Logo

Wie viele von 100 Ausländern sind kriminell?

Von DB, 26. Januar 2016 Kommentarfunktion geschlossen
Ausländerkriminalität steht wegen Köln und der Durchsetzungsinitiative wieder im Fokus von Medien und Politik. Wer da Angst vor Fremden bekommt, sollte sich kurz Zeit für diese interaktive Grafik nehmen.

Von Marc Brupbacher, Ruedi Lüthi und Marc Fehr

Fakt ist: Ausländer sind krimineller als Schweizer. Egal ob Strafgesetzbuch, Strassenverkehrsgesetz oder Betäubungsmittelgesetz, ausländische Personen werden proportional öfters verurteilt und verzeigt als Schweizer – gerade auch für schwere Delikte. Die Strafurteilsstatistik (SUS) und die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) lügen nicht. Aber die Statistik sagt halt nur, was sie misst. Die Realität ist komplexer.

Jetzt sind aber erst mal Sie dran.

Von 100 Ausländern und 100 Schweizern: Was glauben Sie, wie viele wurden im Jahr 2014 einer Straftat gemäss Strafgesetzbuch (StGB) beschuldigt? Um zu schätzen, klicken Sie auf eine Figur.

 

Die überwältigende Mehrheit der Ausländer in der Schweiz  – von ordentlich Angemeldeten, Asylbewerbern, Touristen über Kurzaufenthalter bis hin zu Illegalen – verstiess 2014 also nicht gegen das Strafgesetzbuch. Nur 2,2 Prozent von 1,86 Millionen der über zehnjährigen Ausländer wurden einer Straftat gemäss StGB beschuldigt (Schweizer: 0,7 Prozent).

Wenn wir nur die Gruppe der Ausländer mit Niederlassungs- und Aufenthaltsbewilligung anschauen  – also Kriminaltouristen, Asylbewerber und Illegale ausklammern –, dann beträgt die Referenzbevölkerung 1,69 Millionen (ab 10 Jahren). Die Zahl der Beschuldigten liegt hier gemäss PKS bei 23’604. Die Beschuldigtenquote sinkt so auf 1,3 Prozent.

Ob es dann tatsächlich auch zu einer Verurteilung kam, sagt die PKS nicht. Dazu hilft ein Blick in die Strafurteilsstatistik. Wird die Referenzgrösse mit allen Ausländerkategorien ins Verhältnis zu den tatsächlich Verurteilen gesetzt, dann kommt es beim StGB zu einem Richterspruch pro 100 Ausländer. Oder anders: Von den 1,86 Millionen über zehnjährigen Ausländern wurden im Jahr 2014 nur 1,15 Prozent wegen einer StGB-Straftat verurteilt. Wenn wir wiederum nur die ständige ausländische Wohnbevölkerung betrachten (1,69 Mio.), dann sinkt die Verurteilungsrate auf 0,6 Prozent (Schweizer: 0,3 Prozent).

Fakt ist aber auch: Gewisse Nationalitäten haben eine um ein Vielfaches höhere Deliktquote als andere. Deutsche, Österreicher und Franzosen sind kaum auffälliger als Schweizer. Personen aus dem Balkan, aus südamerikanischen und osteuropäischen Ländern sowie aus der Türkei haben eine höhere Beschuldigtenquote. An der Spitze liegen afrikanische und arabische Nationen wie Algerien, Tunesien, Nigeria oder Marokko.

Gibt es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Nationalität und Kriminalität? Soziologe Ben Jann von der Universität Bern ging im Jahr 2013 dieser Frage nach. Sein Fazit: Die Kriminalitätsraten sind viel mehr von sozioökonomischen Faktoren abhängig als von kulturspezifischen. Er sagt: «Ein hochgebildeter Deutscher wird mit tieferer Wahrscheinlichkeit kriminell als ein schlecht ausgebildeter Algerier.» Er fasst die Befunde in seiner Studie so zusammen:

  • Ausländer weisen beim Strafgesetz eine rund doppelt so hohe Beschuldigtenrate auf wie Schweizer.
  • Bis zu 30 Prozent der Differenz sind auf die unterschiedliche Altersstruktur zurückzuführen. Wandern von einer Nationalität vor allem junge Männer ein, fällt die Kriminalitätsrate dieser Ausländergruppe höher aus.
  • Durch Kontrolle von Statusmerkmalen wie Bildung, berufliche Stellung, familiäre Situation verschwinden die Unterschiede zwischen ausländischen Personen und Schweizern weitgehend.

Dass trotzdem gewisse Effekte kultureller Prägung bestehen, kann nicht ausgeschlossen werden. Jann dazu: «Die Beschuldigtenraten unterscheiden sich je nach Herkunftsland stark. Diese können einerseits zustande kommen, wenn Personen mit besonders hohem oder tiefem kriminellem Potenzial ein Land verlassen. Andererseits können kulturelle Faktoren wie Stellung der Frau, Einstellungen zu Gewalt, Erfahrung mit kriegerischen Auseinandersetzungen eine Rolle spielen.»

Bei der Studie gibt es zwei Vorbehalte:

  1. Es werden nicht alle Straftaten entdeckt oder aufgeklärt.
  2. Racial Profiling: Je öfter eine Gruppe kontrolliert wird, desto öfter werden Straftaten entdeckt.

Wer mehr über die Analyse erfahren möchte, dem sei dieser Vortrag von Jann empfohlen. Im Januar 2014 gab der Soziologe zu diesem Thema auch der NZZ ein Interview.

Daten

Die Daten für die interaktive Grafik stammen aus der BFS-Statistik der ständigen und nicht ständigen ausländischen Wohnbevölkerung von 2014, dazu zählen auch Kurzaufenthalter und Asylbewerber, nicht jedoch Illegale, Abgetauchte und Kriminaltouristen. Wir berücksichtigen nur über Zehnjährige, da man vorher nicht strafmündig ist. Die Schweiz zählt so 1’859’948 Ausländer und 5’636’481 Schweizer. Diese Referenzbevölkerung setzten wir ins Verhältnis zur polizeilichen Kriminalstatistik (PKS). Diese weist für das Jahr 2014 exakt 41’582 beschuldigte ausländische Straftäter und 37’487 Schweizer aus (Strafgesetzbuch, StGB). Bei der PKS sind aber auch Kriminaltouristen, Touristen, abgewiesene Asylbewerber und Illegale aufgelistet. Diese sind in der Bezugsbevölkerung des BFS nur teilweise berücksichtigt. Die Berechnung für die interaktive Grafik ist also nicht zum Vorteil der Ausländer.

Das Betäubungsmittelgesetz haben wir ausgeklammert, hier gibt es weniger Unterschiede bezüglich Deliktquote zwischen Ausländern und Schweizern. Auch das Ausländergesetz berücksichtigen wir nicht, weil dort nur Ausländer betroffen sind. Nicht erfasst sind Straftaten, von denen die Polizei keine Kenntnis hat (Dunkelziffer).