Logo

Eine Pflegerin kümmert sich um 8 Patienten

Von Michèle Widmer, 2. Juli 2014 13 Kommentare »
In der Schweiz arbeiten rund 200'000 Menschen in der Pflege. Oftmals haben sie zu wenig Zeit für ihre Patienten.

topelementGute Pflegequalität im internationalen Vergleich: Ein Physiotherapeut mit einem Patient im Spital Surselva. (Archivbild: Keystone)

Der Personalmangel im Pflegebereich steigt und steigt. In der Schweiz sorgt eine Pflegefachperson im Durchschnitt für das Wohl von 7,9 Patienten während ihrer Schicht. Dies zeigt eine grosse europäische Studie (RN4CAST) bei fast 500 Akutspitälern in zwölf Ländern. Untersucht wurden die Arbeitssituation der Pflegefachleute und ihre Auswirkungen auf die Patienten. Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) veröffentlichte heute eine Zusammenfassung der Ergebnisse.

Im internationalen Vergleich liegt die Schweiz mit dieser Zahl im Mittelfeld. Um die meisten Patienten kümmert sich das Personal in Spitälern in Deutschland und Spanien mit 13 pro Schicht. Am meisten Betreuung erhalten kranke Personen in Instituten in Norwegen (5).

 

Der Bericht attestiert der Schweiz im internationalen Vergleich eine gute Pflegequalität und eine hohe Patientenzufriedenheit. Jedoch bestehen zwischen den Spitälern grosse Unterschiede. Das Verhältnis zwischen Patient und Pflegefachperson variiert zwischen 4,6 im besten und 13,7 im schlechtesten Fall. Auch die Zustimmung in den verschiedenen Spitälern zur Aussage, dass genügend diplomiertes Personal zur Gewährleitung einer guten Pflegequalität zur Verfügung steht, liegt laut Obsan zwischen 9 und 89 Prozent.

Die Untersuchungen wurden in 35 von insgesamt 297 Spitälern in der Schweiz durchgeführt. Um welche es sich dabei handelt, wird laut Marcel Widmer vom Obsan nicht publik gemacht. Jedoch liege dem Bericht eine gute Stichprobe zugrunde. Alle Regionen der Schweiz seien einbezogen worden. Die Erkenntnisse wurden als eine Art Situationsbeurteilung an die Institute weitergeleitet. Mehr als die Hälfte davon hätten Verbesserungspotenzial erkannt und zum Teil bereits umgesetzt.

 

Die Studie zeigt klar auf, wie wichtig eine gute Betreuung ist: Jeder zusätzliche Patient, den eine Pflegefachperson betreuen muss, erhöht das Risiko der Spitalmortalität um sieben Prozent. «Es ist bedenklich, wenn man sich vor Augen führt, dass Pflegeleistungen aus Zeitmangel oder weil nicht genügend Personal verfügbar ist, weggelassen werden müssen», schreibt Catherine Gasser von der Abteilung Gesundheitsberufe beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) in der Publikation. Die bisherigen Investitionen der Spitäler, das Personal zu halten und neue Mitarbeiter zu gewinnen, haben sich laut den Autoren bewährt.

Über 60 Prozent der 1600 befragten Pflegefachleute beurteilen die Qualität der Arbeitsumgebung mindestens als gut. Nur in Norwegen ist dieser Anteil grösser (71 Prozent). In Polen beantwortete nur knapp jeder vierte Angestellte im Pflegebereich diese Frage mit gut. Gefragt wurde hier nach der angemessenen Besetzung der Stellen, dem Ausbildungsniveau, der Zusammenarbeit zwischen dem Pflegepersonal und den Ärzten sowie dem Pflegemanagement.

 

Obwohl in der Schweiz die Mehrheit der Pflegeleute mit der Arbeitsumgebung zufrieden ist, ist die Zahl derjenigen, die an die Kündigung denken, hoch. 28 Prozent beabsichtigen, den Dienst in den kommenden zwölf Monaten zu quittieren. Im Vergleich mit dem Ausland steht die Schweiz hierbei allerdings gut da. In Spanien und in Polen schwirrt die Kündigungsabsicht bei fast doppelt so vielen (49 Prozent) im Kopf herum. Am langfristigsten denken die Angestellten in Norwegen (19 Prozent), was ihr Arbeitsverhältnis angeht.

Der Grund dafür ist laut Marcel Widmer vom Obsan in allen Ländern derselbe: «In der Pflege arbeiten viele jüngere Frauen, die vor dem Entscheid stehen, bald Kinder zu bekommen», sagt er. Aufgrund der unregelmässigen Arbeitszeiten und häufigen Nachtschichten in der Branche würden die meisten den Austritt aus dem Berufsleben wählen. Es liege an den Spitälern, künftig besser auf diese Bedürfnisse einzugehen. Denn: «Steigt eine Pflegerin einmal aus dem Beruf aus, kommt sie auch später nicht mehr zurück», sagt Widmer. Das Ziel müsse sein, Frauen – wenn auch in kleinen Pensen – im Arbeitsleben zu behalten.

Interessant ist auch der deutliche Zusammenhang zwischen Personal- und Patientenzufriedenheit. In Spitälern mit besserer Stellenbesetzung und Arbeitsumgebung bewerteten Patienten die Spitalqualität häufiger höher.

 

In der Schweiz würden von den rund 1000 angefragten Patienten 78 Prozent das Spital mit Sicherheit Freunden und Angehörigen weiterempfehlen – ein Spitzenwert. In anderen Ländern schwankte dieser Anteil zwischen 53 Prozent in Griechenland und 74 Prozent in Irland. Die Zufriedenheit mit der Pflege erreichte in der Schweiz im Mittel 69 Prozent, dies bei einer Spannbreite von 31 bis 100 Prozent.

13 Kommentare zu “Eine Pflegerin kümmert sich um 8 Patienten”

  1. Flo sagt:

    Ich weiss nicht ob ich es überlesen habe, aber mir fehlt eindeutig die Statistik über den adminstrativen Aufwand den die Pflegenden pro Tag aufwenden müssen. Zeit, und zwar nach meinen Erkenntnissen/Erfahrungen wertvolle Zeit, die sie am Computer/Formular ausfüllen verbringen müssen – wertvolle Zeit die den Patienten verloren geht, resp. “gestohlen” wird.
    Kostbare Zeit die allen Beteiligten fehlt. Auch für Pflegende ist es nicht sehr schön wenn sie am zu Pflegenden 15 Min. aufwenden und dann ebenso viel Zeit dafür am Compi das getane eingeben müssen.
    Mit all dem technischen Vorschritt den wir tagtäglich miterleben sollte es doch möglich sein diesen riesen Zeitaufwand zu mindern. Ich stelle mir eine Gerät vor, dass während der “Arbeit” des Pflegenden sofort alle Tätigkeiten aufnimmt und in den Compi überträgt. Utopie?

    • Martin Frey sagt:

      Utopie? Ja. Und nein, Sie haben es nicht überlesen. Der administrative Aufwand ist im Pflebeberuf mittlerweile immens und wird im Artikel mit keinem Wort erwähnt. Ist daher ein Riesen-Bias der alle Aussagen sehr relativiert.

  2. d koch sagt:

    ich bin seit 25 jahren krankenschwester vor allem in langzeit pflege. die Situation der pflegekräfte und patienten könnte sich massiv verbessern wenn der druck von krankankassen , staat und behörden nicht andauernd zunehmen würde. vor allem der unnötige doppelt und dreifache papierkram.

  3. Loll sagt:

    Die Zahlen sind falsch, eine OCDE Studie zeigt, dass die Schweiz die höchste Zahl von allen Ländern im Personal Bereich von Pflegern hat !

  4. Martin sagt:

    Pro Patient also 1 Stunde, da sehe ich noch massiv Spar- und Effizienzpotenzial.

    • Helene sagt:

      Eine Frage: Arbeiten sie in der Pflege oder haben das früher einmal getan?
      Oder haben sie KEINE AHNUNG und trotzdem das Gefühl sie können die Situation auch nur annährend beurteilen?

    • Nick Suter sagt:

      Ja Martin, die Sublimierung der Effizienzsteigerung ist dann die neu legale Euthanasie aus Lebensmüdigkeit. In der Tat ein Lebensziel. Wollen Sie nicht noch etwas an Zynismus zulegen? .

  5. Jutta Maier sagt:

    Den Personalmangel im Pflegebereich hat sich die Schweiz selbst zuzuschreiben. Seit ein Diplom selbst für Pflegehilfen verlangt wird, fallen viele gute Pfleger weg, die zwar Erfahrung und durchaus medizinische Kenntnisse haben, aber keine Lust, eine Ausbildung zu machen für etwas, das man als Nebenjob betreiben will.
    In der Pflege, egal ob im Spital oder im Pflegeheim, waren zu meiner Zeit Bäuerinnen ebenso wie Studenten unterwegs, aber schon damals wurde abgegangenes Personal einfach nicht ersetzt. Dabei sind wir gerade den Betagten etwas schuldig.

  6. Schadegger Robert sagt:

    Hinweis: In Alters- und Pflegezentren tragen die Pfegenden die Verantwortung für deutlich mehr Betagte als in Spitälern – von ziemlich selbständigen bis zu schwerst Pflegebedürftigen! 12-14 sind da durchaus die Regel; kommt dazu, dass die Pflegenden selbst entscheiden müssen, ob ein Arzt im Bedarfsfall zugezogen werden muss – nicht alle verfügen über einen “Heimarzt”. Das sind hohe Anforderungen!
    Überdies müsste klar unterschieden werden zwischen ‘betreuen’ und ‘pflegen’: Pflege wird von den Krankenkassen über das Verrechnungssystem Besa übernommen – Betreuung muss von den Betroffenen selbst übernommen werden; im Bedarfsfall über AHV-Ergänzungsleistungen.

  7. Ike Conix sagt:

    Wenn in der Schweiz sich nicht so viele Frauen und Männer um ihre pflegebedürftigen Angehörigen kümmern würden, hätten wir hier Zustände wie in Polen. Die zuständigen Gesundheitsdirektionen geniessen (die eingesparten Kosten) und schweigen. Wenn aber ab und zu Missstände (wie im Altersheim Entlisberg) bekannt werden, sind sie aber die ersten, die behaupten: “Misshandlungen im Familienkreis sind viel häufiger”. So äusserte sich jedenfalls der ehemalige Zürcher-Stadtarzt Albert Wettstein, der heute nach seinem altersbedingten Rücktritt eine lukrative Stellung im Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich bekleidet.

  8. Nedenna Müller sagt:

    Warum die Pflege Kosten so horrend hoch sind ist ein absolutes Rätsel. Ich habe viele ältere Verwandte und Bekannte die Patienten sind und die Qualität ist überall einfach lausig. Vom schlechten Essen bis zu herzloser Behandlung gibt es ständig alles. Natürlich gibt es auch gute Momente, und vielleicht ist bei einigen das Klagen auch etwas Gewohnheit. Aber insgesamt bin ich schon sehr enttäuscht wie teuer man die schlechte Qualität und mangelnde Aufmerksamkeit bezahlen muss.

  9. pedrodesconocido sagt:

    Interessant ist auch der deutliche Zusammenhang zwischen Personal- und Patientenzufriedenheit. In Spitälern mit besserer Stellenbesetzung und Arbeitsumgebung bewerteten Patienten die Spitalqualität häufiger höher.
    Na, da hat der Autor wohl Polen aussen vor gelassen…… weitere Kommentare sind damit wohl überflüssig

  10. Martin Frey sagt:

    Der Artikel beleuchtet nachvollziehbare Zusammenhänge, greift aber dennoch zu kurz. Keine Erwähnung findet z.B., dass der Pfegeberuf in den letzten 20 Jahren unglaublichen Veränderungen unterworfen wurde, zudem eine teils bizarre Bürokratisierung Einzug hielt. Gänzlich ausgeblendet bleibt in dem Zusammenhang der prozentuale Anteil der Zeit, die eine Pflegeperson tatsächlich am Patientenbett verbringt, in Korrelation zur ihrer Gesamtarbeitszeit. Bis zu 5-6 Pflegestufen wurden zudem in den letzten Jahren geschaffen, um sog. niedere Arbeiten an in der Hierarchie tiefer stehende Berufsgattungen zu delegieren, wie böse Zungen behaupten. Letztendlich bleibt die einzige seriöse Schlussfolgerung die, dass zwischen Patientenkontakten, Patientensicherheit sowie Zufriedenheit der Pflegenden wie auch der Patienten ein Zusammenhang besteht. Dies aber ist eine Binsenwahrheit.