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Wo die Schweizer wie alt werden

Von Barnaby Skinner, 7. September 2014 Kommentarfunktion geschlossen
Die interaktive Sterbekarte auf Gemeindeebene zeigt, wie unterschiedlich die Lebenserwartung in der Schweiz ist.
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Sag mir, wo du wohnst, und ich sage dir, wie alt du wirst. Das behauptet eine kürzlich erschienene Studie der Universität Bern, die die Mortalitätsstatistik auf lokale Ebene herunterge­brochen hat; genauer gesagt auf 1,3 Millionen Nachbarschaften im Zeitraum von 2000 bis 2008.

Die nachfolgende visualisierte Schweizer Mortalitätsstatistik auf Gemeindeebene zeigt, wie unterschiedlich die Lebenserwartung schweizweit ist – selbst in kleinräumigen Gegenden – und wie eng sie mit den sozio­ökonomischen Verhältnissen von Wohnlagen verknüpft ist.

Es zeigt sich, dass die Lebenserwartung in städtischen, wohl­ha­ben­deren Lagen am höchsten ist. In ländlichen, ärmeren Gegenden ist sie um bis zu fünf Jahre ­tiefer. Die Erkenntnis ist nicht neu. Nur haben sich die Behörden bisher nicht an lokale Datenauswertungen gewagt, sondern auf kantonalen Darstellungen beharrt.

Die neue Analyse geht weiter, teilweise bis auf Strassenebene. Dabei kommen selbst in klein­räumigen Gegenden grosse Unterschiede zum Vorschein. Auffällig ist die Innerschweiz. Während in Unterschächen die durchschnitt­liche Lebenserwartung von 30-Jährigen nur 77,9 Jahre beträgt, leben die Menschen im nur 40 Kilometer entfernten Luzerner Vorort Meggen im Schnitt über drei Jahre länger. Im Wallis sticht die Gemeinde Hérémence hervor. Hier werden die Einwohner im Schnitt 81,2 Jahre alt. Im benachbarten Evolène sind es knapp drei Jahre weniger.

Aus Bergtälern wegziehen

Für die Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK) liegt der Schlüssel zur Erklärung in der Bevölkerungsbewegung. Gerade Gutgebildete würde es aus den Bergtälern wegziehen, weil sie dort keine ­Beschäftigung fänden. Die GDK kommt zum Schluss, dass nicht das Gesundheitssystem der Grund der «beträchtlichen Unterschiede» sei. «Sie hängen vielmehr von den Faktoren Bildung, Sozialwesen und Raumplanung ab», sagt Michael Jordi von der GDK.

Die erst kürzlich publizierte Studie hat beim Bund bereits dazu geführt, Präventionsstrategien für nicht übertragbare Krankheiten wie Krebs oder Diabetes zu überdenken. Jordi vermutet, dass die Studie den Kantonen helfen könnte, sozial benachteiligte Gruppen zu identifizieren, um künftig vielleicht in gewissen Nachbarschaften mehr in die Aufklärung zu investieren als in anderen Gemeinden.

«Ich verstehe nicht»

Die lokale Errechnung der Lebenserwartung wird auch kritisiert. «Ich verstehe nicht, wie sie unsere Gesundheitspolitik verbessern soll», sagt Arnaud Chiolero, Chef­arzt für Epidemiologe am Walliser Gesundheitsobservatorium. Es sei ­interessant, zu wissen, dass die Bürger von Hérémence drei Jahre länger lebten als ihre Nachbarn. «Nur habe ich schlicht keine Erklärung, warum», sagte Chiolero.

Damit gibt sich die GDK nicht zufrieden. So wurde die Vereinigung der kantonalen Beauftragten für Gesundheitsförderung bereits angewiesen, ebensolche Lokalphä­nomene genauer zu untersuchen.

Reportage

Sterben im Schächtental: Laut Forschern ist hier die Lebenserwartung die tiefste im Land – Spurensuche der «SonntagsZeitung» zwischen 1000 und 1600 Meter über Meer. Zur Reportage (kostenpflichtig).