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«Im Kampf gegen Alzheimer ist kein Einsatz hoch genug»

Mathias Morgenthaler am Donnerstag den 12. Mai 2011
Andrea Pfeifer

Andrea Pfeifer

Wenn sich Andrea Pfeifer etwas in den Kopf gesetzt hat, erreicht sie es meistens. Mit 17 Jahren hatte sie das Abitur in der Tasche, später wurde sie Forschungschefin von Nestlé. Seit acht Jahren arbeitet sie als Chefin der Lausanner Firma AC Immune daran, ein wirksames Medikament gegen Alzheimer auf den Markt zu bringen. Die Chancen stehen gut. PDF-Datei zum Download 

Frau Pfeifer, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie erfuhren, dass Gunther Sachs sich aus Verzweiflung über die Alzheimerkrankheit erschossen hat?
ANDREA PFEIFER:
Es war ein Schock für mich. Ich dachte sofort: «Warum konnte ich nicht mit ihm sprechen?» Aus der Ferne klingt es so, als hätte er selber die Diagnose gestellt und sich dann aus Angst das Leben genommen. Ich hätte ihn gerne ermutigt, eine professionelle Diagnose machen zu lassen und dann vielleicht an einem der klinischen Versuche teilzunehmen. In einigen Jahren werden erste Medikamente auf dem Markt sein, die den Krankheitsverlauf verzögern oder gar stoppen – da kann man doch nicht einfach aufgeben. Ich habe Respekt vor der mutigen Entscheidung, die Herr Sachs getroffen hat, aber nachvollziehen kann ich das nicht. Man muss doch kämpfen und alles versuchen.

Sie selber haben im Alter von 17 Jahren erfahren, dass Ihr Vater an Krebs erkrankt ist. Was ging da in Ihnen vor?
Ich hatte gerade das Abitur gemacht und wurde erstmals mit einer existenziellen Unsicherheit konfrontiert. Mein Vater war immer ein grosser Kämpfer gewesen, aber der Krebs hatte ihn so erschöpft, dass er nicht mehr die Kraft hatte, alles Menschenmögliche zu versuchen. Deshalb kämpfte ich für das Leben meines todkranken Vaters. Ich suchte die besten Ärzte in den besten Zentren der Welt – und gemeinsam gelang es uns, die Krankheit zu besiegen.

Man siegt über den Krebs oder verliert den Kampf gegen ihn? Wollen Sie sagen, das liege in der Macht jedes Einzelnen?
Nein, nicht immer. Es gibt Hunderte von Krebsarten. Bei manchen Erkrankungen ist man chancenlos. Aber oft lohnt es sich, zu kämpfen. Mein Vater gewann 15 Jahre zusätzliches Leben. Für mich war diese Erfahrung prägend. Ich hatte von da an das Gefühl: Mein Leben hat dann einen Sinn, wenn ich mithelfen kann, chronische Krankheiten zu heilen. Das ist meine Möglichkeit, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Seit acht Jahren sind Sie Chefin des Lausanner Unternehmens AC Immune, das Medikamente gegen Alzheimer entwickelt. Nebenbei haben Sie auch noch eine Professur an der Universität Lausanne inne. Wie bewältigen Sie diese Doppelbelastung?
Ich habe eine gute Erziehung genossen und ich verfüge über eine robuste Konstitution – das ist nicht nur ein Privileg, sondern eine Verpflichtung. Ich sehe täglich, wie gross die Aufgabe ist, die wir noch zu bewältigen haben. Wenn man eine Chance hat, das schreckliche Leid, das Alzheimer-Patienten und ihr Umfeld erleben, zu lindern, ist eigentlich kein Einsatz hoch genug. Aus diesem Grund bin ich meistens um 7 Uhr als Erste im Büro und gehe ich nach 20 Uhr als Letzte nach Hause. Nach dem Nachtessen studiere ich dann noch die wissenschaftliche Literatur. Dazu muss ich mich nicht zwingen, das ist sozusagen mein Privatvergnügen. Wenn man sich in einem so kompetitiven Markt bewegt, muss man jeden Deal und jede neue Studie kennen, sonst büsst man sofort Terrain ein.

Haben Sie keine Angst, sich zu übernehmen und eines Tages tot zusammenzubrechen, weil Sie die Entspannung vernachlässigen?
Nein, davor habe ich keine Angst. Ich muss mich nicht zur Arbeit zwingen, das ist ein elementares Bedürfnis für mich, eine Herausforderung, die ich liebe. Ich kenne keinen erfolgreichen Chef, der bloss von 9 bis 17 Uhr arbeitet. Wenn ich mal abschalten will, koche ich gerne, gehe schwimmen, spiele mit meiner Katze oder spiele Karten mit meiner 92-jährigen Mutter. Sie spielt ziemlich stark, und ich kann mich furchtbar ärgern, wenn sie gewinnt.

Zumindest beruflich feiern Sie seit Jahren nur Erfolge. Diese Woche wurde bekannt, dass Sie vom US-Pharmaunternehmen Genentech eine zweite Meilensteinzahlung erhalten haben, weil der Antikörper, den AC Immune entwickelt hat, erstmals in der klinischen Phase II an einem Patienten getestet wurde. Wie lange wird es noch dauern, bis er auf den Markt kommt?
Noch mehrere Jahre. In Phase 1 hat sich gezeigt, dass das von uns entwickelte und an Genentech auslizenzierte Antikörper-Molekül sicherer ist und höhere Dosierungen erlaubt als andere Produkte der Konkurrenz. Wenn die Sicherheit so hoch bleibt und sich ausreichende Effizienz zeigt, könnte dies das beste Produkt auf dem Markt werden – das darf ich in aller Bescheidenheit so sagen. Und dann gibt es ja noch die beiden hauseigenen Produkte. Es ist verrückt, was in den letzten Jahren acht hier passiert ist. Wenn wir diesen Speed beibehalten können und trotzdem die Flexibilität, Qualität und den unternehmerischen Geist nicht verlieren, dann kann AC Immune etwas Grosses erreichen. Schon heute ist Alzheimer weltweit die Krankheit Nummer 3. Jeder Zehnte 65-Jährige erkrankt daran, unter den 85-Jährigen ist es jeder Zweite.

Problematisch ist, dass die klinische Diagnose oft erst im fortgeschrittenen Krankheitsstadium erfolgt. Wäre es aus Ihrer Sicht sinnvoll, dass sich ältere Menschen präventiv untersuchen lassen?
Ja, unbedingt, in Frankreich geschieht das gerade. Da werden Zehntausende ältere Menschen, die keine Auffälligkeit zeigen, untersucht. So können Risikogruppen identifiziert und früh Massnahmen getroffen werden. Unser eigenes Medikament, das in einem frühen Stadium verabreicht werden kann, steht derzeit in Phase II der klinischen Entwicklung. Es könnte in vier bis fünf Jahren Marktreife erlangen. Dann wäre es möglich, die Krankheit Alzheimer zu stoppen, bevor sie richtig ausbricht – sofern sich Institutionen finden, die solche nationale Programme wie in Frankreich lancieren. Aus psychologischer Sicht könnte es sogar einfacher sein, ältere Menschen ohne Symptome zur präventiven Untersuchung zu motivieren. Wenn sich erste Symptome zeigen, wehren sich viele Betroffene gegen eine Untersuchung.

Was für die Betroffenen eine Katastrophe ist, bedeutet für Sie ein immenses Marktpotenzial.
Sie dürfen mir glauben, dass Profitstreben nicht mein wichtigster Antreiber ist. Wir haben mit Genentech eine Lizenzvereinbarung über 300 Millionen Dollar unterzeichnet und von privaten Investoren 64 Millionen Franken eingenommen – an Geld mangelt es uns nicht. Aber wer erlebt hat, wie grausam es ist, wenn ein Mensch, der einem sehr nahe war, plötzlich wegbricht und nicht mehr erreichbar ist, der versteht, welch wichtige Aufgabe es ist, Alzheimer früh zu erkennen und Medikamente zu entwickeln, welche die Krankheit stoppen oder eventuell sogar rückgängig machen können. Ich und mein 50-köpfiges Team sind entschlossen, den Kampf gegen Alzheimer mit dem grösstmöglichen Einsatz zu führen.
Kontakt und Information:
eva.schier@acimmune.com

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13 Kommentare zu “«Im Kampf gegen Alzheimer ist kein Einsatz hoch genug»”

  1. marg.weinman sagt:

    Wie sieht es mit der Sprize gegen Alzheimer aus, ein Prof.sagte mir vergessen Sie es.? Vielleicht kann die Fam Sachs eine Stiftung zur Erforschung von Alzheimer gründen, damit die Patienten und ihre Angehörigen nicht alleine gelassen werden.Vielleicht verdienen Schweizer Pharmafirmen noch mehr, um Geld für Forschung bereitstellen zu können, in der BRD gehen wohl schon die Lichter aus.

  2. Benedikt Jorns sagt:

    Bravo Frau Pfeifer; ich bewundere Sie! Möge Ihre Motivation und Ihr Wille uns allen ein gutes Beispiel sein. Meine Tante und Gotte litt an Alzheimer. Mein Einsatz für sie brachte damals noch nichts als meinen Eltern eine grosse Belastung in ihrem Haushalt. Heute ist mein Vater selbst stark von Alzheimer gezeichnet. Obschon meine Schwester und ich ihn wöchentlich im Pflegeheim besuchen, kennt er uns nicht mehr. Natürlich habe ich Angst, eine starke Veranlagung für diese schreckliche Krankheit geerbt zu haben. Die Abschiedsworte von Gunter Sachs haben mich sehr beeindruckt. Ich habe nicht nur Respekt sondern auch Verständnis für seine Tat. Doch ich selbst würde seine Entscheidung länger hinauszögern und vorher wie Sie Frau Pfeifer gegen die Krankheit kämpfen.

  3. marianne sagt:

    Was soll man machen, wenn man beim Partner Alzheimer vermutet, der sich aber weigert, irgendwelche Tests zu machen? Bin sehr verzweifelt.

  4. Michael Niederdorfer sagt:

    Ich habe Studien gelesen und auch kenne ich im Umfeld Experten darin welche fest davon überzeugt sind, das der zunehmende Alzheimer auch vom Mobilfunk-Konbsum her kommt. Es ist eigentlich logisch der Kontakt zum Gerät muss ja hergestellt werden sonst kann man nicht telefonieren. Auf das nötige minimum beschränken und stattdessen auf den Festnetzanschluss ausweichen soweit wie es möglich ist. Ich bin aber kein Experte darin.

  5. Michael Niederdorfer sagt:

    An marianne das klingt schrecklich. An Ihrer Stelle würde ich mich einer Beratungsstelle anvertrauen. Es gibt sehr viele Angebote, holen Sie am Besten aussenstehende Unterstützung durch Fachpersonen beispielsweise einem Psychologen. Es gibt auch für Betroffene Selbsthilfegruppen, Menschen welche sich gegenseitig Mut zusprechen.

  6. Michael Niederdorfer sagt:

    An marianne es ist sehr Wichtig auch für Sie und für Ihre Gesundheit das Sie sich nicht sagen ja vielleicht irgendwann mal. Sie machen sich und Ihrem Mann dadurch keinen gefallen. Falls Sie das Gefühl haben als “verräterin” dazustehen, Nein. Sie sind verzweifelt und wollen nur das Beste für Ihren Partner. Es ist sehr wichtig das Sie nicht alleine mit der Situation dastehen sonst geht es Ihnen immer schlechter und es ist niemandem geholfen auch nicht ihrem Partner. Glauben Sie mir. Es braucht viel Mut und überwindung dazu zu stehen mit der jetzigen Situation alleine nicht mehr zurecht zu kommen. Ich gebe Ihnen einfach den dringenden Ratschlag nicht alleine mit dem ganzen zu bleiben sondern sich einer Beratungsstelle oder einem Psychologen anzuvertrauen, auch ein Sozialarbeiter kann bereits helfen. Diese stehen unter dem Schweigegeheimnis. In jeder grösseren Stadt gibt es Angebote. Ich wünsche Ihnen sehr viel Kraft und viel Mut.

  7. Benedikt Jorns sagt:

    Hallo marianne, ich begreife Ihren Mann. Zur Zeit taugt die medizinische Hilfe bei Alzheimer aus meiner Sicht leider praktisch nichts. Die im Handel erhältlichen Medikamente zur zeitlichen Verlangsamung der Krankheit sind vermutlich wirkungslos. Auch das von Kliniken angebotene Gedächtnistraining zeigt zu wenig Wirkung. Lebensfreude, Sport im Rahmen seiner Möglichkeiten, die Pflege von Hobbys und vor allem das Ausüben von bekannten geistigen Aktivitäten wie Musizieren, Tanzen, Karten spielen bringen mehr als ein psychisch belastender Alzheimer-Test.

    Dies ändert sich sofort, sobald medizinische Hilfe und Medikamente Erfolg versprechend eingesetzt werden können. Und übrigens: Falls ich das falsch sehe und die Hilfe heute doch mehr bringt, als ich annehme, dann würde mich eine Antwort auf meinen Beitrag sehr freuen!

  8. heidi reiff sagt:

    Ich hatte mal eine Phase, da wollte ich irgendwie meine sog. soz. Ader ausleben, hab mich dann engagiert als Hilfsschwester in Alterszentren, hab dann oft auch die Stelle gewechselt, die Organisation “Graue Panther” war für mich eine gute Erfahrung, die alten Menschen mussten nicht schon Punkt 07.00 auf der Matte stehen und ihre x Medis und Globulis schlucken, viele alte Menschen sind inkontinent im Alter, war oft dabei beim Kathederstecken so als Hilfsassistentin, alte Menschen sind oft auch pflegeleicht, die Frage ist jetzt Katheter stecken, künstliche Darmausgänge etc. So weiche Pampers sind auch eine Lösung, die Erfahrung mit alten Menschen war einfach eine von Vielen, eine Bereicherung in meinem Leben. Ich hoffe einfach, dass ich mal nicht in einem Alterszentrum darben muss mit regelmässigen Esszeiten 00.70 h Tagwache – 12.00 Mittagessen- 18.00 Abendessen, Alfred Rasser hat das noch gut rübergebracht, si chömme am achti , Drill pfui Teufel brrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr.

  9. Ruedi sagt:

    Tüchtig… tüchtig… werte Frau Pfeifer, denken sie vor lauter “alles erreichen wollen” auch hin und wieder mal an die vielen Versuchstiere die zum angeblichen Wohle von uns “tollen” Menschen sehr oft auf grausame Art und Weise ihr Dasein bis zum erlösenden “Stoss” fristen müssen ?!

  10. Baumgartner Susy sagt:

    Hoi Marianne!
    Sie sind nicht allein !!! Ich hatte dasselbe Problem mit meinem Ehemann. Er wollte zu keiner Abklärung und wurde vorerst von seinem Hausarzt unterstützt. In einer Angehörigen-Selbsthilfegruppe (Vermittlung durch Pro Senectute) traf ich noch andere Fälle. Üben Sie Geduld. Suchen Sie nach Gesprächspartnern. Je mehr Kontakte Sie haben – auch mit dem vielleicht zur Zeit verständnislosen Hausarzt – desto eher zeigt sich plötzlich ein neuer Weg. Ich wünsche Ihnen viel Mut. Zum Fall Gunter Sachs soviel: Es gibt noch keine Medikamente. Da nützt warten nichts. “Später” ist dann, wenn der richtige Moment vorbei ist und die schlimmen Jahre noch nicht.

  11. Hermann sagt:

    An Marianne: Lesen Sie so viel Sie koennen ueber Alzheimer, informieren Sie sich. Dadurch lernen Sie, nichts persoenlich zu nehmen, wenn die schlimme Zeit beginnt. Bereiten Sie sich (vielleicht mit Hilfe eines Spezialisten) darauf vor, Ihren Partner langsam zu verlieren. Mein schrecklichstes Erlebnis in meinem Leben war, als ich meiner Frau in die Augen schaute und realisierte, dass sie mich nicht mehr kannte. Sollte Ihr Partner wirklich Alzheimers haben, stehen Ihnen viele schwierige Jahre bevor, fuer die Sie sich wappnen muessen.
    An Susy: Sie beschreiben das Problem richtig. Nur ganz am Beginn der Krankheit hat man die Chance, aus dem Leben zu scheiden, die Krankheitsentwicklung ist so, dass man sehr bald nicht mehr klar genug denken kann, um das zu tun. Frau Pfeifers Worte hoerte ich schon 2004 an UCSF. Ich denke, es wird noch viele Jahre dauern, bis ein wirksames Medikament da ist. Und wer Alzheimer erlebt, versteht Sachs. Tragisch ist, dass er keinen humaneren Weg fand.

  12. Ruedi sagt:

    An Hermann:

    Gunter Sachs hat das einzig richtige getan, wäre ich in dieser Lage dann würde ich es ebenfalls tun und zwar schon bei den geringsten Anzeichen.
    Habe bereits einen definitiv tödlichen Cocktail in meinem Schrank bereit, erschiessen würde ich mich nicht, weil ich dies eine verantwortungslose Zumutung für die Hinterbliebenen finde.

  13. Melcher sagt:

    Hallo, Pfeifer,
    ich hoffe ich erreiche sie, es geht um meinen mann 71 seit Jahren bemerke ich auch er das das erinneren nicht mehrim normbereich liegt,schon paar mal auf alzheimer untersucht, normale vergeßlichkeit, Ginko und training aber es verschlechtert sich .Erkennen von Personen die er vor einem Tag gesehen gesprochen hat, ist weg, aber ich könnte vieles schreiben, ich möchte nur Hilfe ich könnte ihn auch für eine Studie motevieren wenn die Möglichkeit besteht.Beruf.Studium .starkstromtechnik,sehr an Welt politik interessiert das behält er auch. Es wäre schon gut wenn sie diese Zeilen erreichen und sie mit uns Kontackt aufnehmren .