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Ein Rechtsprofessor schwört der irdischen Gerechtigkeit ab

Mathias Morgenthaler am Freitag den 8. Juli 2011
Gerhard Walter

Gerhard Walter

Mit 60 Jahren quittierte Gerhard Walter als Professor für Privat- und Verfahrensrecht an der Universität Bern den Dienst. Er habe nie daran gedacht, zu dozieren und Gutachten zu schreiben, bis ihn der Schlag treffe, sagt der 62-Jährige. Langweilig wurde ihm deshalb nicht. Als Lektor des Alten Testaments und Solosänger stellte er sich neuen Herausforderungen. Nun erwägt er den Eintritt ins Kloster. PDF-Datei zum Download 

Herr Walter, die meisten Universitäts-Professoren tun sich schwer mit Aufhören. Wie haben Sie es geschafft, mit 60 Jahren die Lehrtätigkeit aufzugeben?
GERHARD WALTER:
Das war ganz einfach. Ich habe so viele Interessen, dass es jammerschade gewesen wäre, mich bis ans Lebensende mit Verfahrensrecht herumzuschlagen. Die meisten Kollegen in den Rechtswissenschaften schreiben Bücher und Gutachten, bis sie sterben. Sie kennen nichts anderes und klammern sich an ihr Fachgebiet. Ich wurde mit 30 Jahren Professor in Konstanz, der jüngste in ganz Deutschland. Nach 20 Jahren schlich sich allmählich Langeweile ein. Und am Ende musste ich mich manchmal überwinden.

Warum ist Ihnen Ihr Beruf verleidet?
Drei Faktoren spielten eine Rolle: Erstens wird die Uni immer bürokratischer. Früher stand die Lehre im Vordergrund, zuletzt hatte ich den Eindruck, das Allerwichtigste seien die Evaluationen und Kommissionen. Die Verwaltung hat so stark gewuchert, dass für die Lehre immer weniger Zeit blieb. Zweitens frustrierte mich die Tatsache, dass die Studenten immer dümmer wurden, vor allem was das Allgemeinwissen angeht. Zu meiner Zeit haben 5 Prozent studiert, heute sind es nahezu 50 Prozent – mit dem Resultat, dass heute überall heillos überforderte Leute im Hörsaal sitzen und es gleichzeitig an Metzgern, Bauern und Bauarbeitern mangelt. Statt mich auf die Hochschullehre konzentrieren zu können, musste ich teilweise nachholen, was Schule und Elternhaus versäumt hatten. Da sassen junge Menschen mit Baseball-Mützen auf dem Boden, die sich für ein Jus-Studium entschieden hatten, weil sie sonst keine Talente hatten.

Das klingt fast, als wünschten Sie sich die Zeiten zurück, als nur Kinder aus gutem Haus Zugang zu Gymnasium und Universität hatten.
So war das nicht. Mein Vater war ein kleiner Polizeibeamter, ein «Landjäger». Als zweitältestes von vier Kindern musste ich mir das Studium selber finanzieren, ich habe jede Ferienwoche gearbeitet. Durch die Berichte meines Vaters wurde ich früh mit Rechtsfragen konfrontiert. Zudem machte ich in jungen Jahren ein paar tiefgreifende Erfahrungen von Ungerechtigkeit, was mich zusätzlich motivierte. Aber auch in dieser Hinsicht wurde ich in den letzten Berufsjahren desillusioniert. Ich musste mir eingestehen, dass es keine irdische Gerechtigkeit gibt. Alles ist verhandelbar, die Gerechtigkeit eine Frage des Preises. Dopingsünder, Politiker und Manager, die schweres Unrecht begangen haben, lässt man laufen, den kleinen Kiffer straft man ab.

Hatten Sie keine Bedenken, mit 60 Jahren auf den Professorentitel und den guten Lohn zu verzichten?
Ich brauche keine Titel, Funktionen und Visitenkarten, um das Gefühl zu haben, ich sei jemand. Ich habe viel erreicht und bin viel gewesen, einmal ist es genug. Ich bin ein einfacher Mensch, der gerne in der Natur ist und neue Dinge kennenlernt. Das Schweizer Vorsorge-System ist wunderbar. Nachdem ich mit 38 Jahren nach Bern berufen worden war, konnte ich mich rückwirkend bis zum 20. Lebensjahr in die Pensionskasse einkaufen. Die 40 Beitragsjahre bis zum 60. Geburtstag ermöglichen mir ein sorgenfreies Leben. Die Freiheiten, die ich durch den frühzeitigen Abgang gewonnen habe, sind viel mehr wert als die paar tausend Franken, die ich als Professor mehr verdienen würde.

Viele ehrgeizige Berufsleute fallen in ein Loch, wenn sie plötzlich nicht mehr gefragt sind und einen leeren Terminkalender haben. Ist Ihnen das nicht passiert?
Ich habe zwei kleine Mandate behalten, die inzwischen aber ausgelaufen sind. Sonst geniesse ich es, endlich mehr Zeit in meinem Haus in Muri verbringen zu können. Meine Frau wohnt in Deutschland, also bin ich im Garten und am Herd gefordert. Und ich habe nun Zeit, all die dicken Bücher zu lesen, für die vorher neben dem Studium der Fachlektüre nie genug Zeit blieb. Zudem jogge ich rund 40 Kilometer pro Woche und gehe wenn immer möglich in die Berge. Kürzlich bin ich von der Schynigen Platte via Faulhorn nach Iseltwald gewandert, ein anderes Mal von Kandersteg über die Gemmi nach Leukerbad. Und heute habe ich schon 1,5 Stunden an meinem Mozart-Solopart geübt. Ich singe schon länger in Bayern in einem Kirchenchor. Als vor einiger Zeit ein Solist ausfiel, fragte mich der Dirigent, ob ich einspringen könne. Ich hatte fünf Tage lang weiche Knie, aber das Konzert lief dann so gut, dass ich nun erneut als Solist vorgesehen bin.

Und ein Theologie-Studium haben Sie auch noch in Angriff genommen, wie man hört.
Das war noch während meiner Zeit an der Uni. Während eines Forschungssemesters schrieb ich mich vor fünf Jahren an der theologischen Fakultät ein und lernte Altgriechisch. Nun kann ich endlich das Neue Testament in Griechisch lesen. Einen anderen Bubentraum habe ich schon vorher verwirklicht: Mit über 50 Jahren lernte ich endlich, Zugposaune zu spielen. Ein Posaunist des Berner Symphonieorchesters hat mich unterrichtet.

Setzen Sie sich heute noch Ziele?
Beruflich sicher nicht mehr, da muss ich niemandem mehr etwas beweisen. Meine Eitelkeit beschränkt sich darauf, dass ich gerne braungebrannt bin – von Wanderungen, nicht vom Solarium. Im Gegensatz zu vielen anderen Professoren definiere ich mich nicht darüber, in welchem Alter ich eine wie umfangreiche Festschrift erhalte. Ich habe sogar einer guten Kollegin mit der Aufkündigung der Freundschaft gedroht, als ich Wind davon bekam, dass sie zu meinem 60. Geburtstag etwas machen wollten. Ich schaue lieber vorwärts, als mich ehren zu lassen. Gerne würde ich am Ammersee, möglichst nahe beim Kloster Andechs, ein schönes Haus kaufen. Ich bin regelmässig als Lektor im Kloster tätig und ich könnte mir vorstellen, dereinst ins Benediktinerkloster einzutreten.

Im Ernst? Sie gelten eher als Lebemann und Genussmensch.
So sinnenfeindlich ist das Leben im Kloster nicht – ich bin ja nicht ohne Grund zum katholischen Glauben übergetreten. Als ich zum ersten Mal dort zum Mittagessen war, durfte ich aus sämtlichen Biersorten auswählen. Und wenn einem die Musik und das Bibelstudium am Herzen liegt, fehlt einem in einem Kloster wie jenem in Andechs eigentlich nichts.

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3 Kommentare zu “Ein Rechtsprofessor schwört der irdischen Gerechtigkeit ab”

  1. Daniel Schweri sagt:

    Ich kann jedenfalls bezeugen, dass Prof. Walter schon vor 13 Jahren zu Beginn der Vorlesung jeden mit Baseballkappe zusammen gestaucht hat – als ob das etwas über die Fähigkeit zum Studieren aussagen würde. Er war sich auch nicht zu schade, die Anwesenden schon während der Pause anzuherrschen, dass die Vorlesung nun anfange. Wenn heute Leute an der Uni am Boden sitzen, dann weil die Hörsäle zu klein sind, nicht weil die Studierenden zu wenig intellektuell sind um zu sitzen.
    Andererseits ist es bewundernswert, wenn jemand nicht an den Titeln klebt und sich laufend neue Herausforderungen setzt und diese meistert.

  2. Therese Grunder sagt:

    Obwohl das mit dem an Titeln kleben in der Realität etwas anders aussah, so wie ich mich erinnere…

  3. Reto Derungs sagt:

    Professor Walter habe ich nie persönlich kennengelernt, seine Schilderung des Lehrbetriebs an der Uni dürfte leider zutreffend sein. Bei allem Respekt und auch Bewunderung für seine jüngsten Entscheidungen frage ich mich dann doch, wie ein hochgebildeter, kultivierter und auf breiter Ebene interessierter Mensch sich gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen in einem Ausmass verschliessen kann, dass er sich der geistigen Enge des römischkatholischen Glaubenskorsetts freiwillig unterwirft. Es ist nur zu hoffen, dass er die Perfidie, mit welcher der Vatikan seine Schäfchen bei der Stange zu halten versucht, bald einmal durchschaut. Und Irrungen dieser Gestalt dem Reich des Spaghettimonsters zuordnet. Hilfreich wäre evtl. auch ein Abstecher ins Fachgebiet der Psychologie, da fällt es auch einem durchschnittlich Begabten bald einmal wie Schuppen von den Augen, was in diesem “Staat” (wo das Schutzalter wohlweislich bloss 12 Jahre beträgt) seit Jahrhunderten abgeht. Parallel zum Studium der Bibel empfehle ich jenen, welche sich der Schöpfungsphantasie verschrieben haben, immer auch das ebenfalls schon etwas ältere Standardwerk von Charles Darwin, Die Entstehung der Arten. 150 Jahre alt, immerhin ein Anfang.