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«Geld ist das letzte Band, das uns noch aneinander bindet»

Mathias Morgenthaler am Mittwoch den 28. Dezember 2011
Aldo Haesler

Aldo Haesler

Was passiert, wenn das Bargeld aus unserem Alltag verschwindet und das virtuelle Geld zum Rettungsanker in einer zunehmend asozialen Gesellschaft wird? Der Schweizer Soziologe Aldo Haesler erforscht seit über drei Jahrzehnten unser Verhältnis zum Geld. Eine seiner Erkenntnisse lautet: Der Siegeszug der Kreditkarte hat unsere Beziehungen radikal verändert. Download der PDF-Datei
Herr Haesler, vor zehn Jahren prognostizierten Sie an dieser Stelle: «In zehn Jahren werden kaum noch Münzen und Banknoten im Umlauf sein.» Heute können wir festhalten: Sie haben sich getäuscht.
ALDO HAESLER: Nein, überhaupt nicht, es gab nur leichte Verzögerungen beim Übergang vom physischen zum virtuellen Geld. Ich gebe zu: In der Schweiz hat sich das Bargeld erstaunlich gut gehalten. In Frankreich, wo ich lebe, ist eingetroffen, was ich vorausgesagt habe: An der Kasse im Supermarkt zahlen von zehn Personen sieben mit Kreditkarte, zwei mit Checks und eine mit Bargeld. Das zeigt: Bargeld ist ein Auslaufmodel. Sobald die Transaktionskosten tief genug sind, wird es ganz verschwinden.

Wir haben bloss noch Bargeld, weil das bargeldlose Zahlen zu teuer ist?
Schon vor 20 Jahren war klar: Sobald die elektronische Zahlung einfach und billig genug ist, verschwindet das Bargeld. Die Bargeldzahlung ist ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert. Honoré de Balzac und Emile Zola konnten den schnöden Mammon beschreiben und verteufeln. Im 20. Jahrhundert ist das Geld mehr und mehr hinter den Kulissen verschwunden. Das Realgeld wich dem Giral- oder Buchgeld, das wenn nötig gegen Bargeld eingetauscht werden konnte; gleichzeitig entstanden komplexe, schwer durchschaubare Bankverflechtungen. Heute ist Geld kaum mehr sichtbar, schon gar nicht mehr greifbar – und dadurch ist es für viele Menschen auch nicht mehr «be-greifbar». Und das Paradox ist, dass, obwohl es aus unserem Alltag verschwunden ist, ohne Geld heute gar nichts mehr geht. Geld ist das letzte Band, das uns noch aneinander bindet, das unsere Erwartungen nicht enttäuscht und unsere Ängste etwas lindern kann. Ohne Geld würde unsere Gesellschaft auseinanderfallen.

Wie kommen Sie zu so einer ungeheuerlichen Aussage?
Wir stehen vor dem Zusammenbruch unserer Sozialwelt. Repräsentativstudien aus den USA zeigen, dass die Menschen immer weniger Bezugspersonen haben, mit denen sie über wirklich wichtige Themen reden können. Nannten die Befragten 1985 durchschnittlich noch zwischen 12 und 13 engen Bezugspersonen, waren es 1995 noch 5 bis 6 und 2005 lediglich noch 2 bis 3. Man muss sich das vorstellen: Innerhalb von zwanzig Jahren wurde der wichtigste Sozialkreis des Durchschnittsamerikaners auf einen Sechstel reduziert! Der Grad der Vereinsamung in unserer modernen Gesellschaft ist rasant angestiegen. Geld hat in dieser Situation die Funktion eines letzten Rettungsankers. Aber paradoxerweise ist es nicht nur ein letztes Band, es ist auch die Ursache für diese Einsamkeit.

Inwiefern?
Geld verbindet uns, Geld bringt uns aber auch auseinander – es wirkt symbolisch und diabolisch. Wir haben nichts dagegen unternommen, dass Geld zum Leitmedium unseres Zeitalters wurde, nun müssen wir auch akzeptieren, dass Geld verbindet, was nicht zusammengehört, und auseinanderreisst, was natürlich gewachsen ist. Geld hat uns einsam gemacht, weil die lange Zeit gültige Gegenseitigkeitsnorm nicht mehr in Kraft ist. Beim Tauschgeschäft und beim Zahlen mit physischem Geld lief alles nach dem Prinzip «Do ut des» ab: «Ich gebe, damit du mir gibst.» Diese Norm ist nicht mehr gültig. Heute optimiert jeder auf eigene Faust seinen Konsum. Seine Kreditkarte, oder anders gesagt: seine Kreditwürdigkeit verschafft ihm augenblicklich Zugang zu allem. Er muss dafür nichts weggeben, sich von nichts trennen, kein Opfer bringen. Bemerkenswert ist nun, dass diese Grundstruktur nicht nur den Akt der Bezahlung prägt, sondern durch ihre milliardenfache Wiederholung sämtliche Gesellschaftsprozesse verändert.

Kann es sein, dass Sie stark davon geprägt sind, was Sie in den USA gelesen und gesehen haben?
Ich bin tatsächlich erschrocken, als ich gesehen habe, wie die Leute in den USA sich in ihren «gated communities» verschanzen, wie sie den Reichtum dazu nutzen, Mauern hochzuziehen. Mehr als die Hälfte der Bewohner New Yorks sind Singles. Ähnliche Phänomene sehen wir auch in Deutschland. Man kann diese Sozialkrise an einem für Schweizer leicht verständlichen Beispiel schildern: Wir sind von Jassern zu Pokerspielern geworden. Wenn Sie zu viert einen Jass klopfen, dann brauchen Sie dazu einen verlässlichen Partner. Ohne «do ut des» geht da gar nichts. Im Pokerspiel hingegen ist jeder der einsame Wolf, der sich ganz alleine gegen die Meute behaupten muss.

Stört es Sie noch aus anderen Gründen, dass das Bargeld verschwindet?
Wir wollen nicht verstehen, welch weitreichende Folgen das hat. Gleichzeitig wundern wir uns, dass sich so viele Jugendliche überschulden. Ein französischer Ökonom, der Vorstudien zur Einführung des Euro durchgeführt hatte, sagte mir, dass ein Drittel der Bevölkerung nicht mehr in derLage ist, elementarste Rechenoperationen durchzuführen. Wer nie mit zehn Franken oder zehn Euro etwas bezahlt und das Wechselgeld nachgezählt hat, wird später Mühe haben mit der Buchhaltung. Es verbreitet sich eine Art Geld-Analphabetismus, der dazu führt, dass Menschen nicht mehr abschätzen können, welche konkrete Bedeutung die Beträge haben, die sie durch Eintippen eines Codes an einer Kasse oder im Internet verschieben.

Das physische Geld verschwindet zwar aus unserem Alltag, es wird aber mehr über Geld geredet als früher. Nie gab es eine grössere Transparenz in Salärfragen, nie hitzigere Debatten darüber, wie viel beispielsweise ein Manager verdienen darf.
Das halte ich für eine völlig verfehlte Debatte, ein Scheingefecht, das viel Aufmerksamkeit schafft, aber nichts mit dem Kern des Problems zu tun hat. Die paar Dutzend Millionen, die ein paar Konzernchefs verdienen, haben wenig zu tun mit den Tausenden von Milliarden, die in unserem Geldsystem im Umlauf sind. Transparenz in solchen Fragen ändert nichts am Grundübel. Die Lohn-Debatte ist auf eine Art Robin-Hood-Mentalität zurückzuführen, die völlig obsolet geworden ist. Die Leute behaupten reflexartig: «Wir da unten haben viel zu wenig, weil die da oben zu viel verdienen.» Das ist purer Unsinn, und zwar in doppeltem Sinne: Erstens ist ein Kausalzusammenhang zwischen viel zu wenig und viel zu hoch nur sehr schwer herstellbar; und zweitens, was noch viel schwerer wiegt: es ist eine Trivialität, ein Nebenschauplatz, der uns den Zugang zu einer etwas treffenderen Krisendiagnose versperrt.

Literatur:
Aldo Haesler: Das letzte Tabu. Ruchlose Gedanken aus der Intimsphäre des Geldes. Huber Verlag 2011. 208 Seiten, 39.90 Fr.

Fortsetzung des Interviews
in einer Woche an dieser Stelle.

Kontakt: aldohaesler@wanadoo.fr

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26 Kommentare zu “«Geld ist das letzte Band, das uns noch aneinander bindet»”

  1. Urs sagt:

    Interssante Einsichten.

    Schön das mal ein Soziologe unsere Beziehung zum Geld erklärt anstatt immer nur Oekonomen, wobei die Oekonomen einen Vorteil haben. Sie können ihre Erfolge in Bilanzen und somit mehr oder weniger anerkannte Erfolgsausweise verpacken. Die werden uns ja auch Tag für Tag unter die Nase gerieben. Die genröse Aufmerksamkeit die dadurch entsteht verdeckt aber zahllose andere Aspekte…

    Aber dann, die Bilanzen sind auch nur ein winzig kleiner Teil der Wahrheit(en) die uns alle angehen und mit denen wir nach wie vor lernen müssen umzugehen anstatt diese zu ignorieren.

  2. Mike Born sagt:

    Natürlich wollen die Banken physisches Geld abschaffen, denn es hindert sie daran noch mehr Giralgeld zu schaffen.

    Die Staaten sind auch nicht besser (z.B.aktuell Italien). Diese wollen die totale Kontrolle über sämtlichen Geldfluss.

    Was kann der normale Bürger machen? Alles Geld immer gleich vom Konto abheben, sowie alternative/lokale Währungen verwenden (Taler, Tauschringe, WIR, Goldfranken (?) etc.).Zur Sicherheit noch ein wenig die älteste Währung der Welt horten (Gold).

  3. Bernd Rickert sagt:

    Unter Berücksichtigung, dass ich sein Buch nicht gelesen habe, möchte ich Herrn Haesler anstossen, sich über die unterschiedliche Funktionalität von Geld und dessen eng begrenzten Wirtschaftssektoren Gedanken zu machen. Trotzdem es auf den ersten Blick und rechnerisch so erscheint, ist ein Pokergewinn noch lange kein neues Auto, will sagen je mehr Geld man hat, umso schwerer fällt es diese unsichtbaren Grenzen zu überwinden und Geld von einem Sektor in einen anderen zu tranferieren. Die Robin-Hood-Diskussion möge er also auf das tatsächlich verfügbare Geld reduzieren.

  4. Karl Bolliger sagt:

    Die andere Theorie von Aldo Haesler lautet: “Kinder werden nicht geboren, sondern vom Storch gebracht.” Das Desinteresse der Leute an der Vereinsarbeit hat nichts damit zu tun, dass sie jetzt statt mit dem grünen Einzahlungsschein Ende Monat in der Warteschlange vor dem Postschalter zu stehen, den Vereinsbetrag im e-Banking eintippen. Auch gehe ich nicht weniger mit Freunden Essen, weil ich jetzt die Rechnung mit der Kreditkarte begleiche, noch haben sich deswegen unsere Gesprächsthemen verändert. Herr Haesler verwechselt einfach Koinzidenz mit Kausalität, weil er im Elfenbeinturm den Bezug zum Leben der Leute verloren hat. Aber er kann gleichwohl darüber eine Studie schreiben, die dann von anderen im Elfenbeinturm lebenden Kopisten weiterverbreitet wird – und so wird aufgrund der oftmaligen Zitation aus einem falsch konstruierten Zusammenhang “akademische Wahrheit”.

  5. will williamson sagt:

    Etwa bis in die 60-er Jahre wurden die Löhne in der Fabrik noch bar ausbezahlt. Entweder verteilte der Meister die Lohntüten gegen Unterschrift oder man holte die Kohlen im Lohnbüro ab. Dann hiess es, man müsse die Barauszahlung abschaffen wegen des Risikos beim Geldtransport. Man solle ein Bankkonto aufmachen. Dieses werde spesenfrei geführt. Als dann alle ein Konto hatten, wurden Spesen für die Kontoführung und für die Zahlungen eingeführt. Dann gabs den Eurocheck, erst gratis, dann gegen Gebühr von 50 Rp. pro Check. Als Nächstes kam die EC-Karte, erst gratis, dann gegen Gebühr. Und schliesslich wurde die Kreditkarte geboren, ob überall von Anfang an gegen Gebühr, weiss ich nicht. An sich ist das aber immer der Trick der Banken: erst den Leuten den Speck durchs Maul ziehen und wenn sich diese daran gewöhnt haben, Gebühren einführen. Ich habe eine EC-Karte, mit der ich gelegentlich Bargeld vom Automaten beziehe und gelegentlich auch in Geschäften zahle. Die täglichen Einkäufe bestreite ich aber in der Regel immer noch mit Bargeld. Eine Kreditkarte habe ich auch. Ein Gratisexemplar, das ich selten gebrauche. Das im Gegensatz zu jenem Amerikaner, dem ich im Sheraton Hotel in Luxor zuschaute, wie er mit einer Kreditkarte zahlen wollte. Er hatte eine ganze Handorgel von den Dingern auf dem Tresen liegen. Aber irgendwo hats geklemmt, so dass er schliesslich im heiligen Zorn vor sich hinfauchte: “Dann zahl ich halt Cash”.
    So viel zur “History”.

    Was die von Haesler beschriebene Vereinzelung oder Individualisierung betrifft, hat er diese beileibe nicht als erster festgestellt. Den Trend hat Atteslander schon 1971 in seinem Buch “Die letzten Tage der Gegenwart” erwähnt. Mit dem Zusatz, dass man gleichzeitig unter Umständen mehreren Gruppierungen angehört. So weit ich mich erinnere hat er allerdings nicht das Verschwinden des Bargelds als Grund anführen können. Das war damals immer noch kräftig in Zirkulation. Auch die Leute mit Bankkonto holten das benötigte Geld wieder von der Bank und kauften damit ein oder gingen am Monatsende zur Post, um die Einzahlungen zu tätigen. Online Banking war damals noch nicht in. Dass manche nicht mehr rechnen können, ist kaum auf das Fehlen von Bargeld zurück z führen. Sie haben einfach nicht mehr kopfrechnen gelernt, weil sie entweder mit Mengenlehre traktiert wurden oder gleich einen Taschenrechner benutzen durften. Dass hingegen gerade junge Leute die Übersicht über ihre Finanzen verlieren, diese Gefahr beinhaltet der Besitz einer Kreditkarte schon.

  6. Vieles stimmt was Der Soziologe schreibt, Er deutet auch an das in Amerika das soziale Gefüge damit gelitten hat, und dies in Europa beginnt. — Was Er nicht sagt: Dass damit die Umverteilung nach oben mit hergeht. Normal hat Geld den Zweck eine Leitung ( im positiven Sinn ) dem Jenige zu vergüten der sie erbracht hat und daraus auch eine Wertschätzung entstanden ist. Das ist heute mit dem Abzockerkapitalismus vorbei. Ein Beispiel : Ein Spitzensportler verdient Millionen in einem Jahr, ein Spekulant kann das mehrfache ergattern, sicher ist ein Mehrwert für die Allgemeinheit blieb aus. Wer wirkliche Arbeit für die Allgemeinheit schafft zahlt dafür die Rechnung. Auch ein Wissenschaftler der grosse Werte für die Zukunft erbringt mit seine Horizont und Wissen wird wenn es hochkommt mit einem Preis meist unter einer Million abgefunden, und wenn man Ihn fragt was Er mit diesem Betrag tun werde kommt meist darauf die Antwort in Seine Forschung integrieren. So Jeder kann sich daraus seine Meinung bilden. —- Dieses Übel ist auch der Hauptgrund dass der Weltfrieden in weite Ferne gerückt ist !

  7. Vieles stimmt was Der Soziologe schreibt, Er deutet auch an das in Amerika das soziale Gefüge damit gelitten hat, und dies in Europa beginnt. — Was Er nicht sagt dass damit die Umverteilung nach oben mit hergeht. Normal hat Geld den Zweck eine Leitung ( im positiven Sinn ) demjenigen zu vergüten der sie erbracht hat und daraus auch eine Wertschätzung entstanden ist. Das ist heute mit dem Abzockerkapitalismus vorbei. Ein Beispiel : Ein Spitzensportler verdient Millionen in einem Jahr, ein Spekulant kann das mehrfache ergattern, sicher ist ein Mehrwert für die Allgemeinheit blieb aus. Wer wirkliche Arbeit für die Allgemeinheit schafft zahlt dafür die Rechnung. Auch ein Wissenschaftler der grosse Werte für die Zukunft erbringt mit seine Horizont und Wissen wird wenn es hochkommt mit einem Preis meist unter einer Million abgefunden, und wenn man Ihn fragt was Er mit diesem Betrag tun werde kommt meist darauf die Antwort in Seine Forschung integrieren. So Jeder kann sich daraus seine Meinung bilden. —- Dieses Übel ist auch der Hauptgrund dass der Weltfrieden in weite Ferne gerückt ist !

  8. Paul sagt:

    Diese ganze soziologische und philosophische Dichterei rund ums Bargeld ist Energie- und Zeitverschwendung. Bargeld ist voller Bazillen und Bakterien. Die eigene Kreditkarte ist zumindest nur so dreckig wie der Besitzer selbst. Kreditkarten sind auch viel diebstahlsicherer als Bargeld. Und last but not least kann sich jeder ja auf die Debitkarten beschraenken, wenn er sich nicht verschulden will. Durch das Verschwinden des Bargelds sind also weit und breit keine Nachteile auszumachen, es sei dann man ist suechtig nach Philosophiererei und muss immer ueberall nach Sinnen und Unsinnen suchen.

  9. Very true
    I live since 15 years in the “Hochburg” of the capitaltsm. The money is almost the only value
    of tor personality. It’s a constant fight of surving and fight
    The most difficult aspect is;;that everything has to do with the value of your bank-account.

  10. Rudolf Kupper sagt:

    @ Karl Bolliger: Besten Dank, Sie haben es getroffen. Dass derart abstruser Unsinn als Wissenschaft gelten soll, wäre allerdings noch gar nicht so schlimm. Schlimm ist, dass Wirrköpfe wie Herr Haesler ganze Generationen von Akademikern schulen, welche nie daran denken würden, ihre Theorien mit dem gesunden Menschenverstand zu überprüfen. Für den Verfall der menschlichen Beziehungen gibt es weiss Gott nicht einen einzigen Grund – schon gar nicht die Kreditkarte -, und, falls es unter der Vielzahl von Gründen einen Hauptgrund gibt, dürfte es der sein, dass unsere Beziehungen zu den Mitmenschen immer stärker derjenigen zu unserem Fernsehgerät gleichen: Wir drücken auf den Knopf, und das Gerät spielt, was wir wollen. Passt uns das Programm nicht, schalten wir es ab – auch bei den Mitmenschen.

  11. Paul Müller sagt:

    Es stimmt schon, dass sich die Menschen zunehmend über ihr Einkommen definieren. Das macht sich regelmässig im Verlaufe einer Unterhaltung bemerkbar. Themen drehen sich nach relativ kurzer Zeit Zusehens um Dinge mit monetärem Hintergrund. Die Themen über persönliche Vorlieben, Hobbies, Urlaub, Autos, Wohnung bekommen im Nebensatz gern eine finanzielle Bewertung mitgeliefert. Hier in Zürich empfinde ich es sogar noch ausgeprägter. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich zB. auf mein Auto oder meine Uhr jemals ohne finanziellem Interesse im zweiten Satz angesprochen wurde. Es hat ja auch kaum jemand noch Hemmungen Leute direkt nach dem Kaufpreis ihrer Güter zu fragen.

  12. Jann Werner sagt:

    wieder einmal ein “Seher”, der die Zukunft zu erkennen glaubt. Weiteres unter “der schwarze Schwan”…

  13. Maria Sah sagt:

    Die Kausalität vermisse ich auch in diesem Artikel, zumindest teilweise.
    Wenn man so weit zurückgeht wie das der Autor zu tun scheint, nämlich zurück zur Zeit als das Geld erfunden wurde und begann den Tauschhandel abzulösen, dann erscheinen mir gewisse Aussagen schlüssig.
    Dass aber dieselbe Logik auch für die Ablösung des Bargelds durch Giralgeld gilt, ist meines Erachtens eine unbelegte Behauptung.
    Dass es heute leichter ist, sich zu verschulden, sehe ich auch so. Die Ansicht, dass die Ursache dafür allein im Wechsel der Zahlungsmittel zu suchen sei, teile ich hingegen nicht. Einige von uns haben es hingegen verpasst, den Umgang mit den neuen Möglichkeiten und Gefahren zu lernen und können es daher auch ihren Kindern nicht beibringen.

  14. Claudia sagt:

    Ein sehr interessantes Interview mit spannenden und guten Gedanken. Ich denke, der Herr hat etwas erkannt, was vielen Leuten heute noch nicht bewusst ist. Auch seine Ansichten zum Thema Managerlöhne finde ich sehr tiefgründig. Ich bin auf den Folgeteil gespannt.

  15. Bargeld ist etwas was man besitzt und sich – in den meisten Fällen – erarbeitet hat. Man kann es also ausgeben ohne Verpflichtung. Bei Kreditkarten ist das anders. Man gibt Geld aus, das man nicht besitzt, sich möglicherweise erst noch erarbeiten muss um es zurückzuzahlen – mit Zins versteht sich. Es entsteht also eine Verpflichtung, eine Schuld, die man begleichen muss. Man zieht so den Konsum von der Zukunft in die Gegenwart. Die Rechnung dafür kommt aber bestimmt. Es ist also falsch zu sagen, man müsse dafür “nichts weggeben, sich von nichts trennen, kein Opfer bringen”. Das kommt einfach später und ist erst noch mehr als wenn man bar bezahlt hätte.

    Das Problem ist nicht, das das Bargeld verschwindet, sondern dass zunehmend Vermögen durch Kredit ersetzt wird. Früher sparte man sich einen Fernseher zusammen und kaufte den erst, wenn das Geld beisammen war. Heute kauft man ihn bereits, wenn man das Geld dafür noch nicht hat. Das ist eine andere Verhaltensweise, die aber mit dem Zahlungsmittel nichts zu tun hat. Sondern mit der leichten Zugänglichkeit von Kredit zusammenhängt. Man kann auch mit Kreditkarte nur kaufen, wofür man das Geld hat. Dann ändert sich an der sozialen Interaktion nichts.

    Dass die Menschen vereinsamen liegt auch nicht an der Kreditkarte, oder daran, dass man nicht mehr mit Bargeld bezahlt. Sondern das ist das Resultat des Wirtschaftsmodells, genannt Kapitalismus, wo jeder des anderen Konkurrent ist. Man konkurriert um Jobs, bessere Löhne, größeres Auto, repräsentativere Partner. Der Mitmensch ist also nicht mehr möglicher Partner für eine Transaktion, sondern Konkurrent, oder Feind, wenn sie wollen, um Ressourcen.
    Es muss einem also beim Kapitalismus nicht wundern, wenn die Menschen zunehmend abgeschnitten werden von ihren Mitmenschen.

  16. Daniel sagt:

    Vielleicht macht Geld ja einsam, aber es bietet auch eine gewisse Freiheit und Sicherheit. Also ich sehe das für mich persönlich so. Sicher kann man es auch verblöden, aber ich persönlich fühle mich abgesichert um soviel zu haben das ich mir ein sorgenfreies Leben erlauben kann!

  17. Alain sagt:

    Ich lebe auch in Frankreich (mittlere Stadt).
    Dass sie hier immer noch die arbeitsintensiven Checks verwenden (comme d’habitude), hat mich erstaunt.
    Das Verhaeltnis an den Kassen (Bargeld – Debitkarte – Kreditkarte) ist hier aber (noch) anders (etwa 40:50:10).

  18. Alain sagt:

    Vielleicht ist dem Soziologen noch nicht aufgefallen,
    dass die Zahlungsmodalitaeten in F sehr unterschiedlich sind (von Ort zu Ort).
    Selbst in Paris (quartier bourgeois = mehr Kreditkarten / quartier populaire = mehr Cash/Checks).

  19. Manfred Grieshaber sagt:

    Im Umkehrschluss bedeutet die Argumentation des Soziologen das ausser einem Kauf mit Bargeld kaum noch soziale Interaktionen stattfinden. Dann beschreibt er aber nur das Symptom aber nicht die Ursache des Problems. Sicher hat jeder von uns schon einmal einen alten Menschen vor sich an der Kasse gehabt der aus lauter Einsamkeit ein Gespräch mit dem Personal führen will. Das aber ist das Symptom. Nicht weil dieser arme Mensch ohne Bargeld keine Kommuniktion führen kann ist das Problem sondern weil sich niemand um ihn kümmert, keine Angehörigen, keine Bekannten. Das wiederum hat indirekt mit Geld zu tun. Denn wenn ich mich um einen alten Angehörigen kümmere kann ich in dieser Zeit kein Geld verdienen und bekomme dafür auch keins. Wenn Geld aber alles ist wonach ich strebe dan wäre ich ein zutiefst asozialer Mensch. Das Beispiel mit Jassen und Poker trifft es eher, wenn ich Beziehungen nur unter dem Aspekt des persönlichen, materiellen Vorteils pflege dann wäre ich so ein asoziales Monster. Das ist aber keine neue Diskussion, das hatten wir doch schon einmal in Europa, in der Uebergangsphase zwischen Renaissance und Barock. Auf den puren Materialismus folgte in Teilen der Bevölkerung eine Rückbesinnung auf Religion und, wie heute, auch eine Fanatisierung. Sollten wir aber heute nicht Besseres vermögen als, wie damals, nur uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen?

  20. Annemarie Richard sagt:

    Alles halb so wild. Passt aber zum Ende des Maja – Kalenders. Trotzdem einen guten Rutsch ins 2012 / 2013 / 2014 und und und.

  21. Fröhlich-Gantenbein Walter H. sagt:

    Wer sagt ich glaube es, der ist seiner Sache nicht sicher, darum ist Glauben nicht wissen.

  22. Andres Müller sagt:

    “Die Leute behaupten reflexartig: «Wir da unten haben viel zu wenig, weil die da oben zu viel verdienen.» Das ist purer Unsinn, und zwar in doppeltem Sinne: Erstens ist ein Kausalzusammenhang zwischen viel zu wenig und viel zu hoch nur sehr schwer herstellbar; und zweitens, was noch viel schwerer wiegt: es ist eine Trivialität, ein Nebenschauplatz, der uns den Zugang zu einer etwas treffenderen Krisendiagnose versperrt.”

    Diese Aussage kann ich nicht teilen, zum Schluss fällt der Soziologe bei seiner Analyse wohl über seinen eigenen Geldbeutel (bzw. die Kreditkarte).

    Den Unsinn des Aldo Haesler will ich wie folgt in die Realität entschlüsseln:

    Es besteht eine bestimmte Geldmenge die in einer Gesellschaft wie der Schweiz in Umlauf ist. Stellen Sie die Notenbank als ein Staukraftwerk in den Bergen vor, das Geld sei Fränkli-Wasser das in das Tal herunter strömt. Das Staukraftwerk muss dafür sorgen dass die Geldmenge möglichst gleichmässig und nicht im Übermass zum Verbraucher fliesst.

    Für diese Sicht des Geldflusses ist es völlig unerheblich welchen rechtlichen Status Geld gerade besitzt, egal ob Bargeld, Giralgeld auf dem Konto oder Kreditkartengeld, irgendwann fliesst Geld wie auch Wasser fliesst.

    Und genauso wie ein Stauwerk nur eine bestimmte Menge liefert, ist jederzeit nur eine bestimmte Geldmenge vorhanden die zum Verbraucher fliesst und von dort zum nächsten Verbraucher. Wenn nun einige wenige Verbraucher eine grosse Menge Frankenwasser erhalten, dann öffnet der Stausee der Nationalbank nicht automatisch sein Stauwehr, weil sich sonst unten im Tal eine Inflation entwickeln könnte.Geld hat nur dann einen Wert, wenn es nicht in sintflutartigen Mengen fliesst.

    Wenn also einige wenige Menschen viel davon haben, dann haben die anderen Menschen weniger davon. Wäre es anders, käme es zu Inflation. Ab einem bestimmten Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich kommt es zur sogenannten Depression. Das ist der Fall wenn die Reichen das Wasser in eigenen Stauseen horten anstelle es auszugeben. Öffnet die verzweifelte Notenbank in dieser Situation den Staudamm, so fliesst das Wasser immer schneller in die Privatstauseen der Reichen, es kommt nicht bei den Kleinen an.

    Es kommt nicht an weil die Reichen es nicht mehr ausgeben, resp. in die reale Welt investieren wollen oder können. Es wird nicht mehr investiert, weil das Horten von Geld gewinnversprechender geworden ist als es real weiter fliessen zu lassen, es also zum Beispiel in eine KMU zu vergeben als Kredit.

    Frau Merkel glaubt, dass durch Sparen der Bürger die Staatsschulden abgebaut werden könnten. Sie glaubt tatsächlich, dass der Geldbeutel des Staates dem Geldbeutel der Bürger entspricht. Diese Sicht der Dinge ist falsch, der Staat führt kein gemeinsames Kollektivkonto aller Bürger. Wie die Nationale Notenbank mit seinem Stausee in den Bergen dient zwar der Staat mit seinem Konto in einer Demokratie dem Bürger, führt aber eine unabhängige Bilanz und darf sich selbst nicht mit dem Bürger verwechseln -denn sonst entsteht Diktatur- der Weg der “freien” Marktwirtschaft würde verlassen. Frau Merkel tendiert deshalb immer mehr zu diktatorischen Massnahmen die selbst die Bestimmungen des Bundesverfassungsgericht missachten.

    Die Frage ist für die Politik welche den Staatshaushalt kontrolliert, warum besteht hohes Staatsverschulden. Die Antwort darauf heisst: In Deutschland floss viel Geld vom Staat in Banken und Investoren ab, weitaus mehr als in reale Dienstleistungen an den Bürgern. Die Schulden wurden grösser, weil die Bürger nicht im Verhältnis zu ihren Einkommen gerecht versteuert wurden. Das geschah weil die Regierung die Exportwirtschaft forcieren wollte, sie den Konzernen günstige Bedingungen schaffen wollte. Diese Bedingungen waren derart günstig, dass heute ganz Europa unter dem einseitigen Exportboom Deutschlands leidet, ebenso wie die vielen Niedriglohnarbeiter in Deutschland selbst.

    Und nun will Merkel an einem Volk sparen dass seit den 90er Jahren keine Reallohnerhöhungen mehr aufzuweisen hat? Sie fordert das Gleichzeitig zusammen mit der Forderung, die Banken weiterhin mit Milliarden zu stützen und die Exportwirtschaft weiter zu stärken. Dabei ist Deutschland schon längst in ein Ungleichgewicht geraten wo die Exporte der breiten Bevölkerung nichts mehr nutzt, weil deren Aufbau nicht auch dem Binnemarkt zufliesst. Betrachtet man die Umsätze des Einzelhandels in Deutschland, so stagniert dieser seit Jahrzehnten, ist gar leicht rückläufig.

    Um zum Soziologen zurückzukommen, die Aussage «Wir da unten haben viel zu wenig, weil die da oben zu viel verdienen » ist nicht purer Unsinn, sondern die harte Realität die sich durch die Funktionsweise der Geldmengenverteilung beweisen lässt. Der Herr Soziologe übersieht die Sache mit dem Wettbewerb, die viel gepriesene Funktionalität des Kapitalismus. Dieser Wettbewerb hatte auch die Privatisierung selbst von Aufgaben beschleunigt, die eigentlich nur in den Händen des Staates gerecht funktionieren könnte. Da der Staat zudem kein in sich abgeschlossenen Wirtschaftssystem bildet, steht er mit anderen Staaten in wirtschatlicher und sozialer Konkurrenz. Um diesen bestehen zu können tendierten die Regierungen zum Abbau des eigenen Sozialsystems, der Staat begann seine eigenen Bürger zu bekämpfen.

    Zur Zeit des kalten Krieges war es noch nützlich gewesen die sozialen Errungenschaften als Waffe gegen den mächtigen Feind einzusetzen. Kaum war die UDSSR zusammengebrochen, wurden jeglichen Hemmungen fallen gelassen und der Neoliberalismus gefeiert als sei er die Freiheitsstatue persönlich. Der Kapitalismus wurde dann zwar in Russland übernommen, aber ohne den gleichzeitigen Aufbau des Sozialsystems. Die Russen dachten sich wohl der Kapitalismus würde den Sozialstaat automatisch mitbringen -ein Irrtum der die Menschen heute auf die Strasse treibt. Doch die Russen sind nicht die Einzigen die sich irrten im Kapitalismus, in den USA gibt es heute mehr Langzeitarbeitslose als während der grossen Depression in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.

  23. andreas furrer sagt:

    hasler geht es gut (er schaute dafür), mir weniger.

  24. Hans Christoffel sagt:

    Wenn die Befragten 1985 durchschnittlich noch zwischen 12 und 13 enge Bezugspersonen, hatten, so tönt das ja normal. Heute sind diese Befragten Rentner und haben als solche bestimmt weniger Bezugpersonen als im Alter von ca. 40 Jahren. Das liegt nicht daran, dass sie jetzt alle Kreditkarten haben. Ausserdem sind viele Leute nicht mehr so sozial eingestellt wie vor 26 Jahren. Das hat auch mit der eigenen Existenzangst zu tun in der heutigen Zeit. Die These, dass jemand sein soziales Umfeld verliert, weil er Kreditkarten besitzt oder ein anderer weil er Bargeld besitzt ist unsinnig. Ich habe als Rentner ein grösseres soziales Umfeld als vor 30 Jahren. Das, obwohl ich keine Kreditkarte besitze. Dass die Kreditkarte Herrn Häslers Beziehungen radikal geändert hat glaube ich nicht, ich denke ich doch eher, es waren seine unrealistischen Behauptungen.

  25. Ernst Laub sagt:

    Die Abschaffung des Bargeldes ist nur dann vertretbar, wenn an dessen Stelle wenigstens teilweise Gold und andere mobile Vermögenswerte treten könnten. Dies liegt aber vermutlich ganz und gar nicht im Sinne der Wall Street und den von ihr abhängigen Staaten. Der “Bürger” (d.h. das manipulierbare Subjekt) der Zukunft soll wohl im Gegensatz zur “Elite” – total überschaubar und transparent sein. Dies lässt die Zukunft des Bankgeheimnisses – auch und gerade für kleinere Einkommen und Vermögen – in einem neuen Licht erscheinen.

  26. George O. sagt:

    Die Abschaffung des Bargelds zugunsten des virtuellen Gelds wird durch die Behörden gefördert. Auf diese Weise kann der Staat jede (Geld)bewegung seiner Bürger nachvollziehen, ein wichtiger Schritt hin zum “gläsernen Bürger”. Ausgaben können so auf ihre Kongruenz zur Steuererklärung überprüft werden und dank effzienter Computersysteme werden Abweichungen umgehend dem zuständigen Steueramt gemeldet. Im Einklang mit der Abschaffung des Bankgeheimnisses stehen dem Staat lücknlose Informationen über den virtuellen Geldbestand seiner Einwohner zur Verfügung, was im Hinblick auf weitere Steuerschröpfaktionen doch sehr hilfreich ist.