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Über Sinn und Unsinn von WM-Prognosen – und wieso die Schweiz den Halbfinal erreicht

Von Timo Grossenbacher, 18. Juni 2014 5 Kommentare »
Die Welt erlebt eine Flut von WM-Prognosen. Zahlreiche Medienportale und Institute haben den Weltmeister errechnet. Doch wie funktionieren solche Voraussagen eigentlich? Und sind die Modelle wirklich besser als das Bauchgefühl?

Nate Silver, Statistiker und Chefredaktor des kürzlich gestarteten Datenjournalismus-Portals FiveThirtyEight, sagte ursprünglich voraus, dass die Schweiz nicht einmal den Achtelfinal erreichen wird. Nach dem Sieg über Ecuador wurde diese Schätzung angepasst: Es besteht nun eine 76-Prozent-Chance, dass die Schweiz weiterkommt, und sogar eine 26-Prozent-Chance, dass sie den Viertelfinal erreicht. Unsere Leser gehen noch einen Schritt weiter: Sie sind tatsächlich der Meinung, dass die Schweiz bis in den Halbfinal kommt! Doch dazu im zweiten Teil dieses Beitrags mehr.

Wahrscheinlichkeit für einen Einzug in den Achtelfinal laut Nate Silver/fivethirtyeight.com.

Wahrscheinlichkeit für einen Einzug der Schweiz in den Achtelfinal (Quelle: fivethirtyeight.com).

Silvers Modell reiht sich ein in eine wahre Flut von WM-Prognosen, weitere wurden zum Beispiel von Bloomberg, Goldman Sachs oder Sbnation.com errechnet. Sogar der wohl populärste zeitgenössische Physiker Stephen Hawking hat sich dazu hinreissen lassen, ein Modell zu erstellen.

Im Grundsatz funktionieren solche Prognosen alle gleich: Das Ziel ist, ein statistisches Modell zu finden, das mit den vorhandenen Daten möglichst viel Erklärungswert für Siege und Niederlagen bietet. In Nate Silvers Soccer Power Index, den er in Zusammenarbeit mit ESPN im Jahr 2010 entwickelte, werden zum Beispiel Fakten über individuelle Spieler aus den Club-Ligen verwendet, aber auch Kennzahlen aus Direktbegegnungen zwischen den einzelnen Ländern. Jene werden überdies nach Relevanz gewichtet – so fliessen Freundschaftsspiele zum Beispiel weniger stark in die Berechnung ein. Eine weitere Eigenheit des Modells ist, dass südamerikanische Mannschaften einen ziemlich starken «Heimbonus» erhalten und dass deswegen zum Beispiel die Erfolgschancen der Schweiz relativ tief geschätzt werden.

100-fache Wiederholung der WM

Mit dem gefundenen, kalibrierten Modell wird das Turnier dann viele Tausende Male simuliert, womit sich die eingangs erwähnten Chancen errechnen lassen. Doch was bedeutet eine 45-prozentige Siegeschance für Brasilien eigentlich genau? Umgangssprachlich könnte man sagen: Würde dieselbe Weltmeisterschaft unter gleichbleibenden Bedingungen genügend häufig durchgeführt, zum Beispiel 100-mal, und wäre die Prognose korrekt, dann würde Brasilien im Schnitt 45-mal gewinnen, 55-mal eine andere Mannschaft.

Da eine 100-fache Wiederholung der WM in etwa so realistisch ist wie ein Turniersieg der Australier, lässt sich das Modell in diesem Sinn also mehr schlecht als recht evaluieren. Denn: Auch wenn Brasilien nach einer solch optimistischen Prognose die WM gewinnen würde, könnte es schlicht und einfach nur Zufall sein, das heisst, von anderen als den im Modell verwendeten Faktoren abhängen. Von Faktoren, die vielleicht nicht modelliert wurden, weil es über sie (noch) keine Daten gibt (durchschnittlicher Blutzuckergehalt der Spieler), oder weil sie grundsätzlich nicht oder nur schwer messbar sind (Glücksgefühl der Spieler). Oder aber, weil sie in ihrer Gesamtheit, in ihrem Zusammenspiel, schlicht zu komplex sind, um in eine mathematische Formel gedrückt zu werden.

Teamsportarten sind komplex

Tatsächlich gibt auch Nate Silver zu, dass die Datenlage für sein Modell äusserst spärlich ist. Der Mann, der durch seine korrekte Prognose der US-Präsidentschaftswahlen 2012 erst richtig bekannt wurde, weiss bestens, dass die Vorhersage von anderen Sportarten als Fussball durchaus einfacher sein kann. Baseball, wo mittlerweile fast jeder Windstoss gemessen und ausgewertet wird, lässt sich leichter auf physikalische Eigenschaften wie Wurfgeschwindigkeit oder -richtung reduzieren. Zudem sind die Abläufe fast immer die gleichen, und die Spieler-Spieler-Interaktion beschränkt sich auf ein Minimum. Nicht so in komplexen Teamsportarten wie Eishockey oder eben Fussball.

Nichtsdestotrotz ist eine Prognose, die das Turnier korrekt voraussagt, eine richtige Prognose. Und wahrscheinlich stimmt dann auch das Modell – denn die Wahrscheinlichkeit, zufällig alle oder die meisten Spielergebnisse richtig vorausgesagt zu haben, ist verschwindend klein.

Die essentielle Frage bleibt also: Ist es besser, beim Tippen auf eine womöglich falsche Prognose zu setzen oder sich einfach auf das Bauchgefühl zu verlassen?

Unter der Annahme, dass datengestützte Fussball-Prognosen eigentlich fast nur besser sein können als blosse (Experten-)Meinungen, die am Stammtisch oder im Fernsehen herumgereicht werden, haben wir Tippinho entwickelt, den interaktiven Tipp-Assistenten, der acht verschiedene Variablen kombiniert und Sie selber entscheiden lässt, welche davon wirklich matchentscheidend sind – quasi ein Baukasten für ein simples, statistisches Modell.

Finden Sie zum Beispiel, dass ein Trainer, der bereits lange im Amt ist, einem Team hinderlich ist, dann gewinnen tendenziell diejenigen Teams, deren Trainer erst seit kurzem im Amt ist. Durch Addition der acht gewichteten Faktoren ergibt sich am Schluss ein Score, der über Sieg und Niederlage in jeder Begegnung entscheidet. Je nach Ihrer Gewichtung verändert sich demnach der komplette Turnierverlauf, und andere Teams machen das Rennen. Probieren Sie es aus und gewinnen Sie jedes Tippspiel damit (oder vielleicht auch nicht).

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Da wir der Meinung sind, dass die Masse manchmal schlauere Entscheidungen trifft als der/die Einzelne, schauen wir uns im Folgenden einmal an, wer denn gewinnen würde, wenn es nach den rund 20’000 Leuten ginge, die Tippinho bisher genutzt haben.

Die Grafik in der Vollbildansicht öffnen.

Die obenstehende Grafik zeigt alle 19’446 Gewichtungen, die bisher abgegeben wurden. Zur Methodik: Eine Gewichtung wird gespeichert, sobald jemand die acht Faktoren durchlaufen hat, und noch einmal aktualisiert, wenn der resultierende Tipp über soziale Medien oder E-Mail geteilt wird.

Wie man sieht, finden die Leserinnen und Leser die Gesamtanzahl geschossener Tore in der Club-Saison im Schnitt am wichtigsten, eine Disziplin, in der vor allem Argentinien punkten kann: Je mehr, desto besser. Aber könnte es nicht auch heissen, dass eine torgefährliche Mannschaft mehr Bälle kassiert, da sie weniger Ressourcen in die Defensive setzt? Was auch immer der Fall ist, nicht Argentinien gewinnt das Turnier, sondern Deutschland. Die Bundeself brilliert nämlich auch in den anderen Faktoren, die unsere Leserinnen und Leser wichtig finden. Wenig überraschend werden die Fairness und das Durchschnittsalter als eher unwichtig eingestuft.

 

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Ginge es nach dem Durchschnitt aller Gewichtungen, das heisst nach der Stimmung der Masse, sähe der Turnierverlauf so aus.

Wichtig scheint auch der Gesamtmarktwert zu sein, ein Faktor, bei dem Spanien mit über 600 Millionen Euro die Nase vorn hat. Aber was ist mit Nate Silvers Titelfavorit Brasilien? Fliegt anscheinend schon im Achtelfinal gegen eben jene Spanier raus; eine Prognose, die der Realität nach dem Gruppenspiel gegen die Niederlande wahrscheinlich nicht mehr standhält.

Und die Schweiz? Sie schlägt Argentinien im Achtelfinal, Belgien im Viertelfinal und scheitert schlussendlich an Spanien im Halbfinal – welch weise Voraussicht!

Apropos: Dass Deutschland Weltmeister wird, scheint nach dem Spiel gegen Portugal doch auch irgendwie ziemlich plausibel. In diesem Sinne scheinen unsere Leserinnen und Leser das richtige Gespür zu haben.

Zur Person

Timo Grossenbacher hat an der Universität Zürich Geografie und Informatik studiert. Er arbeitet als Programmierer beim «Tages-Anzeiger» und der «Sonntagszeitung» und hat zusammen mit Julian Schmidli das interaktive Tippspiel Tippinho entwickelt.

5 Kommentare zu “Über Sinn und Unsinn von WM-Prognosen – und wieso die Schweiz den Halbfinal erreicht”

  1. Kurt Utzinger sagt:

    Sämtliche Prognosen sind erfahrungsgemäss so ziemlich wertlos: Tagesform der Mannschaften, Schiedsrichterentscheide, usw., lassen sich nicht voraussehen.

  2. Hans Maag sagt:

    Ich kann eine absolut sichere Prognose geben: Weltmeister wird eine aus +- 11 Männern bestehende Fussballmanschaft werden.

  3. Andreas Amann sagt:

    Dass ein “Datenblog” so mit Statistik umgeht ist aber extrem tragisch!

    Nate Silver hat nicht gesagt, dass “[…] dass die Schweiz nicht einmal den Achtelfinal erreichen wird.” – die Aussage war, dass die Wahrscheinlichkeit dafür ursprünglich bei etwa 44% lag. Ein nicht Erreichen hingegen wäre eine Wahrscheinlichkeit von 0%…

    • Timo Grossenbacher sagt:

      Guten Tag und Danke für den kritischen Kommentar. Die Aussage “[…]dass die Schweiz nicht einmal den Achtelfinal erreichen wird.”, ist genau so Prognose wie “die Schweiz hat eine Wahrscheinlichkeit von 44%, den Achtelfinal zu erreichen”, wenn zwei andere Mannschaften aus derselben Gruppe eine noch grössere Wahrscheinlichkeit haben, in den Achtelfinal zu kommen, *angenommen das Modell ist korrekt*. Es ist einfach eine Prognose ohne Angabe von Wahrscheinlichkeiten. Ich denke, der Teufel liegt hier lediglich im Sprachlichen, es ist mir schon bewusst, dass Silver nicht von sich behauptet, die Wahrheit mit dem Löffel gefressen zu haben.

  4. Michael Meister sagt:

    Prognosen sind immer schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Das wusste ja schon Mark Twain (oder wer immer das mal gesagt hat). Aber die besten Prognostiker sind jene, die spaeter schluessig erklaeren koennen, warum die Prognose NICHT eingetroffen ist.