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Was die Doodles über Google verraten

Von DB, 8. April 2014 3 Kommentare »
Google-Doodles sind Kult geworden. Doch obwohl der Internetgigant stets Neutralität predigt: Hinter den Doodles steckt mehr als Spielereien. Simon Koch hat genauer hingeschaut und 1895 Logos analysiert.
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Wer ist Google für Sie? Ein allumfassender Datenkraken? Eine hippe Firma aus Kalifornien, die ihre Mitarbeiter verwöhnt? Eine Marketingbude, eine Suchmaschine? Oder vielleicht eine Verteidigerin der Rechte für Homosexuelle, weil sie am Tag der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Sotschi ein kontroverses Doodle lanciert hat?

Nur sehr selten mischt sich Google in die Politik ein. Als Champion der Netzneutralität tut das Unternehmen alles, um seine neutrale Reputation zu bewahren. Es muss Zensur um jeden Preis verhindern: Der Ruf einer glaubwürdigen Suchmaschine steht sonst auf dem Spiel. Deshalb ist auch sein Slogan so vage wie nur möglich: «Don’t Be Evil» – «Seid nicht die Bösen». Dieses Motto erlaubt der Firma, Werte aufzunehmen, die normalerweise mit jenen der amerikanischen Gesellschaft einhergehen.

Was Google mag

Wer die Geschäftsbedingungen von Googles Videoservice Youtube liest, weiss, was Google nicht mag: Gewalt und Sex. Jedoch steht nirgends, was Google eigentlich mag und für welche Werte das Unternehmen einsteht. Mit einer Ausnahme: die Doodles. Hier können die Menschen hinter dem Internetgiganten auf verspielte Art ihre Liebe für Innovation und die Prinzipien des Unternehmens ausdrücken.

Um herauszufinden, wofür sich Google in seinen animierten Logos am meisten einsetzt, haben wir sämtliche 1895 Doodles, die zwischen dem 28. August 1998 und dem 31. Dezember 2013 publiziert wurden, analysiert. Was sind die grossen Themen und kleinen Obsessionen? Das Resultat zeigt ein nuanciertes und eher überraschendes Porträt.

Google liebt nationale Feiertage. Fast die Hälfte aller Doodles (43 Prozent, 818 Doodles) dreht sich darum. Davon waren 557 Logos, die auf einzelne Länder zugeschnitten waren und nur da zu sehen waren. Dieser Aspekt der nationalen Identitäten zeigt auch der Themenbereich auf Platz drei: Flaggen (206 Doodles). Ist Google ein grosser Befürworter von Online-Nationalismus, wie die Wortwolke der Top-100-Doodle-Tags suggeriert?

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Was auf jeden Fall klar ist: Google zelebriert die positiven Aspekte unterschiedlicher Identitäten, sowohl national (Flaggen, Länder) als auch kulturell (Ferien, Feiertage, wichtige Events). Gerade für den ultimativen Player der Globalisierung scheint dies ironisch – paradox ist es aber nicht. Als Firma, die einen Teil ihrer Umsätze mit Werbung macht, muss Google nationale und lokale Besonderheiten bieten, um Werbekunden anzulocken.

Diese Strategie kann man auch in der Verteilung der Doodles beobachten. Während die Anzahl der global laufenden Logos über die Jahre stabil verläuft, ist die Zahl der lokal zugeschnittenen Doodles, die nur in einzelnen Ländern zu sehen sind, in den letzten acht Jahren explodiert.

Der zweitbeliebteste Themenblock sind – wenig überraschend – Geburtstage. Darin wird die Geschichte gefeiert: wichtige Ereignisse, Geburtstage von Künstlern, Schriftstellern, Wissenschaftlern und Forschern.

Und wer sich die Googleianer bisher als dicke Nerds mit Brillen vorstellte, wird bei Platz vier eines Besseren belehrt. Sport (191 Doodles) ist sehr beliebt – insbesondere Logos mit Fussball (74).

Hinter dem Sport rangieren die «Aktuellen Events» (191 Doodles). Über die Hälfte dieser Logos dreht sich dabei um sportliche Events wie Olympiaden oder Weltmeisterschaften. Im Rest geht es um Wahlen, wissenschaftliche Entdeckungen und, in einzelnen Fällen, um kulturelle Ereignisse.

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Kunst-bezogene Doodles rangieren immerhin auf Rang 6 (178) der Top 10 der Themenbereiche, mit einem Fokus auf Architektur (32) und Popkultur (21). Knapp dahinter: Blumen, mit 146 Doodles, und Literatur (145). Auch wenn die Auswahl zumeist sehr konventionell daherkommt, überrascht es doch, dass die verspielten Logos sich mehr mit Kultur und Kunst befassen als mit Wissenschaft.

Die Forschung rangiert nämlich bloss auf Platz 9 (126). Dabei werden vor allem Astronomie und Mathematik zelebriert. Die Top-10-Liste endet mit dem so offenen wie positiv-konnotierten Themenblock «Kinder», mit immerhin 123 Doodles in 15 Jahren.

Bürgergeist 2.0 und die Rechte der Arbeiter

Die seltenen Doodles, die sich um politische Wahlen drehen («Abstimmen»: 51 Doodles, «Wahl-Urne»: 31, «Demokratie»: 2), signalisieren keine politischen Botschaften. Meist erinnern sie die Bürger bloss daran, abstimmen zu gehen. Aber hinter diesem gleichgesinnten Image zeigt sich: Google ist nicht so neutral, wie es sich gibt. Zwischen den Zeilen wird durchaus politisiert.

Google als Vorzeige-Arbeitgeber engagiert sich, wenn es um die Rechte von Arbeitern geht. Immerhin drei Doodles behandeln den Tag der Arbeit am 1. Mai, einem Feiertag, der traditionell vor allem für das linke politische Spektrum wichtig ist. Prompt hat das Doodle von Ostern 2013, welches dem Syndikalisten Cesar Chavez gewidmet war, konservative und christliche Gruppierungen schockiert und auf den Plan gerufen. Chavez ist, neben der südafrikanischen Sängerin Miriam Makeba die einzige Persönlichkeit, die mit dem Schlagwort «Aktivisten» versehen wurde.

Strategie der Stille

In delikateren Bereichen scheint Google bemüht zu sein, politische Elemente unter das Banner der Geschichte zu stellen. Ein gutes Beispiel ist der Jahrestag von Rosa Parks, der Ikone im Kampf um die Aufhebung der Rassentrennung in den USA. Die gleiche Idee wurde auch auf die afroamerikanische Abolitionismus-Kämpferin Harriet Tubman übertragen, deren Doodle am 1. Februar 2014 veröffentlicht wurde. Ein paar wenige waren ausserdem dem Kampf um Frauenrechte und dem internationalen Frauentag am 8. März gewidmet – allerdings ohne jegliche politische Message.

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An manchen Doodles aber finden sich keine von Google angegebenen Schlagwörter. Ein Schelm, wer denkt, der Schlagwort-Champion der Welt hat hierfür keine Worte gefunden. Beispielsweise am Nationaltag der Ukraine von 2013, als die Beziehungen des Landes mit Russland einmal mehr spannungsgeladen waren. Ebenfalls kein Schlagwort kriegte das Doodle zum 50. Jahrestag von Martin Luther Kings Rede «I Have a Dream».

Ein Bild ist mehr wert als ein Wort

Das kontroverse Regenbogen-Doodle am Tag der Olympischen Eröffnungsfeier war nicht das erste Unterstützungszeichen an die LGBT-Community vonseiten Googles. Auch wenn es dafür kein spezifisches Schlagwort verzeichnet gibt – Googles Position zum Thema lässt wenig Spielraum für Spekulationen.

Im Jahr 2012 zeigte der Doodle-Clip beispielsweise sowohl ein Homo- als auch ein Hetero-Pärchen. Im Doodle von 2014 waren die Zeichentrick-Pärchen gar ganz ohne Geschlecht.

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Alles in allem riskiert Google nicht viel mit ihren Doodles. Das Unternehmen kultiviert ein modernes Image mit einem schlauen Mix aus nationalen Identitäten, Sport, Ereignissen, Kunst und Wissenschaft. Indem es den Fokus weg von seiner computerwissenschaftlichen DNA nimmt, schafft es Google, ein positives Image von sich selbst zu verstärken.

Zwischen den Zeilen hingegen wird klar, welche progressiven Werte Google wirklich unterstützt. Eine moderne Form von Humanismus – ohne es zu verschlagworten.

Simon Koch ist Journalist bei Lematin.ch/Newsnet, wo dieser Artikel zuerst erschienen ist.

Wie sehen Sie Google? Ist das Unternehmen so neutral, wie es tut? Oder wäre die Firma vielleicht gar verpflichtet, sich vermehrt in die gesellschaftlichen Debatten einzumischen? Lassen Sie es uns in der Kommentarspalte wissen.

3 Kommentare zu “Was die Doodles über Google verraten”

  1. Katharina sagt:

    Das Wort ist eigentlich nicht Humanismus, sondern Transhumanisums, da sowohl der CEO als auch zwei der technischen Entwicklungsleiter Transhumanisten sind. Und zwar die Sorte machen was machbar ist, ohne ethische Reflexion.

    Und damit ist der Einfluss von Google und seiner Technologien auf unsere Gesellschaft weitaus volatiler als Sie mit dem netten ‘Eine moderne Form von Humanismu’ sagen. Volatiler, weil deren Transienz zur satten und dichten Durchdringung mit intelligenten Maschinen unbemerkt, aber mit stetigen kleinen Schritten voranschreitet.

    Nein, es sollte vermehrt UEBER Google diskutiert werden und dies besonders im Kontext Transhumanismus. Die üblichen meist technikverliebten Kolumnen zu Google sind dazu nicht zielführend.

    Betreffend LGBT ist Google eher Trittbrettfahrer.

  2. Ike Conix sagt:

    Die Hochstilisierung des Olympia-Doodles zum Regenbogen-Doodle hat vermutlich Google selber am Meisten überrascht. Google verwendet dieselben Farben schon in seinem Markenzeichen und im “Standard-Doodle”. Viel eher könnte man Google vorwerfen, sie hätten von Apples Logo (1976-1998) abgekupfert.

  3. Fabian Schorp sagt:

    ‘Prompt hat das Doodle von Ostern 2013, welches dem Syndikalisten Cesar Chavez gewidmet war, konservative und christliche Gruppierungen schockiert und auf den Plan gerufen’ – Ja, aber auch nur, weil diese Leute halt Cesar und Hugo Chavez nicht auseinanderhalten konnten…