Logo

An diesen Hängen rissen Lawinen Menschen in den Tod

Von Martin Wilhelm, 2. Februar 2015 4 Kommentare »
Eine interaktive Karte zeigt alle tödlichen Lawinenunglücke seit 2004. Die Zahl der Lawinentoten ist in den letzten Jahrzehnten gesunken. Entscheidend dafür sind drei Entwicklungen.
Stichworte:, ,

 

 

Für die Vollbild-Ansicht hier klicken

In der Schweiz kommen pro Jahr durchschnittlich 22 Menschen in Lawinen um. Die meisten von ihnen sind Tourengänger. Hinzu kommen etwas weniger als halb so viele Variantenfahrer, also Snowboarder oder Skifahrer, die in Skigebieten abseits der markierten Pisten unterwegs sind:

Für iPhone-Nutzer: Wenn an dieser Stelle die Grafik in der nativen App nicht angezeigt wird, dann aktualisieren Sie die Seite bitte mit dem Reload-Button unten rechts. Das technische Problem wird mit dem nächsten Update-Release behoben werden.

Um Erkenntnisse für die Prävention von Lawinenunglücken zu gewinnen, führt das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos eine Datenbank mit allen tödlichen Lawinenunfällen in der Schweiz. Mit erfasst werden darin die Koordinaten des Unfallorts. Dies erlaubt es, die räumliche Verteilung der Unglücke abzubilden. In unserer Visualisierung sind alle tödlichen Lawinenunglücke vom Herbst 2004 bis heute 1. Februar 2015 abgebildet. Damit sind auch die vier Unglücke mit insgesamt acht Toten vom Wochenende berücksichtigt.

Auffallend ist, dass es in den letzten Jahrzehnten kaum Tote in Gebäuden und auf Verkehrswegen gab. Hier zeigen Schutzmassnahmen wie Verbauungen und Sprengungen ihre Wirkung. Auch im Lawinenwinter 1999 wäre es ohne diese Massnahmen vermutlich zu viel mehr Toten gekommen – womöglich zu so vielen wie im Lawinenwinter 1951.

 

(Quelle: SLF)

Die zweite für die Zahl der Lawinentoten entscheidende Entwicklung ist die zunehmende Verbreitung des Tourengehens. Ab den 60er- und vor allem 70er-Jahren ist ein deutlicher Anstieg der Lawinentoten im freien Gelände ersichtlich. Zahlen für die Steiermark in Österreich zeigen, dass in diesen Jahren das starke Wachstum der Tourenaktivität begann:

Screen Shot 2015-01-21 at 12.05.54 pm(Quelle: Martin Oberlechner/Christoph Schitter/Universität Graz)

Nach den 70er-Jahren verläuft die Entwicklung von Tourenaktivität und Lawinentoten allerdings nicht mehr parallel. In den letzten Jahrzehnten ist die durchschnittliche Zahl der Lawinentoten wieder gesunken – von rund 28 auf rund 22:

Wie lässt sich dies erklären? Entscheidend dürften drei Entwicklungen sein:

  • Die Tourengänger sind heute viel besser ausgebildet und informiert als früher. Dadurch gehen sie weniger grosse Gefahren ein.
  • Den vielleicht markantesten Unterschied dürften die Lawinenverschüttetensuchgeräte (LVS) machen. Dank ihnen können verschüttete Personen rascher geortet werden – öfters auch gleich durch nicht verschüttete Mitglieder einer Tourengruppe. Ohne dieses Hilfsmittel ist es für Kameraden fast unmöglich, eine vollständig verschüttete Person zu finden.
  • Die professionellen Bergretter sind dank spezialisierten Teams besser organisiert und mit modernen Helikoptern und sonstigem Material besser ausgerüstet.

Die durchschnittliche Verschüttungszeit bei Lawinenunfällen ist in den letzten Jahren entsprechend gesunken, wie eine Auswertung des SLF zeigt. Dadurch steigt die Chance der Verschütteten zu überleben. «Sobald jemand verschüttet ist, zählt jede Minute», sagt Techel. Wie die Daten zeigen, sinkt die Überlebenschance von Verschütteten nach 15 Minuten rapide ab:

Anteil überlebender Personen bei Ganzverschüttungen im freien Gelände von 1992/93 bis 2011/12 sowie die Reduktion der durchschnittlichen Rettungszeit im selben Zeitraum. (Quelle: SLF).

Wie die Daten der Lawinenunglücke zeigen, kommen in seltenen Fällen übrigens auch jene zu Schaden, die für die Sicherheit der anderen sorgen. Das vielleicht tragischste Unglück ereignete sich 2010 im hinteren Diemtigtal im Kanton Bern. Nachdem ein Angehöriger einer achtköpfigen Tourengruppe beim Aufstieg unterhalb des Bodezehore von einem Schneebrett verschüttet, aber mithilfe weiterer Tourenfahrer geborgen worden war und vom inzwischen eingetroffenen Arzt der Rega betreut wurde, löste sich eine zweite Lawine und verschüttete zwölf Personen. Sieben davon starben, darunter der Arzt.

SUCHE, SUCHTRUPP, RETTUNG, RETTUNGSMANNSCHAFT, LAWINE, LAWINENUNGLUECK, AUGUSTA A 109 K2,Eine zweite Lawine verschüttete die Retter: Helfer suchen im Gebiet Chummli im Diemtigtal nach Vermissten. (5. Januar 2010) (Bild: Lukas Lehmann/Keystone)

4 Kommentare zu “An diesen Hängen rissen Lawinen Menschen in den Tod”

  1. Daniel sagt:

    Stimmt schon, sicher ist es nie. Aber es das Bewusstsein, dass die Berge unglaublich mächtig sind, nimmt generell ab. Besonders bei Touristen, die für ein oder zwei Wochen in die Berge fahren, ist es kaum vorhanden. Die fahren in ein Hotel am Brenner oder sonst wohin und wollen dann gefälligst auf die Piste. Komme, was da wolle.

  2. Cornel Strasser sagt:

    Merkwürdig, dass beim Piz Nair “nur” ein Toter erwähnt wird, sind dort doch innerhalb der letzten zwei Jahre zwei Personen ums Leben gekommen. Entweder ist das Datenmaterial mangelhaft, oder aber es ist nicht transparent, wie die Toten gezählt werden.

  3. Ruburki sagt:

    Alles Warnen nützt offenbar nicht viel. Ich kann mir nicht vorstellen, warum bei dieser Lawinensituation überhaupt
    Tourenfahrten unternommen werden. Auch wenn solche lange im voraus geplant sind, muss man verzichten können.
    Gleiches gilt ja auch im Sommer für Bergtouren: bei schlechtem Wetter verschieben.

    • Anton Meier sagt:

      Die meisten Lawinentoten sind immer noch bei Gefahrenstufe 2 (mässig) zu beklagen, nicht bei Gefahrenstuffe 3. Die Frage ist also nur nicht einfach, “wann” man auf Tour geht (“sicher” ist es nie), sondern ob man entweder nie den Fernseher oder die Piste zu verlässt, oder aber eigenverantwortlich beurteil, ob man “DAS” Risiko auf sich nehmen will. Was nicht ausschliesst, “DAS” Risiko durch geeignete Strategien grösser oder kleiner zu tolerieren. Uebrigens, noch mehr Tote als bei Lawinen gibt es beim Wandern, offenbar nützt auch da alles Warnen nichts…