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Doppelsprech oder: Doktor Swoboda, der kleine Stinker

Constantin Seibt am Mittwoch den 6. Juni 2012

Für einmal hier ein Trick, der schriftlich nicht anwendbar ist. Sondern nur in Talk-Shows. Erzählt hat ihn mir vor vielen Jahren spät nachts ein deutscher Moderator eines angriffigen Polit-Magazins.

Der Trick beruht darauf, dem Talk-Gast zwei Vorwürfe auf einmal zu machen. Nehmen wir an, der Präsident des Industrieverbandes Dr. Swoboda sitzt gerade auf dem Stuhl. Er hat Ärger wegen zweckentfremdeter Gelder seines Verbands. Das Licht geht an, die Kamera läuft. Der Moderator hat seine Recherche sorgfältig gemacht. Und stellt die erste Frage:

Dr. Swoboda. Sie haben eine steile Karriere gemacht. In ihrer Schulklasse hiessen sie noch «der kleine Stinker». Damals hätte niemand geahnt, dass Sie es bis an die Spitze des Industrieverbands schaffen. Aber jetzt werfen Ihnen Ihre Mitglieder etwas wirklich Anrüchtiges vor: Sie sollen Gelder zweckentfremdet haben.

«Sehen Sie», sagte der der Talk Moderator zu mir, «wenn Dr. Swoboda jetzt einen Fehler macht und sagt: ‹Ich habe keine Gelder zweckentfremdet!› oder ‹Das sind nur wenige vereinzelte Mitglieder›, dann habe ich ‹den kleinen Stinker› schon einmal unwidersprochen durch!»

Worauf er dann, später im Gespräch, Stufe 2 zündete.

Dr. Swoboda. Sie brauchten immer eine dicke Haut. Auf dem Schulhof als «kleiner Stinker». Und auch heute im Präsidium des Industrieverbands. Denken Sie nicht manchmal: Jetzt reicht’s?

Der Moderator strahlte: «Und wenn Dr. Swoboda jetzt sagt: ‹Nein. Ich bin nicht der Mann, der bei Schwierigkeiten aufgibt!›, dann ist ‹der kleiner Stinker› endgültig zementiert!»

Ich muss zugeben, ich habe damals sehr gelacht über Dr. Swoboda, den kleinen Stinker. Und völlig ohne Sympathie sehe ich die Methode noch heute nicht. Es ist nicht die unwichtigste Aufgabe im Journalismus, würdigen Damen und Herren zuweilen einen Streich zu spielen. (Denn wen lassen diese sonst als Hofnarren in ihre Nähe?)

Aber ein wenig erschauere ich doch, wenn ich am TV oder im Radio den Trick wiedererkenne. Denn wer um ihn weiss, entdeckt ihn erstaunlich oft.

Schon deshalb, glaube ich, sollte man ihn weglassen. Er ist nicht mehr originell. Und fair – nun ja. Aber vor allem verhindert er zuverlässig jede Neugier auf die Antworten.

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12 Kommentare zu “Doppelsprech oder: Doktor Swoboda, der kleine Stinker”

  1. Archie sagt:

    Und 99% alle Zuschauer können selber nicht zwischen den Zeilen lesen und dieser “Trick” ist ihnen Wayne.

  2. Hugo Moser sagt:

    Sehe ich überhaupt nicht so.
    Wer einen aufmerksamen und einigermassen intelligenten Gast hat, kann davon ausgehen, dass der Gast (oder auch die Gästin) beide Anschuldigungen hören und auf beide antworten kann. Natürlich schaffen es schnoddrige Journalisten , nach der ersten Erklärung abzuklemmen und drein zu reden. Höfliche würden ausreden lassen.
    Werden Doppelsprüche also nicht “bemerkt”, rührt das von inkompetenten Gesprächspartner – sowohl auf der einen, wie auch auf der anderen Seite.
    Oder aber: Die Anschuldigung ist so dumm, dass sie nicht darauf einzugehen würdig ist.

    • Servus sagt:

      Die Anschuldigung ist so dumm, dass sie nicht darauf einzugehen würdig ist!
      Diese Variation ist mir eigentlich gleich in den Sinn gekommen. Ich hätte mich so verhalten. Und je nach Lust und Laune evtl. eine Bemerkung am Rande eingeräumt zum Versuch mit dem “kleinen Stinker” und gefragt, ob der Journi denke, dass alle so einfältig seien wie er es sich vorstelle … oder ich hätte ihn ebenfalls nach der gleichen Methode in eine Falle tappen lassen, ganz kurz und fies! Verbales Ping-Pong eben.

    • Constantin Seibt sagt:

      Geehrter Hugo, der Vorwurf ist deshalb derart absurd, weil der Moderator mir gegenüber extra ein besonders lächerliches Beispiel gewählt hat. Aus Selbstironie.

      • Constantin Seibt sagt:

        Herr Servus – Sie sind aber optimistisch, was Ihre Geistesgegenwart vor Kameras betrifft! Wow.

  3. Hubert sagt:

    wenn ich das richtig verstehe, geht es darum, den Gast möglichst schlecht aussehen zu lassen.
    Welch eine “stinkende” kindheit muss man gehabt haben um dies im Leben auf diese Art verarbeiten zu müssen, indem man andere fertig macht?

    • Constantin Seibt sagt:

      Geehrter Hubert, ich glaube nicht, dass eine bonders stinkende Kindheit nötig ist. Sondern das Problem ist: Die Medien inzenieren manchmal ein Duell. Mal Gast gegen Gast, mal Moderator gegen Gast. Links gegen rechts. Alt gegen Jung. Diese Art von Entertainment ist uralt. (Christen gegen Löwen.) Und in Grund auch legitim. Oft sind das zwar nur Showkämpfe, aber sie schärfen die Argumente. Ich glaube unkreativ wird die Sache erst, wenn das Kampfelement alles dominiert: auch die Neugier. Oder wenn Laien den Profis verfüttert werden.

  4. Emil Furrer sagt:

    Hoffentlich lesen das ein paar linke Nationalräte, die SVP benutzt diesen Trick seit Jahren in jeder Arena-Sendung.. Zuerst bringen sie sachlich ihre Argumente auf den Punkt, um dann im letzten Satz etwas kontroverses in eine andere Richtung zu sagen, was die Linke derart in Rage bringt, dass sie sich nur auf den letzten Satz konzentrieren.

  5. kraxle sagt:

    seibt,
    diese journalistische stinkbombe ist rundum gelungen
    gruss
    kraxle

  6. leontine sagt:

    Roger Schawinski bringt es in Bestform auf mindestens fünf verschiedenen Anschuldigungen pro Satz. Da würde sogar Herr Moser einknicken. Man könnte wohl auf die journalistische Grundregel hinweisen, dass in einem Interview immer nur eine Frage aufs Mal gestellt werden sollte. Und wichtig: die Ruhe bewahren, vielleicht süffisant lächeln. Aber da hat der Seibt schon recht, machen Sie dass mal vor laufender Kamera/laufendem Mirkofon…

  7. Bernhard Piller sagt:

    Schawinski hat eine noch bessere Methode als Sie: Er stellt die Frage und gibt dann die Antwort gleich selbst. Der Vorteil davon ist ist, dass das Interview prädiktibler und somit risikoloser wird.

  8. Katharina sagt:

    das funktioniert nur für wer sich überhaupt auf trolle einlässt. die einzige richtige Reaktion auf den kleinen Stinker ist, die Sendung vor laufender Kamera zu verlassen: http://www.youtube.com/watch?v=hZwVVW2tqQM

    der trick beruht darauf, zwei Vorwürfe gleichzeitig zu machen” ist Trollerei mit ein bisschen double bind.

    Es ist Journalismus von und für Leute without class. Plebejer. weiter nichts.