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Je nach Branche steigt die Arbeitslosenquote auf bis zu 43 Prozent

Von Iwan Städler, 26. April 2016 19 Kommentare »
Die Tessiner Hotellerie und der Walliser Bau belasten die Arbeitslosenkasse im Winter besonders stark. Das zeigen Daten, die das Staatssekretariat für Wirtschaft nach Branchen und Kantonen aufgeschlüsselt hat.
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In welchen Branchen ist die Arbeitslosigkeit am höchsten? Wie verändert sich dies im Verlauf des Jahres? Und wo sind die Schwankungen besonders markant? All diese Fragen lassen sich jetzt aufgrund von Daten beantworten, die das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) kürzlich ins Internet gestellt hat. Sie zeigen die Arbeitslosenquoten der verschiedenen Branchen – nicht nur gesamtschweizerisch, sondern auch für die einzelnen Kantone.

Dabei fällt etwa der Walliser Hochbau auf, was aufmerksame TA-Leser wenig überrascht. Ihnen ist schon länger bekannt, dass Walliser Patrons während der Wintermonate viele Bauarbeiter zu den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) schicken. Im Frühjahr stellen die Baufirmen dieselben Arbeiter dann wieder an. Wie exzessiv sie das tun, zeigt nun der Verlauf der branchenspezifischen Arbeitslosenquote. Im Januar stieg diese auf 42,9 Prozent. Damit lag sie achtmal so hoch wie im Sommer.

 

Ebenfalls krass – wenn auch nicht ganz so extrem – zeigt sich dieses Phänomen in der Tessiner Hotellerie. Auch dort lassen die Patrons einen Teil ihres Personals auf Staatskosten überwintern. Dadurch steigt die Arbeitslosenquote in den kalten Monaten auf 30 Prozent.

 

Das Tessin sei eben immer noch weitgehend eine reine Feriendestination, sagt Lorenzo Pianezzi, Präsident von Hotelleriesuisse Ticino. Und er fügt
ein «leider» hinzu. Im Sommer verzeichnen die Tessiner Hotels mehr als 300 000 Übernachtungen pro Monat, im Winter sind es gerade mal gut 60 000 Logiernächte. Vor allem in Locarno würden die Hotels von Oktober bis kurz vor Ostern schliessen, weiss Pianezzi. Und das Ostergeschäft sei auch nicht mehr so gut, wie es einmal war. «Diese Gäste suchen Sonne, See und Erholung. Das finden sie heute auch mit dem Billigflieger, wobei der See dann zum Meer wird», so der Hotelier.

Er selbst führt das Hotel Walter au Lac in Lugano und schliesst dieses lediglich während sechs Wochen pro Jahr. Dann beziehe das Personal seine Ferien. Laut Pianezzi sind die Hotels in Lugano generell deutlich weniger saisonalen Schwankungen ausgesetzt als jene in Locarno. Dies habe man dem Geschäftstourismus und den Kongressen zu verdanken. Mit Kulturanlässen und Ausstellungen will Hotelleriesuisse Ticino künftig auch anderswo eine bessere Auslastung erreichen. «Wir brauchen mehr Ganzjahres- und weniger Wochenendgäste», so Pianezzi.

Sein Verband beteiligt sich auch an einem vielversprechenden Projekt der Churer Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW). Vergleicht man nämlich die Arbeitslosenquoten der Tessiner und der Bündner Hotellerie, so fällt auf, das sich diese gegenläufig entwickeln. Während die Tessiner Kurve im Winter Höchstwerte erreicht, fällt die Bündner Kurve just in dieser Zeit auf ihren tiefsten Stand. Dann ist in den Bergen Ski­saison, und die Bündner Hotels brauchen Fachkräfte. Ähnlich verhält es sich in der Gastronomie, wo die Arbeitslosenkurven im Winter ebenfalls komplementär verlaufen.

 

Dies brachte die HTW auf die Idee eines Mitarbeitersharings. An diesem noch jungen Projekt machen derzeit rund 20 Hotel- und Gastrounternehmen mit. Sie teilen sich einzelne Angestellte, die im Sommer im Tessin arbeiten und im Winter in den Bündner Bergen. Hat sich das Mitarbeiterteilen einmal ein­gespielt, soll es Arbeitslosengelder einsparen. Liessen sich die saisonalen Schwankungen ganz zum Verschwinden bringen, könnte die Arbeitslosenkasse im Tessin 20 Millionen und in Graubünden 11 Millionen Franken sparen. Dies ist in der Praxis natürlich nicht zu erreichen, zeigt aber das vorhandene Potenzial. Entsprechend interessiert sind die beiden Kantone und der Bund. Sie haben diesen Monat beschlossen, das Projekt Mitarbeitersharing finanziell zu unterstützen.

Auch im Wallis will der Bund das Problem der saisonalen Arbeitslosigkeit angehen. Dort hat das Seco zusammen mit dem Kanton ein Pilotprojekt gegen das Überwintern auf Kosten der Arbeitslosenkasse initiiert. Ist es erfolgreich, könnten auch andere Kantone «entsprechende Vollzugsstrategien» übernehmen, so das Seco.

Wenige arbeitslose Banker

Stellt ein Patron im Frühjahr denselben Mitarbeiter ein, den er im Herbst zuvor entlassen hat, sprechen Fachleute von einem Rückruf. Laut einer wissenschaftlichen Studie ist diese Praxis in der Westschweiz sowie im Tessin verbreiteter als in der Deutschweiz. Auch trifft sie ausländische Angestellte weit öfter als Schweizerinnen und Schweizer – vor allem im Bau- und Gastgewerbe.

Diese Branchen weisen sowohl die höchsten Arbeitslosenquoten aus als auch die grössten Schwankungen. Dies ist nicht nur in Kantonen wie Wallis, Tessin und Graubünden zu beobachten, sondern ebenso in Zürich und Bern. In den beiden grössten Schweizer Kantonen sind die Schwankungen allerdings weit weniger markant.

Konstant tief verharrt die Arbeitslosenquote bei den Versicherungen und im Veterinärwesen. Auch für Bankangestellte ist das Risiko relativ gering, arbeitslos zu werden. Besonders tief liegt deren Quote mit 1,5 Prozent im Kanton Bern, während sie in Zürich 2,5 und gesamtschweizerisch 2,4 Prozent beträgt.

Bei all diesen Zahlen gilt es zu beachten, dass man die Arbeitslosenquoten für Branchen nicht eins zu eins mit den gesamtwirtschaftlichen Arbeitslosenquoten vergleichen kann. Da sie auf einer anderen statistischen Basis berechnet werden, liegen sie durchschnittlich um ein Viertel höher.

Das Seco hat die Daten inzwischen wieder vom Netz genommen, weil sie für einige unbedeutende Spezialbranchen verzerrt waren. Der TA hatte sie aber rechtzeitig heruntergeladen und zeigt hier nur Quoten von Branchen, die dieser Verzerrung nicht unterliegen. In den nächsten Monaten will auch das Seco die Zahlen in seiner Arbeitslosendatenbank (Amstat.ch) wieder aufschalten.

Zum Schluss zeigen wir Ihnen noch den Verlauf einiger wichtiger Branchen in der Schweiz:

 

Im Kanton Zürich:

 

Und im Kanton Bern:

19 Kommentare zu “Je nach Branche steigt die Arbeitslosenquote auf bis zu 43 Prozent”

  1. Leo Neubert sagt:

    Da subventioniert die ALV gewissen Arbeitgebern die Betriebsferien und den Arbeitnehmern umfangreiche Ferien.
    Abhilfe wäre recht einfach, aber vermutlich leben im Hintergrund einige Politiker und Beamte auch ganz gut von und mit der jetzigen Situation.

  2. Robert F. Reichmuth sagt:

    Keine Aufregung bitte – getroffen vor ca. 10 Jahren im Zürcher “RAV-Puls5” – einen CH-Bauhandwerker (einfacher Berufsmann und Familienvater) – jahrelang in der gleichen Firma jeweils DEZEMBER/JANUAR – “AL-Lohn” erhalten – war sehr frustriert und hat resigniert …

  3. Lukas Merz sagt:

    Die Idee eines Mitarbeitersharings ist nicht neu im Gasgewerbe: das war schon vor Jahren in der Gastronomie üblich. Italienische Saisoniers haben im Winter im Engadin und anderen Skisportgegenden der Schweiz und im Sommer im Tessin gearbeitet. Es gab auch viele Saison-Angestellte, die im Winter in den Sportzentren der Schweiz arbeiteten und nie eine volle Saison erreichten und im Sommer im italienischen Tourismus tätig waren, zum Teil in eigenen Betrieben.

  4. Joe Amberg sagt:

    ..soweit zu dem an allen Ecken und Enden längst existierenden bedingungslosen Grundeinkommen…

  5. Hans Müller sagt:

    Ich bin der Ansicht, dass eine Firma, die Mitarbeiter im Herbst entlässt, kein Recht haben darf, den gleichen Mitarbeiter im Frühling wieder einzustellen. Hier wird die Arbeitslosenkassen offensichtlich missbraucht.

    • Alfred Bosshard sagt:

      Es gibt in der Schweiz einen Rechtsagrundsatz der sinngemäss sagt: Der Missbrauch eines Rechts geniesst keinen Rechtsschutz. Gute Gelegenheit, den anzuwenden.

  6. Peter Berger sagt:

    Würde gerne wissen was dieser Strukturerhalt des Hochbaus im Wallis und der Tessinerhotellerie pro Jahr die ÁLV kostest.

  7. Hansjürg sagt:

    Vor Jahren schon hatte ich die Idee bei der Arbeitslosenkasse ein Bonus-Malus-System einzuführen. Wenn Arbeitgeber, die viele Entlassungen vornehmen höhere Beiträge einzahlen müssten, dies kombiniert mit einer Art Karenzfrist, so dass Einstellungen im gleichen Jahr Kündigungen nicht egalisieren, würden solche Spässe schnell enden. Bedauerlicherweise haben unsere linken Politiker dafür kein Gehör. Es riecht nach Arbeit, ist wenig publikumswirksam und befasst sich mit heimischen Arbeitnehmern und nicht mit Migranten.

    • Michael Berger sagt:

      Der Vorschlag ist interessant. Doch weshalb schieben sie jetzt die Schuld der Misere auf die linken Politiker? Im Wallis und im Tessin sind diese in deutlicher Unterzahl und gesamtschweizerisch auch. Es wären also die bürgerlichen Politiker gefragt.

      • Hansjürg sagt:

        Ginge es nach den bürgerlichen Politikern gäbe es ausschliesslich ein “hire and fire” ganz nach Bedarf der Unternehmung. Vernünftige Vorschläge der Linken hätten durchaus Chancen, oft habe ich aber den Eindruck “die wollen gar nicht”. Im Prinzip hat der Schweizer Arbeitnehmer überhaupt keinen politischen Vertreter. Er schwebt zwischen Stuhl und Bank, zwischen Linken, die Ihre Erfüllung in der “Internationalen” und den Liberalen/Kapitalisten, die den billigsten Hamster für Ihr Rad suchen. Das ist sehr schade und wird sich einmal fürchterlich rächen. Dann nämlich, wenn der Arbeitnehmer (endlich) merkt, dass er nur hintergangen wurde. Wie es aktuell aussieht, geht das aber noch sehr…

  8. sergio rivoir sagt:

    Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen könnten zumindestens die Spitzenbelastungen besser abgefedert werden.

  9. geezer sagt:

    dass walliser und tessiner unternehmer in den wintermonaten die arbeitslosenkassen regelrecht plündern, ist seit jeher bekannt. mit den mitarbeitern wird unter der hand vereinbart, dass sie im frühling garantiert wieder angestellt werden. der bund schaut seit jahren einfach zu. und die anderen kantone resp. deren arbeitnehmer finanzieren das ganze. das ist was faul im staat (der bananenrepublik)….

    • Max Wartenberg sagt:

      Wieso ist was faul? Der Staat selber macht es ja auch. Schwimmbadangestellte werden im Frühling eingestellt und im Herbst wieder entlassen. Solche Saisonstellen sind ein Spiegelbild der 4 Jahreszeiten bei uns. Da ist nichts faul.

      • geezer sagt:

        der kleine unterschied: einige wenige schwimmbadangestellte im verlgeich zu ein paar tausend angestellten im toursimus- und baugewerbe.

        eine finanzierung durch die ALV ist hier sicher nicht angebracht. warum sollen diese personen anrecht darauf haben, sich von der ALV ‘durch den winter füttern’ zu lassen? die werden schon ‘aufpassen’, dass sie keinen job bekommen bis zum frühling, da sie ja wissen, dass sie dann wieder beim angestammten arbeitgeber angestellt werden.

  10. H.Lips sagt:

    Nichts als öffentlich sanktionierter Diebstahl von öffentlichem Eigentum bzw. Arbeitslosengeld. DA WIRD ES WOHL DOPPELVERDIENER GEBEN, DIE KASSIEREN UND NOCH EINEN JOB HABEN.WIRD DAS KONTROLLIERT?Früher hatten wir nur 1% Arbeitslose.Das muss wieder das Ziel sein.Arbeitslose Ausländer soll man nach Hause schicken.Denn sie haben bei uns ein Mehrfaches verdient als im Ausland möglich wäre.

    • G. Waldner sagt:

      H.Lips, auch die ausländischen Arbeitnehmer bezahlen für jeden Franken den sie verdienen ALV, demzufolge haben sie auch Anrecht auf Arbeitslosengeld. Wenn Ihnen dies nicht passt, müssen Sie das Gesetz ändern. Überigens, ohne die ausländischen Arbeiter würde die Schweiz nich so funktionieren wie Sie es sich wünschen. Wer da auf Kosten der ALV seien “Geldbeutel” füllt, sind die “skrupellos” Schweizer Arbeitgeber und nicht, wie Sie glauben zuwiesen, die Arbeitskräfte . Dabei handelt es sich nicht Ausnahmslos um ausländische Arbeitskräfte, denn es betrifft auch Schweizer. Ja ja, früher war immer alles besser.

      • H.Lips sagt:

        Ich fürchte Sie haben keine Ahnung vom “Geschäft”.Die luxuriöse ALV schweizerischer Natur wird durch Ausländer, die viel zu wenig einbezahlt haben, unter Mithilfe der sog. Arbeitgeber, missbraucht.Mehr als 1% Arbeitslose dürfen wir nicht haben. Erst durch die Massenzuwanderung sind AL Zahlen so hoch geworden.Frdl.Gruss.Vergleichen Sie auch die Leistungen im nahen Ausland.Da werden Sie nur noch staunen.

  11. Tom sagt:

    Vielen Dank für diesen sehr aufschlussreichen und bestens dokumentierten Artikel. Ich wollte hinzufügen, dass das Tessin im Winter sehr nett sein kann: kein Stau am Gotthard, tiefere Preise und eine gute Verfügbarkeit von Hotelräumen. In gewisse Hotels (etwa ins Colinetta in Ascona) kommt man im Winter sogar ohne sehr frühzeitige Reservation, was praktisch ist.

  12. pia schmid sagt:

    was für eine schweinerei! wieso müssen die arbeitslosenkassen und ihre versicherten diese leute mittragen, wenn diese doch von den üblichen (meist auch noch subventionierten) gastrounternehmen, “reservier” worden sind, für diese dauer??
    weg damit, auch weg mit den subventionen. was nicht von alleine funktioniert bringt gar nichts. nur viel leid.