Logo

Der Kampf um die Reichen

Von Iwan Städler, 31. Oktober 2014 Kommentarfunktion geschlossen
Der Fiskus belastet die Vermögen heute deutlich moderater als früher. Sechs Kantone haben die Steuern seit dem Jahr 2000 sogar mehr als halbiert.
Stichworte:, ,

Gute Steuerzahler sind begehrt. Die Kantone lassen sich daher einiges einfallen, wie sie Reiche anlocken können. Vielerorts versuchten sie es mit einer Reduktion der Vermögenssteuer. Am radikalsten ging dabei der Kanton Uri vor. Dort ist für ein Vermögen von 5 Millionen Franken nur noch ein Drittel dessen fällig, was der Fiskus im Jahr 2000 verlangte.

Vor 14 Jahren musste ein Verheira­teter ohne Kinder im Urner Hauptort Altdorf noch 6,3 Promille seines 5-Millionen-Vermögens abliefern, also rund 31 500 Franken. Im vergangenen Jahr waren es laut der Statistik der Eidge­nössischen Steuerver­waltung nur noch 2,2 Promille, also 11 000 Franken. Auch in Solothurn, Sarnen, Luzern, Schwyz und Frauenfeld sind die Vermögens­steuern für Reiche mehr als halbiert worden.

Balken

 

Wirtschaftsprofessor Marius Brülhart von der Universität Lausanne analysiert gegenwärtig die Auswirkungen dieser Steuerpolitik. Er erklärt sich die massiven Reduktionen dadurch, dass die Kantone bei den Vermögenssteuern mehr Spielraum zum Experimentieren hätten als bei den Einkommenssteuern. Zahle sich die Strategie nicht aus, verlören sie weniger Steuereinnahmen, als wenn sie die Einkommenssteuern entsprechend sänken.

Das Experiment ist aber laut Brülhart nicht unbedingt gelungen, weil die Einnahmen aus den Vermögenssteuern stag­niert hätten – trotz steigender Vermögenswerte. Die angelockten Reichen hätten vielerorts nicht kompensieren können, was durch die Steuersenkung verloren gegangen sei.

In Solothurn ist dies offensichtlich. Dort führte die happige Steuerreduktion nur zu einem sehr geringen Anstieg des durchschnittlichen Vermögens. Auch Luzern und Thurgau vermochten nicht massiv zuzulegen. In Schwyz hingegen zahlte sich die Tiefsteuerstrategie aus. Dort hat sich das Durchschnittsvermögen mehr als verdoppelt und ist nun das höchste der Schweiz. Auch Obwalden scheint auf gutem Weg zu sein.

Gewaltige Unterschiede

Offenbar sind Reduktionen der Vermögenssteuer dann erfolgreich, wenn man damit zur Spitzengruppe der günstigsten Kantone aufschliessen kann – ansonsten eher nicht. Dies erscheint auch plausibel, wenn man sich in die Situation der Hochvermögenden versetzt. Sie scheinen sich zu sagen: Wenn schon die Steuern optimieren, dann richtig.

Nur sehr moderat gesunken sind die Vermögenssteuersätze in den Kantonen Tessin, Neuenburg, Wallis und Genf. In keinem Hauptort dieser Kantone reduzierte sich die Belastung um mehr als 5 Prozent.

Überdies fällt auf, dass bei der Vermögenssteuer die Unterschiede zwischen den Kantonen deutlich grösser sind als bei der Einkommenssteuer. Am stärksten werden die Reichen in Genf zur Kasse gebeten. Dort müssen fünffache Millionäre 8,7 Promille ihres Vermögens abliefern, also 43 500 Franken. Auch Basel, Lausanne und Liestal langen kräftig zu. Im nidwaldischen Stans hingegen verlangt der Fiskus nur ein Siebtel dessen, was in Genf fällig wird. Auch Sarnen, Schwyz, Altdorf und Solothurn geben sich moderat.

Der Trick der Berner

Zürich ist mit 5,0 Promille im Mittelfeld. Und Bern behilft sich mit einem Trick: Dort wären bei einem 5-Millionen-Vermögen zwar 5,9 Promille fällig, doch der Kanton kennt eine sogenannte Vermögenssteuerbremse. Laut dem Berner Steuergesetz muss niemand mehr als ein Viertel seines Vermögensertrags abliefern – mindestens allerdings 2,4 Promille des Vermögens. Das tönt kompliziert, lässt sich aber einfach zusammenfassen: Ein geschickter Steuerberater kann die Vermögenssteuerlast auf 2,4 Promille drücken – mithilfe steuerfreier Kapitalgewinne und Schuldzinsen. Damit ist der Berner Fiskus beim Vermögen relativ günstig.

Dies hatte auch der Segler und einstige Unternehmer Ernesto Bertarelli gemerkt, bevor er sich 2007 in Gstaad niederliess. Die Vermögenssteuer ist für sehr Reiche wie ihn viel wichtiger als die Einkommenssteuer, bei der Bern bekanntlich wenig attraktiv ist.

Erste Kantone haben korrigiert

Zu einer Spezialität ganz anderer Art griff 2006 der Kanton Neuenburg: Um sein Budget aufzubessern, beschloss er eine «ausserordentliche Beteiligung der grossen Vermögen». So mussten die Reichen, die in Neuenburg ohnehin schon überdurchschnittlich stark belastet werden, ein Jahr lang noch mehr Vermögenssteuer abliefern.

Unsere Grafik zeigt auch, dass die Steuersätze in den letzten Jahren deutlich weniger stark reduziert wurden als im vorangegangenen Jahrzehnt. Manchenorts ist die Vermögenssteuer gar wieder leicht gestiegen – etwa in Schwyz und St. Gallen. «Man kann eine Gegenbewegung beobachten», sagt Marius Brülhart. Nach den aggressiven Steuerreduktionen im letzten Jahrzehnt seien etliche Kantone und Gemeinden in finanzielle Schwierigkeiten geraten – auch weil sie vielleicht die Auswirkungen des Finanzausgleichs zu wenig bedacht hätten. Jetzt werde zum Teil korrigiert.

International ist die Schweiz eines der wenigen Länder, das überhaupt eine Vermögenssteuer kennt. Dafür muss man hierzulande die Kapitalgewinne (noch) nicht versteuern. Und Erbschaften werden in vielen Fällen ebenfalls nicht belastet.

Kommentarfunktion geschlossen.