Und dies mit Hilfe von Liberalen und Christdemokraten. Also von Bürgerlichen, die längst nicht mehr Ideale heucheln, sondern Härte. Dagegen sind geheuchelte Güte oder Liberalität fast erfrischend.

PS, für Sie als Nichtheuchler: «Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen» (Nietzsche).

 

Deadline (Blog, «Tages-Anzeiger»)

Honorar: 1800 Franken monatlich

Länge: 3000-15’000 Zeichen

Erscheinungsweise: im Schnitt vier Mal pro Monat

Thema: Sämtliche Momente im Berufsleben – beim Schreiben wie in der Branche selbst – bei denen ich ein Problem hatte oder habe.

Stil: So praktisch, so direkt wie möglich. Ohne Schwurbel, aber mit ein paar Exkursen, weil ich mich auch amüsieren will. Das zentrale ästhetische Problem dieses Projekts ist – wie in der «Werbewoche»-Kolumne zehn Jahre zuvor – die Legitimationsfrage. Wie komme ich dazu, mit Rat um mich zu werfen? Beim Prototyp versuchte ich, das Problem durch eine Butler-Verbeugung am Anfang und Ende des Textes zu lösen. Diesmal entschied ich mich dagegen: Zu graumelierten Haaren passt das nicht mehr. Den Vorwurf, nicht legitimiert zu sein, versuche ich durch eine disziplinierte Kaltschnäuzigkeit im Stil zu kontern.

Haltung: Zur Sache, Schätzchen. Aber zuweilen ein paar anekdotische Erholungsspaziergänge. (In diesem Post wurde übertrieben.)

Aufwand: Ein bis drei Nächte, Tendenz steigend. Da die Dinge, bei denen ich mir todsicher bin, langsam zur Neige gehen. Und zunehmend Themen kommen, bei denen ich mir halbsicher bin. Und ich deshalb vor dem Schreiben recherchieren und nachdenken muss.

Fazit: Der Blog frisst etwas zu viel Schlaf. Dafür gilt man plötzlich als Experte.

 

Der Test

Kurz: Aufwand und persönlicher, ästhetischer, finanzieller Ertrag einer Kolumne können enorm variieren. Das Zentrale beim Schreiben einer Kolumne ist, ob Ihnen die Themen schnell zufliegen oder nicht. Und danach: Ob Sie sich mit der Haltung, in der Sie die Kolumne schreiben, wohlfühlen oder nicht.

Deshalb lohnt es sich, vor dem Start Ihrer Kolumnenserie einen doppelstöckigen Test zu machen:

  1. Setzen Sie sich eine halbe Stunde hin und schreiben Sie mögliche Themen für Ihre Kolumne auf einen Fresszettel. Kommen Sie spielend auf mehr als zehn Folgen mit dem Gefühl, locker auf weitere zwanzig zu kommen, geben Sie sich grünes Licht. Bei weniger als zehn, mit dem Gefühl, schon jetzt an Ideenmangel zu leiden, stoppen Sie das Projekt. Sie wollen nicht jede Woche ratlos dasitzen.
  2. Schreiben Sie in einer vernünftigen Frist, also in zwei, drei Stunden eine Probekolumne. Fühlen Sie sich in Ton und Haltung wohl? Macht es Spass? Fällt Ihnen etwas ein, was Sie selbst überrascht? Dann legen Sie los. Wenn Sie aber bei jedem zweiten Satz harzen, ändern oder begraben Sie das Projekt.

Denn sonst leiden Sie. Monat für Monat. Oder Woche für Woche.

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7 Kommentare zu “Der Kolumnentest: Werden Sie durch die Hölle gehen?”

  1. Schrieben Sie nicht einst, der WOZ-Blog hätte Ihnen quasi den Ruf als Mr. Unkorruptbar eingebracht, weil Sie allen gleichwertig hart gegen die Glocke traten? Könnte man doch durchaus als kleine Errungenschaft werten …

    • Constantin Seibt sagt:

      Eigentlich muss (und sollte) man nicht allen und schon gar nicht allen gleichwertig hart gegen die Glocke treten. Man ist ja nicht Gott der Gerechte. Um einen Ruf zu bekommen, genügt, wenn man es bei einigen tut. (Und was Mr Unkorrumpierbar betrifft, ich bin das hoffentlich nicht. Schon, weil ich Bestechlichkeit für eine Tugend halte.)

  2. Vielen Dank, Herr Löpfe, für diese wertvollen Tipps.
    Hoffe, meine Umsetzung Ihrer Vorgaben in diesem Blatt da bei Ringier entspricht voll und ganz Ihren Vorstellungen.
    Bleibe für weitere Anweisungen jederzeit gerne auf standby.

    Schriftliche Grüsse,
    Ihr Herman M. Koidl

  3. Thaddäus Suppenkaspar sagt:

    So fleissig – und das mit einer multiplen Persönlichkeits-Struktur. Alle Achtung, Herr Seibt.
    Wenn Lesen so Spass macht, wie bei Schopenhauer, Meienberg, Tucholsky oder Brecht, ja wenn einem so viel Gutes wiederfährt – darauf ein Schnaps. Der wirkte schon beim Kästner besser als doppelkohlensaures Natron.
    Aber der Asbach – der “uralte Siech” – könnte schon etwas springen lassen. Ich arbeite Zeile = Flasche.

  4. André Kappler/acap. sagt:

    Dem Autor und den Lesern seiner Kolumnen-Persiflage ein Buchtip aus dem Jahr 1971. Lem S. Die vollkommene Leere.

    • Constantin Seibt sagt:

      Sie meinen: die vollkommene Leere, die oft durch übertriebene Fülle getarnt wird?

      • André Kappler/acap. sagt:

        Nein, ich wollte als fauler Kerl einfach diese Buchempfehlung loswerden, weil ich denke es sei eines der lesenswertesten Bücher dieses flessigen Autors.