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«Wir sind das am schnellsten wachsende Internetunternehmen in der Schweiz»

Mathias Morgenthaler am Montag den 7. März 2011
 

Amir Suissa

Amir Suissa

Ein Jahr nach der Gründung erreicht der Internet-Gutscheinverkäufer Deindeal.ch in der Schweiz eine Million Menschen. Das Konzept ist einfach: Die Kunden können für wenig Geld zum Coiffeur, ins Restaurant oder ins Wellnesshotel, die Anbieter erhöhen mit Aktionsangeboten ihre Auslastung. Gründer und Chef Amir Suissa sagt im Interview, warum er Deindeal lanciert hat, obwohl ihm alle Experten abgeraten haben.

Herr Suissa, sind Sie ein Schnäppchenjäger?
Ich habe gerne gute Qualität zu einem guten Preis. Mit Schnäppchen assoziiere ich minderwertige Qualität. Wir bieten bei Deindeal.ch hochwertige Produkte und Dienstleistungen zu einem Kennenlernpreis an – das ist für mich kein Schnäppchen.

Im Rabattanspruch sind Sie aber rigoros: Angebote mit 10 oder 20 Prozent Rabatt interessieren Sie nicht.
Das stimmt, unser Markenversprechen lautet: 50 Prozent Rabatt oder mehr. Es gab schon Deals, bei denen der Rabatt 90 Prozent betrug.

Das ist toll für die Kunden, aber schlecht für die Unternehmen, die über Ihren Vertriebskanal verkaufen und kaum Geld bekommen für ihre Produkte.
Dieser Denkansatz ist grundsätzlich falsch. Die meisten unserer Partner betreiben profitables Marketing über unseren Kanal. Unser Geschäft begann in der Dienstleistungsbranche. Im Vordergrund stehen das Ertragsmanagement, die Preis- und Kapazitätssteuerung sowie die Neukundenakquise. Man kennt das von Fluggesellschaften wie Easy Jet, die je nach Auslastung die Preise flexibel gestalten. 100 Prozent Auslastung erreicht man nie – es ist besser, die nicht gebuchten Plätze billig zu vergeben, als sie leer zu lassen.

Ihre Partner sind aber nicht Fluggesellschaften, sondern Coiffeurgeschäfte, Restaurants, Massagepraxen und Hotels.
Auch die haben hohe Fixkosten und möchten eine möglichst gute Auslastung. Ein leerer Stuhl oder ein leeres Bett sind teuer. Wir wandeln dieses Geld in Marketinggeld um. Ein Beispiel: Ein Wirt weiss, dass pro Abend zehn Zweiertische frei bleiben. Das sind 300 Tische im Monat à durchschnittlich 120 Franken Konsumationskosten, macht 36 000 Franken Einnahmeausfall in einem Monat. Wenn er über uns 300 Gutscheine für ein Nachtessen für 2 Personen à 60 statt 120 Franken verkauft, erhöht er die Auslastung markant und hat zusätzlich einen gigantischen Marketingnutzen: Eine knappe Million Menschen in der Schweiz sehen unsere Deals, auch lokale Anbieter erreichen jede Menge neue Kundschaft, die vorher nichts von ihnen wusste.

Aber finanziell geht die Rechnung nicht auf. Der Wirt gewährt ja nicht nur 50 Prozent Rabatt, sondern deutlich mehr, weil Sie daran mitverdienen wollen. Wie hoch ist Ihr Anteil?
60 Prozent gehen an unsere Partner, 40 Prozent decken unsere Marketingkosten. Der Wirt nimmt beim oben skizzierten Deal 300-mal 36 Franken, also 10 800 Franken, ein und ist immer noch profitabel. Ohne uns wären seine Tische leer geblieben.

Und nach dem Rabattangebot werden sie wieder leer bleiben.
Nein, unsere Befragungen zeigen, dass zwei Drittel der Kunden, die vom Kennenlernangebot profitieren, danach zu regulär zahlenden Kunden werden. Es lohnt sich also in der kurz- und der mittelfristigen Betrachtung.

Färbt das nicht negativ ab aufs Image des Partners? Sie haben schon mehrfach innerhalb weniger Tage rund 500 Zweitagesarrangements für zwei Personen in Luxushotels für 400 statt 1200 Franken verkauft. Da denkt doch der Kunde: Dieses Haus muss komplett leer stehen, und es ist enorm überteuert.
Ich kenne kein Hotel, das eine Auslastung von 100 Prozent hat, 80 Prozent ist in der Regel ein sehr guter Wert. Ein Beispiel: Ein 4-Sterne-Haus mit 110 Zimmern und einer 75-Prozent-Auslastung hat im Jahr 10 000 Nächte, die es nicht verkaufen konnte. Eine Übernachtung kurzfristig zu vergeben, kostet vielleicht 30 Franken für Strom, Reinigung und Frühstück. Was spricht dagegen, dass Hoteliers über uns zu einem Drittel des regulären Preises 1000 Übernachtungen verkaufen? Es bringt ihnen Profitabilität, Liquidität und zusätzliche Kundschaft sowie Marktpräsenz.

Die Frage ist, ob die Kunden, die bei Ihnen den Deal erwerben, während der Laufzeit des Gutscheins auch ein Zimmer bekommen.
Viele Kunden buchen zuerst im Hotel und erwerben dann den Deal bei uns. Wenn es Probleme gibt, den Gutschein termingerecht einzulösen, sind wir kulant und suchen mit den Kunden nach einer guten Lösung. Wenn keine Lösung gefunden werden kann, erstatten wir den Betrag zurück.

Dem Vernehmen nach sind einige Partner nicht sehr glücklich, mit Deindeal kooperiert zu haben. Sie haben über Ihr Portal so viele Gutscheine für Massagen oder Kosmetikbehandlungen verkauft, dass sie monatelang «Rabattkunden» abarbeiten müssen und kaum noch Kapazitäten haben für voll zahlende Kundschaft.
Das wäre theoretisch möglich, wenn man die Deals nicht richtig aufbaut. Wir prüfen immer im Voraus, was die verfügbaren Kapazitäten des Partners sind, und richten die Anzahl verfügbarer Gutscheine danach aus. Wenn ein Masseur im Tag zwei Kunden mehr bedienen könnte, sind das im Monat 40 Massagen. Da macht es keinen Sinn, 500 Gutscheine zu vergeben mit einer Laufzeit von drei Monaten. Die Laufzeit beträgt in 99 Prozent der Fälle zwölf Monate.

Wirtschaftlich interessant sind für Sie die Deals ohne obere Begrenzung. Und wenn die Gutscheine nicht eingelöst werden, bleibt der ganze Betrag bei Ihnen. Kommt das oft vor?
Dazu haben wir noch keine Zahlen, weil erst zwei Deals ausgelaufen sind. In einem Fall habe ich selber einen Gutschein verfallen lassen. Natürlich sind unlimitierte Deals für uns besser, weil wir dann mehr Einnahmen auf unsere Fixkosten abwälzen können.

Sie sind seit dem 22. Lebensjahr ein passionierter Firmengründer und Unternehmer. Bei der Lancierung von Deindeal vor knapp einem Jahr haben Sie lediglich das in den Vereinigten Staaten sehr erfolgreiche Unternehmen Groupon kopiert. Wo lag hier die Herausforderung?
Ich hörte in der gleichen Woche aus den USA, Australien und Deutschland von diesem neuen Geschäftsmodell. Das war im Dezember 2009. Ich fragte mehrere Internetkenner, ob der Ansatz auch in der Schweiz funktionieren könnte. Die meisten rieten mir, das bleiben zu lassen. Ich war aber begeistert von der einfachen Idee, die voll den Zeitgeist trifft. Am 2. Februar 2010 gründeten wir das Unternehmen, am 24. März gingen wir online.

Sie sind in weniger als einem Jahr von 5 Gründern auf 50 Vollzeit-Angestellte gewachsen und müssen nun schon zum zweiten Mal neue Büroräumlichkeiten suchen. Ist Deindeal eine Goldgrube?
Im jetzigen Stadium stecken wir das Geld vollumfänglich in den weiteren Aufbau des Unternehmens. Wir sind heute klarer Marktführer und das am schnellsten wachsende Internetunternehmen in der Schweiz. Wir haben schon weit über 500 Partner, verdienen seit Oktober Geld und setzen jeden Monat mehr als eine Million um.

Kontakt und Information:
www.deindeal.ch

Die Wachstumsrekordhalter

Das Geschäftsmodell von Deindeal.ch ist einfach: Über die eigene Website, über Newsletter und Medienpartner bietet das Unternehmen Gutscheine für Produkte und Dienstleistungen von Drittanbietern mit Rabatten von 50 Prozent und mehr an. Machen genug Kunden mit, kommt der Deal zustande. Deindeal.ch kassiert als Vermarkter 40 Prozent des Betrags, der Drittanbieter 60 Prozent. Neben den nationalen gibt es viele regionale Angebote: in Zürich zum halben Preis in die Massage oder zur Maniküre, in Basel zur Fett-weg-Behandlung, in Bern zum Coiffeur, zwei Tage Porsche Boxster fahren oder im asiatischen Restaurant essen mit grossem Preisnachlass.

Als erstes Unternehmen hat Groupon («Group» und «Coupon») in den USA den Online-Gutschein-Dienst lanciert. Was mit einem Zwei-für-eins-Angebot für eine Pizzeria in Chicago begann, wurde innerhalb von neun Monaten ein Milliardengeschäft. So schnell ist zuvor kein anderes Unternehmen gewachsen. Im Dezember hat Google Insidern zufolge erfolglos versucht, Groupon für 6 Milliarden Dollar zu kaufen – angeblich plant der Suchmaschinengigant nun, einen Konkurrenzdienst zu lancieren. Groupon will im Frühling an die Börse, der Wert des Unternehmens beläuft sich nach Analysteneinschätzungen heute auf 15 Mrd. Dollar.

In der Schweiz konkurrenzieren sich im Bereich Online-Gutscheine derzeit Deindeal.ch und Groupon.ch (vormals Citydeal). Deindeal-Gründer Amir Suissa, ein 39-jähriger Israeli und Schweizer, hat bei Swissinvest.com und Xing Erfahrungen mit eCommerce-Unternehmen gesammelt. Zudem war er Mitgründer von «First Tuesday» in der Schweiz, einem Netzwerk für Unternehmer, Investoren und Dienstleistungsanbieter. (mmw)

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Ein Kommentar zu “«Wir sind das am schnellsten wachsende Internetunternehmen in der Schweiz»”

  1. Jakob sagt:

    Sein Wirtebeispiel ist falsch.
    Wenn ein Wirt 120 Franken für ein Essen einnimmt, dann geht davon ca 1/3 an Materialkosten weg, das sind etwa 40 Franken.
    Verkauft er daselbe Essen per Gutscheine für 60 Franken, der Vermittler bekommt davon noch 40%, dann bleiben dem Wirt noch 36 Franken. Im günstigsten Fall ist das gerade noch kostendeckend, aber niemals profitabel.
    Wenn ein Wirt so etwas macht, dann nur um Werbung zu machen und Neukunden zu bekommen.
    Ob die Rechnung in diesem Fall aufgeht, wage ich zu bezweifeln.