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Wie wir mit unserem Dialekt-Quiz eine Million Menschen erreichten

Von Marc Brupbacher, 4. Mai 2015 13 Kommentare »
Wohl noch nie in der über 120-jährigen Geschichte des «Tages-Anzeigers» hat ein hauseigenes Projekt so viele Menschen erreicht, wie jetzt der Sprachatlas «Grüezi, Moin, Servus». Produktionsnotizen zum Hit.

Und so fing alles an. Am 28. Januar 2014 mailte ich Sprachforscher Dr. Adrian Leemann – dessen Team schon mit der Dialäkt App für Furore sorgte – folgende Zeilen:

«Der ‹Tages-Anzeiger› lanciert bald einen Datenblog. Dazu plane ich auch einige Einträge zum Thema Dialekt. Vielleicht haben Sie es gehört: Der meistgelesene Artikel auf www.nytimes.com war im 2013 ein Dialekt-Quiz (21 Millionen Visits). Und zwar dieses. So etwas Ähnliches wollen wir nun auch beim TA umsetzen. Aber das hängt von Ihrer Hilfe ab.»

Vergangene Woche, am 25. April 2015, publizierte dann der «Tages-Anzeiger um 8 Uhr auf den Newsnet-Seiten endlich den Sprachatlas «Grüezi, Moin, Servus». Kurz später schaltete auch unser Partner «Spiegel online» das Quiz auf. Und schon crashten die Server.

Die Informatiker waren dann bis Sonntagmittag mit dem Umrüsten der Datenbank auf leistungsstärkere Server beschäftigt. Seit dann lief es rund. Der Sprachatlas erreicht bis heute im gesamten deutschsprachigen Raum über eine Million Menschen.

Und es ist ein Longseller: Zurzeit (3. Mai 2015, 10 Uhr) befassen sich immer noch 400 aktive Nutzer mit den 24 Fragen.

Aus den Backend-Daten sehen wir: Bis heute wurden 1’133’897-mal alle Fragen beantwortet. 499’557 Personen nutzen am Schluss die Feedback-Funktion: 312’605 gaben die Wertung 5, 6 oder 7 ab – waren also sehr zufrieden mit dem Resultat.

Auf Twitter gab es unter den Stichworten Sprachatlas, Sprachquiz und Dialektquiz Tausende positive Erwähnungen. Auf Facebook wurde «Grüezi, Moin, Servus» zehntausendfach geteilt. Derartiges Feedback ist auch bei «Spiegel online» selten. Auch in Österreich verbreitete sich das Quiz: Im Reddit-Forum Austria wird angeregt diskutiert.

Alles zu den Zahlen

  • Der Sprachatlas erreicht im gesamten deutschsprachigen Raum 1,3 Millionen User – davon sind 22,9 Prozent wiederkehrende.
  • Visits: 1,46 Millionen.
  • Die Nutzer müssen sich durch insgesamt 24 Fragen klicken, daher ist die Anzahl Page Impressions gewaltig: 32 Millionen.
  • Die durchschnittliche Verweildauer liegt bei 5:07 Minuten.
  • Am meisten wurde mit dem Browser Chrome zugegriffen (31,5%), dann folgen Firefox (20,5%), Safari (18%), Safari (in-app) (13%), Android Browser (8,6%), Internet Explorer (6,7%), Opera (1%).
  • Der Mobil-Anteil liegt bei 50,6%, Desktop folgt mit 40,1%, dann Tablet mit 9,3%.
  • Über Social Media kam gut 24 Prozent des Traffics – davon 96 Prozent über Facebook.
  • Am meisten Zugriffe erfolgten aus Deutschland (78,1%), Österreich (6,7%) und der Schweiz (6,1%).
  • Nun noch ein paar Zahlen des Traffics in der Schweiz: 76’500 User, 86’000 Visits 1,6 Millionen Seitenaufrufe, Verweildauer von 4:36 Minuten. Der Rest der Klicks gehört «Spiegel online».

(Stand: 3. Mai 2015, Quellen: Backend, Google Analytics)

Warum dieser Erfolg?

  • Die Daten sind gut: Die Karten des Atlas der deutschen Alltagssprache (Ada) ermöglichen eine verhältnismässig präzise regionale Zuordnung im gesamten deutschsprachigen Raum Europas.
  • Sprache ist Teil der Identität: Identität und Individualität sind wichtige Stichworte der postmodernen Gesellschaft – wie ticke ich? Wie spreche ich? Deshalb faszinieren Dialekte. Und das Faszinosum ist hier nicht zuletzt darin begründet, dass eine Maschine einem Menschen etwas ganz Grundsätzliches und Intimes über sein Wesen mitteilt. Kann ein Computer wirklich erkennen, woher ich stamme?
  • Inszenierung des Inhalts: Zum Quiz wurde eine Artikel-Serie zum Thema Sprache und Dialekte veröffentlicht. Diese hielt das Thema mehrere Tage aktuell. Bisher publizierten wir 5 Artikel: Hier sind alle in einer Collection gesammelt. Zusammen generierten sie 80’000 Leser (nur Newsnet). «Spiegel online» meldet knapp 1,2 Millionen Leser für ihre drei begleitenden Artikel.
  • Technik: Das Quiz funktioniert sowohl für Mobil als auch für Desktop reibungslos und schnell. Die Benutzerführung ist intuitiv und das Design ansprechend. (Programmierung: Timo Grossenbacher)
  • Betreuung der Forscher: Der wissenschaftliche Leiter des Projekts, Dr. Adrian Leemann, koordinierte die vielen beteiligten Forscher hervorragend.
  • Algorithmus: Die ETH-Statistiker leisteten mit dem Erkennungsalgorithmus sehr gute Arbeit.
  • Der starke Partner: «Spiegel online» war ein unkomplizierter Partner. Datenjournalistin Christina Elmer betreute den Sprachatlas in Deutschland. Dass das Quiz eine Million Menschen erreichte, ist zu einem grossen Teil der Stärke des Leitmediums «Spiegel online» zu verdanken.

Warum flippte die Schweiz nicht aus?

In der Schweiz lag der Anteil des Gesamttraffics etwa bei 6 Prozent. Das entspricht durchaus den Grössenverhältnissen von «Spiegel online» und Newsnet. Dennoch war schnell klar, dass die Begeisterung gerade auch in den Social-Media-Kanälen in Deutschland viel grösser ist als in der Schweiz. Warum? Das Thema Dialekterkennung wurde in der Schweiz wohl schon etwas überstrapaziert. Es gibt dazu bereits mehrere Applikationen: Chochichäschtli-Orakel, Dialäkt Äpp, Voice Äpp. Zudem war die Lokalisierung nicht ganz optimal, weil die Daten für die Schweiz einfach zu dünn sind. Damit geben sich Deutschschweizer kaum zufrieden: Sie sind stolz auf diese kleinräumigen, lokalen Unterschiede – die es weder in Deutschland noch in Österreich gibt. Mehr dazu, was «Grüezi, Moin, Servus» kann und was nicht, finden Sie hier.

Wie viel kostete die Entwicklung?

Den «Tages-Anzeiger» kostete das Projekt ein paar Tausend Franken. Programmiert wurde intern. Den Grossteil der Kosten trägt mit rund 18’000 das Forscherteam um Dr. Adrian Leemann. Über die Smartphone-App soll ein Teil der Kosten wieder eingespielt werden. Bisher zählt sie aber nur 3000 Downloads.

Was bringt es den Forschern?

Die gewonnenen Daten durch das Feedback der Leser sind für die Forscher wertvoll. Das Quiz basiert auf einem sehr begrenzten Ortsnetz (500 Orte, 30 davon in der Schweiz). Für alle neu angegebenen Ortspunkte wissen die Forscher nun, welche 24 Sprachvarianten verwendet wurden. Dr. Adrian Leemann sagt: «Die Aussagekraft der Karten wird robuster werden, da sie nun auf mehr als einer halben Million Sprecherdaten beruhen, bisher waren es nur ein paar Tausend. Weiter können wir nun schauen, ob sich die Altersgruppen unterschiedlich verhalten. Ist der ‹Grittibänz› geografisch gleich verteilt zwischen den 20- bis 30-Jährigen wie bei den über 50-Jährigen?»

Was bringt es dem «Tages-Anzeiger»?

Für uns ist es ein technisches Vorzeigeprojekt. Es winken etwas Prestige und viel Lob – vor allem aus Deutschland. Der Traffic stimmt uns auch zufrieden, ein Grossteil davon gehört aber «Spiegel online».

Wermutstropfen

  • Leider konnten wir für das Projekt keinen Werbepartner finden.
  • Die technischen Probleme am ersten Tag waren ärgerlich: Überlastung der Server.
  • 95 Prozent des Traffics darf «Spiegel online» verbuchen.

Am Ende bleibt eine Frage: Hätte das Quiz in Europa auch eingeschlagen, wenn wir es ohne «Spiegel online» publiziert hätten? Hätte es sich auch nur von der Schweiz aus viral verbreitet? Oder ist ein starker Kooperationspartner unabdingbar für den Erfolg jenseits der Landesgrenze?

Bedanken für das Projekt möchte ich mich bei allen Beteiligten:

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13 Kommentare zu “Wie wir mit unserem Dialekt-Quiz eine Million Menschen erreichten”

  1. ra koch sagt:

    Eine Menge alter Sprachen sind verglüht. Das modernere Deutsch ist Stück für Stück auch dabei, sich einem übergeordneten Raster zu beugen (die blühende Landschaft der Möglichkeiten bildlich zu vervollkommnen weicht aufgedungenen Normen). Und sie wird internationalisiert; Beispiel Konnektivität anstelle von Verbindung. Dialekte in Urform schätze ich, mag man sich an Zeiten der Urgrosseltern zurückbesinnen; ähnlich den indianischen Charaktere, die buchstäblich eliminiert wurden.

  2. antonietta vernazza sagt:

    Ich wohne seit20Jahren in Italien.Ich bin in Bern geboren und bin dort aufgewachsen.Ich wollte mal sehen ob ich es noch kenne.Das Risultat war nicht schlecht,danke

  3. Albert Seiler sagt:

    Ein weiterer möglicher Grund für den relativ bescheidenen traffic in der CH: Das Veröffentlichungs-Datum. Ich hab meine 20 Gratis-Artikel bis zum 25. des jeweiligen Monats meistens schon verbraucht.

  4. Remo Gasser sagt:

    Lustig aber überflüssig. Mit Isotopenverteilung von massenspektrometisch analysierten Zahnschmelzproben kann die Herkunft viel genauer bestimmt werden. Und: Lügen ist zwecklos.

  5. Milamar sagt:

    Ich würde noch die Frage zur Apfelkitsche (Kerngehäuse vom Apfel) aufnehmen. Dafür gibt es auch ganz viele tolle regionale Ausdrücke

  6. Barbara Rina sagt:

    Ich wurde richtig zugeordnet, obwohl nicht alle Ausdrücke vorhanden waren:

    In Basel sagt man zu fünfzen: fuffzäh
    und zum Brotanschnitt: Grüpfli

    Die haben gefehlt.

  7. k.b. sagt:

    beim brotanschnitt bzw. ende fehlte mir die auswahl “gupf”

  8. Jack Stoffel sagt:

    Skandal! Das Quiz hat mich nach Winterthur verbannt… Nie im Leben würde ich freiwillig so was Hässliches wie die dortige Mundart sprechen! Bei einigen Fragen habe ich “meinen” Mundartausdruck gar nicht in der Auswahl gefunden oder musste eine “falsche” Ausspracheversion anklicken.
    Übrigens: Beim entsprechenden Test beim “Chochichästli-Orakel” stimmte das Resultat ziemlich genau.

    • Peter Weber sagt:

      Danke Herr Stoffel, dass Sie die doch relativ unspektakuläre Winterthurer Mundart dermassen verunglimpfen. Darf ich fragen, welchem Dialekt Sie sich zugehörig fühlen?

  9. hans ulrich schwyzer sagt:

    der quiz war lustig. muss aber auch zugeben, dass ich erst dachte es wäre eine initiative von spiegelonline gewesen, und begeistert weil es bei mir den nagel auf dem kopf traf (stadt zürich) – gleichzeitig aber etwas verwundert weil die 5 wahrscheinlichsten städte in 4 kantonen waren (ZH, AG, SZ, SG), was mir zu denken gab ob mein dialekt wohl doch nicht so klar zürcherisch ist – oder der quiz halt deutsch. ein bekannter der aus dem tiefsten aargau stammt bekam dann aber die genau gleichen resultate, obschon ich finde dass sein dialekt zT ganz anders klingt (mir ghöred soöppis halt use). somit wurde uns klar, dass die schweizerischen daten wohl eher nur auf kantonsebene vorhanden sind; als zürcher ist man entweder stadtzürcher oder w’thurer, als ostschweizer ist man st galler, und städte im aargau alle mit aarau gleichgesetzt wurden. ergo kann ich gut verstehen dass vorallem die deutschen insgesamt mehr resonanz und spass am quiz hatten.

    • Manfred Grieshaber sagt:

      Dieses Quiz arbeit mit einer sehr kleinen Auswahl typische Worte aus den verschiedenen Dialektgebieten.
      Wissenschaftlich wurden die verschiedenen deutschen Dialekte ab 1876 im deutschen Reich und später auch in Österreich und der Schweiz erfasst (Wenker-Fragebögen). Man übernahm später die Methoden der französischen Sprachforschung bei der auch die Phonetik sowie kulturhistorische Zusammenhänge dokumentiert wurden. Zentrum der Sprachforschung ist die Universität Marburg / Lahn. Dort hat man die riesige Zahl der Fragebögen mit Geodaten digitalisiert.Die öffentlich zugänglichen Daten haben aktuell eine Größe von über 1 Terrabyte.
      Würde man diese Datenbank als Basis für das Quiz nehmen könnte wohl jeder Schweizer exakt seinen Wohnort finden. Dafür müssten aber die Fragen viel umfangreicher sein. Allein die Beantwortung solcher Fragebögen würde Stunden dauern. Das würde auf jeden Fall den Rahmen einer Tageszeitung sprengen.

  10. E. Honegger sagt:

    Es war ein herrlicher und intelligenter Spass. Und – obwohl ich mir einbilde Hochdeutsch zu sprechen, hat der Test meine Heimatstadt bis auf 30 km richtig geortet. Gratulation!

  11. K. Bühler sagt:

    Meine Familie, vier Erwachsenen aufgewachsen und lebend im Raum Karlsruhe – Achern, wurde im Test im Großraum Stuttgart verortet. Unser Sprachschatz ist allerdings süd-rheinfränkisch und niederallemannisch geprägt. Haben uns die expansiven Zentralschwaben unterwandert?