Es war der zweite oder dritte Auftrag. Ich war Volontär beim «St. Galler Tagblatt» und kriegte den Befehl, das 20. Firmenjubiläum der Pulsania-Schnellreinigung zu recherchieren. «Die haben irgendeine neue Maschine. Sieh sie dir an», sagte mein Chef.
Ich fuhr zur Schnellreinigung und traf dort auf das Besitzerehepaar. Es begrüsste mich ausgesprochen misstrauisch. «Sie müssen hier nichts mehr tun – wir haben den Artikel schon geschrieben», sagten sie und drückten mir ein mit Kugelschreiber beschriebenenes A4-Blatt in die Hand. Ich überflog es. Das erste, was mir auffiel, war, dass zwei Mal das Wort «revolutionär» durchgestrichen und ersetzt worden war. Wahrscheinlich, um jeden politischen Verdacht auszuschalten. (Damals, im Frühling 1989, war die Mauer noch nicht gefallen.)
Ich beharrte darauf, den Artikel selber zu schreiben.
Der Ehemann öffnete zögernd die Tür zum Maschinenraum, und ich erblickte kurz Chrom und Röhren. Aber die Frau stellte sich dazwischen und wiederholte: «Der Artikel ist schon geschrieben.»
Das «Tagblatt» brachte dann nichts. Aber ich behielt das A4-Blatt zur Erinnerung. Hier ist es, im vollen Wortlaut (Namen, Firmennamen und Adresse geändert).
20jähriges Firmenjubiläum der Chemischen Reinigung Pulsania St. Gallen
Auf den 1. März 1969
übernahmeröffnete das Ehepaar Erika + Urs Fruns die für damalige Verhältnisserevolutionäreeinzigartige Sofortreinigung an der Bertastrasse 45 und der Burgstrasse 4. Dank Ihrem jahrelangen Einsatz konnte sich das initiative Ehepaar einen grossen + treuen Kundenstamm aufbauen. Was der Kunde besonders schätzt neben der persönlichen Beratung durch den Chef: die fachlich kompetentenBeratungAuskünfte und die sorgfältigste Ausführung aller übertragenen Arbeiten,Das Angebotob das Vorhangreinigung, Teppichreinigungen, Kunststoffe, alle Reperaturarbeiten oder Kleiderreinigungen aller Art sind Sie immer an der richtigen Adresse.Als vorgezogenes Jubiläumsgeschenk hat sich im vergangenen
SommerHerbst Herr Fruns an der Bertastrasse einerevolutionäreneue Umweltreinigungsmaschine installiert. Diese neue Maschine kennt praktisch keine Umweltbelastung mehr. Minimalster Lösemittelverbrauch dank Computer- und Kältetechnik (Lösemittelverbrauch ca. 1/2 L.)
Als besonderes Jubiläumsgeschenk hat die Firma im laufenden Jahr auf eine PreiserhöhungJubiläumsgeschenk: 1989 gleiche Reinigungspreise wie letztes Jahr.
Hose 6.50 Veston 9.50
Jup 6.90 Kleid ab 10.50 etc.
Damals lachte ich. Heute sehe ich den Zettel mit mehr Freundlichkeit. Sein Stil – kein Substantiv ohne aufhellendes Adjektiv, die sorgfältigen Superlative, der Versuch, irgendwie Ereignisse für das Jubiläum zu erfinden, die praktischen Preisangaben – ist wahrscheinlich das, was fast alle Interviewpartner im Geheimen von einem Journalisten wünschen würden.
Kein Wunder, hinterlassen wir Enttäuschung, wohin wir auch gehen.
Nett! Mittlerweile sind solche Artikel ja Standard.
Gefreut hat mich, mal wieder “Dank” mit Dativ zu lesen (“Dank Ihrem jahrelangen Einsatz”). Die zunehmende Verwendung des Genitivs klingt für mich nach wie vor dissonant. Wer die aktuelle Ausstellung “1912” in Köln besucht, kann in den dort ausliegenden Reproduktionen der damaligen Zeitungsberichte nachlesen, wie sorgfältig auch in Lokalzeitungen vor 100 Jahren formuliert wurde. Ob die Redakteure damals charakterfester gewesen sind, wage ich nicht zu beurteilen (zwei Jahre später war Krieg). Aber sie haben besser geschrieben.
Haben Sie besser geschrieben? Ich weiss es nicht. Was mir auffällt, wenn ich uralte oder nur alte Zeitungen lese (etwa aus den goldenen 60er bis 80er Jahren, als Artikel noch richtig lang waren), dass oft 4 Absätze gebraucht wurden, um in die Nähe des Punktes zu kommen, gefolgt vom Punkt, gefolgt vom Gefolge des Punktes. Das ist manchmal grossartig, und manchmal… nun…
Herrlich, Constantin Seibt, solche Reminiszenzen im nebelträchtigen Abendlande, vielen Dank.
NB. Mein/unser Altvordere Edel-Samenspender, viele Göttinnen (Götter mochte er nicht) mögen ihn selig haben, las vor 50 Jahren seiner rudelähnlichen Sohneschaft, folgendes Inserat aus einer vergilbten LOKALZEITUNG (diese hatte als Isolationsmaterial infolge eines Umbaus ausgedient) vor –
“Gesucht alte Frau zum Kochen” …
Eigentlich ganz nett geschrieben von dem Reinugungs-Ehepaar; so sind doch Zeitungsartikel in der Regel, inklusive solch’ Knaller wie “Reperatur”. Und: es gibt Schlimmeres, auch und gerade von Johurnalisten. (Anwesende ausgenommen, natürlich!)
Ich empfinde diesen Versuch der Eigenwerbung auch als harmlos.
Viel grösseren Schaden richten da diese Heerscharen von politisch korrekten JournalistINNEN an, die ihre abstrusen Ideologien überall als Wahrheit etablieren wollen.
Die brauchen sich nicht wundern, dass die Leute diese gleichgeschaltete linksgrünegender Mainstream-Propaganda nicht mehr ertragen können.
Ich freue mich über jede Zeitung die dicht macht, und deren SchmierfinkINNEN, die dann auf der Strasse sitzen.
hey schlaui,
woher bekommst Du dann Deine infos, wenn alle zeitungen dicht gemacht haben?
aus dem internet?
+ wo hat das seine infos her, schlaui?
nomen est omen – odrrrr
Ja, das wird eine schöne Zeit, wenn dann Menschen mit grossem Herzen wie Sie ungehindert von der mächtigen Propagandawalze die Wahrheit sagen können.
😉
Herr Seibt ist ein sympathischer Kerl und führt eine feine Feder. Aber sorry, er hat den falschen Arbeitgeber. Der Tagi hat keine Zukunft, immer weniger Leser bezahlen für linksgrüne Gehirnwäsche. Anti-SVP ist kein Konzept. Dann halt zurück zur WOZ, zum halben Lohn. Wie wärs mit Gastbeiträgen in der Weltwoche? Die Leute dort sind offener, als man denkt.
Danke für Ihre Berufsberatung! Ich werde mir Gedanken machen, ob Gehirnwäsche wirklich das Geschäftsmodell ist, dass mich und meine Familie nachhaltig ernähren kann. Andrerseits besteht, wenn ich meinen zukünftigen Arbeitgeber – die Weltwoche – lese, dass ein Grossteil der Schweizer linksgutgrünen Irrlehren folgt. Das sieht doch nach einer nachhaltigen Zielgruppe aus, oder?
Stellenberatung, nicht Berufsberatung. Ich kann Sie beruhigen, Sie sind im richtigen Beruf. Wenn ich Ihren dritten Satz lese, kommen jedoch leise Zweifel auf. Aber OK, die Lektoren sind im Wochenende. Der zweite Satz ist auch nicht ganz sauber, aber immerhin verständlich.
Um mich für Ihren guten Rat zu revanchieren: Mein Berufsvorschlag für Sie wäre – Feinmassage. Dafür spricht sowohl Ihre Genauigkeit wie Ihre Neigung, jemand ein wenig von oben auf die Schultern zu tätscheln. (Falls Sie dieses Talent nur schriftlich besitzen wäre mein Berufsvoschlag sogar ein völlig neuer: Fernfeinmassage.)
Ich hätte auch noch einen Job für Herrn Schweizer: Einflüsterer der Nation.
Also mein Job wäre ja Klug********. Ich bin schon nahe dran und verdiene gutes Geld damit. Und deshalb:
Seibt wieder in Höchstform: Kreativ brilliant, aber, hoppla, die Fakten einmal mehr unpräzise. Feinmassage handelt (a) nicht von den Schultern und (b) nicht vom “tätscheln”.
Aber es gibt natürlich “journalistische Feinmasseure” (wäre mal ein Titel). Sie kraulen die Mächtigen, nicht an der Schulter, und ohne Unterlass.
Oh, Herr Kernhaus, Sie lassen mich erröten… Ich bin einfach zu unschuldig für diese Welt.
Anti-SVP ist auch kein Konzept. Das liegt an den von der SVP vertretenen Inhalten. Alltagslogik wider besseren Wissens auf komplexe Zusammenhänge anzuwenden, ist ein Betrug an den Wähler_innen.. Diese halten die gebotenen Lösungen für funktional (weil sie keine andere Art kennen, politische Probleme zu analysieren, als die Logik der Praxis) und wählen sie dann. Das ist ihr Wille und gutes Recht. Die SVP aber weiß es besser (wer es dort nicht besser weiß, ist ein Risiko für die Partei) und paternalisiert und veräppelt ihre Wähler_innen genau so, wie sie es den Linksgrünen vorwirft.
Ich bin etwas enttäuscht von diesem Beitrag, denn es geht gar nicht um die Leser, sondern um die “Objekte” der Berichterstattung. Dass die keine kritische Würdigung wünschen, war mir auch vorher schon klar. Die Frage ist doch: Was erwarten die Leser? Aber eigentlich kann ich mir auch das ziemlich gut vorstellen: Sie wollen genau die Meinung lesen, die sie selber vertreten. Daher auch immer wieder die Lobpreisung, ein Artikel sei “Pflichtlektüre”.
Doppelt richtig. Der Titel war bewusst doppeldeutig, damit mehr Leute in die Falle gehen und klicken. Und auch Ihre Leser-Analyse haut genau hin. Die meisten Reaktionen sind: Ganz meine Meinung, grossartiger Artikel. Nicht meine Meinung, was für eine Stümperei, warum hat Sie Ihr Chefredaktor noch nicht gefeuert?
Aber dazu mehr, später, an dieser Stelle: Bleiben Sie dieser Falle treu, denn eines Tages wird etwas darin sein, dass Sie nicht enttäuscht.
Ich habe Tränen gelacht, aber das Thema ist eigentlich sehr ernst. Denn 20 Jahre später funktioniert der Gefälligkeitsjournalismus viel besser: Etlichen Journalisten muss man gar keinen Zettel mehr übergeben. Sie schreiben über das Objekt ihrer Berichterstattung ganz von selbst in der Weise, wie es die Betreiber der Reinigung damals erwartet haben. Oder sie schreiben Restaurantkritiken, die nicht dem Leser, sondern nur dem Gastronomen dienen.
Ich sehe das anders: Letztlich macht es die gute Mischung von allem und die Leser wollen Antworten auf die Fragen, die ein Journalist selber auch hat. Die Leute erwarten neben kritischen und mehrdimensionalen Artikeln auch schöne Geschichtchen, die Mehrwert bieten. Und wenn ein guter Journalist Gefahr läuft, sich zum PR-Sprachrohr zu machen, dann bleibt er am besten einfach sachlich-informativ.
Wem bietet denn die Geschichte aus der Feder der Wäscherei-Eigentümer einen Mehrwert? Dem Leser doch sicher nicht! Diese Geschichte gehört nicht in den redaktionellen Teil einer Lokalzeitung, sondern in das angeschlossene Werbemagazin oder in eine Anzeige. Für das Werbemagazin und für die Anzeigen zahlen die Inserenten. Für den redaktionellen Teil zahlen wir als Leser.
Mmh – Herr Olix, Ihre These bewahrheitet sich leider immer mehr. Bezahlten noch 2001 die Anzeigen im Verhältnis zu den Käufern die Zeitungen mit 80:20, so steht die Rechnung heute schon bei 50:50. Was paradoxerweise heisst, dass die Leser heute teurer zahlen, aber die Anzeigekunden mehr Macht haben.
Die Entwicklung dieses Verhältnisses scheint mir sehr interessant. Mir war klar, dass die Anzeigenerlöse stark zurückgehen (bei großen überregionalen Zeitungen unter anderem wegen der fehlenden Stellenanzeigen). Aber ich wusste nicht, dass es so schlimm ist. Könnten Sie dazu eventuell öffentlich verfügbare Quellen angeben?
(»Stefanolix« ist als ganzes Wort ein Pseudonym. Aber ein anständig verwendetes.)
Der Text macht einer Werbebroschüre alle Ehre. Aber von was, sollten die kleinen Lokalblätter den leben? Heute ist die Sache einfacher. Die kleinen Blätter gibt es kaum noch oder dann hat sich die Tamedia ihrer erbarmt. Auch die Wirtschaftsjournalisten haben dazu gelernt: So offensichtlich tritt kaum einer mehr ins Fettnäpfchen. Und wenn einer Schleichwerbung macht, ist er ein Kind, das die Heimat mag oder er ist Opfer des Dschungelkapitalismus geworden. Aber derlei Irrungen von Künstlern sind menschlich, in Anbetracht der Tatsache, dass alle langsam brotlos werden.
Sehr aufschlussreich. Jetzt weiss ich zumindest wieso ich meinen letzten Interviewpartner vergrault habe.