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Es sind die Fragen, nicht die Gewissheiten, Dummkopf

Constantin Seibt am Dienstag den 20. November 2012

 

Als Kind erlebt man diese Enttäuschung, wenn man Steine aus dem Fluss holt: Sie funkeln im Wasser, aber sobald sie trocknen, sind sie blass. Man erlebt diese Enttäuschung sehr oft, weil man es lange nicht glauben kann: Dass auch dieser Stein hier nicht mehr funkeln könnte.

Als Erwachsener geht es einem ähnlich. Man sieht einen Artikel schon beim Auftrag vor sich, funkelnd vor Klugheit und Witz. Dann schreibt man ihn und er bleibt blass. Und das passiert einem immer wieder, weil man nicht glauben kann, dass es auch diesmal passieren könnte.

Ein seltsamer Fluch liegt über dem Schreiben, dass man oft gerade das, was man mit grosser Sicherheit beginnt, mit Demut zu Grabe trägt. Warum?

Debatten-Gespenster

Schuld ist, fürchte ich, etwas Unvermeidliches: Erfahrung.  Die öffentliche Debatte läuft in Zyklen. Grosse  Themen sind fast nie beim ersten Mal erledigt, daher kehren sie immer wieder zurück, wie Trams oder Gespenster. (In der Schweiz etwa das Bankgeheimnis, das WEF, die Steuerfragen, die EU-Frage, und so weiter.) Mit der Zeit kennt man seine Dossiers: Details, Argumente, Zitate, Statistiken. Und man hat eine klare Haltung.

Das ist auf den ersten Blick praktisch, weil man diese während der Arbeit nicht mehr entwickeln muss. Aber es hat einen Haken. Der Prozess der Recherche, der Prozess des Schreibens wird zum Scheinprozess. Im besten Fall findet man ein paar neue Begründungen. Aber das Urteil ist von Beginn an gefällt.

Malbücher für Profis

Dasselbe gilt auch für die kleine Schwester des Kompetenz-Urteils: das Geschmacks-Urteil. Dieses ist oft zuständig für Füllstoffe. Eine Lücke ist in der Zeitung. Und jemand in der Runde sagt: «Adele hat doch eine tolle Figur»; «Mütter mit Kleinkindern sind arrogant»; «Die Impressionismus-Ausstellung ist Kitsch»; «Lagerfeld – ein Genie»; «1.-August-Reden langweilen»; «Madonna in Strapsen ist mit 50 unsexy». Oder das Gegenteil.

Und der Produzent, der die Lücke füllen muss, sagt: «Gekauft!»

Der vorgestanzte Artikel – ob durch Kompetenz oder Geschmack – sieht nach leichter Arbeit aus: Denn es ist ziemlich klar, was zu sagen ist. Nur – meistens passiert etwas Unerwartetes: Man langweilt sich beim Schreiben. Man weiss, was kommt, und fühlt sich, als würde man Malbücher ausmalen. Und der Text wächst einem wie ein Bauch: etwas formlos, ohne Energie und Schwung.

Der Sprung in die Form

Was also tut man, wenn der Artikel von der der ersten Minute an im Kopf fast fertig geschrieben ist? Die erste und klügste Reaktion ist: Angst. Denn dieser Artikel ist nicht sichere Beute, sondern – zumindest künstlerisch – ein beinah sicherer Absturz.

Doch nichts schreiben, geht nicht. Man verlöre schnell den Job, wenn man jedes Thema beim Erreichen von genügend Sicherheit meiden müsste. Und schliesslich liegt die Wiederholung in der Natur jeder politischen und ästhetischen Debatte. Wer mitreden will, muss sich mit ins Mühlrad begeben.

Aber wie, ohne zu langweilen? Sich und die anderen? Der Ausweg liegt darin, vom bekannten auf unbekanntes Terrain zu kommen.

Die stilistische Möglichkeit dazu ist: in der Form zu denken. Man sollte keinen neutralen Artikel schreiben. Man ist ja auch nicht neutral. Ehrlicher wäre eine flammende Predigt. Oder je nach Lage: eine Portion Spott. Oder  einen offenen Brief. Eine melancholische Meditation. Ein Stück Volkshochschule, geduldig und klar. Eine Scharfrichterabrechnung. Eine Erzählung. Also irgendetwas, dass den Thrill vom Inhalt auf die Form verlagert.

Fragen – der Motor

Die klügste Methode ist aber, den einzig vernünftigen Motor einzubauen – und aus einer Gewissheit wieder eine Frage zu machen. Wenn ich mir ansehe, welche Artikel mir gelungen sind und welche lahm blieben, so ist die Ursache meist: Bei den lahmen stand meist eine Gewissheit im Zentrum, bei den anderen eine Frage. Denn Gewissheiten, so angenehm sie sind, haben kein Tempo: Sie sind von Natur her statisch. Fragen hingegen bringen einen schnell an die frische Luft, hinaus ins Unbekannte.

Die Schwierigkeit ist nur, auf abgegrastem Feld die richtige Frage zu finden. Also keine rhetorische. Sondern eine echte, bei der man die Antwort nicht weiss.

Nehmen wir an, der Teufel wolle es, dass ich wieder übers Bankgeheimnis schreiben müsste. Das droht, denn kürzlich liefen wieder Razzien gegen die UBS und ihre Kunden in Deutschland; und das Steuerabkommen steht vor dem Showdown. Nun habe ich zum Bankgeheimnis und Steuerhinterziehung seit Jahren geschrieben: Übersichtsartikel, Kanzelpredigten, Spöttisches, Nachrichtentexte, Analysen, Interviews – schrecklich viel.

Dabei kann man meine Haltung (I’m against it) kreuzfalsch finden. Aber, ich fürchte, sie ist nur noch in Nuancen veränderbar. Entweder, weil sie stimmt. Oder weil das Brett vor dem Kopf zugewachsen ist. Egal. Das konkrete Problem ist: Wie komme ich trotzdem wieder ins Offene?

Vielleicht mit Fragen wie folgenden:

  • Warum wurde die Omertà gebrochen? Warum hielten die Bankiers Jahrzehnte dicht und heute reisen alle paar Monate Daten-CDs über die Grenze?
  • War die Verzögerung ein Geschäft oder nicht? Schon vor 12 Jahren sagte mir ein Bankier: Das Bankgeheimnis ist unhaltbar. Aber wir melken die Kuh, so lange sie existiert. War das finanziell richtige Entscheidung? Also: Welche Summe ist höher: Die Gewinne aus der Bewirtschaftung seit 2001 oder die Bussgelder und Reorganisationen der letzten Jahre?
  • Ist die UBS jetzt Opfer einer Intrige, verlogen oder schlicht unregierbar? Denn seit dem USA-Desaster 2009 behauptet die UBS-Spitze, auf das Steuerhinterziehungsgeschäft zu verzichten. Doch laut deutschen Fahndern funktionierten die Tarnstrukturen aber bis 2012. (Was die UBS heftig bestreitet.) Aber selbst dann wäre die Regierbarkeit einer weltweiten, verschachtelten Konzern-Bürokratie ein reizvolles Thema.
  • Sind Banker nun clever oder nicht clever? Und wenn ja: auf welchen Gebieten?
  • Wer auf dem Finanzplatz sagt eigentlich was und warum? UBS, CS, Bankiervereinigung, Raiffeisen, Privatbanken, NZZ, «Weltwoche», Finma, FDP, SVP haben zum Teil verwirrend verschieden Positionen. Wer hat welche und warum?
  • Wie hat sich in Europa eigentlich der Beruf des Steuerfahnders gewandelt – vom Tyrann zu Typen mit einem Hauch von Robin Hood?

Mag sein, dass dies nicht die absoluten Wahnsinnsfragen sind. Aber es sind welche, die den Vorzug haben, dass ich die Antwort nicht kenne. Sie riechen zwar alle nach Arbeit, aber auch nach Resultat.

Oder nehmen wir, als Geschmacksthema, Madonna. Neulich erschien irgendwo in der britischen Presse eine Glosse, dass Madonna sich mit fünfzig nicht mehr auf der Bühne ausziehen sollte, weil unsexy. Ein eher uncharmantes Stück.

Wie könnte man es retten? Cleverer wäre gewesen, falls man die aktuelle Madonna unsexy findet, sich davon ausgehend ein paar Fragen zu stellen: Wo fängt im Alter Unsexyness an? Wo danach Unsichtbarkeit? Wo bei Frauen, wo bei Männern? Wo bei Stars? Und: Wie geht man damit klug um, wenn einen das Unvermeidliche trifft? Geht das überhaupt: Mit dem Altern klug umgehen? Etwa durch Muskeltraining und Heroismus? Oder mit Weisheit und Demut? Die aber von niemand bemerkt wird? Und nebenbei: Wie stehe ich zu den Schrecken des Alters: dem Bauch, den Runzeln, dem strengen Geruch nach Seriosität? Den ewigen Wiederholungen?

Das sind nur ein paar mögliche Fragen. Dafür wahre. Denn in allen Fällen kenne ich die Antworten nicht.

Aber lesen würde ich sie. Und deshalb auch schreiben.

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5 Kommentare zu “Es sind die Fragen, nicht die Gewissheiten, Dummkopf”

  1. kenneth angst sagt:

    sehr inspirierend.schwierig einfach, kurz vor dem einstieg auf der basis vollständiger gewissheit und klarheit abzubremsen, innezuhalten,sich eine auszeit zu nehmen, obwohl ja sicher bereits im verzug, und fragen eines andern zu imaginieren.also: den rasenden zug nochmals anzuhalten und dann neu zu starten.

  2. Robert Franz Reichmuth sagt:

    Gemach, gemach Herr Seibt. Weniger Worte, mehr Gedanken – oder besser – mehr Lassen statt Tun?

    Übrigens, von wegen (…) “Wer auf dem Finanzplatz sagt eigentlich was und warum? UBS, CS, etc. (…) – am 6. Dezember ist der xxx-te Todestag eines gewissen Mannes namens ***Johann Heinrich Alfred Escher vom Glas*** – genannt

    ALFRED ESCHER

    “Escher nahm wie kein anderer Einfluss auf die politische und wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz im 19. Jahrhundert”!

    WAS würde dieser MANN, immerhin Gründer der (unserer?) “SCHWEIZERISCHEN KREDITANSTALT” (deutsche Schreibweise!) – heute sagen – resp.Tun?

  3. Ted Kartheiser sagt:

    Wie umgehe ich “meine Gewissheiten”, die mein Ego hätscheln? Wie meide ich meine “faux amis” – Gedanken, die mir innerlich immer zunicken,mir aber den Zugang zu neuen Erkenntnissen verschleiern?
    Wenn der Rundgang meiner Gehirnzellen einsetzt, weiss ich, es ist es wieder Zeit durch de Bonos “Neue Denkschule” zu blättern. Denk- und Schreibstau lösen sich hoffentlich bald auf.
    Danke Constantin Seibt.

  4. Sonja Bonin sagt:

    Vielen Dank, Herr Seibt! Dass da einer der Grossen der Branche nicht nur immer wieder sein eigenes Arbeiten reflektiert, sondern auch noch über konkrete Hilfestellungen nachdenkt, versüsst mir glatt den Tag.

  5. Danke für diese Zeilen. Das beruhigt meine Nerven nach einem Streit mit einem anderen Journalisten, dem ich ebengrad vorwarf, ein verranntes Brett vor dem Kopf zu haben. Ich bin allerdings breits froh, wenn JournalistInnen überhaupt Fragen haben und nicht nur oberklug über den Dingen stehen… Es gibt immer Gründe für jede Entscheidung und Handlung. Nur die Frage danach kann sowas zu Tage bringen… Allerdings muss man das Brett vor dem Kopf auch erst selber erkennen… Und da happert’s eben schon…