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Berner oder Zürcher, Frauen oder Männer: Wer spricht langsamer?

Von DB, 23. April 2014 32 Kommentare »
Dialektforscher der Universitäten Zürich und Bern untersuchten regionale und geschlechterspezifische Unterschiede bei der Sprechgeschwindigkeit. Linguist Adrian Leemann präsentiert die Resultate.

Im März 2013 kam die Dialäkt-Äpp in den App-Store. Bisher wurde sie schon über 58’000-mal heruntergeladen. Mit ihr kann man die Herkunft seines eigenen Dialekts bestimmen, andere Dialekte anhören sowie die eigene Aussprache aufnehmen und mit jener anderer Benutzer vergleichen.

Insgesamt haben sich ungefähr 2500 Sprecher aufgenommen, darunter 115 Stadtberner und 205 Stadtzürcher. Mit diesen Daten haben Dialektforscher der Universität Zürich und Sprachwissenschaftler der Universität Bern gängige Stereotypen überprüft: Sprechen Berner wirklich langsamer als Zürcher?

Um die Sprechgeschwindigkeit zu messen, gibt es in der Phonetik den «durVonVon»-Wert. Dieser Wert beschreibt die zeitliche Distanz vom einen Vokalanfang zum nächsten Vokalanfang in Sekunden. Im Wort «fragen» wurde zum Beispiel die zeitliche Distanz vom Anfang des a bis zum Anfang des e gemessen. Je länger diese zeitliche Distanz, desto langsamer spricht jemand.

Der Befund: Berner sprechen die vorgegeben Wörter der Dialäkt-Äpp signifikant langsamer aus als die Zürcher.

 

Berner vs Zürcher

 

In der Grafik sind die Aufnahmen der Berner gelb und diejenigen der Zürcher rot. Je höher der «durVonVon»-Wert auf der Y-Achse liegt, desto langsamer das Sprechtempo. Die farbige Box zeigt an, in welchem Bereich 50 Prozent aller Messdaten liegen. Die Antenne (mit Querstrich abgeschlossene gestrichelte Linie) gibt an, bis in welchen Bereich die Daten insgesamt reichen. Der schwarze Strich in der Box ist der Median (Zentralwert); dieser teilt die Menge aller Daten hälftig. Runde Kreise stehen für Ausreisser.

Eine frühere Studie hat herausgefunden, dass Berner auch im Vergleich zu Wallisern und Bündnern signifikant langsamer sprechen. Bündner sind zwar ähnlich langsam, nur haben sie interessanterweise diesbezüglich nicht mit Vorurteilen zu kämpfen. Die Resultate zeigen folgende Tendenz: Am langsamsten sprechen die Berner mit 5 Silben pro Sekunde, etwas schneller die Bündner mit 5,2 Silben pro Sekunde und am schnellsten sprechen die Zürcher und Walliser mit 5,8 Silben pro Sekunde (Quelle: Leemann, A. [2012]. Swiss German Intonation Patterns [Studies in Language Varation 10]. Amsterdam: John Benjamins).

Interessanterweise gibt es auch geschlechterspezifische Unterschiede beim Sprachtempo. In beiden Dialekten sprechen Frauen die untersuchten Wörter signifikant langsamer aus als Männer. Diese Tendenzen wurden bereits im britischen und amerikanischen Englisch festgestellt.

 

Männer vs Frauen

 

Dialektforscher Dr. Adrian Leemann arbeitet im Phonetischen Labor der Universität Zürich

32 Kommentare zu “Berner oder Zürcher, Frauen oder Männer: Wer spricht langsamer?”

  1. Der Dialekt erlaubt keine eigene Sprache, aber eine eigene Stimme.

    Hugo von Hofmannsthal

  2. Beim Dialekt fängt die gesprochene Sprache erst an.

    Christian Morgenstern

  3. In den heimatlichen Dialekt übersetzt, verliert selbst die Relativitätstheorie an Schrecken.

    Martin Gerhard Reisenberg

  4. Vielen Dank für all Ihre interessanten Kommentare!

    @Urs: Die These mit den Dialekt-spezifischen Mundbewegungen ist spannend (solche Information wäre dann auch für forensisch phonetische Zwecke sehr relevant). Meines Wissens gibt es noch keine Untersuchungen dazu, inwiefern sich Dialektsprecher in Bezug auf die Mundbewegungen unterscheiden.

    @Claudia Brüllmann: Es wurden die dialektalen Aussprachen der Wörter analysiert.

    @Ha-U Koch: Danke für die klärenden Worte, Sie haben dies genau in meinem Sinne erläutert:)

    @maja: Das Sprechtempo ist in der Tat hochgradig individuell. Deshalb haben wir (zumindest für die Phonetik) mit einem grossen Sample von > 100 Sprechern pro Dialekt gearbeitet. Wir haben mit Mittelwerten gerechnet.

    @Markus Spycher: Die zugrundeliegenden mittelhochdeutschen Vokale sind in den abgefragten Wörtern gleich lang im BE wie auch im ZH deutschen. Von dem her liegt wahrscheinlich keinen phonologisch oder historisch-bedingten Unterschied in der Dehnung der Vokale vor. Sie sprechen jedoch einen spannenden Punkt an, Herr Spycher: eine frühere Studie von Herrn Siebenhaar (Leipzig) und mir hat gezeigt, dass Berner in phrasen-finaler Position Vokale effektiv mehr dehnen als zum Beispiel Zürcher. Diese extensive Längung der Vokale am Ende eines Satzes führt dann mitunter zu einer global langsameren Sprechgeschwindigkeit im Berndeutschen.

  5. urs sagt:

    ich hätte an die Frage. Die Ergebnisse der Studie überraschen mich eigentlich nicht, so wie gemessen wurde. Als Zweidialekter (Ostschweiz/Berndeutsch) ist die Mundbewegung beim ostschweizer Dialekt viel rascher und abgeackter. D.h., sportlich muss tatsächlich mehr geleistet werden. Ob jedoch ein ‘bernisches’ Igaidsbett’ wirklich langsamer ist als ‘ich gang is bett’ wirklich langsamer ist als die ostschweizer Variante, wenn man den effektiven Sprachgebrauch berücksichtigt und nicht nur Worte, habe ich zumindest Zweifel Meine These, ja, die Berner sind langsamer in Mundbewegungen, kompensieren dies jedoch durch einen sehr verknüpften Satzbau und setzen die Sprache viel effizienter ein. Mit meinem ostschweizer Dialekt verschleudere ich unnütig Sprechressourcen….

  6. Hostettler Bruno sagt:

    Apropos Tempo: Der Dr. Adrian Leemann kann im Fall ganz schnell secklen, er hat mega oft Staffelrennen gewonnen!

  7. beat lauper sagt:

    Immerhin ist jetzt mein Cliché bestätigt, das von den männlichen Alpha Tierchen in Zürich.

  8. Irene feldmann sagt:

    Also das mit dem sprechen und ( hoffentlich) denken verbinde ich mal so: persönlichkeit( ADHD ODER ADD) , welche Sprache ob jetzt deutsch, chinesisch oder lateinisch gebraucht wird, und natürlich das umfeld( Psychologie). Das Hauptproblem scheint aber eindeutig die konstante Überforderung der Mitmenschen zu sein welche, nicht die Fähigkeiten Haben, einfach tolerant anderen gegenüber zu sein.

  9. Claudia Brüllmann sagt:

    Welche Aussprache wurde gemessen? Die der hochdeutschen Wörter (so wie in der Grafik) oder die der jeweiligen Dialektäquivalente? Meiner Ansicht nach macht es etwas aus, ob ich “Obe” oder “Abig” sagen muss (Abend in Bern- bzw. Züritütsch).

    • Ha-U Koch sagt:

      Also, wenn ich den Artikel richtig verstanden habe (er war ja eigentlich klar in dieser Hinsicht), wurde mit Hilfe des durVonVon-Mittels dieser Faktor neutralisiert: Jedes Experiment-Mitglied sprach in seiner eigenen Mundart und so schnell, wie es sich gewohnt ist/war. Es geht also nicht darum, wie schnell Sie oder ich ein jeweiliges Vergleichswort sprechen (können/wollen/müssen), sondern darum, ob es statistisch signifikante Unterschiede zwischen genügend grossen Anzahlen Sprecher und Sprecherinnen der miteinander verglichenen Wörter gibt. Das wurde womöglich mit der meines Erachtens noch sehr geringen Anzahl (je ca 100 bis 500 Sprecher/-innen) noch nicht definitiv erreicht. Dennoch, von den klar definierten Ausreissern abgesehen, scheint die abgebildete Zeitdifferenz auf die Bestätigung der so genannten Klischees hinzudeuten.

    • Adam Sidi sagt:

      “Im März 2013 kam die Dialäkt-Äpp in den App-Store.” “… seines eigenen Dialekts bestimmen, andere Dialekte anhören sowie die eigene Aussprache aufnehmen …” “Mit diesen Daten haben Dialektforscher …” “Der Befund: Berner sprechen die vorgegeben Wörter der Dialäkt-Äpp signifikant langsamer aus als die Zürcher.”

      Die Aussprache in Dialekt wurde gemessen…

  10. Ha-U Koch sagt:

    Statt die linguistisch interessant angelegte Untersuchung zu betrachten (abgesehen von einer halben Ausnahme zur Frage gedehnter/langer Vokale, die aber auch wieder auf die Berne/Zürcher-Debatte einschwenkt), schalten die allermeisten Kommentator(inn)en nur den Lokalpatriotismus [sprich Chauvinismus] ein und hauen den jeweils andersmundartlichen CH-Deutsch Sprechenden eins drauf.

    Es geht hier wohl nicht darum, was und (in unlogischer Analogie dann noch schlimmer: ) wer besser sei, sondern nur darum, ob es eine akustisch nachprüfbare Evidenz zur unterschiedlichen Sprechgeschwindigkeit zwischen verschiedenen Dialektsprechenden gebe und siehe da, es gibt sie.

  11. Hannes Müller sagt:

    Danke für die Empfehlung. Habe das gleich ausprobiert und genossen.

  12. Marco Traber sagt:

    Schneller ist kein Synonym für besser. Es ist durchaus nicht so, dass das Denken des Sprechenden mit dem eben Gesagten immer nachkommt.

  13. maja sagt:

    Das Sprechtempo ist doch individuell. Ich spreche und lese schnell. Ich mag auch lieber Unterhaltungen mit Leuten, die schnell sprechen – sonst schlafe ich ein:)

    • maja sagt:

      Genetisch kann es nicht sein, da beide Elternteile Berner waren/sind. Ich aber seit Geburt im Kanton ZH lebe.

  14. Gerhard Leu sagt:

    Berner sprechen nicht nur langsamer. Sie brauchen auch mehr Wörter und Sätze, um einen Sachverhalt auszudrucken. Dafür ist der Dialekt sympatisch und man hört ihnen gerne zu. Was machen eigentlich die Zürcher mit der gewonnenen Sprechzeit?

    • Kurt Seiler sagt:

      Sie verdienen Geld.
      …deutlich mehr als die Berner.

      • René Sutter sagt:

        Genau. Wie zum Beispiel bei Swissair, UBS, CS.

      • Stef sagt:

        Geldverdienen wird wohl kaum etwas mit dem Sprechtempo zu tun haben. In Deutschland werden die Schnellschwätzer aus dem Norden von den eher langsam sprechenden Süddeutschen mittels Finanzausgleich über Wasser gehalten.

        • Jimmy75 sagt:

          Bayer hat Jahrzehnte vom Finanzausgleich gelebt. Jetzt dürfen sie auch mal was zurückgeben. Aber all das hat sicher nichts mit dem Sprechtempo zu tun. Zumal auch in Norddeutschland langsam gesprochen wird.

    • Stef sagt:

      Die Kiefermuskulatur entspannen.

  15. romano adrian sagt:

    …wir schliessen daraus:
    die Evolution hat den Frauen beigebracht langsamer zu sprechen, damit die Männer auch Zeit haben zu begreifen… 🙂

  16. Markus Spycher sagt:

    Hat die Studie die Dehnung der Vokale berücksichtigt? Wenn der 1.Vokal gedehnt ausgesprochen wird, dauert es logischerweise länger bis zum Beginn des zweiten. Dehnung eines Vokals bedeutet auch Information an den Adressaten, womit möglicherweise anderswo (bei Konsonanten) Zeit gespart werden kann.

  17. Matthias Hold sagt:

    Interessante Daten, was schliessen wir daraus? In der Annahme, dass Frauen langsamer und dadurch verständlicher artikulieren, liesse sich dies auch für Berner sagen. Mit anderen Worten, je bernischer artikuliert, desto verständlicher die Botschaft; die Umkehrung wäre ebenfalls zulässig.

    • ka sagt:

      meinen sie nun akustisch verständlicher, oder inhaltlich?? ist nicht dasselbe und der Umkehrschluss ist da auch nicht zulässig.

    • Reto Meier sagt:

      Langsames Sprechen ist nur für Leute verständlicher, die langsam im Kopf sind. Für alle anderen kann es zu einer Zumutung werden, sich den Kontext im Schneckentempo anhören zu müssen.

      • Adriian M. Gerber sagt:

        @Reto Meier: Schneller ist nicht unbedingt besser! Mancher lässt beim schneller sprechen mehr ‘bruns use’ als einer, der eben vorher den Rechner (sprich: Brain) einschaltet. Siehe ihr Kommentar (der übrigens auch eine Zumutung ist!)

        • Reto Meier sagt:

          @Adriian M. Gerber: habe ich da etwa einen Nerv eines der langsamen Zebras unserer Herde getroffen? Auch die langsamen lassen gerne “bruns use”. Die Wortwahl wird durch Sprechen im Schneckentempo nicht besser, das Thema erst recht nicht. Ein Trost für sie: unsere “zivilisiert Gesellschaft” lässt keine Löwen mehr zu.

      • Maettu sagt:

        @ Reto Meier: Ich arbeite in diesem Feld. Das Ganze hat auch eine Kehrseite. Die Gehetzten, die ihren Gedankentornado ungefiltert raus lassen, lösen bei ihren Mitmenschen oft mindestens so grossen Frust aus. Der Unterschied besteht darin, dass während die “Langsamen” bestenfalls durch intensives Training das Gehörte schneller zu verarbeiten lernen, von Seiten der “Schnellen” lediglich etwas mehr freundliche Gelassenheit nötig wäre.