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Der grösste Wanderzirkus der Welt

Von Luca De Carli, 22. Mai 2014 3 Kommentare »
400 Millionen EU-Bürger sollen bis Sonntag 751 Abgeordnete wählen. Elf Zahlen zum Europaparlament.
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Das Gebäude des Europaparlaments in Strassburg wird nur an 42 Tagen im Jahr genutzt: Der Plenarsaal während der letzten Sitzung vor den Wahlen.

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Arbeitsorte hat das Europaparlament: Der offizielle Sitz ist zwar in Strassburg, wo die monatlichen viertägigen Plenarsitzungen stattfinden. Die Alltagsarbeit verrichtet das Parlament allerdings in Brüssel. Hier tagen die Ausschüsse und Fraktionen. Hier wohnt das Gros der Mitarbeiter. Jeden Monat macht sich deshalb eine Karawane von mehreren Tausend Menschen und acht grossen Lastwagen mit Akten auf den Weg von Brüssel ins rund 350 Kilometer entfernte Strassburg. 200 Millionen Euro kosten die Standortwechsel laut einem Bericht des Parlamentsausschusses pro Jahr. Das sind gut 10 Prozent des Parlamentsbudgets.

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Amtssprachen kennt die EU mit ihren 28 Mitgliedsstaaten. Deshalb werden zur Übersetzung von offiziellen Dokumenten rund 2500 Mitarbeiter beschäftigt. Hinzu kommen 600 fest angestellte und 3000 freiberufliche Dolmetscher.

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Cent kosten alleine die Dolmetscher jeden EU-Bürger pro Jahr. Insgesamt sind das 127 Millionen Euro. Im Alltag wird unter den Abgeordneten und Mitarbeitern aber meist Englisch gesprochen. Und auch in den Parlamentsdebatten dominiert Englisch.

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Prozent der Abgeordneten im aktuellen Europaparlament sind Frauen. Bei der ersten Direktwahl 1979 waren es nur 16 Prozent. Zum Vergleich: Im Schweizer Nationalrat sind derzeit 29,5 Prozent der Abgeordneten weiblich.

43

Prozent betrug die Wahlbeteiligung europaweit bei den letzten Parlamentswahlen im Jahr 2009. Laut Prognosen dürfte die Begeisterung der rund 400 Millionen Wahlberechtigten diesmal noch tiefer ausfallen. Bei der ersten Direktwahl 1979 hatten noch 63 Prozent der Wahlberechtigten abgestimmt.

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Abgeordnete werden im neuen Europaparlament aus Deutschland stammen. Es ist das Land mit den meisten Mandaten. Auf den Plätzen zwei und drei folgen Frankreich (74) und Grossbritannien (73). Die Zahl der Einwohner bestimmt die Zahl der Sitze pro EU-Mitglied.

751

Sitze wird das neue Europaparlament  umfassen. Es wird damit erstmals seit seiner Gründung wieder etwas verkleinert. Vor fünf Jahren waren noch 766 Sitze zu vergeben gewesen. 1952 bei der Gründung nur 78.

6000

Personen beschäftigt das Europaparlament derzeit – auf jeden Abgeordneten kommen rund 8 Parlamentsmitarbeiter. Hier hat in den letzten Jahren ein enormes Wachstum stattgefunden: 2004, vor der EU-Osterweiterung, betrug die Anzahl Mitarbeiter noch weniger als 4000.

20’000

Noch grösser ist allerdings das Heer der Lobbyisten, das in Brüssel am Werk ist. Schätzungen ermittelten rund 20’000 Personen, die berufshalber versuchen, auf die Entscheide des Parlaments Einfluss zu nehmen.

23’551

Damit ist das Verhältnis zwischen der Anzahl Abstimmungen in der vergangenen Legislatur und der Zahl der Lobbyisten beinahe ausgeglichen. 23’551 Abstimmungen waren es zwischen 2009 und 2014. Das Europaparlament benötigte dazu 260 Sitzungstage oder 2160 Sitzungsstunden.

1,756 Mrd.

Euro beträgt das Budget des Europaparlaments im laufenden Jahr. Pro EU-Bürger betragen die jährlichen Kosten 3.50 Euro. Das ist wenig, wie ein Vergleich mit anderen Parlamenten zeigt: Ein Deutscher bezahlt pro Jahr 8.20 Euro für den Betrieb des Bundestags, ein Franzose 8.10 Euro für die Assemblée nationale und ein Brite 7.30 Euro für das House of Commons.

Angereichert mit Material der Agentur AFP

3 Kommentare zu “Der grösste Wanderzirkus der Welt”

  1. Markus Petersen sagt:

    20’000 Lobbyisten. Das sagt doch schon alles. Eine derart zentralisierte Bürokratie-Verwaltung ohne direktdemokratische Kontrollinstrumente ist der feuchte Traum eines jeden Interessenvertreters.

  2. adam gretener sagt:

    Ich weiss nicht ganz genau, ob das auf die Nachkomma-Stelle stimmt. Aber, die EU hat in Brüssel und Strassburg so viele Mitarbeiter wie die Stadt München in der Verwaltung insgesamt. Sollen sich die Kettenhunde der Anti-Europäer mal durch den Kopf gehen lassen.

    Auch das immer gerne ins Feld geführte Beispiel der maximalen Krümmung der Gurke ist keineswegs eine Ausgeburt der EU, sondern wurde auf Druck der Grossverteiler – auch der Schweizer – wegen der leichteren Transportierbarkeit eingeführt.

    • Richard Marti sagt:

      Na, ja – München beschäftigt aber auch eine Kerichtabfuhr oder eine Feuerwehr, während in der EU-Administration vor allem ausschliesslich gut ausgebildete und gut bezahlte Beamte hinter ihren Schreibtischen sitzen. Dass Sie das Heer der Lobbyisten (geflissentlich?) übersehen und sich nicht an deren Anzahl stören? Spannend! Dies ist insofern bedenklich, weil die gesammelten Regelungen und Rechtsakte der EU im “Acquis communautaire”, welcher für alle Mitgliedsländer rechtsverbindlichen Normen enthält und zwar deren über 130’000 [sic!] (auf über 150’00 Seiten 2011 im Gegensatz zu den 85’000 Seiten die er 2004 enthielt) zu 80% ausschliesslich von EU-Kommissionen in einem geschlossenen Verfahren (mit Hilfe der Lobbyisten), zu Stande kommen (wie beispielsweise Ihr Gurkenbeispiel!!!). Die EU, Strasbourg oder Brüssel bedient primär die Bedürfnisse Wirtschaft (wie bei den Gurken) und nicht die der Bürger, wie sie selbst immer beteuert, aber das haben Sie selbst ja schon implizit gesagt!

      Übrigens, die Zahlen sind nicht von einem Anti-EU-Pamphlet sondern aus Bergmann, Jan M. (Hrsg.): Handlexikon der Europäischen Union, Basel 2012