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Mut im Büro

Constantin Seibt am Donnerstag den 4. April 2013

Einer der peinlichen Momente im Journalismus ist, wenn Leser einem zu seinem Mut gratulieren. Verblüffenderweise geschieht das fast immer dann, wenn man breit Akzeptiertes schreibt: etwa Kommentare gegen Banken, Manager oder das Bankgeheimnis. Zehn Jahre davor, als dieselben Kommentare noch umstritten waren, klang das Echo anders. Damals war das Publikum 50:50 gespalten. Die erzürnte Hälfte warf einem Absurdität vor. Und auch bei der einverstandenen Hälfte lag Zweifel in der Stimme.

Doch heute reicht die Skepsis gegenüber Banken und Managern bis tief in bürgerliche Kreise. Und wenn man heute einen Artikel in diese Richtung schreibt, hat man am nächsten Tag unter Garantie ein, zwei pensionierte Anwälte oder sogar Banker am Draht, die einem zu dem Mut gratulieren, den man dazu wirklich nicht mehr braucht.

Just give a damn!

Aber vor allem irren die Anrufer in einem: Mut hat im Büro nichts zu suchen. Zumindest nicht im Journalismus. Der Grund ist einfach: Mut bedeutet Überwindung, Entscheidungen, Kampf, also Aufwand. Und diesen täglich nach dem Morgenkaffee aufzubringen, wäre unpraktisch.

Es muss ohne Mut gehen – auch für Feiglinge wie Sie oder mich. Das heisst: Man braucht eine klare Haltung. Im Fall des Journalismus genügt es, ein paar wenige Punkte genau durchzudenken.

Gesetzt den Fall, man würde bei heiklen Themen, Plänen, Urteilen an die möglichen Nachteile denken – für Ruf, Bequemlichkeit oder Karriere: Was würde passieren?

  1. Die Arbeit würde kaum noch Spass machen. Man wäre Spielball seiner Ängste.
  2. Man wäre auch Spielball aller möglichen Leute. Und Sie können Gift darauf nehmen, dass selbst grösste Konzessionen die Sympathie Ihnen gegenüber nicht steigern würden. Sondern man würde nur den Respekt vor Ihnen verlieren. Gegen einen Spielball wird getreten. (Das gilt nicht nur für nachgiebige Redakteure, sondern auch für nachgiebige Zeitungen.)
  3. Das Allerwichtigste jedoch: Sobald Sie sich zensieren, verkleistern Sie Ihre Wahrnehmung. Und diese – so verblüffend unvollständig sie funktioniert – ist in diesem Beruf alles, was Sie haben. Sie ist Ihr Werkzeug, Ihre Waffe, Ihre Ware. Sie können sich nicht leisten, sie zu sabotieren. Zu keinem Preis.

Das ist auch der Grund, warum Kompromiss-Artikel fast immer schlecht geschrieben sind. Gore Vidal definiterte Stil einmal mit dem Satz: «Style is knowing who you are, what you want to say and not giving a damn.» (Danke, Herr Haemmerli, für das Zitat.)

Zu wissen, wer man ist und was man sagen will, ist Arbeit genug. Beschleicht einen dabei die Furcht vor den Konsequenzen, sollte man folglich versuchen, nicht daran zu denken. Und wenn man es trotzdem tut, keine Mutfrage daraus zu machen. Sondern sich automatisch zu sagen: zur Hölle damit.

Um dann ungerührt hinzuschreiben, was man sieht. Oder genauer: Was man gesehen zu haben glaubt.

Jammern Sie nie!

Damit ist alles Wichtige gesagt. Aber noch nicht alles weniger Wichtige.

  • Wenn Sie neu in eine Redaktion kommen, fangen Sie im Zweifel nicht vorsichtig an. Machiavelli riet, seine Grausamkeiten alle am Anfang zu begehen. Und dann milder zu werden. Zeitungen sind Routinemaschinen und funktionieren über Gewohnheiten. Wer drei Artikel zu Hunden schreibt, gilt fortan als Hundespezialist. Und wenn Sie mit den ersten drei kontroversen Artikeln durchkommen, ist der Ton etabliert. Alle werden sich fragen: Darf der das? Und sich sagen: Er durfte es drei Mal, also darf der das. Diese Strategie ist weit risikoloser, als nach einer Kette von Harmlosigkeiten eine Kühnheit zu wagen.
  • Irritierenderweise führt serielle Frechheit mit der Zeit dazu, dass Sie sogar von Ihren Opfern geschätzt werden. Meist dann, wenn Sie auch über mehrere Konkurrenten des Opfers Frechheiten geschrieben haben. Sie gelten dann als unbestechlicher Hund. (Siehe den Karrieretipp: Opportunismus für Fortgeschrittene.)
  • Natürlich werden Sie nicht immer so billig davon kommen. Sie werden auf Gegenfeuer stossen. Und von Zeit zu Zeit auch einen Schuss kassieren. Mal zu Unrecht, mal zu Recht und oft in Nebendingen. Ärgern Sie sich dann nicht zu sehr. Analysieren Sie, warum die Schweinebacken es geschafft haben, Ihnen eins aufs Fell zu brennen. Knurren Sie einen Fluch. Dann denken Sie an die vielen Male, wo Sie unverdient entwischten. Und arbeiten friedlich weiter.
  • Zu echter Furcht besteht wenig Anlass. Journalisten sind eine spottlustige, rauhe, aber letztlich freundliche Bande. Vielleicht nur, weil sie so vergesslich sind, aber immerhin. Bis auf wenige Erzfeindschaften gilt die Branchenregel: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Selbst die Leute, die die gefälschten Hitler-Tagebücher und Hollywood-Interviews veröffentlichten, erhielten eine zweite Chance.
  • Eine der unpraktischsten Haltungen, die Sie sich zulegen können, ist der Boxer mit Glaskinn. Als die NZZ nach Jahren des Schweigens einen doppelseitigen Verriss seines Werks geschrieben hatte, weinte der grosse Reporter Niklaus Meienberg drei Tage lang. Statt sich zu sagen: Noch nie zuvor hat die NZZ einen Schriftsteller auf einer Doppelseite verrissen. Aber Meienberg wollte vom Establishment, das er angriff, geliebt werden. Das war kein kluger Wunsch.
  • Und jammern Sie nie. Es gibt im Journalismus nichts peinlicheres als Papiertigerjäger. Die Leute, die dieses Spiel systematisch betreiben, sind etwa die Kämpfer gegen die politische Korrektheit. Sie veröffentlichen meist gezielt Verletzendes, und beim ersten Ärger schreien sie: Zensur. Und gibt es keinen Ärger, machen sie weiter, bis es welchen gibt. Dann klagen sie über Moralkeulen, Denkverbote oder Zeitgeist. Und preisen den Ärger als Beweis des eigenen Muts. Als hätten nicht seit jeher dumme Grobheiten dumme Grobheiten hervorgebracht. (Mehr dazu später in diesem Blog.)

Jedenfalls ist Mut nichts, was in eine Redaktion gehört. (Ausser, manchmal, bei internen Debatten.) Sparen Sie sich ihn für den Ort auf, wo Sie ihn wirklich brauchen: in der Liebe, in der Freundschaft, vor dem Rasier- oder Schminkspiegel. Denn dort müssen Sie sich früher oder später Ihrer Furcht stellen. Und können ihr nicht mit dem automatisierten Fluch antworten: Zum Teufel damit.

Aber in der Redaktion können Sie das. Und das macht das Berufsleben gelegentlich so erholsam.

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11 Kommentare zu “Mut im Büro”

  1. Meier Pirmin sagt:

    Bedenkenswerter Beitrag. Seibts Bemerkung zu Meienberg ist eine Trouvaille. Es braucht heute keinen grossen Mut mehr, Nazis u. Stalinisten zu verurteilen, zu schweigen von kritischen Bemerkungen über die Inquisition der katholischen Kirche. Bankenkritik ist heute “aktueller” als Armeekritik. Letztere benötigt in der Schweiz keinen Mut mehr. Selber habe ich mal ein Buch über einen pädophilen Priester (Heinrich Federer) geschrieben. Das Perverse dieser Neigung anzuprangern braucht keinen Mut, eher schon der Hinweis auf Vorverurteilungen oder gar perspektivisches Verständnis für pädophile Erotik.

  2. Jeeves sagt:

    Seibt ist einer der wenigen, die man gerne liest und mit Gewinn.
    Danke.

  3. stefan louwien sagt:

    in anbetracht der stetig blinkenden werbung.. zynismus in reinstform. provoziert schon fast sich anzustrengen beim kommentar schreiben. natürlich darf nichts gegen den zeitgeist geschrieben werden. mit behauptungen das die erde rund ist oder energie frei erhältlich wäre, lässt sich schliesslich vorerst kein geld verdienen.

  4. Philipp Rittermann sagt:

    meine 100%ige zustimmung. mut hat im geschäftsleben generell einen schlechten stand. er führt nämlich dazu, dass man sich trauen könnte, kritik zu äussern, was in der heutigen zeit der weit verbreiteten führungsschwäche, alles andere als erwünscht ist, vor allem dann, wenn die kritik auch noch gerechtfertigt sein könnte. seien sie also bitte weiter mutlos und machen sie die faust im sack; wenn sie glück haben, erleben sie die pensionierung. oder – machen sie es wie ich – und lassen sich erlösen.

  5. Klaus Kreis sagt:

    Laber, laber, laber. Natürlich braucht Journalismus Mut. Z.B. dann, wenn der Tagi eine grosse Geschichte über das Christen-Gemetzel in der islamischen Welt im Print publizieren würde. Oder wenn man hinterfragte, ob Gewalt dem Islam immanent ist oder nur eine Randerscheinung “einiger Extremisten”. Aber Seibt und seine linken Kollegen der Mainstream-Presse zensurieren lieber Mohammed-Karrikaturen und verstecken sich hinter ihrer politisch korrekten Haltung. Mut braucht es heute, um zu schreiben, dass das Steuergeheimnis wichtig ist und dass der Staat nicht nach belieben Steuern abzocken darf.

    • Justus Nosferatu sagt:

      Manchmal beschleicht einem das Gefühl, solche Kommentare seien gesponsert. Auf jeden Fall sind sie nicht sonderlich mutig, sondern vor allem dämlich.

  6. Constantin Seibt sagt:

    Tja, geehrter Herr Kreis, Sie sind ja ein Kreuzritter des Mutes. Meine Haltung zu den Mohamed-Karrikaturen und ihren mutigen Zeichnern finden Sie hier:
    https://www.dropbox.com/s/4i3u3t4a8sgzsgd/Mohamed-Karikaturen-Pfusch.doc

  7. Adrian Schweizer sagt:

    Herr Seibt, Sie sind ja der Chefideologe der politisch Korrekten. Als die rauchende Twitterin so richtig in die Bredouille geriet, wer eilte ihr zu Hilfe? Nur der Star der Tamedia konnte es da richten. Ablenken, verharmlosen, hinkende Analogien aufzeigen. Und selbstverständlich kein Wort über den Weltwoche-Kollegen, der auf fiese Weise von der linken Twitterin diffamiert worden war.

    • Constantin Seibt sagt:

      Merci, Herr Schweizer, da sind Sie ja mit einem Füllhorn an Komplimenten vorbei gekommen. Das wäre ja gar nicht nötig gewesen! Aber haben Sie Dank für Ihre ehrlichen und im Grunde freundlichen Worte. Mehr als das, was Sie beschrieben, wollte ich im Berufsleben nie erreichen.

  8. Gian Snozzi sagt:

    Ist dieser Beitrag vielleicht auch eine Reaktion auf das Echo zu Ihrer BAZ-Rede? Diese war womöglich nicht so mutig, wie viele Kommentatoren behaupteten, trotzdem aber eine der besten journalistischen Leistungen, an die ich mich erinnern kann. Ein Text, der nicht nach ein, zwei Tagen in Vergessenheit gerät.