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Wo Kickstarter kickt

Von Matthias Schüssler, 26. Februar 2014 4 Kommentare »
Schlüsselt man die Projekte von Kickstarter.com nach Ländern auf, zeigt sich: Europa hat bei der globalen Schwarmfinanzierung noch grossen Aufholbedarf, nur Grossbritannien und eine kleine Insel sind vorne mit dabei.
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Insgesamt 132’476 Projekte sind bei der populären Crowdfunding-Plattform Kickstarter aufgeführt. Davon stammen lediglich 33 Projekte aus der Schweiz – das sind 0,25 Promille. Ist das nicht beschämend für den Forschungsstandort Schweiz und die hiesige Start-up-Szene? Eine Blamage für Zürich – das sich als IKT-Mekka Europas sieht («Tagesanzeiger» vom 3. November 2010: «Die Bankenstadt wandelt sich zum Silicon Valley»)?

Nicht unbedingt. Mit 100-days.net und Wemakeit.ch existieren zwei Schweizer Plattformen, die sich für lokale und regionale Projekte grosser Beliebtheit erfreuen und beweisen, dass Crowdfunding auch hierzulande eine etablierte Form der Finanzierung darstellt. 323 Projekte vermeldet 100 days. Wemakeit.ch gibt 545 erfolgreiche Projekte an. Die Kickstarter-Zahlen für die Schweiz legen jedoch nahe, dass es sich nur sehr wenige Personen hierzulande zutrauen, gleich die ganze Welt verändern zu wollen. Sie suchen sich die Geldgeber lieber im Inland, als über Kickstarter oder Indiegogo eine Finanzierung durch ein weltweites Publikum anzustossen.

Den globalen Impetus lassen die Europäer aber generell vermissen, wie die Kickstarter-Zahlen zeigen. Mit 117’066 Projekten (Stand: 19. Februar 2014) kommt der Löwenanteil (88 Prozent) aus den Vereinigten Staaten. 18,7 Prozent steuert Kalifornien bei und 2,5 Prozent sind in San Francisco beheimatet.

Deutschland steht im Vergleich zu der Schweiz nicht besser da: Das Land ist mit 308 Projekten oder 0,23 Prozent bei Kickstarter vertreten. Finnland, Frankreich und Italien rangieren alle unter ferner liefen. Zwei Ausnahmen gibt es indes: Das Vereinigte Königreich stellt fast 5 Prozent der Projekte (2 Prozent aus London). Und die Internet-affinen Isländer haben 60 Projekte auf die Beine gestellt. Das ist, gemessen an der Bevölkerungszahl, fast fünfzigmal so viel wie die Schweiz.

In der Geschichte von Kickstarter wurden bisher mit rund einer Milliarde US-Dollar 56’447 Projekte finanziert. Die Statistik gibt auch einen interessanten Einblick, in welchem Umfang Geld gesammelt wird. 63 Prozent der Projekte veranschlagen zwischen Tausend und Zehntausend Dollar. Nur zwei Prozent der Projekte erheben zwischen 100’000 und einer Million. Es sind fast nur Spiele, die in der Millionenliga spielen.

Wir haben die erfolgreichen Projekte den gescheiterten gegenübergestellt. Anteilmässig am wenigsten Projekte sind im Bereich Tanz gescheitert. Auch bei Theater und Musik haben vergleichsweise viele Ideen Geld erhalten. Bei Fotografie, Spielen, Technologieideen und Publishing gelingt nur eins von drei Projekten. Am wenigsten Erfolg versprechend sind die Start-ups in der Modebranche.

 

Zwei bekannte Plattformen

Eine Reihe von Plattformen stellen sich für Projekte zur Verfügung, die auf klassischem Weg, per Bankkredit oder Risikokapital, nicht finanziert werden können – oder deren Urheber eine ausreichend gute Vernetzung in ihrer Community haben, dass sie sich Projekte direkt von ihren Kunden vorfinanzieren können. Wer als Kreditgeber ein Projekt unterstützt, erhält in aller Regel nicht nur das fertige Produkt, sondern je nach Höhe der Finanzierung auch zusätzliche Anreize wie beispielsweise ein exklusives Abendessen mit den Projektverantwortlichen.

Die zwei international bekannten Plattformen sind Kickstarter und Indiegogo. Indiegogo.com wurde 2008 in San Francisco gegründet, Kickstarter ein Jahr später in New York. Welche Plattform wichtiger ist, lässt sich schlecht abschätzen, da Indiegogo kaum Geschäftszahlen veröffentlicht. Techcrunch.com schrieb im August 2013, Indiegogo spiele beim Crowdfunding die zweite Geige. Das Investitionsvolumen ist laut dem Beitrag bei Kickstarter rund sechsmal so gross.

Kickstarter funktioniert nach dem Prinzip alles oder nichts. Nur wenn innerhalb der gesetzten Frist die ganze Finanzierung zusammenkommt, wird das Geld ausgeschüttet. Bei Indiegogo kann ein Projektbetreiber sich auch eine Teilsumme auszahlen lassen, wenn er sein Ziel nicht erreicht, dann allerdings zu einer höheren Gebühr für Indiegogo. Indiegogo ist auch weniger streng, was die zugelassenen Projekte angeht. Auf Indiegogo kann man sich auch seine Studiengebühren oder einen neuen Computer finanzieren lassen. Bei Kickstarter werden nur Projekte zugelassen, die ein klares (verkaufbares) Resultat haben.

Bei der Interpretation der Daten ist zu berücksichtigen, dass für die Lancierung eines Kickstarter-Projekts der Unternehmer über ein US-Bankkonto verfügen muss. Entsprechend sind die Hürden für US-amerikanische Unternehmer etwas geringer als beispielsweise für schweizerische.

4 Kommentare zu “Wo Kickstarter kickt”

  1. Es ist in der Tat sehr aufwändig, als Schweizer auf Kickstarter zu landen – aber nicht unmöglich. Unser Projekt Rundercover wurde heute akzeptiert und geht in den nächsten Tagen live. Wir haben den Umweg auf uns genommen, weil die Reichweite und Brand ungleich stärker ist als bei WeMakeIt und co

    • Carine Troxler sagt:

      Lieber Peter, wäre toll, wenn du verraten würdest, wie ihr das angestellt habt. Hat jemand Familie in den US, oder Freunde, die das für euch gemacht haben. Wie habt ihr das Geldtransferproblem gelöst, wie sieht es mit Steuern aus, etc.? Wäre toll, wenn Du/Ihr eine kleine Anleitung ins Netz stellt.

  2. Peter Müller sagt:

    In den meisten europäischen Ländern die Schwarmfinanzierung juristisch äusserst heikel. Man braucht also immer jemanden in US/UK (oder andere offiziell unterstützte Länder) der für das ganze Projekt bürgt und das Geld entgegen nimmt. Dann muss das ganze Geld noch zurück zum Urheber – bei grösseren Beträgen sicher nicht einfach. Dazu noch Steuern usw.

    Für die meisten Projekte ausserhalb unterstützter Länder, dürfte die klassische Investorensuche sich also weiterhin eher lohnen.

  3. Peter Gutknecht sagt:

    Dass auf http://www.kickstarter.com wenig Schweizer Investoren zu finden sind, hat den einfachen Grund, dass diese Plattform Schweizer Projekte gar nîcht zulässt (nur USA & GB erlaubt ?). Die Prämien, die man als Investor erhält, sind oft an die USA gebunden (Gratis-Versand in USA; in die Schweiz darf der Geldgeber das Porto selbst berappen). Da es eine Schwarmfinanzierung ist, investieren natürlich zuerst mal die Bekannten der am Projekt Beteiligten, und die sind eben meist Amis.

    Es gibt einige kleine Schwarmfinanzierer in der Schweiz, die die kritische Masse kaum erreichen; ich hoffe, das Flaggschiff, http://www.kickstarter.com, setzt bald einen Fuss in die Schweiz; denn denen würde ich einen absoluten Erfolg zutrauen.