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Blut, Miniröcke, Jargon. Wie man Szenetexte fabriziert

Constantin Seibt am Mittwoch den 22. Mai 2013

Mit 17 schrieb ich den ersten Text, der eine nennenswerte Wirkung hatte. Ich musste erst zum Rektor, dann zum Schulpsychologen. Der erste hielt mir eine Predigt, der zweite stellte Fragen. Einzig eine Note bekam ich nicht.

«Wir sind ein humanistisches Gymnasium», sagte der Rektor. «Und in 20 Jahren habe ich nie so etwas Widerliches gelesen. Für so etwas geben wir keine Zensur.»

Mein Aufsatz war zugegeben keine klassische Interpretation von Schillers «Wilhelm Tell». Er bestand aus der Schilderung eines Schweizer Bergdorfs, dessen Bewohner sich gegenseitig umbrachten. Ohne Erklärung, aber mit Landwirtschaftsgeräten.

Am meisten regte sich der Rektor über die Szene auf, in der ein Senn einer Kuh mit der Kettensäge das Euter absägte. Der Vorgang war in fast photorealistischem Stil geschildert. Etwa mit dem Detail, dass die Milch sich um das Sägeblatt herum in blutige Butter verwandelte.

«Gibt es irgendeine Rechtfertigung für so etwas derartig Krankes?», tobte der Rektor.

Ich stammelte etwas von der konsequenten Auslegung der Aufsatzfrage «Was bedeutet Freiheit heute?». Wenn ich mich richtig erinnere, war die Grundidee des Textes, dass in der fett gewordenen Schweiz Gessler mittlerweile in allen Bewohnern steckte; dass also zwecks Wiedererlangung der Freiheit alle alle ermorden müssten. Und die Kuh? Ein Symbol.

Der Rektor starrte mich an und sagte: «Sag mal: Was geht eigentlich in dir vor?»

Ich weiss nicht mehr, was ich antwortete. Sicher nichts Ehrliches. Denn die ehrliche Antwort war: Während ich mit ihm redete, spürte ich neben Aufregung und Scham ein überwältigendes Glück. Eine Schulzeit lang war ich meiner Mutter sanfter Sohn gewesen. Nun hielt mich zum allerersten Mal jemand für gefährlich.

Am Ende eines langen Tunnels öffnete sich eine ferne Tür. Ich hatte meinen Beruf entdeckt.

Superkurze Miniröcke

Es lief in diesem Fall, glaube ich, gleich wie mit den Mädchen in unglaublich kurzen Miniröcken, die nachmittags um drei das Tram betreten, geschminkt und gekleidet, als kämen sie von der Kokainparty eines Milliardärs. Sie sehen verruchter und eleganter aus, als du je sein wirst. Aber sobald sie den Mund aufmachen, hört man an ihren Gesprächen: Es sind noch Kinder.

Hier geht es so wenig um Sex wie vorher um Gewalt. Sondern um etwas anderes: Sie haben ein paar Effekte entdeckt, die sie einsetzen müssen, damit seriöse Herren Würde und Autorität verlieren. Während sie ihre Augen auf dem Fussboden zusammensuchen müssen.

Diese Effekte setzen sie dann alle gleichzeitig ein. Denn als Anfänger hat man seine Mittel noch nicht unter Kontrolle. Genau so wie die anderen Mädchen und Jungs, die nicht mit Schönheit punkten können. Sondern mit Witz, Weltekel, Wut, Wahnsinn oder was immer experimentieren. Irgendwann bekommt jeder vom Leben seinen Farbkasten in die Hand; dann drückt fast jeder erst mal alle Tuben gleichzeitig aus.

Ich weiss noch, mit wie viel Pionierstolz ich den Aufsatz schrieb: Wie ich die Schockeffekte – das ausgelöffelte Auge, das Mörderbaby, das Euter – ausprobierte. So geht das? Wow. Und wäre es nicht noch schockierender, wenn…

Effizienz, also Stil und Lakonie kommen erst später. Um Schrecken zu verbreiten, heben der Lord oder die Lady nur noch eine Augenbraue; um lasziv zu sein, genügt ihnen eine Haarsträhne im Gesicht.

Ich glaube, die klügste Reaktion des Rektors wäre gewesen: Willkommen, liebes Kind, auf diesem Planeten. Aber du musst noch viel lernen. Sieh hin, mit etwas weniger Blut wäre dein Aufsatz noch schockierender gewesen.

Natürlich sind Anfänger-Machwerke schrecklich herzlos. Und nervtötend für alle. Aber eigentlich sind sie eine schöne Sache. Hier fängt jemand an zu spielen – mit den Möglichkeiten der Welt.

Das Rezept für einen Becher Gift

Leider dauert heute die Jugend lang. Und auch Herzlosigkeit hält sich hartnäckig. Und sucht die richtige Form.

Die nächste Stufe gehobener Pubertät ist der Szenetext. Dieser hat zwei Funktionen: Die eigenen Compagnons durch Radikalität zu begeistern. Und alle anderen Leute abzustossen. (Natürlich in bester Absicht: um die ignoranten Dickhäuter durch einen Fusstritt zum Denken zu bringen.)

Wie macht man das am effizientesten? Bastelt man an so einem Problem, dann, glaube ich, sind vier Bauprinzipien sehr hilfreich.

  1. Setze auf Jargon. Jargon wurde erfunden, um die eigenen Leute ein- und das Restpublikum auszuschliessen.
  2. Nur: Ein Jargon allein genügt nicht. Weit effizienter bei dem Versuch, Irritation zu schaffen, ist der Mix von zwei verschiedenen Jargons. Denn einer allein (etwa Rap, Wissenschaftssprache oder der Finanzslang) ist berechenbar. Also bieder. Zwei Jargons garantieren mehr als nur mehr Abwechslung: mehr Missverständnisse, mehr Schärfe, mehr Schocks.
  3. Ein guter Szenetext muss die einen aufrütteln, die andern alarmieren. Er hat von Natur aus Manifestcharakter. Unverzichtbar sind dabei als Einsprengsel Slogans: harte Forderungen und noch härtere Urteile.
  4. Aber ein richtig giftiges Gebräu entsteht erst dann, wenn der Ironiegehalt von Satz zu Satz wechselt. Oder zumindest von Absatz zu Absatz. Also etwa wenn ansatzlos Bekenntnis auf Unfug, Beobachtung auf Trash, Plastik auf Philosophie folgen. Und umgekehrt. Dieses Durcheinanderquirlen macht einen Text für seinen Leser so unvorhersehbar wie eine Geisterbahn. Und bleibt auch beim Nachdenken darüber fast unknackbar.

Interessant wird so ein Text vor allem bei hoher Geschwindigkeit. Drive ist zentral. Sein Nachteil, aber auch das Abenteuer dabei ist, dass man im Schwung Dinge schreibt, von denen man nicht einmal geahnt hätte, dass man sie denken würde.

Politische Gewalt – warum nicht?

Rund 10 Jahre später verfasste ich eine Art Remake meines Schulaufsatzes. (Auch meine Jugend dauerte lang.) Es war ein Text für die «Fabrikzeitung» zum Thema Politik und Gewalt. Wenigstens war ich inzwischen ein wenig erfahrener geworden. Denn diesmal schrieb ich unter Pseudonym.

Der darauf folgende Ärger vollzog sich erfreulicherweise auf professionellerem Level. Erstens bekam ich diesmal Honorar. Zweitens ärgerte sich nicht mehr ein einsamer Rektor, sondern das Präsidialdepartement der Stadt Zürich. Drittens verteidigte ich mich nicht selbst, sondern die Zeitung bezahlte einen Anwalt. Der wies in einem Plädoyer nach, dass mein Werk keinen Aufruf zur Gewalt betrieb, sondern ein wertvolles Stück künstlerische Freiheit war.

Als ich das Plädoyer las, war ich von meiner eigenen Unschuld überzeugt. Nur, zu Recht?

Klar war, dass der Text mit dem Titel «Forget Peace. Start Riot. Do Dada» es nicht freundlich mit unvorbereiteten Lesern meinte. Denn das Essay quirlte drei Jargons durcheinander, die alles andere als gemütlich gewählt waren: Der Computerjargon der 80er-Jahre, eine Exklusivität meiner Generation. Dann den Jargon der RAF-Stadtguerilla-Manifeste der 70er-Jahre. Plus einen Schuss neoliberales Marktvokabular der 90er-Jahre.

Der Text enthielt eine Menge aggressive Slogans à la «Eine Revolution ohne Tote ist keine», die hinzuschreiben Spass machte. Doch der zentrale Dreh des Textes war, dass politische Gewalt zwar für völlig sinn- und folgenlos erklärt wurde. Das aber mit einem Maximum an gewalttätigem Pathos. Etwa wie folgt:

Ein toter Schweizer Wirtschaftsführer oder Ständerat hinterlässt ein Vermögen, aber keine Lücke. Es lohnt sich nicht, sie umzubringen.

Natürlich war das Zielpublikum, das mit dem Text, der um Revolution, Attentate, Computer, Management und Krawall ging, schockiert werden sollte, nicht die fernen Wirtschaftsführer. Die lasen die «Fabrikzeitung» nicht. Sondern die unmittelbaren Nachbarn – in meinem Fall die Generation der damals 50jährigen, der Ostermarschlinken, die zu der Zeit in alternativen Medien hoch im Kurs standen. Etwa der gutherzige Bartträger Franz Hohler. Oder der bärtige christlich-soziale Polizeivorstand der Stadt Zürich, Bobby Neukomm:

Die Franz-Hohlerisierung der Alternativszene, die Politik durch Esoterik, Predigt, Kleinkunst und Ernährungslehre ersetzte, schaffte das Kunststück, biedere Konservative intellektuell, hip und irgendwie cleverer aussehen zu lassen. Eine Linke, die einen Bobby Neukomm noch als Genossen statt als potenzielles Attentatsziel betrachtet, ist keine Linke mehr.

Im Grund ging es auch wieder darum, wie in vielen Manifesten, eine völlig machtlose Position entsetzlich gefährlich zu aussehen zu lassen. Unter vollem Einsatz von Logik und Herzlosigkeit.

Als Rechtfertigung für diesen Text finde ich nur einen ehrlichen Grund: Er machte grossen Spass beim Schreiben. So wie mit Knallkörpern um sich zu schmeissen grossen Spass macht

Der Szenetext als Geschäftsgrundlage

Aus welchen Zutaten Szenemanifeste heute gemixt werden müssen? – Fragt mich nicht. Ich bin nicht mehr kompetent für aktuellen Slang. Klar ist nur, dass Szenetexte seit Anfang der Moderne – vom Dada über das Surrealistische Manifest bis heute – ähnlich gebaut sind.

Und dass sie noch schärfer werden, wenn man sie mündlich serviert.

Der deutsche Künstler Jonathan Meese mischt etwa in hohem Tempo den Slang von Nationalsozialismus und Kunstbranche. (Ein Skandalvideo hier.) Der Mix ist vielleicht nicht sonderlich sympathisch. Aber trotzdem muss man zugeben: Wie Meese seine «Soldaten der Kunst!» marschieren lässt, ist von einer wilden, unerwarteten, nicht umcharmanten Komik.

Der Meister des Szenemonologs war der Regisseur Christoph Schlingensief. Er hatte alles: das Aussehen eines Schwiegersohnes, das Tempo eines Maschinengewehrs, die Vorliebe für Trash aller Art – vom Kettensägenfilm bis Big Brother –, ein grosses, mitfühlendes Herz und die Fähigkeit, lauter glasklare Sätze so aneinanderzureihen, dass eine unentwirrbare Mischung zwischen Klugheit, Giftmüll, Spott und Wahrheit dabei herauskam.

Hier etwa ein kurzes Video seines Besuchs bei Harald Schmidt. Er ruhe in Frieden.

Heute, im Büro

Klar, meine Zeit ist vorüber. Längst bin ich erwachsen. Ich trage Krawatten und Kleinkinder, bekomme ein Monatsgehalt und stehe überzeugt auf dem Boden der Verfassung. Längst interessiert mich Freundlichkeit mehr als Schrecken – sie ist das schwierigere Problem. Lese ich heute radikale Manifeste, hebe ich kurz die Augenbraue. Und denke: Ich kenne deine Tricks.

Aber trotzdem, wenn ich auf eines dieser herzlosen Machwerke stosse, fühle ich vor allem Melancholie. Über die Unschuld, die ich verloren habe.

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22 Kommentare zu “Blut, Miniröcke, Jargon. Wie man Szenetexte fabriziert”

  1. Martin Müller sagt:

    Nun ist mir endlich klar geworden, wieso Sie mir nie sympatisch werden konnten, obwohl Sie mir politisch eigentlich interessant sein müssten. Letztlich sind Sie einfach nur langweilig. Langweilig, ja borniert gar, weil Sie gar nichts anderes zu sagen haben, als nur Ihren eigenen Narzismus zu befriedigen. Danke für diese Offenheit.

    • Constantin Seibt sagt:

      Bitte. Das ist der berühmte Blick in die Restaurantküche. Es gibt einen guten Grund, warum man Gäste selten dort hinführt.

    • irene feldmann sagt:

      m. müller, auch wenn sie so dachten(past) war das wirklich nötig, diesen stuss von ihrer antwort zu schreiben??? erleichterungsgefühl zur höhenveränderung, nehme ich an……….wird so sein!!!

  2. irene feldmann sagt:

    sehr stark, danke!!

  3. charles montier sagt:

    einer ihrer besten texte, herr seibt! der küchenblick ist zwar selbst ein rezeptbasiert geschriebenes hors d’oeuvre und darum weniger ehrlich, als sie und glauben machen möchten, aber die gewürze stimmen. nieder mit der maske der naivität, das zum schreiben nur herzblut und idealismus gehört – jeder text hat ein rezept.

  4. nömix sagt:

    Schön geschrieben. Unschuld und Blutrunst sind nahe Verwandte. (Was wäre die Welt ohne die beiden? So spannend wie Frühstücksfernsehen.)

  5. Höddeldipöpp sagt:

    Gäääähn

  6. Ha, wie ich’s mir gleich gedacht habe: Alles nur ein notgeiles, pubertäres Grabbeln unter den Röcken und schrillen Fummeln der großen Hure Kunst! Deshalb – nieder mit jeder effektversessenen, perversen Stilistik! Verdammt sei alles journalistische Können! Der einzig wahre Weg führt uns zurück in die asketische Ödnis der NZZ-Gefilde und FAZ-Schluchten, dorthin, wo echte Männer täglich noch Jagd auf das vielköpfige Laster des Stilwillens machen dürfen …

  7. Die ultimativen Szenetexte und Reportagen zu den unfassbarsten Themen gibt es bei VICE http://www.vice.com/de !

  8. Jacques Dutronc sagt:

    Also, ich bin vor allem wegen der superkurzen Miniröcke hier gelandet – und dann kam dieser Gessler und stiehlt mir meine gedanklichen Freiheiten. Ich gebe es ihm aber zurück – und stelle ihn mir im Super-Mini, mit Rüscheli und Glöggli dran,vor …

  9. Felipe Gonzo sagt:

    Herr Seibt, Sie bleiben mein Lieblingsrhetor.

    Lieben Gruß aus dem Norden,
    Ihr F.G.

    PS.: Ist bereits die Gründung einer Akademie in Sicht? Benachrichtigen Sie mich hierzu bitte frühzeitig. Kündigungsfristen, Reiseplanungen, Umzug, Trennung von der Freundin, etc… Sie kennen ja das Theater. 😉

  10. Dorian Gray sagt:

    Haben den Manifeste grundsätzlich ausgedient? Gibt es Manifeste, die Sie heute noch ernst nehmen können/wollen?

  11. Miel sagt:

    Herzallerliebst! Und, ach, wie froh ich doch bin, in Zukunft wenigstens von Ihnen keinen Text zu lesen zu bekommen, der den Slang zugezogener Neuberliner mit aktueller Jugendsprache (yolo!), Piratendeutsch und Wartezimmerjargon zu einem Manifest der wirr-ironischen Forderungen an die Gesellschaft (mehr Fernsehen! Weniger Fett! Gleich viel Bio!) verquirlt.
    Auch dafür: danke.

  12. Constantin Seibt sagt:

    Bitte, bitte. Aber das haben Sie vor allem meinen graumelierten Haaren und meiner undefinierten Zone um die Hüfte zu verdanken. Sonst, tja,

    • Eliane Hangartner sagt:

      Wer interessiert sich schon für die Zone um die Hüfte, oder ob Haare welcher Farbe auch immer auf dem Kopf sitzen – Hauptsache der Inhalt des Schädels stimmt! (Und da ziehe ich gerne den Hut und nimm gerne in Kauf, die grauen Haare dabei zu entblössen.)

  13. Peter Demel sagt:

    Also mich hat Deine Story berührt. So ehrlich. wie man als Kind ist, ohne Vorurteile und Ängste.