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Shaqiri grösser als Messi und Neymar

Von DB, 13. Juli 2014 2 Kommentare »
Auf Twitter war die Fussball-WM das wichtigste Ereignis seit es den Dienst gibt. Wir zeichnen mit Schweizer Tweets die Fieberkurve der letzten Tage nach: Über Nati-Selfies und Nazi-Vorurteile.

Von Julian Schmidli und Barnaby Skinner

«Leitmedium Fernseher?», fragte sich ein SRF-Zuschauer am vergangenen Mittwochabend und ergänzte: «Die heutige Tagesschau zeigt primär Clippings von Youtube, Twitter und anderen Social-Media-Plattformen zur Fussball-WM.» Gegenstand der Berichterstattung war die Aufarbeitung des Brasilien-Debakels gegen Deutschland.

Tatsächlich könnte man getrost die Rollläden am einstigen Fenster zur Welt herunterlassen. Man erlebt auch in der Schweiz während Grossanlässen wie der Fussballweltmeisterschaft dennoch hautnah mit, was sich im rund 10’000 Kilometer entfernten Brasilien tut. Hauptgrund dafür ist das Netzwerk Twitter. Der Dienst eignet sich besonders als Echtzeitmedium, weil Nutzer maximal 140 Zeichen Platz haben, um spontan auf ein Video zu verlinken, ein Foto zu veröffentlichen oder einfach die Freude über die Führung des eigenen Teams loszuwerden: «GOOAAAAAAAAAAAL!!!!»

Der Medienbeobachter Argus hat während dem Fussballturnier in Brasilien vom 9. Juni bis 9. Juli insgesamt 96’928 WM-relevante Tweets von Schweizern und Schweizerinnen gesammelt. Die «SonntagsZeitung» hat dieses Flickwerk an Emotionen in einer Fussballfieberkurve visualisiert. Sie erinnert auch an die Darstellung des Blutdrucks im Spital. Jede Spitze steht für einen Herzschlag, respektive Spieltag. Schert die Kurve aus, spielte höchstwahrscheinlich Hitzfelds Mannschaft. 15 Prozent aller Tweets zur WM verfassten die Schweizer während die Nati im Einsatz war.

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Und offenbar ärgerten sie sich die Schweizer lauter, als sie sich freuten. Zu keinem anderen Schweizer Spiel wurden mehr Kurzmeldungen verfasst wie zur 2-5 Niederlage gegen Frankreich. Nur das Brasilien-Debakel diese Woche gegen Deutschland beschäftigte die Schweiz mehr. Wie Social-Media-Nutzer überall sonst auf der Welt prasselten auch aus der Schweiz Häme und Spott im Sekundentakt auf die brasilianischen Fussballer nieder.

Für die Schweizer Nati nahm die WM trotz der Niederlage gegen Argentinien einen versöhnlichen Abschluss. Eine Analyse der meist genannten Wörter zeigt, dass vor allem positiv besetzte Adjektive den Wortschatz dominieren wie «stolz» oder «gut».

Für die Nähe zur WM sorgen nicht nur die Zuschauer, sondern auch die WM-Teilnehmer selber. Trainer oder Schiedsrichter sind uns keiner aufgefallen, die regelmässig ihren persönlichen Blick auf die WM bei Social-Media kundtaten. Umso fleissiger waren allerdings die Spieler, vor allem die jüngeren. Shaqiri zum Beispiel. Er schoss nicht nur am meisten Tore, sondern setzte an der WM im Vergleich zu seinen Mannschaftskollegen am meisten Tweets ab. Die meisten waren Selfies von ihn und seinen Kumpels Mehmedi und Dzemaili.

Shaqriri war auch derjenige Spieler, der in Schweiz mit Abstand am meisten Beachtung auf Schweizer Twitter-Konten fand. Selbst Stars wie Ronaldo, Messi oder Neymar stehen hierzulande hinter dem wuseligen Bayern-Spieler hinten an.

Die Analyse der Twitter-Nutzung während der WM bringt auch Unangenehmes hervor. So stellte die US-Publikation Vox fest, wie fest verankert die Assoziation der Deutschen mit Nazis in den USA ist. Während dem Spiel der USA gegen Deutschland schoss die Nennung des Begriffs Nazi nach dem Führungstor der Amerikaner in die Höhe.

Dieser Beitrag erschien auch in der «SonntagsZeitung». Die Grafik stammt von Jürg Candrian.

2 Kommentare zu “Shaqiri grösser als Messi und Neymar”

  1. Magnin sagt:

    Ich glaube man sollte etwas differenzierter sein, wenn man sagt dass die “Rollläden des Fensters zur Welt” runtergehen. Der Peak bei Twitter war also bei 967 Tweets für den Match Sui-Fr. Im Fernsehen haben über 1’500’000 Zuschauer den Match auf SRF geschaut (theoretische Zuschauer die das ganze Spiel geschaut haben, nicht nur draufgezappt). Der Vergleich hinkt also etwas. Natürlich kann man auch schöne Grafiken mit Statistiken machen. Vergesst aber nicht die Skalen und Massstäbe im Blick zu behalten. Regel Nr. 1 in Statistik!

    • Rudolf Steiner sagt:

      Twitter ist sowieso eine völlig irrelevante Plattform und in der Schweiz zu recht völlig unbedeutend. Eine Auswertung von FB-Kommentaren wie sie die NY Times zitiert hat ist da wesenlich interessanter und aussagekräftiger.