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Wenn die Talent-Managerin im Keller fündig wird

Mathias Morgenthaler am Donnerstag den 20. Oktober 2011
Elsbeth Bär

Elsbeth Bär

Beate Heller hatte sich bei der Swisscom um die hundert besten Führungskräfte und den hoffnungsvollen Nachwuchs zu kümmern. Doch eines Tages machte die Talent-Managerin im Untergeschoss bei der Materialausgabe eine Entdeckung der ganz anderen Art: Elsbeth Bär hat nie eine Ausbildung absolvieren dürfen, schafft mit viel Fleiss und Talent in Nachtschichten aber Aussergewöhnliches. Interveiw als PDF-Datei 

Nachdem Beate Heller vor 16 Monaten bei der Swisscom als Talent-Managerin begonnen hatte, landete sie auf der Suche nach Glückwunsch- und Trauerkarten sowie Schreibmaterial bald einmal im Untergeschoss des Swisscom-Hauptgebäudes in Worblaufen. Dort lernte sie die 58-jährige Elsbeth Bär kennen, die für den Büromaterialeinkauf und die Ausgabe an die Angestellten zuständig war. «Ihre Persönlichkeit hat mich sofort beeindruckt», erinnert sich Heller, «es dauerte aber eine Weile, bis ich sah, dass die schönen Karten, die sie auf Wunsch verkaufte, den Namen Bär trugen».

Die Frauen kamen ins Gespräch, und so erfuhr Beate Heller, dass Elsbeth Bär nebst ihrer Tätigkeit in der Abteilung «Document Solutions» abends kleine Kunstwerke schuf und den Verkaufserlös Hilfsprojekten spendete. Mit der Zeit ging Beate Heller öfter in den Keller, als ihr Büromaterialbedarf es gerechtfertigt hätte – aus Freude an der noch unentdeckten Perle. Als Elsbeth Bär dann mit einem ganzen Stapel selbst gefertigter Zeichnungen aus den Sommerferien zurückkehrte, war für die beiden Frauen klar, dass daraus ein Kinderbuch werden sollte. Beate Heller verkuppelte die Berner Zeichnerin mit der pensionierten Hamburger Sprachwissenschaftlerin Hanne Steinbuch, die sich nach Erhalt der ersten Tierzeichnungen von Elsbeth Bär sogleich ans Reimen machte.

Frau Bär, wie wichtig ist das Zeichnen und Malen für Sie?
ELSBETH BÄR: Ohne die Malerei wäre mein Leben viel ärmer. Sie ist ein grosser Aufsteller und ein wichtiger Ausgleich für mich, der mir Ruhe und Befriedigung gibt. Es gibt kaum einen Abend, an dem ich die Malutensilien nicht hervorhole.

Sie bestreiten ein Vollzeitpensum in der Materialabteilung – woher nehmen Sie die Energie und die Disziplin, abends noch zu malen?
Ich muss mich nie dazu zwingen, sondern ich tauche in eine Welt ein, in der ich mich wohl fühle. Ich stehe zwar um 5:45 Uhr auf, um frühzeitig bereit zu sein für meinen 8-Stunden-Bürotag, aber eigentlich bin ich ein Nachtmensch. Deswegen male ich gerne bis gegen Mitternacht oder auch mal darüber hinaus.

Warum haben Sie diese Leidenschaft nicht zu Ihrem Beruf gemacht?
Das kam damals nicht in Frage. Ich hatte zwar im Zeichnen immer die besten Noten und bewunderte meinen Vater immer für die Skizzen, die er als Möbelschreiner machte, aber ich durfte keinen Beruf erlernen. Mein Vater fand, das lohne sich nicht, ich werde ohnehin bald heiraten. Dazu kam es nie, und bei der Stellensuche hatte ich von da an ein Handicap.

War es schwierig, ohne Abschluss Arbeit zu finden?
Ich fand immer etwas, aber ich fühlte mich mindestens 15 Jahre lang minderwertig. Wenn man nichts gelernt hat, ist man niemand – ich schämte mich dafür. Erst als ich über 30-jährig war, lernte ich, mit dieser Situation umzugehen. Als ich mich nicht mehr versteckte, sah ich auch Vorteile in meiner Situation. Ich sah in viele Betriebe hinein, arbeitete in der Kreistelefondirektion, verkaufte Ravioli, wurde als Prüftelefonistin angelernt, arbeitete in einem Zeichnungsbüro und vieles mehr. Ich fand immer wieder neue Jobs und habe vielleicht auf diesem abenteuerlichen Weg mehr gelernt über das Leben als andere, denen eine gute formale Bildung geschenkt wurde.

Das klingt, als hätten Sie mehr und mehr Freude an Ihrer Vielseitigkeit bekommen.
Ja. Ich bin im Grunde ein spontaner Mensch, wenn ich unterwegs bin, komme ich meistens mit wildfremden Menschen ins Gespräch. Mein Selbstvertrauen wurde mit den Jahren grösser. Sonst hätte ich nicht mit 53 Jahren noch die Töffprüfung und mit 54 den Autoausweis gemacht. Das war ja auch höchste Zeit. Auto fahren muss man einfach können, gerade heute, wo kein Job mehr sicher ist. Der wirkliche Antreiber war aber ein anderer: Ich hatte mich erst in eine alte Vespa und dann in einen schönen Oldtimer, einen Fiat 1500 Berlina mit Baujahr 1967, verliebt.

Haben Sie nie mit dem Gedanken gespielt, die Kunst noch zum Beruf zu machen?
Ich habe mir das nie ganz zugetraut. Zudem musste ich ja arbeiten, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Erst durch meine Tätigkeit bei der Swisscom und den Kartenverkauf wurde mir bewusst, dass andere diese Zeichnungen von Fabelwesen und die abstrakten Kartensujets für Kunst halten und oder jedenfalls mögen. Der Verkauf motivierte mich sehr, immer mehr Mitarbeiter kamen vorbei, und ich konnte den Hilfsorganisationen immer grössere Beträge überweisen – zuerst verschiedenen Tierheimen, später diesem Polizisten, der sich für Kinder auf den Philippinen einsetzt, die Leim schnüffeln. Insgesamt kamen so in 4 Jahren gegen 5000 Franken zusammen.

Wie kommen Ihre Sujets zustande?
Es ist eine Mischung aus eigenen Ideen und der Überlegung, was für Todesanzeigen, Geburts- und Geburtstagskarten gefragt sein könnte. Ich habe auch schon auf Bestellung gearbeitet, einmal kurzfristig fünf Karten für den Swisscom-Verwaltungsrat bis morgens um 1 Uhr. Das ist sicher das Schwierigste, wenn ich auf Kommando kreativ sein muss.

Warum machen Sie sich nicht selbständig?
Einige Bekannte haben mir das schon empfohlen, aber es ist immer leichter, es jemand anderem ans Herz zu legen als selber diesen Schritt zu wagen. Es gibt viele Illustratoren und Grafiker, die sehr gute Arbeit machen und nicht davon leben können. Mein Pensum kann ich derzeit nicht reduzieren – vielleicht finde ich einen Weg, nebenbei noch eine Ausbildung zu machen, die mich weiterbringt in meinen Möglichkeiten. Ich habe mir ja alles selber beigebracht und nichts von Grund auf gelernt. Und bis in vier Jahren kann ich mich vielleicht frühpensionieren lassen und ganz der Malerei widmen. Derzeit betrachte ich einfach die Abende, Wochenenden und Ferien als geschenkte Arbeitszeit. Jetzt stehen dann die Weihnachts- und Osterkarten an, das gibt wieder viel zu tun. Und für das Kinderbuch, das entstanden ist, müssen wir einen Verlag finden, der das schön herausgibt. Bereits haben mir über 30 Personen gesagt, sie möchten es unbedingt kaufen.

Information und Kontakt:
elsbeth.baer@gmx.ch

 

  Herr Theodor liebt Mäusin Ilse.
  “Zur Oper? – Samstag?” endlich will ´se.
  Bezaubert von so hehrem Klang
  nimmt die Romanze ihren Gang.

 

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6 Kommentare zu “Wenn die Talent-Managerin im Keller fündig wird”

  1. Hans Peter Völkle, Therese Bill sagt:

    Gefällt uns riesig, sind begeistert. Wir bestellen gleich zwei Bücher.

  2. Schoch Marlis sagt:

    Hat mich sehr beeindruckt, den artikel in der Samstag Zeitung.
    Würde gerne ein Buch bestellen.

  3. Christine sagt:

    Kompliment, das Sie diesen Weg gegangen sind und nicht aufgegeben haben. Jeder Mensch hat seine Stärken und die gilt es zu nutzen….Viel Erfolg und weiterhin alles Gute. Grüsse Sie herzlich Christine Lustenberger

  4. Hanni Beer sagt:

    Elsbeth fällt nicht nur als Künstlerin auf, sondern als zuvorkommender lieber Mensch.
    Ein Buch für meine Enkelinnen ist natürlich bestellt.

  5. Judith Thüringer sagt:

    Das Leben geht seine Wege und wie man sieht mit Erfolg. Frau Bär ich gratuliere Ihnen dazu. Ich bin begeistert und ich freue mich jetzt schon auf die schönen Zeichungen und Reime. Ich wünsche Ihnen Erfolg und vor allem Zufriedenheit.

  6. Es ist schon so, anstelle von Diplomen, Auszeichnungen hohen IQ’s und dergleichen mehr sind es oft Leidenschaft, Talent, Begeisterungsfähigkeit, die uns Menschen zu ausserordentlichen Leistungen beflügeln und sehr oft auch den Erfolg ausmachen. Man kann auch sagen: Emotionen – oder wem es besser gefällt – Passion sind der Motor von Spitzenleistungen.