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«Man muss das Eisen schmieden, solange es noch heiss ist»

Mathias Morgenthaler am Montag den 7. November 2011
Ruedi Haeny

Ruedi Haeny

Im Alter von 58 Jahren erfuhr Ruedi Haeny, dass es seine Kaderstelle nach der nächsten Reorganisation nicht mehr geben wird. Glücklicherweise hatte er sich schon vor dieser Hiobsbotschaft für ein Seminar an der Uni St. Gallen angemeldet, das Menschen über 50 eine Standortbestimmung ermöglicht. Nun startet Haeny voller Elan in die Selbständigkeit und freut sich über neue Freiheiten.
Herr Haeny, gehört man mit über 50 Jahren zum alten Eisen auf dem Arbeitsmarkt?
RUEDI HAENY: Nein, sicher nicht. Natürlich gibt es einige Einzelfälle, die einen solchen Schluss nahelegen, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass Berufs- und Lebenserfahrung zunehmend geschätzt werden.

Die Universität St. Gallen bewirbt ihr Seminar «Neue Perspektiven für Very Experienced Persons» allerdings mit einer Illustration, die besagt: Ab dem 45. Lebensjahr geht es eindeutig abwärts.
Das bezieht sich nicht auf die Leistung, sondern auf die Lebenszufriedenheit. Diese kann tatsächlich abnehmen, wenn man jenseits der 50 versucht, am Bisherigen festzuhalten und die Position zu verteidigen. Ich bin mir nicht sicher, wie stark die Zufriedenheit ans Lebensalter gekoppelt ist. Wahrscheinlich stellen sich nach einer gewissen Anzahl Jahre an der gleichen Wirkungsstätte einfach Abnützungserscheinungen ein. Aber ich will es nicht kleinreden: Die drastisch abfallende Kurve in der Grafik animierte mich, das Seminar bei der Uni St. Gallen zu besuchen. Ich fühlte mich zu diesem Zeitpunkt zwar noch voller Tatendrang, aber ich sagte mir, es könne nicht schaden, etwas zu unternehmen, bevor man auf den absteigenden Ast kommt.

Sie nahmen das Seminar ohne Leidensdruck in Angriff und erlebten dann eine böse Überraschung.
Ja, anfangs fand ich es einfach wertvoll, abseits des Alltagstrotts meinen Weg zu reflektieren und mir zu überlegen, was ich noch erreichen will, beruflich und privat. Dann, mitten im Seminar, bat mich mein langjähriger Arbeitgeber zu einem Gespräch, und ich erfuhr, dass die Firma sich derart neu organisiert, dass meine Geschäftsführer-Position im neuen Organigramm nicht mehr vorgesehen ist. So wurde das, was vorher in die Kategorie philosophische Gedankenspiele gefallen war, plötzlich zum Ernstfall. Ich musste mit 58 Jahren meine berufliche Zukunft komplett überdenken.

Sie schildern das sehr sachlich. Waren Sie nicht wütend oder verzweifelt?
Natürlich gab es schönere Tage in meinem Leben. Aber ich sass in den letzten drei Jahrzehnten oft genug auf der anderen Seite des Tischs und musste langjährigen Mitarbeitern wegen Restrukturierungen ähnliche Botschaften überbringen. Das Dümmste, was man in einer solchen Situation tun kann, ist, den Kopf in den Sand stecken. Mir half das Seminar, die Situation rasch und rational zu verarbeiten und vorwärts zu schauen. Zudem spürte ich auch eine gewisse Erleichterung. Solange ich noch in der Komfortzone war, wollte ich es nicht wahrhaben, aber es gab einige Entwicklungen, die ich eigentlich nicht mehr mittragen mochte.

Dafür standen Sie mit 58 Jahren vor der Frage, ob Sie sich nochmals bewerben sollen.
Mir war im Seminar klar geworden, dass ich keine Lust mehr hatte, nochmals irgendwo ein Konzernrädchen zu sein, das nach Systemlogik drehen muss. Ich wollte fortan selber entscheiden – auch darüber, welche Arbeit ich annehme und welche nicht. Das war eine der ersten und wichtigsten Lektionen beim Aufbau der Selbständigkeit: Nicht alle Mandate annehmen, nur weil es ein wenig Geld gibt. Man schwächt sich, wenn man zu weit vom gewählten Fokus abkommt. Da ich freigestellt wurde, konnte ich parallel zum Firmenaufbau Lücken in meinem Weiterbildungsrucksack stopfen. Ich bildete mich in Finanzwesen und Verwaltungsratstätigkeit weiter – als Selbständiger muss man ja sein eigener Finanzchef sein.

Sie haben vom klaren Fokus gesprochen. Auf Ihrer Homepage liest man unter dem Menupunkt Leistungsangebot: Mandate, Interimsmanagement, Strategieberatung, Organisationsentwicklung, Marktanalysen, Marketingkonzepte, Vertriebskonzepte. Sehr fokussiert klingt das nicht.
(Lacht) Das haben mir schon andere gesagt. Es ist eine Art Rundumschlag, die Zusammenfassung dessen, was ich gemacht habe in den letzten Jahrzehnten. Der gemeinsame Nenner ist der Konsumgütermarkt. In der Konsumelektronik bin ich – auch wegen meiner Verbandstätigkeit – bekannt wie ein roter Hund. Ich wollte mich nicht im Voraus zu stark begrenzen. Durch mein weit gespanntes Beziehungsnetz bin ich mit vielen Leuten im Gespräch. Mit der Zeit wird sich herauskristallisieren, wo mein Schwerpunkt liegt. Oft werde ich gefragt, ob ich jetzt eine Weltreise mache. Das wäre mit Sicherheit das Dümmste. Man muss das Eisen schmieden, solange es noch heiss ist. Wenn ich meine Kontakte erst nach einem halben Jahr aktiviere, fragen sich die Leute: «Haeny – wer war das schon wieder?» Man wird sehr schnell vergessen in der heutigen Zeit.

Man kann auch übergangen werden, weil man keine Firma mehr repräsentiert.
Ja, ich kenne Einkäufer, die jahrelang hofiert und nach dem Stellenverlust brutal fallen gelassen wurden. Bei mir lief das zum Glück nie primär über die Firmenvisitenkarte. Ich habe sogar Reaktionen erhalten von Leuten, die ich nur flüchtig kannte; sie bedankten sich für all das, was ich für die Elektronikbranche getan hatte.

Sie sind zwar freigestellt, erhalten aber noch bis Ende Januar Lohn. Bereuen Sie den Stellenverlust noch oder sind Sie heute dankbar dafür?
Ich spüre beide Seiten. Traurig macht mich, dass ich nach 13 Jahren ein Team mit lieben Kollegen, die ich zu einem guten Teil selber angestellt hatte, verlassen musste. Wir waren – auch wenn das kitschig klingen mag – wie eine Familie. Erfahrungsgemäss ist es praktisch unmöglich, sich nicht aus den Augen zu verlieren oder als Einzelkämpfer etwas Vergleichbares aufzubauen. Positiv schlägt dagegen zu Buche, dass ich massiv an Lebensqualität dazugewonnen habe. Ich kann heute jeden Tag frei nach meinem Rhythmus gestalten.

Die Unsicherheit belastet Sie nicht?
Mal mehr, mal weniger. Fürs nächste Jahr sieht es schon einmal gut aus, alles andere kann ich im Moment nicht abschätzen. Eminent wichtig ist mir die Unterstützung meiner Frau. Hätte sie mich andauernd gefragt, ob das auch wirklich gut komme, wäre es mir viel schwerer gefallen, diesen Weg zu gehen, vielleicht hätte ich es gar nicht geschafft. Da wir die Situation früh besprochen und auch ein Worst-Case-Szenario angeschaut haben, war das aber kein Thema – ich spürte immer nur ihr volles Vertrauen. Sie ist zwar nicht, vielleicht noch nicht für haeny consulting tätig, aber im Geist ist sie eine wichtige Mitunternehmerin.

Information und Kontakt:
www.haeny-consulting.ch

Das Seminar:
Die Weiterbildung «Neue Perspektiven für Very Experieced Persons» an der Universität St. Gallen erstreckt sich über einen Zeitraum von 9 Monaten; es umfasst vier Blöcke und total neun Präsenzstunden. Details unter www.es.unisg.ch/vep

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7 Kommentare zu “«Man muss das Eisen schmieden, solange es noch heiss ist»”

  1. Mario Monaro sagt:

    Freut mich für Herrn Haeny, dass er so positiv in die Zukunft blickt und ich wünsche ihm alles Gute für sein Vorhaben. Aber er ist ein Einzelfall. Viele andere in seinem Alter finden keine Stelle mehr, sind nicht für die Selbständigkeit geschaffen und haben kein Polster um sich in teuren Seminaren weiterzubilden oder eine Auszeit zu nehmen um sich zu finden. Ebenso viele machen sich als Consultant selbständig (da gibt es Unzählige), müssen aber schon bald merken, dass die Welt nicht auf sie gewartet hat. Dass die Erfahrung älterer Arbeitnehmender zunehmend bei den Arbeitgebern geschätzt wird, kann ich leider nicht feststellen. Noch nicht?

  2. Detlefs Volker sagt:

    Ein schöner Bericht. Muss mich aber leider meinem Vorredner anschliessen. Er stellt eine Ausnahme dar. Der ganze Rest ist am verzweifeln, da kein Einkommen und die Aussicht auf neue Arbeit gegen 0 läuft. Die meisten Consultants die ich kenne, haben ein (oft noch zu gut) bezahltes Mandat, über das nur geflucht wird, aber mangels Alternativen um jeden Preis festgehalten wird. Er darf auch nicht die Reputatio überschätzen. Oft sind das noch ein paar Ausläufer, die nach einem Jahr langsam aber sicher versiegen. Such is life.

  3. Frank Z. Marg sagt:

    Viel Glück!

  4. Eric Cerf sagt:

    Dass heutzutage das ideale Alter für Stellenwechsel immer weiter nach unten sinkt, ist Realität. Personalchefs vieler Firmen zögern bereits einen 40-Jährigen (!) anzustellen- weil der angeblich zuviel kostet. Ein 58-Jähriger wie R.Häny schon gar nicht, es sei denn, er verfügt über Vitamin B. Zwei Jahre lang stempeln, vom RAV in Gugus-Kurse hetzen, die nichts bringen. Dann die Sozhilfe bis zur Rente, so tickt die CH heute und nicht anders. Selbständig? Die einzige Möglichkeit, aber vorher genau nachprüfen ob es Sinn macht, das PK-Geld aufzulösen und einzuwerfen. Sonst heisst es dann womöglich: ausser Spesen nichts gewesen. Kenne eine Frau, die ein Teelädeli in der Pampa aufmachte und zwei Jahre später pleite ging.Nur mit der AHV alleine leben müssen, geht in der reichen CH kaum. Auswandern in ein Dritte-Welt, aber ja nicht abmelden, sonst kürzen die noch event. Ergänzungsleistungen.

  5. Emil Manser sagt:

    Gratulation an Herr Haeny. Im gleichen Alter bin ich seit einem Jahr als Selbstständiger Unternehmer unterwegs. Es ist bestimmt ein anspruchsvoller Weg, der aus meiner Sicht eine hohe Flexibilität und berufliche Marktfähigkeit verlangt. Für diesen Schritt braucht es eine Vorlaufzeit und viele Ideen, sonst kann das Projekt der Selbstständigkeit scheitern. Ich verstehe daher, wenn viele im Alter 50+ vor echten Problemen stehen, wenn ihr Job abgebaut wird.

  6. Fridolin Zweifel sagt:

    Herr Ruedi Haeny herzliche Gratulation und alles Gute für die neue Zukunft. Auch mir ist es nicht anders ergangen und bin ebenfalls seit einem Jahr mit meiner eigenen Firma tätig. Diese Woche habe ich sogar eine GmbH gegründet und die Firma ausgeweitet. Es ist jedoch eine Ausnahme, dass man in dieser Altersklasse (60) in die Selbständigkeit wechseln kann. Das Beziehungsnetz, eine Portion Selbstbewusstsein und die Risikofreudigkeit in den Genen sind wichtige Veraussetzungen. Diverse Faktoren müssen stimmen und man muss sich wirklich von Anderen mit besonderen Fähigkeiten abheben können. Auch eine Portion Glück und besondere Umstände gehören dazu. Anscheinend ist Herr Ruedi Haeni und ich auch im Schutze eines besonderen Sterns geboren. Viele in diesem Alter denen es so ergangen ist, sind ziemlich geschädigt weil man ihre Wertgefühle mit der Ausrangierung nach vielen Jahren Aufopferung infolge neuer Führungsköpfe (HSG – Typen) und Unternehmensberater wie die Mc Kinsey, mit Reorganisationen alte Mitarbeiter einfach auf das Abstellgleis katapultierte. Diese Leute wissen zu viel und könnten ja diesen Besserwissern etwas vormachen. Entsorgung ist deshalb für die Zerstörung der personellen Strukturen ein Mittel zum Zweck. Das KNOW HOW ist dann weg und der nächste Berater kassiert wieder als Sanierer oder sitzt selber als neuer CEO auf dem Sessel und seine Kollegen haben die Schlüsselpositionen eingenommen. So wurde es besipielsweise bei der Swiss Life alle zwei Jahre gemacht. Das top Kader wurde entsorgt oder auf Abestellgleispositionen verschoben. Wenn man Pech hat, wurden Ausländer geholt, welche an Schlüsselposten 2 Millarden in den Sand setzten und dafür mussten Ameisen in Zürich auf die Strasse gesetzt werden. Mein Slogan lautet deshalb: IM OSTEN GEHT DIE SONNE AUF, VON WESTEN KOMMT NUR SCHEISSE….. -> Das konnte mir bis heute noch kein Mc Kinsey Berater widerlegen!

  7. Jeder Mensch ist zu etwas berufen, denn niemand wird als Durchschnittsmensch geboren. Jede Mensch hat das Potential, Talent und die Fähigkeiten etwas Besonderes zu sein. Es ist nicht eine Frage des Preises und teuern hoch akademischen Weiterbildungsnangebote sondern eine Frage des Willens und der Bereitschaft sich zu entwicklen und sein Leben selber in die Hand zu nehmen. Das Unternehmerische Risiko Nummer 1 sind, meines Erachtens, nicht die Finanzen, der Businessplan oder die richtige Gesellschaftsform sondern der nachweisbare und ausreichende Bedarf am Markt . All zu oft wird das Startkapital und Bildungsangebote in den Vordergrund gesetzt. Wenn nämlich die Kundenbedürfnisse nicht ausreichend vorhanden sind und sie über die unternehmerische Persönlichkeit nicht richtig befriedigt werden dann ist alles zum Scheitern verurteilt . Beherzigt man diese Grundsatz der Risikominimierung und lebt seine Berufung dann kann fast nichts schief gehen. Das beweisen viele Kleinstunternehmer die den Weg in die finanzielle und persönliche Freiheit gewählt haben.
    Ich wünsche allen die den Weg von Herrn Haeny nicht gehen können dass sie eine Alternative gefunden habe,
    Ich habe es ohne so viel Geld auszugeben geschafft und dafür bin ich mir dankbar dank meiner gefundnen Berufung, Durchsetzungsvermögen , Geduld und Disziplin.