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Für Brotanschnitt gibt es 50 deutsche Begriffe – und weitere 23 Dialektkarten

Von DB, 30. August 2016 30 Kommentare »
Unser Dialekt-Quiz «Grüezi, Moin, Servus» von 2015 erreichte 1,6 Millionen Leser. Ein durch User-Feedback gewonnener Datensatz lässt Karten mit beispielloser Detailtreue entstehen.
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Von Dr. Adrian Leemann, Timo Grossenbacher, Patrick Stotz und Marc Brupbacher

Im April letzten Jahres lancierte der «Tages-Anzeiger» das Sprachatlas-Projekt Grüezi, Moin, Servus – sagen Sie uns, wie Sie sprechen, und wir sagen Ihnen, woher Sie stammen. Die App war ein riesiger Erfolg – die Server rauchten. Innerhalb von vier Tagen erreichte sie mehr als eine Million Menschen. Bis heute haben sich über 1,6 Millionen Leser durch das Quiz geklickt. Wer sich durch alle Fragen klickte, hatte am Schluss die Möglichkeit, ein Feedback zu geben. Und davon wurde rege Gebrauch gemacht: Rund 670’000 Personen gaben bisher an, wo man am ehesten so spricht wie sie. Mit diesem Feedback lassen sich Sprachkarten mit beispielloser Detailtreue zeichnen.

Nachfolgend haben wir die Crowdsourcing-Daten in Zusammenarbeit mit SRF Data und «Spiegel online» visualisiert. Insgesamt sind es 24 Begriffe und ihre unterschiedlichen Bezeichnungen im deutschsprachigen Raum.

 

Die Stärke des neuen Datensatzes liegt im engmaschigen Netz von rund 18’000 Ortschaften und in der wuchtigen Teilnehmerzahl von etwa 670’000 Personen – also rund 35–40 Personen pro Ortschaft. Diese Datenmenge übertrifft bisherige zeitgenössische Datensätze bei weitem: Im Vergleich zum Atlas zur deutschen Alltagssprache, auf dem «Grüezi, Moin, Servus» basiert, ist das neue Ortsnetz rund 30-mal engmaschiger und, gemessen an der Teilnehmerzahl, rund 60-mal repräsentativer.

Ein solches Ortsnetz erlaubt erstmals flächendeckende Analysen zur Vielfalt heutiger Alltagssprache. Fragestellungen wie «Welche Varianten finden wir in ländlichen Regionen?» oder «Wo genau verlaufen die Grenzen der Varianten?» lassen sich damit beantworten.

So gibt es beispielsweise 50 unterschiedliche Begriffe für «Anfangs- oder Endstück des Brotes». Von «Anhau» bis «Zipfel» – dieses GIF visualisiert die gesamte Vielfalt

brotanfang

Die Benennung der «Uhrzeit 10:15» zieht ein interessantes Muster über den deutschsprachigen Raum.

1015

Beim Schluckauf wird es wieder bunter. Hier zählen wir 23 Varianten.

schluckauf

Wie weiter?

Ausführliche Auswertungen anhand des neuen Megakorpus werden zeigen, wie sich die deutsche Alltagssprache in den letzten 30–40 Jahren gewandelt hat. Welche Varianten haben sich ausgebreitet, welche Wörter sind ausgestorben?

Die 24 Karten stellen dar, wie sich die Regionen vor allem im Wortschatz unterscheiden. Um auch die klangliche Vielfalt festzuhalten, wurde begleitend die kostenlose App Deutschklang entwickelt (iOS / Android). Benutzer nehmen ein Dutzend Sätze in ihrem regionalen Deutsch auf und machen so ihren lokalen Klang für andere Benutzer hörbar.

Dieser klangliche Datensatz wird erstmals aktuelle, flächendeckende Analysen der regionalen Unterschiede in der Lautung zulassen. Welche Regionen singen? Gibt es Regionen, in denen schneller oder mit räuspernder Stimme gesprochen wird? Erste Auswertungen sind für Anfang 2017 geplant. Je mehr Personen teilnehmen, desto umfangreicher die Analysen.

30 Kommentare zu “Für Brotanschnitt gibt es 50 deutsche Begriffe – und weitere 23 Dialektkarten”

  1. Helena sagt:

    Dem Anschnitt sage ich «Bödel»… Taucht auch nicht auf. Bin im Tösstal aufgewachsen.

  2. Paul Schaub sagt:

    Dieser Test hat mir viel Spass gemacht,das Resultat gab mir einige Options für die Herkunft meines Dialectes.Ich bin aufgewachsen in einem Dorf zwischen Winterthur und Schaffhausen,wo ein A als aaaaaaa ausgesprochen wurde und nicht als O.Zuhause gab es häufig Tünne,manchmal Binätschtünne oder Bölletünne.Heute wird soviel Englisch im Dialect angewendet(mit komischer Aussprache).Früher hatte man Arbeit heute einen Job etc.

  3. Maria Stahel sagt:

    warum wird das nicht mit dem schweizerischen idiotikon verbunden, ich suche unsere region vergeblich? Aargau:
    brotanschnitt: ahäulig, mörggel, Brotrinde: rauft.

  4. Armand Schnydrig sagt:

    Uf Wallisertitsch: Gruschta (Kruste). Einige sagen auch: butti (Ausdruck für die weibliche Brust).

  5. ClBr sagt:

    Ich kann die erste Grafik nicht anklicken oder durchblätern ( Notebook, nicht Smartphone). Bitte korrigieren!

  6. Ruedi Schneeberger (1950) sagt:

    Das Interessante an den Karten wäre für mich eigentlich die Abteilung “alle sonstigen”. Warum werden diese nicht differenziert aufgeführt – weils auf einem Mobiltelefon keinen Platz hat ? Ein Schluckauf ist ein Gluggsi …ämmel bei uns ! 😉

  7. 1-800-CallGary sagt:

    Um unsere Sprache zu verstehen, sollte man wissen, dass wir Alemannisch sprechen.

    • Othmar Meissen sagt:

      Sie meinen wohl: um unseren Dialekt zu verstehen, sollte man wissen, das wir Alemannisch sprechen. Das Schweizerdeutsch ist keine Sprache, es ist ein Dialekt (ohne Regeln der Orthographie und der Grammatik, die für eine Sprache typisch sind).

      • Andreas Fischlin sagt:

        Schweizerdeutsch ist kein Dialekt, sondern eine eigenständige Sprache, mit eigener Grammatik und Wortschatz. Dass dem nicht so sein soll, ist ein v.a. in Deutschland weit verbreiteter Irrtum. Es gibt keinen Grund, nur weil die deutschschweizerische schriftlich aufgezeichnete Literatur nicht umfangreich ist und Schweizerdeutsch überwiegend mehrheitlich mündlich überliefert wird, das Schweizerdeutsch nicht als eigenständige Sprache zu anerkennen.

        • Thomas Bruderer sagt:

          Linguistisch ist Schweizerdeutsch ganz klar ein Dialekt. Dass viele Schweizer es gerne als Sprache sähen ist ein psychologisches Phänomen, es gibt Deutsche Sprachvarietäten welche einen ähnlich grossen Abstand zur deutschen Standardsprache hat. Dafür muss man nicht mal Plattdeutsch bemühen, welche in der Tat von den meisten Linguisten als eigene Standardsprache sehen.

          Auch unterschiede in der Grammatik machen aus einem Dialekt noch keine Sprache, Offizielle Amtsblätter und Wörterbücher dagegen schon, darum ist Luxemburgisch eine Sprache.

          Das Schweizerdeutsch existiert darüber hinaus nicht. Es ist eine Ansammlung Allemannischer Dialekte, das hätte man selbst in Wikipedia nachlesen…

    • Cybot sagt:

      Das hilft aber nicht bei allen Begriffen. Bei manchen ist das alemannische Sprachgebiet klar abgegrenzt, aber bei anderen laufen die Trennlinien mittendurch. Auch da hat sich inzwischen eben vieles vermischt.

  8. Cyrille sagt:

    Dem Anschnitt sage ich “Gupf”. Das taucht allerdings nicht auf…

  9. Valerio Bastianini sagt:

    Die ganze Aktion war super spannend, danke! Leider verflacht und uniformiert sich unsere Mundart immer mehr; tendenziell erfolgt eine Annäherung an die deutsche Schriftsprache. Beispiele: Wulche –> Wolche / Wolcke, Beriich –> Bereich, Summervogel –> Schmätterling. Eine Phase weiter zurück: Anke –> Butter. Mit dem Wegfall der räumlichen Barrieren (wer bleibt heute schon sein ganzes Leben lang im gleichen Ort wohnhaft) und dem Einfluss der Medien (alle, von Hamburg bis Andermatt schauen die gleichen TV-Sender) kommt es auch sprachlich zu einer Globalisierung. Würde mich wundern, wie die gleiche Umfrage in 50 Jahren aussehen würde (werde ich nicht mehr erleben …).

  10. Adrian sagt:

    Mer im Aargäu säge gwüss ned “Anhau”, will, das wer jo Hochdüütsch. Em Dialekt heisst das “Dr Aahäulig”…

  11. Thomas Flückiger sagt:

    Macht wirklich Spass, sich das anzuschauen 🙂

  12. Roy Schedler sagt:

    Sehr schön – nur hat das bestimmt kein Zürcher gemacht bzw. es wurden keine Zürcher befragt, wie man auf Züritüütsch “Brotanschnitt” sagt: Gupf!

    • Ike Conix sagt:

      Man hat die Zürcher wahrscheinlich schon befragt, aber die falschen. Gupf sage ich auch dem stumpfen Ei-Ende. Beim “Ostereier-Tütschen” sagt man doch heute noch “Spitz uf Gupf”. Ich habe aber auch schon lange niemanden mehr Binätsch (für “Schpinat”) oder Böle (für “Zwible”) oder Tüne (für Wähe) sagen gehört.

  13. Titus sagt:

    Die Aussprache des Worts “Fenster” lässt auch sehr genaue Schlüsse auf die Herkunft zu, jedenfalls in der Schweizer. Von Fenschtr, über Feeschter zu Pfeeschter und mehr.

  14. Pascal Luca sagt:

    Könntests Ihr vielleicht die Legende an die Seite stellen, bitte ? Die liegt genau über der Schweiz :/ Danke

  15. Martin Muheim sagt:

    «… und weitere 23 Dialektkarten» Wären das nicht eher Dialektarten?

  16. Martin Muheim sagt:

    Wir nannten den Anschnitt des Brotes «Mogerli». Ich habe aber keine Ahnung, ob das eine familieninterne Abwandlung oder ein in gewissen Gegenden gebräuchlicher Begriff ist.
    Wer weiss mehr?

  17. Pascal Luca sagt:

    Sehr interessantes Projekt !