Logo

Zehn Millionen Dollar pro Stunde – doch die Zahl der Toten steigt

Von Luca De Carli, 5. April 2014 11 Kommentare »
Heute wird in Afghanistan ein neuer Präsident gewählt. Der Auftakt in eine neue Ära: Nach fast 13 Jahren im Land ziehen bald auch die internationalen Truppen ab. Eine Bilanz.
Stichworte:, ,

AFGHANISTAN-UNREST-ELECTION-ARMY

Feuergefecht mit den Taliban: Junger afghanischer Soldat hält sich die Ohren zu, Bezirk Khogyani. (AFP, 19. März 2014)

«Der Einsatz hat für die Menschen Fortschritte gebracht», zieht die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen heute in der «Bild» Bilanz. In Afghanistan gingen inzwischen acht Millionen Kinder zur Schule, davon drei Millionen Mädchen. «Das hätte es unter dem Regime der Taliban nie gegeben.» Es sind die kleinen Erfolge, an die sich die internationale Gemeinschaft klammert. Denn befriedet ist das Land auch im Jahr 2014 nicht.

Eindrücklich zeigt dies die Zahl der zivilen Opfer: Die Mission der Uno (Unama) in Afghanistan zählte im letzten Jahr 8615. 2959 Zivilisten wurden getötet, 5656 verwundet. Ein deutlicher Anstieg gegenüber 2012. Hauptgrund für diese Entwicklung sei die zunehmende Zahl von Sprengstoffanschlägen durch regierungsfeindliche Kräfte, also insbesondere die Taliban. Sie seien für 74 Prozent der Opfer verantwortlich. 26 Prozent gehen auf das Konto der Truppen der afghanischen Regierung und der internationalen Schutztruppen (Isaf) oder sie sind die Folge von Kampfhandlungen zwischen den Sicherheitskräften und Terrororganisationen.

Verlässliche Zahlen dazu, wie viele Zivilisten seit dem Einmarsch der Schutztruppen insgesamt getötet oder verwundet wurden, gibt es nicht. Je nachdem ob nur die direkten Opfer von Gewalthandlungen gezählt werden oder auch die Opfer indirekter Kriegsfolgen wie zum Beispiel Hunger, schwanken die Schätzungen sehr stark. Es sind mit Sicherheit aber Zehntausende.

Der Blutzoll steigt

Seit mehr als 12 Jahren sind die Schutztruppen (Isaf) in Afghanistan. Gleich lang ist Hamid Karzai Präsident. Mit der heutigen Wahl seines Nachfolgers beginnt für das Land eine neue Ära. Der neue Präsident wird sich nicht mehr auf die Isaf stützen können. Bis Ende Jahr soll der Abzug der ausländischen Truppen abgeschlossen sein.

Derzeit setzt sich die Isaf aus Soldaten aus 48 Ländern zusammen. Am 1. April 2014 hatten die Schutztruppen eine Stärke von 51’176 Soldaten. Das grösste Kontingent stellten die USA (33’500) gefolgt von Grossbritannien (5200), Deutschland (2730) und Italien (2019). Eine detaillierte Übersicht ist hier zu finden.

Der Isaf-Einsatz endet in diesem Jahr. Trotzdem werden auch danach ausländische Truppen in Afghanistan bleiben. Es ist die Rede von mehr als 10’000 Soldaten, die die afghanischen Sicherheitskräfte trainieren und beraten – und weiter gegen Terroristen vorgehen. Dazu muss aber der neue Präsident erst ein Sicherheitsabkommen unterzeichnen. Karzai hat dies bislang verweigert.

Der Blutzoll der ausländischen Truppen in Afghanistan ist hoch. 3429 Soldaten sind zwischen 2001 und April 2014 gestorben: 2316 US-Amerikaner, 448 Briten und 665 Angehörige anderer Isaf-Staaten. Die Zahl der jährlichen Todesfällen stieg mit der Dauer des Einsatzes und erreichten in den Jahren 2010 und 2011 den Höhepunkt.

Fast so teuer wie der Irak-Krieg

Die Kosten des Militäreinsatzes in Afghanistan sind gigantisch. Stand heute haben alleine die USA rund 700 Milliarden Dollar ausgegeben, wie National Priorities ausgerechnet hat. Zum Vergleich: Für den Krieg im Irak sind es bislang gut 800 Milliarden. Die Organisation National Priorities bereitet seit rund 30 Jahren das US-Budget so auf, dass es für den Normalbürger verständlich wird. Seit 2001 gibt der US-Steuerzahler demnach 10,17 Millionen Dollar pro Stunde für den Krieg in Afghanistan aus.

Nach dem Rückzug der Isaf wird Afghanistan den Westen weiterhin viel Geld kosten. Neben den Kosten für das reduzierte Truppenkontingent werden voraussichtlich weiterhin jedes Jahr Millionen Dollar an Aufbauhilfe ins Land fliessen.

Das korrupteste Land der Welt

Nach der Vertreibung der Taliban von der Macht war die afghanische Wirtschaft praktisch komplett zerstört. Seither wurde ein Wachstumspfad eingeschlagen, der allerdings sehr starken Schwankungen unterliegt. Der Entwicklungsstand Afghanistans ist allerdings noch immer sehr bescheiden. 668 Dollar betrug das Bruttoinlandprodukt pro Kopf im Jahr 2013, gegenüber 192 Dollar im Jahr 2003. Damit gehört Afghanistan zu den 20 ärmsten Ländern der Welt. Zum Vergleich: In der Schweiz liegt das Bruttoinlandprodukt pro Kopf 2013 bei 80’276 Franken.

Einen negativen Spitzenwert belegt das Land bei der Korruption: Gemäss Transparency International ist Afghanistan zusammen mit Nordkorea und Somalia weltweit am stärksten von Korruption betroffen. So ist der Kampf der Behörden gegen den Anbau von Opium wohl nicht zuletzt wegen der Korruption weitgehend wirkungslos. Das Land produziert heute laut der UN-Antidrogenorganisation UNODC mehr Opium als zu den Spitzenzeiten während der Herrschaft der Taliban.

Hoffnung macht in Afghanistan die junge Generation, worauf auch die eingangs zitierte deutsche Verteidigungsministerin von der Leyen hingewiesen hat: In einer Befragung aus dem Jahr 2010 haben 86 Prozent angegeben, dass es an ihrem Wohnort eine Schule für Jungen gebe. Immerhin 67 Prozent der Befragten gaben an, dass auch eine Schule für Mädchen vorhanden sei. Die Bevölkerung Afghanistans wächst rasant. 2013 betrug die Zahl der Einwohner geschätzt knapp 33 Millionen. Zehn Jahre zuvor waren es erst knapp 24 Millionen gewesen. Es handelt sich deshalb um eine sehr junge Gesellschaft. 45,8 Prozent der Afghanen sind unter 14 Jahre alt.

11 Kommentare zu “Zehn Millionen Dollar pro Stunde – doch die Zahl der Toten steigt”

  1. Ernst sagt:

    700 Millionen US$ in den Sand gesetzt, hunderttausende von toten Militärs, Zivilisten und Kämpfern. Das Ergebnis ähnlich wie in Vietnam, praktisch Zero. Die Propaganda spricht von Schulen und Frauenrechten. Aber das gab es schon unter der sowjetischen Besetzung. Die Frauen Kabuls hatten unter den Kommunisten mehr Rechte als heute. Europa verteidigt am Hindukusch, mitnichten. Nach dem Abzug der westlichen Truppen werden innerhalb von zwei Jahren die Taliban wieder das Land kontrollieren. Und noch immer gibt es Amerika Versteher,

  2. will williamson sagt:

    Mag sein, dass die Amis 700 Mrd. $ ausgegeben haben. Aber wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld? Das Ausland! Die US-Staatsschuld ist seit 2001 von etwa 6 Billionen auf jetzt 17 Billionen gestiegen! Die Auslandverschuldung erreicht praktisch 100% des BIP.

  3. Matthias Meier sagt:

    Letzthin eine gute Doku im TV. Über 1000 Hilfsorganisationen dort, die sich gegenseitig die Auftrage abjagen, 40% der Hilfe geht gleich wieder an westliche Firmen. Und Korruption ist nur der Vorname, ein einfacher Zaun um einen Park hat Millionen gekostet, davon floss auch viel in den Westen, eigentlicher Wert des Zauns wäre 10’000 $ gewesen, usw.

  4. Simon Meister sagt:

    Der Krieg ist verloren. Die Nato zieht ab und überlässt seine afghanischen Mitarbeiter dem Schicksal. Nun versucht man das Ganz schönzureden. Wo ist gerade in Deutschland die Diskussion über den verlorenen Krieg? Wo die Diskussion über den geheuchelten Kriegsgrund? Wo ist die Diskussion über die zivilen Opfer des Natoeinsatzes? Wo ist EU-weit die Diskussion darüber, warum die Mitglieder der selbsternannten Friedensunion EU Kriege führen. Viele Fragen stellen sich über den Einsatz europäischer Länder im Irak, Afghanistan, Libyen, Syrien, Mali, Drohnenkrieg (auch von D aus) usw.. Diese Diskussion finden in dem hochethischen und hochmoralischen Europa nicht statt. Die bringen lieber weiterhin dem Planeten Frieden, Rechtstaatlichkeit und Demokratie und halten ein internationale Konferenz nach den anderen ab. Das Ganze ist ein potemkinsches Gebilde.

  5. Daniel Jurt sagt:

    Die Korruption ist die grösste Geissel Afghanistans. Warum die ISAF und all die internationalen Organisationen dieses Übel nicht gezielter angegangen sind, erstaunt mich sehr. “Warum soll ich Gesetze einhalten, wenn meine Clanführer und Politiker dies auch nicht tun?”

  6. Peter Glanz sagt:

    Afghanistan hat jetzt eine Chance ohne Religiösen Fanatismus den Weg in die Moderne zu beschreiten, diese Chance wird nur einmal kommen, aber als Realist sehe ich für dieses Land keine Chance ohne Unterstützung aus dem Ausland, die Taliban warten doch nur darauf das die Westlichen Soldaten raus sind, dann machen sie sicher eine Offensive und hauen diese Regierung aus ihren Büros.Time will tell.

  7. Ronnie König sagt:

    Wenn man von diesen gigantischen Summen nur 10% gezielt in Bildung, Kultur und medizinische Versorgung investiert hat, dann trägt das die nächsten Jahre sicher Früchte. Allerdings, wer die Geschichte Afghanistans kennt und die Afghanen, dann muss man einfach wissen, dass sie in einigen Punkten ganz anders denken wie wir im Westen. Krieg und kriegerisch sein ist ein wichtiges Element in dieser Weltecke, das erfuhren schon die Griechen, Perser, Inder. Selbst Dschingis Khan konnte dort nur mittels Genozid sich behaupten. Ein kompliziertes Sozial- und Herrschaftsgefüge zeichnete Afghanistan lange aus und bescherte auch friedliche Zeiten/Epochen. Es ging aber oft zulasten von Infrastruktur und Bildung. Aber ohne russische Invasion und amerikanische Subversion wäre es nie zu diesem Debakel gekommen, dass Steinzeitmuslime herbei gewünscht worden sind und waren. Nach 35 Jahren Krieg wissen die meisten gar nicht (mehr) was Frieden eigentlich ist und bieten kann. Und unsere Drogengesetze sind der Treibstoff für weitere Aggressionen in Afghanistan, denn Opium und Edelsteine sind die Quellen der Kriege dort. Und der pakistanische Geheimdienst ISI, ein Substaat des Nachbarn Pakistan. Warum, ausser den gigantischen Summen die er umsetzt und verdient, kann man kein weiterer Sinn sehen. Die wahre Zeitbombe Südasiens!

  8. Gerold Meier sagt:

    “Talib” ist das arabische Wort für “Korangeschulter” oder “Koranschüler”. Wissenschaftlich erwiesen ist, dass der Besuch einer Koranschule, auch Medresse genannt, zu verdummten und fanatisierten Absolventen führt. Keine Koranschule -> keine Taliban -> Problem gelöst. Als Erstes hätte man die Koranschulen schliessen sollen. Was haben die Deutschen für die Enwicklung in Afghanistan getan? Sie haben im Norden die Strassen nach den ehemaligen Sowjetrepubliken sicher gemacht. So konnte das Heroin sicher, billig und zollfrei nach Westeuropa gebracht werden. Soviel zur letzten Grafik.

  9. Sportkrücke sagt:

    Das erste Bild ist total verstörend, die Zahlen interessieren (für einmal) nicht so sehr. Die Bilanz liegt in den Augen dieses jungen Soldaten…

  10. Volkan Aydin sagt:

    Unheimlich wie schnell die Zeit vergeht, bereits 13 Jahre lang Terrorisiert der Westen Afgahnistan, Irak, Pakistan in “NAMEN DES TERRORS”.Schätzungsweise über 1 Mio Tote und hier spricht man von unverlässlichen Zahlen? vieleicht 10 Tausende?. Aber schön das man ja auch noch über die Wirtschaft sprechen muss…

    Dieser Artikel ist selbsterklärend.

  11. JOHANN KREBS sagt:

    Ich war in Afgh an zwei missions am wiederaufbau taetig, und habe viel mit Afgh leuten gearbeited. Ausnahmslos waren alle sehr gute zuverlaessige mitarbeiter denen ich mein Leben anvertrauen konnte. Leider sind die Iran freundlichen CH und Europa genossen heute zum HAUPTFEIND des Afgh volkes und dessen wiederaufbau geworden. Wer finanziert und trainiert kinder zu kamikaze missions? IHR die ihr den Iran untersuezt und somit unser leben aufs spiel setzt. Durch das CH-IRAN Banking/Oel geschaeft ermordet Ihr unschuldige Afgh leute und uns zugleich. Ich habe mitarbeiter gekannt die wegen des Iran geldes heute tot sind! Wir die internationalen die am wiederaufbau in Afgh taetig sind werden von eurem “IRAN-business as usual” bedroht und ermordet. DANKE fuer eure CH/EURO mentailtaet denen das Afgh volk egal ist damit ihr weiter mit IRAN business machen koennt! Da der bericht ohnehin nicht gedruckt wird kann ich nur sagen: beobachted und verfolgt den fluss des geldes und seht wer und was dahinter steckt. Aber dazu benoetigt es ehrlichkeit die euch fehlt!