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Warum es im Wallis und in Graubünden mehr Lawinentote gibt als in Bern

Von Martin Wilhelm, 2. Februar 2015 Kommentarfunktion geschlossen
Besonders viele Lawinenunglücke ereignen sich im Wallis und in Graubünden – das Berner Oberland scheint sicherer. Ein Lawinenprognostiker hat sich auf die Spur des Phänomens gemacht.
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Unsere interaktive Karte mit allen tödlichen Lawinenunfällen in der Schweiz seit 2004 erlaubt es, die räumliche Verteilung der Unglücke abzubilden. Was fällt auf?

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Auf den ersten Blick verteilen sich die Lawinenunglücke über das gesamte Alpengebiet. Auf den zweiten Blick fällt aber auf, dass sich besonders viele Lawinenunglücke im Wallis und in Graubünden (dort starben am Wochenende wiederum 5 Skitourengänger) ereignen. Bern, der dritte grosse Bergkanton, verzeichnet hingegen deutlich weniger Lawinenunglücke:

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Eine mögliche Erklärung für die ungleiche Verteilung wäre, dass im Wallis und in Graubünden deutlich häufiger Tourengänger und Variantenfahrer unterwegs sind als im Kanton Bern. Dagegen spricht aber, dass das Berner Oberland bei Skitourengängern als sehr beliebt gilt.

Um dem Phänomen auf die Spur zu kommen, hat der Lawinenprognostiker Frank Techel vom SLF nach einer Möglichkeit gesucht, die Verteilung der tödlichen Lawinenunglücke mit jener der Tourenaktivität zu vergleichen. Zunächst hat er die räumliche Verteilung der Lawinenunglücke auf einer Karte dargestellt:

 

Anschliessend hat er nach Daten gesucht, um die Tourenaktivität nach Regionen zu schätzen. Fündig wurde er bei mehreren Bergsportportalen, auf denen Tourengänger eintragen, welche Routen sie absolviert bzw. welche Gipfel sie erreicht haben.

 

Anhand der Einträge auf den Bergsportportalen lässt sich also darauf schliessen, dass im Berner Oberland tatsächlich viele Tourengänger unterwegs sind. Höher, als die Zahl der Lawinenunglücke es vermuten liesse, scheint die Tourenaktivität auch am restlichen Alpennordhang zu sein. Überdurchschnittlich viele Lawinenunglücke gibt es in Teilen Graubündens und des Wallis.

Wie also kommt die Verteilung der Lawinenunglücke zustande? Lawinenprognostiker Techel zieht zur Erklärung einen weiteren Faktor heran: «Das Wallis und Graubünden haben häufiger ein Altschneeproblem.»

Zur Erklärung: Die typische Skifahrerlawine ist die Schneebrettlawine. Dabei gleitet ein Teil der Schneedecke auf einer darunterliegenden Schneeschicht ab.

LAWINENNIEDERGANG, LAWINENABGANG, SKIGEBIET,Ausgelöst durch einen Skifahrer: Anriss einer Schneebrettlawine am Piz Nair bei St. Moritz. (27. Dezember 2013) (Bild: Giancarlo Cattaneo/Keystone)

Schneebrettlawinen können sich einerseits lösen, wenn sich Neuschnee oder Triebschnee noch ungenügend mit dem darunterliegenden Schnee verbunden hat. Andererseits können auch längere Zeit nach Schneefall tiefer in der Schneedecke Schwachschichten bestehen, die bei entsprechender Belastung brechen. Sind sie massgebend für die Lawinengefahr, spricht man von einem Altschneeproblem.

Altschneeprobleme treten häufiger bei geringen Schneemengen auf. Weil die grossen Niederschläge in der Regel von Norden oder von Süden her auf die grossen Alpenkämme treffen, bekommen die dazwischengelegenen inneralpinen Gebiete im Wallis und in Graubünden im Durchschnitt weniger Schnee ab – und weisen dadurch öfter einen ungünstigen Schneedeckenaufbau auf:

Der Schneedeckenaufbau im Vergleich: Regionen mit einem häufiger und markanter ausgeprägten Altschneeproblem in den Wintern 2009/10 bis 2013/14. Rot die inneralpinen Gebiete. (Quelle: SLF)

Snowboarder und Skifahrer mögen sich nun fragen, was dieser Befund für sie bedeutet. Das Wallis und Graubünden zu meiden und andernorts unbekümmert die Hänge hinabzuschwingen, wäre falsch. «Man darf nicht vergessen, dass sich jeder Winter unterscheidet und sich auch in anderen Regionen Gefahren im Altschnee verstecken können», sagt Frank Techel. Der Lawinenprognostiker rät, Hinweise auf Altschneeprobleme im Lawinenbulletin ernst zu nehmen. «Tourengänger und Variantenfahrer sollten in diesen Situationen selten befahrene Hänge nur defensiv anspuren und genügend Abstand einhalten oder diese Hänge sogar meiden.» Die Reduktionsmethode als Mittel zur Risikobeurteilung empfiehlt das SLF bei Altschneeproblemen defensiv anzuwenden.

Besonders heimtückisch sind die Schwachschichten im Altschnee, weil sie häufig vorkommen, während die Lawinengefahr nur mässig ist (Gefahrenstufe 2 im Lawinenbulletin). Oft gehen in den betroffenen Gebieten während mehrerer Tage keine Lawinen nieder.

Stärker gefährdet durch Altschneeprobleme sind Tourengänger. Während diese in abgelegenen Gebieten öfter auch Tage nach dem letzten Schneefall noch unberührte Hänge befahren, profitieren die Variantenfahrer vielfach vom «Variantenbonus»: Sie befahren oft Hänge, die im Verlaufe des Winters regelmässig befahren werden, wodurch Schwachschichten im Schnee gestört werden. Zunichtegemacht wird dieser Bonus oft dadurch, dass Variantenfahrer bei Neuschnee so rasch wie möglich die noch unberührten Hänge befahren und somit tendenziell bei höherer Lawinengefahr unterwegs sind. Variantenfahrer verunglücken denn auch öfter als Tourengänger bei erheblicher Lawinengefahr: