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"Meine Tochter sagt, sie wolle später auch Chefin werden"

Mathias Morgenthaler am Samstag den 10. Juli 2010

Jeannine PilloudJeannine Pilloud ist Mutter zweier schulpflichtiger Kinder und Managerin beim IT-Unternehmen T-Systems. Dort trägt sie die Verantwortung für 5700 Mitarbeitende und 1,2 Milliarden Euro Jahresumsatz. Das Mutterhaus Deutsche Telekom setzt die Zürcherin als Botschafterin ein beim Bestreben, im Management bis ins Jahr 2015 eine 30-Prozent-Frauenquote durchzusetzen.

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Frau Pilloud, ich erreiche Sie gerade auf dem Mobiltelefon in Barcelona. Welches sind Ihre nächsten Reisestationen?

Im Moment bin ich viel unterwegs – in Barcelona, Amsterdam, in Mailand, Paris, Brüssel und Bonn. Es ist die Zeit der «Pre Summer Reviews», das heisst, ich schaue mit den Management-Teams der verschiedenen Landesorganisationen, wo sie stehen, was man allenfalls korrigieren muss.

Macht es Spass, eine Business-Nomadin zu sein?

Ich bin zwar gerne daheim in Zürich, aber das Reisen macht mir viel weniger aus, als ich gedacht hatte. Ich glaube, mit einem kurzen Arbeitsweg wäre ich viel gestresster. Ich geniesse die Lektüre vor einem hektischen Arbeitstag am frühen Morgen im Flugzeug. Und wo kann man den Tag besser Revue passieren lassen als am Abend über den Wolken? Natürlich sehe ich das nicht immer so entspannt. Reisen ist für mich ein guter Stressindikator. Wenn es mich zu nerven beginnt, dass ich direkt vom Flughafen in die nächste Telefonkonferenz eilen muss, dann weiss ich, dass ich ein bis zwei Wochen Ferien nötig habe.

Ich dachte, wer auf internationaler Ebene für Tausende von Mitarbeitenden Verantwortung trägt, macht überhaupt keine Ferien.

Doch, dann erst recht (lacht). Ich bin eine überzeugte Verfechterin der Theorie, dass man früher oder später ausbrennt, wenn man sich nicht gelegentlich zwei bis drei Wochen Ferien am Stück gönnt. Es ist nicht so schlimm, wenn man dann zweimal eine Telefonkonferenz im Bikini abhalten muss, entscheidend ist, die Batterien regelmässig aufzuladen. Wer das vernachlässigt, riskiert, lange auszufallen.

Sprechen Sie aus Erfahrung?

Ich war einmal ziemlich nahe an einem Burnout. Genau in dieser Phase wurde mir die Chefstelle einer interessanten IT-Firma angeboten. Zum Glück habe ich der Versuchung widerstanden und einen Schritt zurück gemacht.

Danach ging es aber rasant aufwärts auf der Karriereleiter. Heute sind Sie bei T-Systems für den Betrieb der IT-Infrastruktur in ganz Westeuropa verantwortlich. Viele Ihrer Arbeitstage beginnen um 5 Uhr und enden nach 20 Uhr. Wie halten Sie sich gesund?

Sport ist für mich eine wichtige Ressource. Durch meine beiden Schwangerschaften habe ich das vorübergehend vernachlässigt. Erst mit 40 nahm ich das Training wieder auf. Nun stelle ich fest: Eine gute Kondition hilft, lange Tage durchzustehen, gelassen zu bleiben und nicht krank zu werden.

Ihre beiden Kinder sind 10- und 12-jährig. Haben Sie nie das Gefühl, zu wenig Zeit für sie zu haben?

Welche Mutter wäre nicht ab und zu gerne mehr zu Hause? Ich bin da keine Ausnahme. Aber auch mein Tag hat nur 24 Stunden. Mein Mann und ich haben diesen Entscheid sehr bewusst gefällt. Er ist selbstständig tätig und kümmert sich sehr viel um die Kinder, ich sehe sie regelmässig am Wochenende und in den Familienferien und ein bis zwei Abende pro Woche.

Polarisiert das heute noch, wenn eine Mutter unter der Woche kaum daheim ist?

Ja, ich höre einige Bemerkungen. Bei einem Fernsehinterview war kürzlich die erste Frage, ob ich nicht ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich morgens aus dem Haus gehe. Wann hat man diese Frage einem Vater gestellt? Und als ich mich in der Schweiz einmal um eine sehr illustre Stelle bewarb, wurde ich darauf reduziert, dass ich Mutter zweier Kinder im betreuungsintensiven Alter bin. Was ich für einen Leistungsausweis mitbringe und wie unser Familienmodell aussieht, interessierte niemanden. Offensichtlich war das ohnehin nicht der richtige Arbeitgeber für mich. In unserer Familie leben alle sehr gut mit dem Modell. Meine Tochter sagt jedenfalls schon jetzt, sie wolle später auch Chefin werden. Ich habe ihr vorgeschlagen, erst einmal einen richtigen Beruf zu lernen …

Vorbilder sind wichtig – das ist mit ein Grund, warum es so wenig Frauen auf den obersten Chefetagen gibt. Wie fühlt sich das an, ständig in Männergremien zu sitzen?

Als aufstrebende Nachwuchsführungskraft hat mans gut, da heisst es: «Sie ist jung, attraktiv und hat viel Potenzial.» Wenn man einmal 40 gewesen ist, muss man ganz auf die Karte Potenzial setzen. Im Ernst: Ich habe immer dezidiert meine Meinung vertreten, auch wenn ich damit alleine war. Das ist nicht eine Frage des Geschlechts, sondern der Authentizität. Es ist immer gut, wenn es in Führungsteams unterschiedliche Meinungen gibt, alles andere ist gefährlich.

Im März hat die Deutsche Telekom, zu der T-Systems gehört, eine Quotenregelung verfügt: Bis 2015 soll der Frauenanteil im mittleren und oberen Management 30 Prozent betragen, derzeit sind es 16 respektive 13 Prozent. Ist das sinnvoll, und ist es realistisch?

Es ist sicher ein mutiges Ziel, den Anteil so rasch zu verdoppeln – man muss ja nicht nur die guten Kandidatinnen ermutigen, Karriere zu machen, sondern auch genügend Neueinsteigerinnen finden. Sensibilisierung und Mentoring sind in diesem Zusammenhang wichtig. Deshalb habe ich mich – gemeinsam mit vier anderen Topmanagerinnen des Konzerns – für eine grosse Plakatkampagne einspannen lassen. Und was die Quote betrifft, so ist sie wohl ein notwendiges Übel, um etwas in Bewegung zu setzen. Das humanistische System der freiwilligen Vorgaben hat versagt, da bin ich mit dem Personalchef der Deutschen Telekom einig. Jahrzehntelang ist es nicht gelungen, das Old-Boys-Network aufzubrechen. Man kann noch so viel über die Vorteile der Vielfalt schreiben, wenn es ernst gilt, besetzt ein Manager eine freie Stelle am liebsten mit einer Person, die ihm ähnlich ist. Ich hoffe sehr, dass der hohe Frauenanteil im Management bald zum Selbstläufer wird und wir die Quoten wieder abschaffen können.

Jeannine Pilloud ist Mutter zweier schulpflichtiger Kinder und Managerin beim IT-Unternehmen T-Systems. Dort trägt sie die Verantwortung für 5700 Mitarbeitende und 1,2 Milliarden Euro Jahresumsatz. Das Mutterhaus Deutsche Telekom setzt die Zürcherin als Botschafterin ein beim Bestreben, im Management bis ins Jahr 2015 eine 30-Prozent-Frauenquote durchzusetzen.

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