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Was die Zürcher stört

Von Julian Schmidli, 11. Juli 2014 25 Kommentare »
Schlaglöcher! Schmutzfinken! Schmierereien! Eine Analyse der Daten der Meldeplattform «Züri wie neu» zeigt, worüber sich die Zürcher in der Stadt aufregen - und wo die schlimmsten Stellen sind.
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Es liest sich wie der Reparaturzettel der Stadt: «Hydrant tropft», «Velo liegt in der Limmat», «Totes Eichhörnchen zu entsorgen». Alles typische Meldungen, die im letzten Jahr bei der Stadt Zürich eingegangen sind. «Züri wie neu» heisst das Pilotprojekt, bei dem während eines Jahres die Bevölkerung aufgefordert wurde, beobachtete Mängel aller Art auf der Online-Plattform zueriwieneu.ch oder den dazugehörigen MobileApps einzusenden. Ob Graffiti, kaputte Ampeln oder Vandalenakte – der Bürger meldet, die Stadt reagiert, alle sind zufrieden. So zumindest lautet die Theorie für die Plattform, die das Ergebnis eines Ideenwettbewerbs ist.

Gestern hat der Stadtrat bekannt gegeben, dass das Projekt ausgeweitet wird. Nach dem Tiefbauamt, dem EWZ oder der Stelle für Entsorgung + Recycling können die Zürcherinnen und Zürcher jetzt auch Meldungen machen, welche die VBZ und die Wasserversorgung betreffen. Die Nutzer gaben der Plattform mehrheitlich gute Noten, heisst es. Sie biete «einen einfachen, direkten Weg zur Verwaltung» und sei «ein starkes Signal für die Bürgerbeteiligung sowie ein Schritt in die digitale Zukunft der Stadt».

Anders als der mobile Kummerkasten Örbi, der zuvo der Bevölkerung eher Trivialitäten entlockte und bereits wieder eingestellt wurde, ist die Plattform also ein Erfolg. Der «Tages-Anzeiger» und der Datenblog haben sich die Daten genauer angeschaut. Basis der Analyse bilden 3200 Meldungen, die zwischen April 2013 und April 2014 eingegangen sind. Aus ihnen lässt sich schliessen, worüber sich Zürich am meisten aufregt – und wo man sich am meisten beklagt.

Das grösste Ärgernis ist offenbar die Qualität der Strassen. Fast die Hälfte aller Meldungen betreffen diese Rubrik. Löcher im Belag, lockere Pflastersteine, gefährliche Schachtdeckel – die Strasseninfrastruktur Zürichs wird von den Einwohnern kritisch begutachtet. Besonders häufig wurden Schäden in den Kreisen 10 und 1 gemeldet. Ein Bürger entdeckte zehn Zentimeter tiefe Löcher auf dem Veloweg und schickte ein Foto. Ein anderer meldete die Beschädigung eines Fussgängerstreifens durch Bauarbeiten direkt vor dem Schulhaus Waidhalde. Eine Busfahrerin der VBZ registrierte, welche Schlaglöcher sie nicht umfahren könne – und die deswegen für Kopfschmerzen ihrer Fahrgäste sorgten.

Der zweite grosse Meckergrund ist der Abfall. Obwohl Zürich mehrmals zu einer der saubersten Städte Europas gekürt wurde, häufen sich die Meldungen von illegal entsorgtem oder herumliegendem Müll. Besonders klar zeigt sich das Problem in den vielbefahrenen Strassen im Kreis 10. Vielerorts werden Veloskelette angeprangert. Ebenso illegaler Sperrmüll: alte Sofas, Fernseher, Tische, Matratzen – einfach auf die Strasse gestellt. An vielen Orten Zürichs, schreibt ein Nutzer, gebe es «generell» eine «Schweinerei».

Interessante Muster lassen sich bei Graffiti erkennen. Am meisten Graffiti werden zwischen Hardbrücke und Bucheggplatz angezeigt. Besonders an der Rosengarten- und Bucheggstrasse sowie in der Gegend um den Bahnhof Wipkingen werden störende Wandmalereien beklagt. «Schon wieder hat es Schmierereien am Wipkinger Bahnhofs-WC. Bitte entfernen!», fordert ein Nutzer. Die Stadt antwortet: «Der Schaden wird an die zuständige Stelle der SBB weitergeleitet.»

Doch es wird nicht nur dort gemeckert, wo es besonders viele gibt, sondern auch da, wo sie besonders stören. So wurden um das bei Touristen beliebte Grossmünster und entlang des Limmatquais viele Graffiti markiert, obwohl die Wände da ziemlich sauber sind. An Graffiti-Schwerpunkten wie entlang der Bahngleise gibt es hingegen fast keine Reklamationen. Daran haben sich die Zürcher offenbar schon gewöhnt. Während viele Meldungen nachvollziehbar scheinen, zeigt sich in anderen der aufgestaute Unmut einzelner Meckerbürger: Sie fallen durch Unverhältnismässigkeit oder barschen Tonfall auf.

Die Mitarbeiter der Stadt, die auf jede dieser öffentlichen Meldungen reagieren, bleiben trotzdem souverän und freundlich. Als jemand einen «Hundegagg» am Strassenrand meldet, antwortet die Verwaltung, dass der Kegel umgehend entfernt werde, «damit Sie die Sauberkeit in dieser Stadt geniessen können». Auf die Meldung eines Velofahrers, dass er eine Veloampel «noch nie grün gesehen» habe, lautet die trockene Antwort: «Die Betätigung des Druckknopfes könnte helfen.»

Die Reklamationen der Zürcherinnen und Zürcher decken ein weites Spektrum ab und machen der Stadtverwaltung Beine. Ein Bürger beklagte sich im Frühling, dass dem beleuchteten «Zürileu» auf einem Hochhaus seit Monaten der Kopf fehle, weil die Lampe dahinter kaputt sei. Besitzer des Hochhauses: die Stadt selber. Ein Bürger findet auf einem Grünstreifen in Höngg ein totes Eichhörnchen. Als sich Tage später der Wildhüter darum kümmern will, ist der Kadaver bereits verschwunden: «Eventuell wurde es bereits von Krähen oder einem Fuchs beseitigt» schreibt die Stadt. «Tote Tiere dürfen Sie gern telefonisch melden, dann sind wir schneller vor Ort.» Eine Meldung über mysteriösen gelb-weissen Schaum auf der Sihl wird flugs der Wasserschutzpolizei weitergeleitet. Ein anderer Einwohner würde gern einen Parkplatz verschieben lassen und fragt dreist: «Wäre das möglich?»

Mit über 500 Meldungen pro Monat im April und Mai 2013 war das Projekt fulminant gestartet. Inzwischen hat sich das Gemecker zwar merklich abgeschwächt, es gibt nur noch knapp über 100 Meldungen monatlich. Mit durchschnittlich 8 Meldungen pro Tag liegt das Resultat aber innerhalb der Erwartungen. Mediensprecher Mike Sgier sagt, dass sich pro Monat zwischen 100 und 250 Personen beteiligt hätten.

Sein Fazit der App ist positiv: «Die Zürcherinnen und Zürcher lieben ihre Stadt und melden Mängel, damit sie noch ein Quäntchen schöner wird.» Diesen Eindruck unterstreicht die Reaktionszeit der Stadt. So wurde auf 76 Prozent der Meldungen innerhalb von zwei Tagen geantwortet. Zwei Drittel der Probleme wurden innert Kürze als behoben markiert, der Rest wurde an die zuständigen Stellen weitergeleitet.

Die gesammelten Roh-Daten sind hier abrufbar. Geübte Programmierer können ausserdem diese (inoffizielle) API benutzen.

25 Kommentare zu “Was die Zürcher stört”

  1. Hanspi sagt:

    Ich lebe zwar in der Provinz, muss aber gelegentlich in die Weltstadt Zürich fahren. Was mir dort am meisten auf den Wecker geht, sind erstens die unzähligen jungdynamischen Männer und Frauen, die sich wie Hundertmeterläufer vorwärtsbewegen, dabei telefonieren und zwischendurch Starbucks-Kaffee trinken oder einen Hamburger verdrücken. Zweitens bekommt man in einem Café das Gefühl vermittelt, man müsse ungemein dankbar sein, dass man überhaupt etwas bestellen dürfe. Mich stören also nicht Schlaglöcher oder dergleichen, sondern die vielen Menschen, die sich so wichtig und unentbehrlich vorkommen.

  2. Nicht-Störerin sagt:

    Einerseits ist es ja gut, wenn störende Dinge beseitigt werden, aber wer setzt den Massstab fürs Stören? Je tiefer die Latte gesetzt wird und je mehr gemotzt, desto mehr Menschen finden, sie haben das Recht oder gar die Pflicht, etwas das sie als störend empfinden, anderen auch zu melden. Aber sie sind in der irrigen Annahme, dass das alle andern auch stört. So ist der Fokus immer mehr auf Negatives und sogenannt Störendes gerichtet – ein ewiger Kreislauf. Ich finde es besser, eine Webseite zu erstellen, in der positive Dinge benannt werden müssen, denn das Fördert den Blickwinkel für Positives!!!

    • adam gretener sagt:

      Na ja, grundsätzlich schon. Aber ich bin schon froh, wenn ein verrutschter Tollendeckel, ein toter Fuchs in der Badi oder der Schwan mit dem Pfeil im Hals gemeldet werden.

  3. Pierre E. Schmid sagt:

    Ich wohne in Kilchberg ZH und fahre sehr oft dem Mythenquai entlang.
    Zwischen Rentenanstalt und der Roten Fabrik ist der Strassenbelag seit Jahren in SEHR SCHLECHTEM Zustand.
    Reparaturen sind stets nur Flickwerk, sodass die Stossdämpfer in den PW´s stark beansprucht werden.
    Auch beim Sitzen in den Bussen 161 und 165 ist das Hottern seit langem sehr stark spürbar.
    Eine Gesamt-Sanierung der Strassenbeläge ist auf dem genannten Stück des Mythenquais dringend notwendig.

    • Ch. Keller sagt:

      Dieser Meldung kann ich mich nur anschliessen, auch ich bin viel auf dieser Strecke unterwegs. Wobei zu sagen ist, dass die Strasse erst auf dem Gemeindegebiet von Kilchberg markant besser wird. Bestehen schon Projekte um diesen Strassenabschnitt einmal gründlich zu sanieren?

  4. Andreas Müller sagt:

    @Viola Nerven
    Zürich sauber? Pützliwahn? Na dann sehen sie sich doch mal Tokyo an. 80 mal mehr Einwohner und trotzdem könnte man in Shibuya von der blanken Strasse ohne essen. Abfall wegschmeissen – ist nicht in Tokyo, und dafür braucht weder die mahnenden Behörden noch eine Meckerapp, Erziehung der Kinder ist die Lösung.

  5. Knöpfel Herbert sagt:

    Über die vielen über Rotlicht fahrenden Gümmeler und auch Alternative möchte ich nichtdiskutieren,aber über die angebundenen Velos an den Brückengeländer und an den unmöglichsten Orten ärgen wir uns sehr. als Automobilist hätten wir jene Bussen aufgebrummt. Herbert und Margreth

    • adam gretener sagt:

      Das liegt evtl daran, dass ein parkendes Auto auf der Quaibrücke sehr stören würde, ein Velo eben nicht. Und nur zur Erinnerung, Sie sind – mit ihrer herrlichen Frau – ebenfalls auf Gümmis unterwegs.

  6. Roger Baumer sagt:

    First world problems…

  7. Bea sagt:

    Das hat nichts mit Meckern zu tun! Diese Möglichkeit des Bürgers, selbst ein wenig mithelfen zu können, ist doch begrüssenswert.
    Ich konnte unkompliziert ein tiefes Schlagloch melden und der Schaden wurde innert kürzester Zeit behoben.
    Aber auch einfach an den Strassenrand gestellt Sofas von dummen Mitbürgern und andere “tolle” Sachen können so gemeldet werden, ohne dass die Stadt ihre Mitarbeiter in allen Quartieren ständig zirkulieren lassen muss. Dafür ist die Kapazität auch gar nicht vorhanden.
    Die meisten Meldungen sind wohl schon berechtigt. Der Velofahrer ist vielleicht auch einfach farbenblind… Die Stadt kann aber anscheinend Doofes oder Unwichtiges sehr gut aussortieren…
    Leute wie Kirschbaum sind die WIRKLICHEN Meckerbürger!

  8. Ruedi Keller sagt:

    nicht zu vergessen die vielen pösen pösen südkurven-kleber !!!! die müssen wir auch melden ! 🙂

  9. Joachim Kuhn sagt:

    Meckerbürger – Made my day!

  10. Viola Nerven sagt:

    Die spinnen, die Zürcher, mit ihrem Sauberkeitswahn und Pützliwahn. Ein bitzli weniger Sauber tuts auch und lässt die Ohren etwas zur Ruhe kommen und lässt der Stadt etwas unkontrolliertes Eigenleben. Wie wärs, wenn weniger an der Fassade rumgepützelt wird, sondern mehr Wert auf wirkliche Lebensqualität gelegt wird. Zugegeben Schlaglöcher können gefährlich sein.
    Bin auch Zürcherin und vorallem sehr genervt über den vielen Lärm = Smartphones, zu viele Baustellen, Hochdruckreiniger, unnötige Putzmaschinen (nicht durch die ERZ bedient), die Stundenlang z.B. auf dem Platz einer Schulanlagen rumdröhnen.

    • adam gretener sagt:

      Ja, der ohrenbetäubende Lärm der Smartphones ist natürlich schon – äh – ohrenbetäubend. Würden sich die Putz- und Reinigungsequipen nur mal 2 Wochen zurückziehen, Sie würden überrascht sein, wie Zürich aussehen würde. Nicht nur Zürich, jede Stadt.

    • Laila sagt:

      Unserer Gesellschaft fehlt doch immer mehr die Rücksichtnahme aufeinander sowie der Respekt. Manchen Mitbürgern würden auch ein paar graue Hirnzellen mehr gut tun. Warum Zigarettenstummel auf den Boden werfen, wenn 1-2 Meter nebenan ein Abfalleimer vorhanden ist. Oder die lieben Alubüchsen, welche einem auf der Strasse entgegenrollen: hirnlos und kein vernetztes Denken vorhanden. Bussen gibt es ja (noch) keine…

  11. Simon Schlauri sagt:

    Übrigens: Nachdem der Stadtrat bereits die Einstellung des Projekts beschlossen hatte, lancierte Samuel Dubno von den Grünliberalen eine schriftliche Anfrage im Gemeinderat und erkundigte sich nach dem Projekt. Ich freue mich über diesen Erfolg!

  12. Joel Eberle sagt:

    Der Velofahrer der noch nie grün gesehen hat ist ja wohl der Oberhammer. Dem glaube ich das in Zürich aufs Wort.

    Ist eigentlich schon mal jemand auf die Idee gekommen beim Rathaus eine Markierung anzubringen weil dort die falschen Leute sitzen?

    • adam gretener sagt:

      Standard-Kommentar eines frustrierten Landeis.
      Und im Rathaus wird sich schon was ändern. Leutenegger wird wieder abgewählt.

  13. Tja, da haben die Meckerbürger ja ne ideale Plattform, schön zu lesen was die Leute hier für Probleme haben! Schönen Tag noch.

  14. Christopher Vohdin sagt:

    Das Positive vorweg: Die App ist sehr gut und meine Meldung wurde umgehend beantwortet, sprich innerhalb von einer Stunde. Den Mangel zu beheben hat dann, mit etwas über fünf Monaten, doch überraschend etwas länger gedauert. Vielleicht findet die Stadt Zürich, bzw. das dafür zuständige Departement, ein Auswechseln eines defekten Abfallkübels an einer Tramhaltestelle nicht für prioritär, oder die Anfahrt dazu ist einfach zu kompliziert und zu zeitraubend.
    Etwas Luft nach oben ist bei der Beseitigung des Ärgernis ist also noch vorhanden.

  15. michael sagt:

    Also ich würde das nicht als Meckern ansehen – das ist ein Bürgertelefon par exellance ! Die Stadt greift auf die Mithilfe der Bürger zurück, weil sie selber garnicht so viele Mitarbeiter einstellen kann. Und wer sich über ein totes Eichhörnchen aufregt, das ist eigentlich eine Goldmedaille für die Stadtbediensten ! Der Rest der Stadt scheint dann ja in Ordnung zu sein.

  16. Naseweis! sagt:

    Was mich am allermeisten nervt;
    n i c h t alles was in Zürich so flaniert, residiert, parliert ist ein Zürcher. Es ist eine Tatsache das höchsten einer von dreien wirklich ein Z U E R C H E R ist!
    Spass beiseite, mit den sogenannten Schmierereien habe ich ein Problem. Es gibt nämlich solche die man sogar als Kunstwerke bezeichnen könnte, die Farbe auf eine graue Betonwand bringen und somit eher zur Verschönerung des Stadtbildes beitragen und die man getrost stehen lassen könnte.
    Am allermeisten aber stört mich die unsägliche Gewohnheit einiger unzivilisierten Menschen die auf die Strasse spucken – diese Grüsel dürfte man von mir aus gerne bestrafen.

  17. J.-J.Hofstetter sagt:

    Eierbrechtstrasse-Waserstrasse-Weherenbachhalde etc im Kreis 7 Zürich,
    bis vor ca. 10 Jahren wurde hier durch einen netten Strassenwischer/Wärter für Ordnung und Sauberkeit gesorgt.
    Seither lottert es, ist ev. der neue verantwortliche Stadtrat nicht über den Zustand orientiert?
    Sollte er nach seiner Studien- und Erholungsreise aus den Fernen Ländern, braungebrannt und erholt zurück sein,
    durch dieses Quartier der guten Steuerzahler spazieren, nicht vergessen eine Sense und Gras-und Sträucher-
    Schere mitzunehemen.
    Grasbüschel wachsen aus den Trottoirs, daneben die Gräser über 1 meter hoch, und das jedes Jahr.
    Wie ist das möglich?
    mfg JJHofstetter

    • Schorsch Friedli sagt:

      Hoffentlich kommt bald die nächste Hungersnot. Dann hat sich das mit dieser App wohl erledigt ..

  18. Christian Zurfluh sagt:

    Eine ausgesprochen gute Initiative! So können auch kleine Mängel effizient beseitigt werden, indem man ein Team disponiert, das sowieso in der Nähe zu tun hat. Das verbessert nicht nur die Auslastung, sondern spart bestimmt auch Kosten (im Sinne von “wehret den Anfängen”). Top, Daumen hoch!