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«Wir kauften mit dem Geld aus der Pensionskasse 20 Tonnen Quinoa»

Mathias Morgenthaler am Donnerstag den 9. Juni 2011
Patric Fuhrimann

Patric Fuhrimann

Wenn ein studierter Betriebsökonom in Bolivien auf einer Papierserviette einen Businessplan entwirft und sich dann Hals über Kopf in den Rohstoffhandel stürzt, ist das keine Firmengründung nach Lehrbuch. Doch wer fragt schon nach Sicherheiten, wenn das Abenteuer ruft? Patric Fuhrimann hat in den letzten fünf Jahren mehr gelernt als andere in einem ganzen Arbeitsleben. 

Herr Fuhrimann, Sie haben auf dem zweiten Bildungsweg Betriebsökonomie studiert. Statt danach eine gut dotierte Stelle anzutreten, packten Sie Ihre Sachen und reisten ins bolivianische Hochland. Was hatten Sie dort vor?
PATRIC FUHRIMANN: Es war ein wenig verrückt. Ich hatte viel Zeit und Energie in das berufsbegleitende Studium investiert. Vernünftig wäre gewesen, nach dem Abschluss bei einer Bank oder Versicherung anzuheuern. Meine Partnerin und ich hatten aber mehr Lust, ein Abenteuer in Bolivien in Angriff zu nehmen. Wenn man sich erst einmal an die Annehmlichkeiten gewöhnt hat, bricht man nicht mehr so leicht auf. Deshalb sagte ich mir: «Du bist jetzt 30-jährig – auf 80 Lebensjahre kannst du dir drei verrückte Jahre herausnehmen.»

Sie machten nicht einfach Ferien, sondern engagierten sich in einem Projekt in Bolivien. Was war Ihre Aufgabe?
Wir halfen den Bauern aus dem Tiefland, ihre Produkte besser zu vermarkten. Zuerst war alles sehr handgestrickt, wir klebten selbstgedruckte Bio-Etiketten auf die Reis- und Bohnen-Verpackungen. Um die Sache etwas professioneller anzupacken, suchte ich die internationale Zertifizierungsstelle in Bolivien auf. Im Warteraum sprach mich ein Bauer aus dem Hochland an. Er bat mich, ihm bei der Vermarktung des getreideähnlichen Korns Quinoa zu helfen. Ausserdem brauche er noch einen Bankkredit. Wir sprachen mit ihm bei Banken vor, erhielten aber kein Geld. Also schlug der Bauer vor: «Kauft doch meine Ware und eröffnet einen Laden in der Schweiz.»

Gesagt, getan?
Wir entwarfen auf einer Papierserviette eine Art Businessplan. Wären wir in der Schweiz gewesen, hätten wir das Risiko kaum auf uns genommen. In Bolivien ist schon die Busfahrt vom Hoch- ins Tiefland so riskant, dass niemand Sicherheit erwartet. Davon liessen wir uns wohl anstecken. Nachdem uns einige Verarbeiter aus der Schweiz vages Interesse signalisiert hatten, entschlossen wir uns, mit unserem Pensionskassengeld 20 Tonnen Quinoa zu kaufen. Meine Partnerin reiste in die Schweiz und gründete 2006 mit ihrem Bruder die Firma Swipala. Ich kümmerte mich um die Logistik vor Ort.

Wie lagert man 20 Tonnen Quinoa?

Meine Partnerin machte eine alte Käserei auf dem Land ausfindig, die in einen trockenen Lagerraum umfunktioniert werden konnte. Von Bolivien aus überredete ich meine Eltern, diesen Lagerraum für uns herzurichten. Sie dachten vermutlich, ihr Sohn habe den Verstand verloren. Nachdem sie sich vom ersten Schock erholt und den Ernst der Lage erfasst hatten, mobilisierten sie ihre Kollegen und packten mit an. Nach einer 55-tägigen Reise mit Camion, Schiff und Bahn traf unser in Challapata auf über 4000 Metern über Meer geerntetes Quinoa in der alten Käserei in Mülchi ein – und wir standen vor der Frage, wie wir diesen Schatz verpacken und unter die Leute bringen konnten. Klar war: Es mussten auffallend schöne Verpackungen sein. Eine bolivianische Malerin und ein Schweizer Verpackungsprofi halfen mit, dieses Ziel zu realisieren.

Wie entwickelte sich die Nachfrage?
Wir stellten nach der Rückkehr rasch fest, dass es sehr schwierig war, Abnehmer zu finden. Ich fand einen Teilzeitjob, die übrige Zeit nutzte ich, um Klinken zu putzen. Überall warb ich für unser Produkt, pries die hervorragenden Nährwerte, die Vielseitigkeit von Quinoa in der Zubereitung, den Fair-Trade-Aspekt. Jedes Mal, wenn ein Bio-Laden drei oder fünf Packungen bestellt hatte, brachte ich die Ware voller Stolz persönlich vorbei. Mein betriebswirtschaftliches Gewissen hätte es mir ja verbieten müssen, wegen dreier Packungen nach Sargans zu fahren, aber zu Beginn gab es keine Alternative. Dann gewannen wir dank der Zusammenarbeit mit einem engagierten Logistiker auf einen Schlag 200 Kunden. Das fühlte sich an wie der Durchbruch. Doch finanziell rechnete sich das Projekt noch nicht. Wir legten bei jeder Packung drei Franken drauf – unsere Arbeitszeit nicht eingerechnet.

Trotz ehrenamtlicher Arbeit verdienten Sie kein Geld?
Wir zahlten viel Lehrgeld. Lange Zeit standen wir am Wochenende mit unseren Eltern im Lager und füllten mit einer kleinen Schaufel Quinoa aus 20-Kilo-Säcken in 500-Gramm-Packungen um. Schliesslich fanden wir einen Betrieb, der für uns sechs Tonnen in zwei Stunden abpackte – und inzwischen wird ein Teil in Bolivien verpackt. Heute sind wir fast schon Outsourcing-Profis. Wir bieten auch Pops und Flocken sowie Müesli, Teigwaren und Schokolade auf Quinoa-Basis an und importieren seit kurzem sogar Kaffee.

Können Sie nun vom Handel leben?
Nein, es ist noch immer ein aufwändiges, aber erfüllendes Hobby. Vier Tage pro Woche bin ich als Leiter Finanzen und Logistik bei Swissaid tätig, daneben bleiben drei Tage und einige Abende für die Quinoa-Geschichte. Praktisch ist, dass wir zeitlich sechs Stunden Vorsprung auf Bolivien haben. So kann ich nach Feierabend problemlos über Skype mit Partnern in Bolivien verhandeln und das Geschäft vorantreiben. Finanziell ist es unter dem Strich ein Nullsummenspiel. Wir sind im Rohwarenhandel tätig, entsprechend ist unser Geld meistens auf dem Meer oder im Lager. Wenn wir gut verkaufen, investieren wir sofort in neue Produkte, bessere Verpackungen oder Outsourcingpartner.

Haben Sie in den fünf Jahren nie mit dem Gedanken gespielt, das aufwändige und riskante Geschäft aufzugeben?
(Lacht) Wir machen jedes Jahr in der Adventszeit eine Retraite, um grundsätzliche Fragen in Ruhe zu besprechen. Jedes Mal fassen wir am Ende den Entschluss, mit der ganzen Sache aufzuhören. Wir brauchen das doch nicht, Produzenten, die uns übers Ohr hauen, all die Probleme mit den Frachtpapieren, Konkurrenten, die uns aushorchen, meine Eltern, die mir signalisieren, sie würden lieber das Projekt Pensionierung umsetzen statt noch eine Lageristenkarriere zu lancieren – und überhaupt könnten wir gemeinsam so viele schöne Dinge machen in der Freizeit. Und dann packt uns das Fieber doch jedes Mal wieder. Wir sehen unsere Produkte, die alle eine lebhafte Geschichte erzählen, in den Läden, blicken auf fünf enorm intensive Jahre zurück, denken an die Bauern in Bolivien, die dank dem Quinoa-Anbau ein regelmässiges Einkommen haben. Und dann ist klar, dass das Abenteuer weitergehen muss… Etwas Eigenes zu realisieren und Entscheidungen zu fällen, ohne einen Chef fragen zu müssen, ist ein unbezahlbarer Luxus.

Kontakt und Information:
patric.fuhrimann@swipala.com
www.swipala.com

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4 Kommentare zu “«Wir kauften mit dem Geld aus der Pensionskasse 20 Tonnen Quinoa»”

  1. Garcia-Bürki Martha sagt:

    Herzlichen Glückwunsch für Ihr Engagement. Es braucht Enthusiasmus und natürlich auch Ressourcen, um das umzusetzen, was Sie auf die Beine gestellt haben. Es ist aber trotzdem nicht richtig, dass all die Barrièren, welche auch durch Korruption aufgestellt werden, einem Fair-Trade im Weges stehen. Ich selber lebe seit 30 Jahren in Ecuador und Ihre Geschichte bestätigt leider, dass es sehr schwer ist, wirklich hilfreich sein zu können. Die Länder Südamerikas müssen in ihren Köpfen noch vieles egoistisches Verhalten (Behörden, Zwischenhändler,Profitgier usw) ausmerzen, bevor eine wirkliche positive Wende einsetzen kann und es den eigenen Leuten, auch auf unterer Basis, besser gehen kann. Das Problem liegt im eigenen Land. Die Unterentwicklung steckt in den Köpfen. Das haben Sie sicherlich auch erleben müssen.
    Trotzdem, Quinua ist ein exellentes Produkt, welches ist mit Vorliebe esse. Halten Sie durch, Sie haben bereits ein Sparkonto im Himmel!

  2. Pierre Müller sagt:

    Meine Hochachtung. Ich bewundere Leute, die ein Wagnis eingehen und sich nicht (nur) vom Profitgedanken leiten lassen. Auch ich bin Betriebsökonom, hätte jedoch diesen Mut nicht. Manchmal sind Bauch- besser als Vernunftsentscheide. Hut ab.

  3. Marcel sagt:

    Lebe in Uruguay und bin durch meine argentinische Freundin auch auf Quiona gekommen. Wir kochen ab und zu damit und es schmeckt sehr gut. Ich hoffe Sie halten durch und das Sie eines Tages auch vom Quinoa Import leben können. Ich glaube, Sie sind ihrer Zeit voraus und irgendwann werden sich die Bemühungen auszahlen, denn die Nahrungsfrage wird immer wichtiger und Quinoa ist ein excellentes Produkt. Good Luck!

  4. Katharina sagt:

    Lieber Herr Fuhrimann

    Wenige Beiträge haben mich in der letzten Zeit so beeindruckt, wie der Ihre (in unserer kleinen Regionalzeitung in der Schweiz). Die Dinge, die wir im Leben auf die Beine stellen – sie alle beginnen in unserem Kopf. Stets brauchts es einen klugen Kopf, um Neues zu wagen und sich auf das Spiel des Lebens wirklich einzulassen. Das kann nicht jeder.

    Hoffnung ist nicht der Glaube, dass etwas gut geht sondern, dass etwas Sinn macht – egal wie es ausgeht. Ihre Arbeit macht Sinn und wenn ich Ihr Bild betrachte kann ich sehen, dass sie auch zufrieden macht. Kluge Köpfe haben begriffen, dass es im Leben nicht darauf ankommt, wieviel Geld man mit was macht sondern, dass es einzig darauf ankommt, etwas sinnvolles zu leisten.

    Höre ich auf meinen Bauch – und das tue ich zunehmend – spüre ich, dass der Erfolg für Sie kommen wird.

    Mein Mann und ich sind beide in der Schweiz im Gesundheitswesen selbständig. Wir kämpfen gegen die Bürokratie – die vieles an unserer Arbeit so sinnlos macht, da unsere Patienten kein Stück dieses Kuchens abbekommen. Im Gegenteil – sie müssen für etwas doppelt und dreifach bezahlen, das wir nur noch als Verhältnisblödsinn bezeichnen können. Wir kämpfen gegen Windmühlen. Sicher, wir haben einen anständigen Lohn. Das Wichtigste aber sind die Gespräche mit unseren Patienten, die uns anvertraut sind. Sie sind unsere eigentliche Nahrung und halten uns bei der Stange.

    Ihr letzter Satz trifft es auf den Kopf: Etwas Eigenes zu realisieren und Entscheidungen zu fällen, ohne den Chef fragen zu müssen, ist ein unbezahlbarer Luxus.

    Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Ihr Tun bald den Lohn bringen wird, den Sie verdienen.

    K.J.