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Der 27. Kanton der Schweiz

Von Luca De Carli, 29. April 2014 Kommentarfunktion geschlossen
Fahrende sind heute eine anerkannte Minderheit. Damit ist die Schweiz verpflichtet, den Erhalt ihrer Lebensweise zu unterstützen. Wer sind diese letzten einheimischen Nomaden?
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FEKKER, CHILBI, JAHRMARKT, FAHRENDE, JENISCHE, ZIGEUNER

Zwischen 25’000 und 35’000 Fahrende leben in der Schweiz: Die Feckerchilbi, ein alljährliches Fest dieser offiziell anerkannten Minderheit in Gersau im Kanton Schwyz. (Keystone)

Fahrende, Zigeuner, Jenische, Roma: Wer sich mit dem Thema auseinandersetzt, stösst auf eine Flut von Begriffen. Die offizielle Schweiz spricht von Fahrenden, wenn Bevölkerungsgruppen mit einer ganz oder teilweise mobilen Lebensweise beschrieben werden sollen. Es ist ein Sammelbegriff für die verschiedenen Selbstbezeichnungen der einzelnen Gruppen – wie Jenische, Roma oder Sinti.

Hierzulande als Minderheit staatlich anerkannt sind nur schweizerische Fahrende. Unter ihnen bilden die Jenischen die Mehrheit. Die Schweiz ist eigentlich verpflichtet, den Erhalt ihrer Lebensweise zu unterstützen. Die laufende Protestaktion im Kanton Bern zeigt aber, dass hier nach wie vor grosse Mängel bestehen.

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Wer sind die Fahrenden? Die Grafik zeigt auf, wie die verschiedenen Selbst- und Fremdbezeichnungen zueinander stehen. (Quelle: Stiftung Fahrende)

Roma ist der Oberbegriff für verschiedene Bevölkerungsgruppen, welche Romanes sprechen und historisch in Indien und Pakistan beheimatet waren. Sinti (oder auch Manusch) sind die Nachfahren jener Roma, die bereits im 15. Jahrhundert nach Zentraleuropa ausgewandert waren.

Die Jenischen sind eine eigenständige Gruppe, die hauptsächlich in der Schweiz, Deutschland, Österreich und Frankreich lebt. Ihre Sprache basiert auf dem Deutschen oder in der Schweiz auf der Mundart und enthält Elemente aus dem Jiddisch, der mittelalterlichen «Vagantensprache» Rotwelsch und des Romanes. Die Historiker gehen heute mehrheitlich davon aus, dass die Jenischen aus der Unterschicht der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gesellschaft entstanden sind. Jenen Teilen der Bevölkerung, die aus Armut häufiger zur Wanderung gezwungen waren. Anders als die Roma sind sie also wahrscheinlich nicht zugewandert.

Die Mehrheit ist sesshaft

Die schweizerischen Fahrenden zählen heute geschätzt zwischen 25’000 und 35’000 Personen. Also etwa so viele, wie der Kanton Uri Einwohner hat. Daniel Huber, Präsident der Dachorganisation Radgenossenschaft der Landstrasse, sagte denn kürzlich in der «Limmattaler Zeitung» auch: «Wir sind der 27. Kanton der Schweiz».

Die grosse Mehrheit der Fahrenden ist heute sesshaft. Der Bund geht davon aus, dass nur rund 4000 bis 5000 «eine nomadische oder teilweise nomadische Lebensweise» führen. Regelmässig aktiv sind noch weniger: Eine Erhebung der Nutzung der bestehenden Stand- und Durchgangsplätze hat eine Zahl von rund 2500 Personen ergeben.

Sesshaft im Winter, mobil im Sommer

Der aktive Teil der schweizerischen Fahrenden ist in den Sommermonaten in kleinen Gruppen innerhalb der Schweiz unterwegs. Anders als die ausländischen Fahrenden (vor allem Roma), die sich meist nur einige Tage in der Schweiz aufhalten, dafür aber in grossen Verbänden reisen. Um als Fahrende leben zu können, sind sie auf sogenannte Stand- und Durchgangsplätze angewiesen:

  • Der Standplatz dient dem stationären Aufenthalt über die Wintermonate. Hier mieten die schweizerischen Fahrenden ganzjährig einen Stellplatz. In der dortigen Gemeinde sind sie auch angemeldet, und ihre Kinder besuchen hier die Schule.
  • Der Durchgangsplatz dient für kurzfristige Aufenthalte in den Sommermonaten. Anders als auf gewöhnlichen Campingplätzen muss hier auch das Ausüben einer Erwerbstätigkeit möglich sein, da von den Durchgangsplätzen aus die Kunden der jeweiligen Region besucht werden. Laut einem Bericht des Bundes gehen die aktiven Fahrenden bis heute traditionellen Tätigkeiten nach. Zum Beispiel Scherenschleifen, Altmaterial sammeln oder Hausieren.

 

Zu wenig Plätze

Seit Jahrzehnten ist die viel zu geringe Anzahl von Stand- und Durchgangsplätzen in der Schweiz ein Problem. Trotz der Anerkennung der Fahrenden als Minderheit im Jahr 1998 hat sich die Situation kaum verbessert. Obwohl Bund und Kantone eigentlich verpflichtet sind, für ein ausreichendes Angebot zu sorgen.

Letztmals wurde im Jahr 2010 die Situation umfassend analysiert, im Standortbericht der vom Bund gegründeten Stiftung «Zukunft für Schweizer Fahrende». Demnach bräuchte es in der gesamten Schweiz 40 Stand- und 80 Durchgangsplätze. Das Ziel wurde bereits im Jahr 2001 definiert. Verbessert hat sich die Situation seither nicht. Die Zahl der Standplätze stieg innert zehn Jahren nur um 3 auf 14. Die Zahl der Durchgangsplätze sank bis 2010 gar um 8 auf 43. Aktuell sind schweizweit 15 Stand- und 45 Durchgangsplätze vorhanden.

Armeeanlagen sollen umgenutzt werden

Die Mehrheit aller Plätze weist laut dem Bericht Mängel bei der Infrastruktur auf. Die Plätze sind zudem sehr ungleich über die Schweiz verteil:

Die erste Karte zeigt die Standorte der Standplätze (zum Vergrössern auf die Karte klicken):

Standplätze

 

 

Die zweite Karte zeigt die Standorte der Durchgansplätze (zum Vergrössern auf die Karte klicken):

Karte Durchgangsplätze neu

 

Gut ist die Situation laut dem Bericht in Graubünden. Im Mittelfeld liegt der Kanton Zürich mit seinen drei Standplätzen. In Winterthur ist 2013 zudem ein neuer Durchgangsplatz eröffnet worden. Im Aargau wurden zuletzt zwei bestehende Plätze renoviert. Der Nachholbedarf sei insbesondere in den Kantonen Bern, Schwyz und Solothurn gross.

Als Lösung für das Problem gilt die vermehrte Nutzung von nicht mehr benötigten Anlagen der Armee. Der Bund hat den Kantonen insgesamt 50 Grundstücke angeboten. Genutzt werden sie allerdings noch nicht. Am 18. Mai stimmt nun die Gemeinde Thal SG über einen Durchgangsplatz auf einem ehemaligen Gelände der Armee ab. Der Widerstand in der Bevölkerung ist gross.