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Säged mir z Züri bald «Miuch» statt «Milch»?

Von DB, 25. Juni 2014 44 Kommentare »
Während Berner erwiesenermassen langsamer sprechen als Zürcher, scheinen sie Trendsetter in der Aussprache einzelner Wörter zu sein: Zum Beispiel beim Wort «Miuch» für «Milch». Eine neue Studie zeigt, dass sich diese Redeweise in der Deutschschweiz ausbreitet.
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Ein Gastbeitrag von Dialektforscher Dr. Adrian Leemann

Wenn Kuno Lauener, der Sänger von Züri West, in «I schänke dir mis Härz» von seiner neuen Barbekanntschaft schwärmt, so singt der gebürtige Berner Seeländer «I ha zaut u zaut, bis i eifach nüm ha chönne», und nicht «Ich ha zalt und zalt, bis ich äifach nüme ha chöne» – wie vielleicht ein Zürcher singen würde. Typisch für das Berndeutsche ist also die Aussprache des Konsonanten l als Vokal u in gewissen Wörtern, wie in «zaut» statt «zalt» oder «Miuch» statt «Milch».

Diese sogenannte L-Vokalisierung gibt es als Lautphänomen aber nicht nur im Berndeutschen, sondern auch im Holländischen, im Englischen oder im Polnischen. Auch im Land der WM 2014, in Brasilien, werden gewisse l als u ausgesprochen. So zum Beispiel wird der Name des Landes «Brasil» im brasilianischen Portugiesisch als «Brasiu» artikuliert.

Unsere Sprache verändert sich ständig, wie am Beispiel der häufig verwendeten Anglizismen zu sehen ist («mir chönd dänn bim Public Viewing es Sändwich ässe»). Sprachwissenschaftler der Universitäten Zürich und Bern haben nun untersucht, ob sich die für die Berner typische L-Vokalisierung – ursprünglich aus dem Emmental und dort schon Ende des 18. Jahrhunderts belegt – in den letzten Jahrzehnten weiter verbreitet hat.

Methodisch sind die Sprachwissenschaftler so vorgegangen, dass sie aktuelle Sprachdaten erhoben haben und diese mit Daten, die um 1950 im Sprachatlas der Deutschen Schweiz gesammelt wurden, verglichen. In 20 Ortschaften haben sie fast 700 Personen gefragt, wie sie jeweils zehn Wörter in ihrem Dialekt aussprechen. Die Dialektsprecher wurden gebeten, bestimmte Objekte auf einem Bild zu benennen (Teller, Engel, etc.).

Die Aussprache der Testpersonen (zum Beispiel «Täuer» vs. «Täller» oder «Ängu» vs. «Ängel») wurde von den Sprachwissenschaftlern schriftlich festgehalten und statistisch ausgewertet.

Die folgende Grafik stellt die Hauptresultate der Studie dar:

Bildschirmfoto 2014-06-24 um 07.39.11

Die hellgraue Fläche zeigt das Gebiet, in welchem um 1950 l bereits zu u vokalisiert wurde. Kreisdiagramme verweisen auf die 20 neu untersuchten Ortschaften, von welchen um 1950 keine vokalisierten. Die schwarzen Flächen in den Kreisdiagrammen stehen für Vokalisierungen (z.B. «Miuch»), die weissen Flächen für herkömmliche L-Aussprachen (z.B. «Milch»).

Die Grafik zeigt, dass in vielen Ortschaften, in welchen um 1950 nicht vokalisiert wurde, heute L-Vokalisierungen zu finden sind. Manche Ortschaften (Freiburg und Spiez) verzeichnen sogar einen überwiegend starken Trend zur L-Vokalisierung. Der sprachliche Trend zur Aussprache von l als u breitet sich von Bern vor allem in Richtung Westen, Berner Oberland und Zentralschweiz aus. Im Mittelland hingegen scheint sich wenig verändert zu haben.

Für die Verbreitung dieses Merkmals gibt es verschiedene Erklärungsversuche:

  • Zum Beispiel hat eine Anzahl von Studien gezeigt, dass das Berndeutsche der beliebteste Schweizer Dialekt ist. Nebst diesen positiven Konnotationen ist das Berndeutsche auch in den Medien stark vertreten.
  • Eine etwas gewagte These wäre auch, dass man sich durch den Gebrauch von Vokalisierungen stärker vom Standarddeutschen distanziert und so seine dialektale Identität mehr unterstreicht. Die linguistische Distanz vom Berndeutschen «Miuch» zum Standarddeutschen «Milch» ist grösser als jene vom Zürichdeutschen «Milch».
  • Die Ausbreitung in Richtung Berner Oberland ist mitunter dadurch zu erklären, dass viele Berner aus der Stadt in diese Region ausgewandert sind – gegebenenfalls noch nach Bern zur Arbeit pendeln – und so ihren Stadtberner Dialekt ins Berner Oberland getragen haben. Die Ausbreitung in Richtung Zentralschweiz scheint via Luzern passiert zu sein. Das Emmental und Entlebuch verbinden Bern und Luzern. Von Luzern als Knotenpunkt scheint sich die Vokalisierung nun weiter Richtung Zentralschweiz zu verbreiten.

Weshalb macht sich die L-Vokalisierung im Mittelland aber so wenig bemerkbar? Basel und Zürich sind, so wie Bern, starke Dialektzentren, die auch auf ihre Region Einfluss haben und geniessen regional hohes Prestige. Um die Frage im Titel zu beantworten: Näi, z Züri säget mir aso in Zuekunft wahrschinli nöd «Miuch» statt «Milch».

Dr. Adrian Leemann arbeitet im Phonetischen Labor der Universität Zürich. Die Studie der Sprachwissenschaftler wird im Juli in der Fachzeitschrift «Language Variation and Change» publiziert werden und kann auf Anfrage bei Adrian Leemann elektronisch eingesehen werden.

Mitarbeit: Marie-José KollyIwar WerlenDavid BritainDieter Studer-Joho

Literaturhinweise

Leemann, A., M.-J. Kolly, I. Werlen, D. Britain, D. Studer-Joho (2014). The diffusion of /l/-vocalization in Swiss German. Language Variation and Change 26.2, 191-218

Sprachatlas der Deutschen Schweiz (1962-2003). Bern (I-VI), Basel: Francke (VII-VIII).

 

44 Kommentare zu “Säged mir z Züri bald «Miuch» statt «Milch»?”

  1. Franz Pfoster sagt:

    Bei uns im Entlebuch sagen wir noch Müuch, Ankä und Chäs. Leider wird unser schöner Dialekt von den Lehrerschaften aus dem städtischen Raum und den anderen Kantonsteilen bei den Schülern stark verwässert und teilweise kaputt gemacht, indem sie Korrekturen vornehmen wollen. “Mier lehrä” soll plötzlich durch das Schriftdeutsche “Mier lerne” ersetzt werden…sorry tut mir richtig in den Ohren weh. Dann wurden in den letzten Jahren aus den Mundart-“Mannen” das schriftdeutsche Männer, aus dem Jänner der formale Januar und Kinder sagen nicht mehr Santimeter sondern Zentimeter. Letztere auch durch die momentan agierende Lehrerschaft den Kindern aufdoktriert. Wenn man schon Männer sagt in der Mundart müsste man entsprechend anstelle Fraue oder Froue dann auch “Frauen” sagen. Eine weitere Verluderung der Dialekte sind auch die Änderung von ich bi “suur” auf ich bi “sauer”. Mich nimmt wunder wie diese Sprachgenies Suure Moscht aussprechen wollen. Vielleicht Saure Moscht? Derartige krankhafte Anpassungen an das Schriftdeutsche durch Lehrerschaften und extrem auch im Schweizer Fernsehen gehört mal öffentlich angesprochen um weiteren Wildwuchs und die Zerstörung unserer sprachlichen Identität so gut es geht zu verhindern.

  2. Andreas Tase sagt:

    Die alten Stadtberner und die Frutigländer sagen auf jeden Fall immer noch “milch”.

  3. Curdin sagt:

    Wir Churer werden schon seit dem Mittelalter laufend germanisiert (siehe Geschichte). “Bechoo und überchoo”, na ja, i säga “kriagt”. Weitere Germanismen wie “Leichawaga” statt “Liichawaga” oder “Scheissdreck” statt “Schiisdreck” kommen dazu, easy. Oops, das erste Tor verpasst..

  4. erika sagt:

    Ha, ha, ist das “luschtig”, was Ihr da Alle schreibt: I bi im Wäutsche gebore ( Vater Berner, Mutter Solothurnerin ) Was meint Ihr ? Können die Welschen alle unsere Scheizerdialekte verstehen ? hihi ( Miuch, Müüch,etc.) Ist doch schwierig, oder? tschüss, salüe zäme!

  5. Heiri Zürcher sagt:

    Und wer kennt denn noch die Bedeutung auf guet Züridüütsch von: Ankä, Brüütli, Schelfärä od. Hültschä, Gufä u.a.m.? Ich kenne noch viele, nur getraue ich mich nicht mehr all diese Audrücke zu verwenden, weil sie kein Schwein mehr kennt.

  6. Max Blatter sagt:

    Lägg Johnny!
    Doo dermit wär eigetlich au s Dialäkt-Obligatorium in de Chindergäärte ad absurdum gfüehrt.
    (Gschriibe im verwäschene Dialäggt vomene Münchesteiner mit Züürcher Migrations-Hintergrund)

  7. Ike Conix sagt:

    Schweizer-Deutsch wird immer mehr zur “Heruseforderig” (!).

  8. Es gibt kaum einen Dialekt, bei dem die Vokalisierung des L so konsequent gepflegt wird wie in den abgelegeneren Nidwaldner Gemeinden, zB. Wolfenschiessen oder Beckenried. Mit Sicherheit spielt der Berner Einfluss hier überhaupt keine Rolle. Nähert man sich von Nidwalden her Luzern, häuft sich das gesprochene L wieder. Bereits in Stans und erst recht in Hergiswil fallen etliche Vokalisierungen wieder weg, die im Luzerner Hinterland dann in gewandelter Form wieder auftauchen. So gesehen kommt in der Zentralschweiz der Trend auch von innen her.

    • Erich K sagt:

      Nur ist es dort kein Trend wenn die “Hinterwäldler” so sprechen, die sterben allmählich aus…

    • Rolf Schumacher sagt:

      Die Innerschweiz tuts von innen her? Nein! Als Entlebucher ist scheint mir klar, dass die Vokalisierung übers Emmental und Oberaargau um den Napf herum Einzug hielt. Für die Ob-Nidwalder dürfte der Brünig ein eintscheidendes Einfallstor gewesen sein.

    • Rennie Wyss sagt:

      Die Frage, ob die L-Volkalisierung von außen oder von innen kommt, ist interessant. Immerhin wird im Engelbergertal ja auch altes langes i und u diphtongiert, wohl kaum unter hochdeutschem Einfluss: Weißwein saufen = Weißwei suife.

  9. Tom Riddle sagt:

    Es ist völlig inakzeptabel, dass sich in unserer schönen Schweiz irgendwelche Dialekte ungefragt einfach so ausbreiten. Wir haben ein Recht darauf, dass jedes Tal anders spricht. Das ist unsere Kultur. Wir brauchen dringend eine “Massenverberndeutschungsinitiative”, die diesen Wildwuchs abstellt. Mit Kontrollpunkten an den Kantonsgrenzen und Kontigenten für Sprachmigranten.

  10. Tömu sagt:

    Ich fände ja bei den heutigen Produktionsstandards naheliegender, wenn man dem Wort neu Müllch sagen würde.

  11. Michael Haenni sagt:

    Sehr schön, weiter so. Bin Stadtberner und seit 1987 in Zürich wohnhaft. Kein Zürcher Ausdruck ist je über meine Lippen gekommen, null Integration. Die Kinder sind Bilingue (Berndeutsch/Zürichdeutsch). Schon bald bestellen die Zurigo-Hipsters den Cappuccino im Miuchmäuchterli. Am Berner Wesen kann die Schweiz genesen!

    • Werner Graf sagt:

      Ich erlebe die Berner häufig als gotthelfsch, verwaltungshierarchiebezogen und mit gewaltigem Ego. Sie sind die einzigen die überhaupt wissen wie es sich zu leben habe. Das tun sie nicht nur bei sich zuhause, sondern auch in der Fremde. So erklärte mir ein kürzlich zugezogener Berner am Kantinentisch in Dübendorf, Zürich als Bürgerort zu haben sei nichts auf das man stolz sein könne.
      Wenn man eine solche Mühe mit dem fremden Ort hat und einen derartigen Widerstandskampf führt, sollte man sich schon überlegen ob man im vertrauten “Chrache” nicht besser aufgehoben ist.

      • Jane Schmeltz sagt:

        Züricher und damit auch die Bewohner Dübendorfs entlarven sich bei Bernern und Baslern häufig dadurch, dass sie – wenn überhaupt – allerhöchstens sich selber Selbstironie zuschreiben würden.

      • Motzi sagt:

        na, na, na Zürcher leiden doch nicht unbedingt unter einem Minderwertigkeitskomplex. Oder täusche ich mich da?

      • Werner Graf sagt:

        Das Leiden am fremden Ort plakativ zu zelebrieren und bei jeder Gelegenheit “nach Hause” rennen, weil es hier halt soooo schlecht ist, sieht halt selbst bei grösster Begeisterung für Ironie und faule Sprüche nicht nach humorvollem Umgang mit der Sache aus.
        Und, Minderwertigkeitskomplexe müssen wir Zürcher wirklich nicht haben, schliesslich bezahlen wir aus unserem Mehrwert via Finanzausgleich die Berner Schneepflüge.

  12. Hans Maag sagt:

    Rued, früher sagten wir in Zürich “i Zuekumft”. Die Germanisierung in Zürich (am Zürichersee) schreitet voran, weil viele Deutsche im Kanton wohnen. Da wir ihre und sie unsere Sprache verstehen, bin ich der Ansicht, dass Deutsche ihre Aussprache nicht verschweizerddeutschen sollen, tönt blöd.

    In der Romandie, ich wohne dort, stört mich, wenn die Welschen, auch Politiker, vom “bon allemand” reden, die meinen, es gäbe gutes und schlechtes Deutsch.

  13. Peter Frey sagt:

    Die These, dass man sich mit dem Gebrauch von Vokalisierungen stärker vom Standarddeutschen zu distanzieren sucht, scheint mir doch sehr gewagt, wie auch Adrian Leemann einräumt. Wir beobachten doch – unter anderem unter dem Einfluss der audiovisuellen Medien – eher eine gegenläufige Entwicklung, also eine Annäherung an die Standardsprache im Vokabular und in Grammatik. Ich denke z.B. an das Ersetzen von “Anke” durch “Butter” oder den unterdessen weit verbreiteten Gebrauch des Futurs in der Umgangssprache – oder liege ich da falsch? (Ich bin nicht Germanist und vom Dialekt her Ost-Aargauer mit Eltern aus Zürich und der “Pfnüselküste”).

  14. Christoph Landolt sagt:

    Und was ist mit dem gut altzürcherisch-altthurgauischen “Milech”? Wohl ganz verschwunden… Dabei hätte uns das vor der Vokalisierung gerettet 🙂

  15. andi matata sagt:

    Darum liebe Kilchsberger, er spricht noch ein fast ” Lupenreines ” Züridialekt, zum Beispiel da heisst es nicht Beiz, sonder, wie zu meiner Jugendzeit ” Spunte ” ! Ansonst kann man den neo Zürchern, das Uralt Taschenbuch > Limmatblüete < wärmstens empfehlen, Da ist alte Züridütsch verewigt, viel Spass.

  16. Mir gefällt in der Titelfrage das «z Züri»; man hört ja immer öfter (etwa im Fernsehen, z.B. von den Herren Giaccobo und Müller) «in Züri» usw. sowie dass jemand «nach Züri» statt «uf Züri» fahre.

  17. simon schnauz sagt:

    es heisst “möuch”, nicht “miuch”.

    • marcel sagt:

      Müuch bitte. Merçi vüu mau.

    • Tom Lips sagt:

      Je weiter Richtung Solothurn, desto stärker “möuchelet’s”, aber im Berner Kernland heisst’s eindeutig Miuch””.

    • Henä sagt:

      “Möuch” ist vorallem zwischen Kirchberg und Langnethal beliebt, im Oberemmental wird “Miuch” bevorzugt.
      P.S. Bi üs tüe Gessä no a de Böum schnousä 😉

    • Robert Gruber sagt:

      Soso, Möuch tun Sie in den Kaffee! Sie wissen aber, dass Amphibien geschützte Tiere sind? Wegen Leuten wie Ihnen sind diese Tierchen im Oberaargau und Solothurnischen selten geworden! Welche Möuch übrigens genau, Bärgmöuch oder Fademöuch oder Teichmöuch? Und allzu fein kann ja das auch nicht sein… ich bevorzuge Miuch mit einem irrsinnig-i und einem Uhu-u. Proscht Nägeli mit Möuch u Zocker! 🙂

  18. klaus müller sagt:

    Wenn Mühleberg mal ein kleines Leck haben wird, flüchten alle Berner und Aartomgauer nach Osten und überschwemmen das Züribiet und Bündnerland mit Ihrem mitgebrachten Dialekt.

  19. Thomas sagt:

    … und ich als waschechter, ländlich aufgewachsener Ostschweizer sage immer noch Miloch. 😉
    Auch wenn ich jetzt in Zürich wohne…

  20. Erika Berger sagt:

    Ich liebe Goethe, er sagt in Dichtung und Wahrheit: “Jede Provinz liebt ihren Dialekt: denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft. Mit welchem Eigensinn aber die meißnische Mundart ( Neudeutsch) die übrigen zu beherrschen, ja eine Zeitlang auszuschließen gewußt hat, ist jedermann bekannt. … Was ein junger lebhafter Mensch unter diesem beständigen Hofmeistern ausgestanden habe, wird derjenige leicht ermessen, der bedenkt, daß nun mit der Aussprache, in deren Veränderung man sich endlich wohl ergäbe, zugleich Denkweise, Einbildungskraft, Gefühl, vaterländischer Charakter sollten aufgeopfert werden. Und diese unerträgliche Forderung wurde von gebildeten Männern und Frauen gemacht, deren Überzeugung ich mir nicht zueignen konnte, deren Unrecht ich zu empfinden glaubte, ohne mir es deutlich machen zu können

  21. Hans Badertscher, Spins 21, 3270 Aarberg sagt:

    Sehr geehrter Herr Leemann
    Endlich hat wieder einmal hat eine dialektgeografische Studie den Weg in die Tagesmedien gefunden. Herzlich Gratulation! Was mich an Ihrem Resultat erstaunt, ist das Beharrungsvermögen der Nicht-Velarisierung in den kleinräumigen Dialekten. Die Anpassungen in Lexikon, Grammatik und Prosodie an das bernische Berndeutsch sind mit Händen zu greifen, etwa im Simmental, im Thunerseebecken und im Haslital. Man kann sich leicht Gründe vorstellen, weshalb die Velariserung weit resistenter ist als die lokalspezifische Lexik oder Prosodie. Die Velarisierung findet sich weder in der Standardsprache noch in den andern Leitdialekten der Scheeiz. Man ist kein ‘Exot’, wenn man nicht velarisiert, hingegen schon, wenn man beim Sprechen ‘singt’.
    Freundlich grüsst Sie
    Hans Badertscher

  22. Rennie Wyss sagt:

    Die Volkalisierung hat sich gerade in der Stadt Bern keineswegs völlig durchgesetzt. Es gibt recht viele Leute, die am ursprünglichen l festhalten oder zu dieser Aussprache im Laufe ihres Lebens sogar übergehen. Außerdem sind die einzelnen Sprecher in der Vokalisierung oder Nichtvokalisierung des l ganz unterschiedlich konsequent, bei vielen ist die Aussprache sehr variabel. Vielleicht gilt das auch anderswo, speziell in größeren Städten der westlichen Deutschschweiz.
    Anderseits ist auch mir die zunehmende Volkalisierung in Unterwalden und Uri aufgefallen.

    • Richard Meier sagt:

      Stimmt! In der Stadt Bern sprechen vor allem die etwas älteren StadtbernerInnen das L nicht als U aus. Bereits in den 50er Jahren beklagten sich Dialektforscher darüber, dass im Berndeutschen eine sogenannte “schleichende Emmentalisierung” des reinen Dialekts stattfinde. Angeblich ist die Vokalisierung des L eine Eigenart von dort und nicht von der Hauptstadt.

      • Henä sagt:

        Richtig Richard Meier,
        als Emmentaler mit Arbeitsort Bern habe ich dies auch festgestellt. Es ist nicht nur das U im Emmentaler Dialekt. Es gibt auch kleinere Unterschiede zwischen dem Unter- und Oberemmental welche im Oberemmental teilweise sehr rauh ausprochen werden. Es war für mich in Bern am Anfang ziemlich ungewöhnlich einem “Chrigu” plötzlich Christian oder Chrigi zusagen. Ich wurde mit meiner rohen Aussprache von den Stadtberner-Arbeitskollegen teilweise geneckt, was für mich jedoch kein Problem war.

  23. Stef sagt:

    Es ist noch viel komplizierter: Vielerorts wird nicht von Miuch, sondern von Müuch gesprochen… Aber das wäre Stoff für die nächste wissenschaftliche Studie. 🙂

  24. Sander Wermelinger sagt:

    Mich überrascht das Ganze ehrlichgesagt ziemlich, da ich der Meinung war, dass es genau umgekehrt läuft.

    Ich bin beispielsweise Luzerner, meine Eltern & Grosseltern ebenfalls. Meine Grosseltern sagen zur Milch “Möuch” (also vokalisiert) und ich hatte Allgemein immer den Eindruck, dass diese Aussprache
    a) bei älteren
    und
    b) bei ländlichen
    LuzernerInnen sehr häufig ist, während sie – je jünger und je städtische – umso seltener wurde. So sage ich beispielsweise ‘Melch’. D.h. ich ging davon aus, dass die vokalisierte Form die ‘klassisch Luzernische’ ist, während es sich bei der nicht-vokalisierten um einen ‘Dialektverlust’ bzw. eine Anpassung ans Standarddeutsche handle.
    Die Studie hier würde aber ja offenbar genau das Gegenteil des Beobachteten nahelegen.

  25. Fabian Lustenberger sagt:

    Nicht zu vergessen einige Oberwalliser Dörfer, dort wird seit jeher ein “u” statt ein “l” gesprochen, wie z.B. in Ernen oder Gluringen. Vielleicht kommt der Ursprung auch von dort.

  26. Rued sagt:

    Interessant, obschon die Tendenz beim “Züritüütsch” eindeutig in Richtung Germanisierung geht. Sieht man auch im letzten Satz des Autors der da schreibt “in Zuekunft” statt “i Zuekunft”. Wenn nun in Zürich einst “Miuch” gesagt wird ist das immerhin noch Dialekt aber was auffällt ist, dass junge Leute zunehmend “bechoo” sagen statt “überchoo”. Es gibt zwar Dialekte wie Baseldeutsch bei denen “bikoo” oder “bechoo” tatsächlich vorkommt aber bei einem Zürcher ist das klar ein Germanismus.

    • Greatsheep sagt:

      Die Germanismen nehmen sowieso stark zu und immer häufiger muss ich mich für meinen “komischen” Dialekt erklären. “bechoo” ist da beinahe harmlos, neuer ist “chriege” statt “überchoo”, “schpucke”, “wärfe*, “beeile” etc. sind auch so “nette” Importe.

    • Werner Graf sagt:

      Die Germanisierung ist vor allem bei Kindern, wegen dem Dialektverbot in der Schule, extrem auf dem Vormarsch. Dabei werden die Wörter nicht nur eingedeutscht, sondern mittlerweile ersetzt. Unser Neffe sagt beispielsweise “Donnerstag abig” anstatt “Dunschtig abig”.
      Fragt man nach den Wörtern im Dialekt, so muss er lange studieren und findet es selber oft nicht.