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Wie falsch lagen die Umfragen wirklich?

Von DB, 10. November 2016 24 Kommentare »
Nach dem überraschenden Sieg Trumps erhalten Meinungsforscher und Statistiker einmal mehr ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Doch wie sehr täuschten sie sich wirklich?
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Von Lukas Leuzinger

Hillary Clinton war nicht die einzige Verliererin bei den gestrigen Präsidentschaftswahlen in den USA. Mit dem Sieg von Donald Trump wurden auch die allermeisten Meinungsforscher und Prognostiker auf dem falschen Fuss erwischt. Fast alle nationalen Umfragen sahen die demokratische Kandidatin auf Kurs ins Weisse Haus. Statistiker sahen die Chancen Clintons ausnahmslos bei über 50 Prozent, einige gar bei 99 Prozent.

Grafik: New York Times

Die «New York Times» gab Donald Trump in ihrer Prognose eine 15-Prozent-Chance, die Wahlen zu gewinnen. In der Wahlnacht musste sie diese Schätzung bald revidieren. Grafik: New York Times

Nun ist es keine Seltenheit, dass Umfragen und Prognosen über Wahlen und Abstimmungen danebenliegen. Das wissen wir in der Schweiz spätestens seit dem Ja zur Minarettinitiative. Auch in Grossbritannien holten sich die Prognostiker in jüngster Vergangenheit keine Lorbeeren ab: Das Votum im Juni zum Austritt aus der EU stand im Kontrast zu den letzten Umfragen, welche die Remain-Seite leicht im Vorsprung gesehen hatten. Auch den klaren Sieg der Konservativen bei den Wahlen 2015 hatten die Umfragen nicht vorausgesehen (ebenso das letztlich klare Ja der Schotten zum Verbleib im Vereinigten Königreich 2014).

Allerdings gilt es in Bezug auf die USA zu differenzieren:

  • Die nationalen Umfragen lagen nicht so weit daneben. Die letzten Umfragen sahen Clinton im Schnitt 3 bis 4 Prozentpunkte vor Trump. Die Tendenz stimmte hier sogar: Die Demokratin holte über das ganze Land gesehen mehr Stimmen als Trump. Die tatsächliche Differenz war mit 0,2 Prozentpunkten deutlich kleiner als von den Meinungsforschern dargestellt. Der «Fehler» liegt jedoch nicht so weit vom langjährigen Durchschnitt der Abweichungen – 2 Prozentpunkte – entfernt.
  • Allerdings sind bei Präsidentschaftswahlen in den USA nicht die nationalen Stimmenverhältnisse massgebend, sondern die Elektorenstimmen – die Wahlen werden in den einzelnen Bundesstaaten entschieden. Und hier lagen die Umfragen teilweise weit daneben.

Diese Umfragen auf Bundesstaatsebene sind es auch, welche die Statistiker als Vorlagen für ihre Prognosen verwenden. Die Interpretation der Daten ergab dabei beträchtliche Variationen. Nate Silver, der durch seine sehr genaue Voraussage des Wahlergebnisses vor vier Jahren Bekanntheit erlangt hatte, täuschte sich diesmal mit allen anderen. Mit einer errechneten Siegeschance von 71 Prozent lagen er und sein Team bei Fivethirtyeight am unteren Ende der Optimismusskala in Bezug auf Hillary Clinton.

Die «New York Times» sah die Wahrscheinlichkeit eines Clinton-Sieges bei 85 Prozent, Prognose-Märkte bei 89 Prozent, die «Huffington Post» und die Princeton University gar bei 98 beziehungsweise 99 Prozent. Tatsächlich musste sich Silver deswegen in den letzten Tagen von verschiedenen Seiten Kritik an seinem Prognosemodell anhören. Es wurde ihm sogar vorgeworfen, er setze die Chancen Clintons absichtlich zu tief an, um das Rennen als spannend darzustellen und die Besucherzahlen auf seiner Website hoch zu halten.

Wieso aber lagen die Umfragen falsch?

Eine These ist, dass der Anteil der Trump-Wähler in den Umfragen unterschätzt werde, da sich viele von ihnen aufgrund sozialer Erwünschtheit nicht zu ihrer eigentlichen Präferenz bekennen würden. Dagegen spricht, dass die Umfragen bei den republikanischen Vorwahlen die Stimmenanteile von Trump relativ genau trafen, diese oft sogar überschätzten. Auch waren keine signifikanten Unterschiede zwischen Telefonumfragen und Internetumfragen zu sehen – letztere hätten aber, sollte die These stimmen, mehr Unterstützung für Trump zeigen müssen, denn in Internetumfragen haben die Leute in der Regel weniger Hemmungen, ihre wahre Meinung kundzutun.

Trump selber hatte im Wahlkampf verschiedentlich auf die «schweigende Mehrheit» verwiesen, die ihm zum Sieg verhelfen würde, aber in den Umfragen zu wenig berücksichtigt werde. Tatsächlich fand eine Umfrage unter jenen Wahlberechtigten, die sich nicht als «likely voters» bezeichneten, relativ grosse Sympathien für Trump. Natürlich wäre es falsch, in einer Umfrage Wahlberechtigte, die nicht zu wählen beabsichtigen, für das Ergebnis zu berücksichtigen. Wenn aber Trump diese Wähler doch noch zu mobilisieren vermochte, wäre das eine mögliche Erklärung für die Abweichung von den Umfragen.

Auf jeden Fall ist die Mobilisierung einer der häufigsten Gründe, warum Umfragen vom tatsächlichen Wahlergebnis abweichen. Natürlich kann dieser Effekt in beide Richtungen spielen: Möglicherweise konnte Hillary Clinton trotz gross angelegter Mobilisierungsaktionen ihre Sympathisanten nicht in genügender Zahl an die Urnen bewegen. Nate Cohn von der «New York Times» räumte während der Wahlnacht ein, dass der Einfluss der Wahlbeteiligung die grosse Schwäche seines Modells sei.

Möglicherweise werden vertiefte Analysen noch andere Einflüsse offenlegen. Klar ist: Die Wahlen in den USA haben einmal mehr gezeigt, dass Umfragen lediglich einen Eindruck der Stärkeverhältnisse geben können und nicht mit dem Endergebnis gleichgesetzt werden sollten. Und dass eine Wahrscheinlichkeit von 70 oder 90 Prozent eben immer noch bedeutet, dass es zu 30 oder 10 Prozent anders herauskommt.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Napoleonsnightmare.ch.

24 Kommentare zu “Wie falsch lagen die Umfragen wirklich?”

  1. ruben sagt:

    warum wurde nicht ermal islami gewählt, er hat es viel mehr im griff

  2. Marianne Wissarjonova sagt:

    Prognosen haben nur einen Zweck: Die Spannung am Leben halten und Vorwand für Zeitungsartikel zu sein, die vorspiegeln, sie seien Nachrichten oder Meldungen. Damit kann riesige Lücken zwischen den Inseraten füllen, ohne selber gross an die Arbeit zu müssen. Es ist der Journalismus des billigen Müssigganges, der nach Prognostikern lechzt und diesen Publikum gewährt.

  3. Florian Walter sagt:

    Kann es sein das die Umfragen absichtlich manipuliert wurden um den wählern vorzugaukeln das er chancenlos ist?
    Falls ja ging das wohl nach hinten los, die Trump Wähler wurden motiviert und die Clinton Wähler fanden es unnötig zu wählen.

  4. Rolf Rothacher sagt:

    Genauso wie die Meteorologie ist auch Meinungsforschung keine echte Wissenschaft. Beide messen irgend etwas und geben anschliessend eine Prognose ab, die mit 50% Wahrscheinlichkeit eintrifft. Hören wir endlich mit den Umfragen und mit den Wetterberichten über mehr als einen Tag hinaus auf. Beide können zwar die Menschen beeinflussen, doch da sie richtig oder falsch liegen können, ist man so schlau wie zuvor.
    Auch die Wirtschaftswissenschaftler sind reine Kristallkugel-Seher, die jeweils erst hinterher erklären können, warum sie etwas nicht kommen sahen. Dass Staaten für diese drei Forschungsgebiete Geld ausgeben, ist der Beweis, dass auch Politiker wenig rational denken und handeln.

    • Thomas sagt:

      keine *exakte Wissenschaft. Dort liegt der Hund begraben. Ich verstehe nicht, warum Nate Silver die ganze Zeit gebasht wird, er war ja noch am nächsten dran und hat gesagt, dass er Angst habe, dass sogar sein Modell Trump unterschätzt. Plus, die Wahl war schon ziemlich knapp: Hätte Trump entweder Florida, Ohio oder Pennsylvania nicht gewonnen, würden wir Clinton jetzt im Weissen Haus sehen! Es war schon eher unwahrscheinlich, dass Trump alle 3 entscheidenden Staaten gewinnt!

  5. Ruedi sagt:

    Leider können viele Wähler, die von den Meinungsforschern gar nicht erreicht werden können, weil sie weder Telefon, noch Internet haben, vor allem ältere und ärmere Wähler.

  6. Hans sagt:

    Es ist völlig egal ob man mir das linke oder das rechte Auge aussticht…

  7. Gerhard Engler sagt:

    Ich habe in der Mittelschule auch etwas Statistik gelernt. Insbesondere haben wir gehört, dass es eine Fehlertoleranz gibt, die bei Umfragen meistens im Bereich von 3-5% liegt. Wenn also die Prognosen sagen, dass jemand mit 2% führt, dann muss man sich bewusst sein, dass es genauso gut umgekehrt enden könnte.

  8. Mirco Benatia sagt:

    Mir sind die Meinungsumfragen auch in der CH ein Dorn im Auge. Herr Longchamps hat ja auch schon grandios danebengelangt – kann sich aber immer wieder Aufträge angeln die dann der Gebührenzahler berappen muss. Zudem halte ich die Umfragen als gefährlich für die Demokratie. Wähler werden so beeinflusst. Dass konnte man auch schon bei uns feststellen. Ginge es nach mir würde ich politische Umfragen wo mit fragwürdigen Mitteln Wähler manipuliert und getäuscht werden verbieten.

    • Matti Hoch sagt:

      @ BenatiaWenn ich als Wähler mir meine eigene Meinung mache, kümmern mich Meinungsumfragen und Prognosen einen Dreck! Ich weiss weshalb ich ja oder nein stimmen will, oder warum diese oder jene Person. Menschen, die denken, lassen sich nicht manipulieren!

      • Heinz sagt:

        Ich bezweifle das sie völlig Immun gegen die diversen Formen der Meinungsmache sind. Damit wären sie wohl der einzige Mensch auf dem Planeten der das ist.

  9. peps müller sagt:

    Es ist ja schon ziemlich absurd, wenn uns die “Experten” die mit der Wahl Trumps völlig auf dem falschen Fuss erwischt wurden, nun die Analyse liefern wollen, was “falsch” lief..! Ich kann es nicht mehr ernst nehmen!

  10. Philippe sagt:

    Der letzte Satz bringt es auf den Punkt. Die Modelle waren nicht zwingend falsch. Sondern es ist das unwahrscheinlichere von zwei Szenarien eingetroffen. Dass man eine “1” würfelt hat eine 17% Wahrscheinlichkeit. Mit 83% Wahrscheinlichkeit, kann ich also sagen dass ich keine “1” würfeln werde. Manchmal kommt halt aber doch die verflixte “1” dabei raus. Sapnnender fände ich zu wissen wie stark diese Prognosen die Wahlen beeinflusst haben. Wenn ich das Gefühl habe, mein in Kanditat wird mit 85% Wahrscheinlichkeit gewählt, gehe ich eventuell nicht an die Urne, weil ich davon ausgehe sowieso zu gewninnen. Umgekehrt genauso.

    • Pedro sagt:

      Genau so ist es. Man kann nicht sagen, dass die Prognosen “falsch” lagen. Das wäre nur der Fall, wenn sie Trump 0% Chancen ausgerechnet hätten. Man kann Ihr Würfel-Beispiel auch direkter auf die Prognosen anwenden: Wenn ich würfle und vorher sage “mit 83% Wahrscheinlichkeit würfle ich 2–5” und dann eine 1 würfle, war meine Aussage deswegen nicht falsch. Wenn etwas falsch war, dann die Umfragen…

  11. Leser sagt:

    Sind wohl eher verkappte Meiungsmacher denn unfähige Meinungsforscher…?

  12. Kurt Hartung sagt:

    Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Schweizer -Amerikaner und Trump Fan. Nie gezweifelt, dass er nicht gewinnen würde. Make america great again. Was ich der Schweiz auch wünsche.

  13. Adrian Hauser sagt:

    Ich würde gerne von einem Statistiker wissen, ob Staaten mit elektronischem Wahlsystem eine höhere Abweichung von den Umfragen hatten als die 70% der Staaten, welche analog abstimmen. Schliesslich sind es republikanische Firmen, die Wahlmaschinen verkauften. Die gleiche Frage gilt auch für die Wiederwahl von Bush junior.

    • peps müller sagt:

      Herr Hauser, 5 der Firmen, die in Amerika Wahlmaschinen im Rennen haben, gehören einem gewissen Georg Soros, ein Begünstiger der Clintons! Ihre Vermutung ist richtig, aber leider nicht ganz zu Ende gedacht. Eigentlich müsste ihre Frage lauten: Wieviel höher wäre Trumps Resultat ausgefallen, wenn Soros nicht die Finger im Spiel gehabt hätte?

    • Pedro sagt:

      Unwahrscheinliche Annahme. Wenn auskommt, dass die Maschinen manipuliert sind, wäre der Lieferant am Ar*

      • Adrian Hauser sagt:

        Ist er nicht, z. B. wurde Diepold nach all den Problemen nicht liquidiert, sondern gewinnbringend an ES&S verkauft. Im Gegenteil, mit Wahlgeräten lässt sich viel Geld verdienen, gerade wenn sich die Resultate zurechtbiegen lassen. Und erzählen Sie mir nicht dass das nicht gemacht wird.

  14. Beni Benziger sagt:

    Kann es sein, dass die Demokraten es einfach nicht für nötig hielten wählen zu gehen, nachdem der Sieg laut Umfrage ohnehin schon gewiss war?

    • peps müller sagt:

      Kann es sein Herr Benziger, dassdie Amerikaner keine Lsut mehr hatten, sich von der Wallstreet und ihren Marjonetten (Clintons) betrügen zu lassen? Die Frage ist wohl, macht Trump wirklich, was er angekündet hatte?

    • Oliver Schramm sagt:

      Wohl richtig erkannt, Herr Benziger. Eine Meinung haben und diese an der Urne kundtun sind zwei unterschiedlich grosse Schuhe. Leider werden auch hierzulande Wahlen durch Nichtwähler entschieden.

      • Leo Schmidli sagt:

        Kann es sein, dass Sie den Artikel nicht gelesen/verstanden haben, da ein knapper Wahlausgang prognostiziert wurde?