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Die Theorie der Ratteninsel

Constantin Seibt am Freitag den 11. Mai 2012

Irgendwann, vor einigen Jahren, erzählte mir mein Bruder von folgendem Experiment:

Wissenschaftler warfen Ratten einzeln in ein halb mit Wasser gefülltes Aquarium. Die Glaswände an der Seite waren nicht erklimmbar. Die Ratte kämpfte nun um ihr Leben, und die Wissenschaftler massen die Zeit, bis sie aufgab und ertrank. Im Schnitt hielt eine Ratte neunzig Minuten durch.

In der zweiten Versuchsreihe setzten die Wissenschaftler nach dreissig Minuten eine kleine Insel aus Holz ins Aquarium. Die Ratte kletterte drauf und erholte sich fünf Minuten. Dann zogen die Forscher die Insel wieder weg. Und obwohl sie vorher schon eine halbe Stunde gekämpft hatte, paddelte die durchschnittliche Ratte noch einmal fast drei Stunden, bevor sie aufgab und ertrank.

Sie paddelte, weil sie die Hoffnung hatte, dass die Insel wieder auftauchen würde.

«Wie diese Ratten», schloss mein Bruder, «so sind die Leser.»

Und er hat Recht. Man muss ihnen in jedem Text früh eine Insel Hoffnung geben. Je länger der Artikel ist, je härter, je ernster und abstrakter das Thema, desto dringender ist der Einbau von Ratteninseln. Nicht als Option, sondern als Notwendigkeit. Denn Seriosität ohne Unterhaltung ist keine ernsthafte Seriosität. Die Unterhaltung muss keines Falls durchgehend sein. Sondern sie muss zu Anfang ein, zwei Mal zuschlagen. Dann kann man den Lesern fast alles zumuten: komplexe Argumentationen, Volkshochschule, Statistiken, Predigten, Differenzierungen, welchen harten Stoff auch immer. Denn die Leser werden bis zum Ende folgen, weil sie die Hoffnung haben, dass die Insel wieder auftauchen wird.

Deshalb ist es Pflicht jedes Journalisten, schon bei der Recherche des Artikels über die Insel nachzudenken. Viele glauben, Witze, Anekdoten, Showeinlagen seien bei wichtigen Themen bestenfalls ein Schnörkel. Das stimmt nicht. Sie gehören zum Zentrum des Artikels: so wie die Würmer zum Angelausflug. Selbst wenn die Insel im Text scheinbar nur flüchtig aufblitzt, ohne sie kann man sich die Mühe sparen.

Das Risiko: Der Spiegelanfang

Am cleversten steht die erste Ratteninsel irgendwo in den ersten drei Absätzen des Artikels. Technisch ist es am einfachsten, einen Witz, eine Szene oder Anekdote gleich am Anfang des Artikels einzubauen: im ersten Satz oder Absatz. Das ist legitim, aber ein Risiko. Denn der erste Satz (oder der erste Absatz) setzt den Ton des Artikels. Die Leser erwarten dann mehr vom Gleichen.

Es entsteht dann oft eine Disharmonie, die man in vielen «Spiegel»-Artikeln findet, die fast zwanghaft mit einem szenischen Einstieg beginnen – aber dann enttäuschend konventionell weiterrattern. Aber falls einem nichts Besseres einfällt: besser eine Ratteninsel zum Start als keine. (Und es gibt eine Notfall-Möglichkeit, die Disharmonie wieder aufzuheben. Und zwar dadurch, dass man am Ende des Artikels, im Schlussabsatz, wieder darauf eingeht: Dann wirkt der Artikel wie ein Bonbonburger für Vegetarier: ein riesiges Stück Tofu zwischen zwei Lakritzscheiben. Nicht die perfekte Form, aber eine mögliche.)

Die zweite Ratteninsel platziert man am Besten etwas später, spätestens nach dem ersten Drittel des Artikels. Danach kommt man lange ohne Showeinlage aus, denn der Leser hat genug Hoffnung geschöpft.

Nach diesen einleitenden Worten nun zur Praxis der Ratteninsel. Oder doch nicht. Es ist Freitag, Sie spüren schon das Wochenende. Ich auch.

Treffen wir uns Montag wieder in diesem Labor.

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31 Kommentare zu “Die Theorie der Ratteninsel”

  1. Johanna Toxo sagt:

    Sie meinen ich sei eine Ratte? Danke schön. Lieber eine hoffnungsvolle Ratte als ein pietätsloser, an de Enge des Horizonts erblinder Wissenschaftler bzw. Journalist. Vielleicht ist der Beitrag vom Montag wieder besser oder ist das jetzt die Hoffnung auf die Ratteninsel?

    • Constantin Seibt sagt:

      Geehrte Johanna, ja, natürlich halte ich Leser für Ratten. Aber aus Liebe und Respekt. Wenn ich sie schon durch eine Textwüste schicke, dann nicht ohne ein, zwei Oasen am weg. Dass sie mir nicht auf dem Wege umkommen und dass sie nicht ohne Hoffnung auf Erlösung reisen.

      • Johanna Toxo sagt:

        Für die Hoffnung auf Erlösung will ich gern zugeben, dass mir Ihre Texte (nicht immer) Oasen sind.

    • Jürg Müller sagt:

      Leserratte und Laborratte – zwei Bilder, zwei Erlebnisse, die nichts miteinander zu tun haben. Pietätlos, geschmachlos und reine Effekthascherei des Autors, die mit der Dramaturgie eines spannenden Lesestücks ebensowenig etwas zu tun hat wie mit dem Elefant in der Porzelanschüssel. Oder wäre da jetzt der Autor der Elefant?

  2. Olag sagt:

    Genial!

  3. Auguste sagt:

    hmm…, und die wohl bekannteste ratteninsel heisst: bonus.

    …wer kurz an mallorca dachte, sollte sich ein klein wenig schämen.

    • Auguste sagt:

      hmm…, der wohl genialste anwender der “ratteninsel”-technik im schweizer blätterwald dürfte weltwoche-verleger, roger köppel, sein. wenn er zwischendurch mal wieder kräftig in die hand beisst, die ihn füttert, dann raubt einem das ja fast den atem und in seltsamer faszination harrt man dann der dinge, die eigentlich kommen sollten – jedoch in schöner regelmässigkeit ausbleiben. zurück bleibt die frage: lag es an der zahnlosigkeit, an der zu starken hand, oder musste einfach wieder eine “ratteninsel” kommen, um die leserschaft bei stange zu halten?

  4. Gerd Müller sagt:

    Genialer Artikel – aber “Constantin Seibt am Freitag den 11. Mai 2012” zieht mir die Schuhe aus.

  5. ben lyon sagt:

    seibt. sie sind wirklich einer der besten schreiber (und denker), die ich las oder lese.
    und glauben sie mir, ich lese viel.
    sie haben absolut recht, was ihren gedanken hier betrifft. das gehört eigentlich ins nähkästchen von jedem, der mit dem aufbereiten, dressieren, arrangieren und dekorieren von informationen geld verdienen will. müsste also ein teil der basisausbildung bzw. des studiums sein.
    als nicht-journalist habe ich keine ahnung, was den jungen leuten beigebracht wird. haben sie selbst auch schon mal drangedacht, ihr wissen und können weiterzugeben?

  6. Roger Blöchliger sagt:

    Genial! Ich studiere an der Universität und leider haben nur wenige Forscher und Dozenten dieses Prinzip begriffen! Man versteckt sich hinter künstlicher Komplexität, um nicht transparent und angreifbar zu werden. Dabei könnte man mit interessanten Konzepten so viel mehr Menschen ansprechen!

    • Patrick Leonardi sagt:

      Ja, und die, die es begriffen haben, wissen es intuitiv. Seinen Text mit Ratteninseln zu würzen ist in der Wissenschaft verpönt.

  7. Alain de la France sagt:

    Kommt von da das Wort “Leseratte” ?
    Ich verziehe mich auch ins Wochenende – komme aber gerne ins Labor zurueck…
    (Fast schon eine masochistische Ratte).

  8. Reto Savoca sagt:

    Rattenscharf – und wahr! Gilt aus meiner Sicht auch für Vorträge

  9. Ein starkes Bild, das mit der paddelnden und dann absaufenden Ratte. Eigentlich zu stark für irgendeinen Text, der eine Halbwertszeit von nicht einmal einem Tag hat. Aber das Bild geht mir nicht mehr aus dem Kopf, bekommt eine Aktualität, die mich schaudert, wenn ich an Menschen denke, die in Griechenland oder anderswo auf einem Fleckchen Eiland aufs offene Meer hinaustreiben und dann absaufen.

  10. johann barben sagt:

    mein früherer kommentar ging zu früh weg, sorry, hier die richtige fassung: … bis sie aufgab und ertrank. – obschon es parallelen geben mag, darf dieses experiment DOCH NICHT EINFACH SO als beispiel für irgendwelches leserverhalten verwendet werden. die geschichte dahinter ist ZU brutal: wissenschaftler, die eine ratte so lange “paddeln” lassen, bis sie ertrinkt: diese geschichte darf man doch nicht so erzählen, als wäre es das normalste auf der welt.

  11. Lucrezia Borges sagt:

    Drei von neun Kommentatoren halten den Vergleich der Leser mit Ratten und die Präsentation eines grausamen Tier-Experiments als Illustration für die unerlässliche Inselsetzung in Texten für “genial”. Da können Sie ja zufrieden zurücklehnen. Wir fressen alles, wie die Ratten. Wir wollen nie an den Strand, sondern zur Belohnung absaufen.

  12. Slowpoke Rodriguez sagt:

    Was soll ich arme Ratte denn mit dieser Information anfangen? Hier nicht mehr lesen, weil mich eh kein Neuland erwartet, sondern nur sinnloses Paddeln (das noch nicht mal Kalorien verbraucht, seufz)?

  13. Othmar Riesen sagt:

    Constantin Seibt ist für mich der Star unter den Tagi-Schreiber/innen.

  14. Thomas Läubli sagt:

    Die Theorie des Journalisten ist nett und recht. Nur nützt eine solche Theorie für die heutigen Medien herzlich wenig. Das Problem ist nämlich nicht, dass Journalisten zu wenig unterhaltend sind, sondern dass umgekehrt die Seriosität, die ein Medium der Information dem Leser schuldig ist, heute verloren gegangen ist. Wo es keine ernsten & abstrakten Sachverhalte zu beschreiben gibt und sich nur noch alles um Lifestyle & Konsum dreht, sind aufmunternde Inseln schlicht inexistent. Eher müsste man neben so viel Seichtigkeit als Kontrast wieder mehr tiefe Gewässer fordern.

  15. Martin Speiser sagt:

    Ach Herr Läubli, bitte, wir kennen Ihre Klagen zur Genüge. Sie werden auch nicht origineller, wenn Sie sie bei jeder Gelegenheit anbringen. Denn hier gehts ja genau um Ihr Lieblingskind, das ernsthafte Föjetong. Lesen Sie doch nochmals genauer: Die Ratteninsel bewegt die Leser, trotz abgründig tiefer Gewässer dranzubleiben. Ergo: Unterhaltung als Köder für das Paddeln im Seriösen. Und das fordert ein Angestellter der Tamedia! Da müssen Sie doch glatt ein Kreuz an die Decke malen.

    • Thomas Läubli sagt:

      Dass ich überall, wo ich kann, auf die Boulevardisierung hinweise, mag nicht besonders originell sein, aber beim wiederholten Hinweis, dass das Kind in Gesellschaft nicht rülpsen solle, ist die Forderung nach Originalität auch nicht angebracht. Es ist ja offensichtlich, dass die Zeitungen nur noch Kommerz & Entertainment bringen, weil es Geld & Quoten bringt. Da braucht man auch gar keine Inseln mehr vor lauter Blödeleien, wenn es keine tiefen Gewässer mehr gibt. Ich sehe also, dass Sie meinen Kommentar gar nicht verstanden haben.

      • Martin Speiser sagt:

        Q.E.D.

      • Gerd Fehlbaum sagt:

        Hundert Pro Ihrer Meinung, Herr Läubli! Uns fehlen nicht Inseln zum ausruhen, sondern eisige Wasserfälle, die uns das Gehirn massieren! Während der Meeresspiegel steigt, sinkt das Niveau etlicher Medien in Richtung Babyplanschbad.

  16. Yasha Bostic sagt:

    Endlich mal ein Blog der interessant werden könnte.

  17. Urs Leutwiler sagt:

    Ich bau mir eine Burg aus Ratteninseln, mal sie bunt an und klopp den Rest in die Tonne. Scheiss auf Realität – Ich will auf den Ponyhof!

    Und ach ja… Die Ratten einfach so absaufen zu lassen, war eine typische Gemeinheit wissenschaftlichen Arbeitens. Herzlos! Ein Nobeilpreisträger hat in seiner Vorlesung jeden zweiten Satz mit “Dann nehmen wir eine Maus…” begonnen und dann die “tollsten” Experimente beschrieben. Ich hab ihn verabscheut, Nobelpreis hin oder her!

  18. Marc Fisch sagt:

    Ob mit oder ohne insel, nach 3h 5 minuten warten alle ratten tot… Was sollst, geht es um quoten oder inhalte?

  19. Susanna sagt:

    Arme Ratten, gemeiner Wissenschaftler. Und der Schluss… vielleicht ganz falsch. Vielleicht haben die Ratten wieder gepaddelt, weil sie wieder ein Mü Energie hatten nach ihrer Ruhepause und nicht, weil sie auf eine Insel hofften oder dachten, dass wieder eine auftaucht. So ist die Wissenschaft: ein Schluss, aber kein eindeutiger Beleg, dass es wirklich so sein muss – contingency…! Wenn der Wissenschaftler schon von so was überzeugt ist, hätte er die Augen aufmachen können und sich durch eine bereits bestehende Evidenz in seiner “Theorie” bestätigen lassen können.

  20. Susanna sagt:

    Hier der Erfahrungswert: Stellen Sie einer fremden Katze etwas zu Essen hin – sie wird am nächsten Tag erscheinen, weil sie denkt, dass es da etwas gab. Sogar wenn sie ihr nichts hinstellen, wird sie am übernächsten Tag wieder erscheinen, da sie denkt, dass es da mal was gab und dass es da mal wieder etwas geben könnte. Sie wird viele Male kommen. Dieses “Experiment” schädigt wenigstens kein Tier und führt zum gleichen Schluss. Wenn man mir zu wenige “Ratteninseln” platziert, dann lese ich nicht weiter, sondern suche mir anderswo eine Ratteninsel, by the way – absaufen, vergessen Sie es ;-))

  21. Patrick sagt:

    Diese Wissenschaftler sollte man schleunigst in ein Aquarium werfen – natürlich ohne Insel!