Logo

«Ich entschloss mich, in meine Gesundheit zu investieren»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 18. Mai 2019
Jacqueline Zesiger, Grenzgängerin in geografischer und mentaler Hinsicht.

Jacqueline Zesiger, Grenzgängerin in geografischer und mentaler Hinsicht.

In jungen Jahren wollte Jacqueline Zesiger unbedingt Karriere machen. Sie stieg bei einer Grossbank auf, war im Ausland für die Schweiz tätig, baute eine eigene Firma auf und verkaufte sie erfolgreich. Nun hat die 54-Jährige den Kompass neu ausgerichtet und absolviert ein Praktikum auf der Palliativ-Station eines Spitals.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Zesiger, Sie haben in der Finanzbranche Karriere gemacht und waren als Unternehmerin erfolgreich, arbeiten aktuell aber als Praktikantin in der Palliativ- Station eines Spitals. Warum fangen Sie hierarchisch nochmals ganz unten an mit 54 Jahren?

JACQUELINE ZESIGER: Ich habe mich nie davon leiten lassen, was andere erwarten, was als erfolgreich gilt, sondern habe mich stets an meinen eigenen Bedürfnissen und an meiner Lebensqualität orientiert. Ein wesentlicher Antrieb war immer meine Neugier: Neues zu lernen, hält mich jung, gibt mir Energie. Im Umgang mit sterbenskranken Menschen kann man viel übers Leben lernen. Manche sind sehr versöhnt und bereit loszulassen. Andere klammern sich ans Leben und hadern damit, was sie alles versäumt haben. Es ist für uns alle hilfreich, ab und zu unser Leben vom Ende her zu betrachten: Woran würden wir uns gerne erinnern? Was zählt am Ende? Diese Betrachtungsweise hilft uns dabei, in wichtigen Entscheidungssituationen die richtigen Prioritäten zu setzen.

Haben Sie sich schon früher mit dem Sterben auseinandergesetzt?

Ich engagierte mich schon mit 17 Jahren im Samariterverein und wurde mit 21 Jahren Exit-Mitglied, als die Organisation noch kaum bekannt war. Das hing auch damit zusammen, dass ich passionierte Fallschirmspringerin war und mich schon deshalb mit verschiedenen Risiken auseinandersetzen musste. Ansonsten hatte ich aber klare Ziele: Ich wollte Karriere machen, sprich Verantwortung und spannende Aufgaben übernehmen und auch gut verdienen. Ich stieg in jungen Jahren bei einer Schweizer Grossbank auf, arbeitete im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten und war dadurch in Frankreich, England, den USA und Argentinien tätig, erwarb schliesslich einen MBA-Titel an der HSG – eigentlich lief alles nach Plan.

Aber?

Mit der Zeit frustrierte es mich, dass man in einem Konzern stark auf einen Aufgabenbereich, eine Abteilung beschränkt war. Ich hätte mein Wissen gerne breiter eingebracht, vernetzter gewirkt. Zudem fand ich es schockierend, wie rigoros die Konzerne nach der Jahrtausendwende ihre Reorganisationen durchzogen. Man strich einfach Stellen, stellte Leute im grossen Stil auf die Strasse, unabhängig davon, was sie geleistet hatten. So entschied ich mich 2002, eine eigene Beratungsfirma aufzubauen und Unternehmen in Personalfragen zu schulen. Damals wurde der freie Personenverkehr eingeführt, entsprechend mussten sich die Firmen neues Wissen aneignen im Umgang mit internationalem Personal und Arbeitsmarktthemen.

Hat es sich ausbezahlt, etwas Eigenes aufzubauen?

Am Ende schon. Ich beschäftigte bis zu neun Angestellte und konnte das Unternehmen an eine grosse Wirtschaftsprüfungsgesellschaft verkaufen. In dem Moment gab es viele, die mir anerkennend auf die Schulter klopften. Der Anfang war allerdings sehr hart. Ich hatte keine Reserven, musste den Gürtel sehr eng schnallen und nahm sogar noch Teilzeitstellen in der Aufsichtsbehörde eines Zivilstandsamts und einer Stiftung an, um über die Runden zu kommen. Zum Glück habe ich früh Mitarbeiterinnen eingestellt, die mich entlasteten und mir in kleinen Pensen beim Aufbau halfen. Nach fast fünf Jahren harter Aufbauarbeit, lief es plötzlich rund und alles, was ich investiert hatte, kam doppelt und dreifach zurück.

Umso erstaunlicher, dass Sie die Firma nach zwölf Jahren verkauften, als es rund lief.

Wachstum und Gewinn sind für mich nicht die wichtigsten Faktoren. Mir war wichtig, das Tempo in meinem Leben zu reduzieren und wieder mehr zu mir zu kommen. Wenn man jahrelang hochtourig im Rhythmus der Kunden unterwegs ist und viel Energie in die Schulung und Führung des eigenen Personals steckt, bleibt anderes auf der Strecke. Ich wusste, dass ich das nicht nochmal 15 Jahre bei guter Gesundheit durchhalten würde, und entschloss mich, in meine Lebensqualität und Gesundheit zu investieren. Mein Traum war, ein Gästehaus zu kaufen und dort Weiterbildungen im Gesundheitsbereich anzubieten. Doch ich realisierte, dass das entweder zu teuer oder zu stressig würde, und verzichtete schliesslich auf das Gästehaus.

Wir wird man als Personal- und Finanzfachfrau ein Gesundheits-Coach?

Ich absolvierte Weiterbildungen im Gesundheitsbereich, in Ayurveda-Kopfbehandlungen in Südindien und lernte die Technik der klassischen Thai-Massagen und Schmerzbehandlung in Bangkok. Das Letzte war eine harte Schule, wir mussten unglaublich viel auswendig lernen und wurden bei kleinsten Fehlern heftig zusammengestaucht von den Ausbildnern. Aber wenn man für etwas brennt, wird viel Energie freigesetzt und man erreicht Erstaunliches. Nun biete ich Beratungen bei beruflichen Stresssituationen an, unterstütze die Entspannung durch Massagen und begleite als Coach Menschen in Übergangssituationen oder bei wichtigen Entscheidungen.

Haben Sie das Gefühl, damit ihre Berufung gefunden zu haben?

Ja, das macht alles viel Sinn. Ich habe Grenzüberschreitungen im Blut, sie ziehen sich wie ein roter Faden durch mein Leben – und zwar von meiner Geburt an. Mein Vater ist Schweizer, er lernte meine Mutter, eine Brasilianerin mit deutschen Wurzeln, in Brasilien kennen. Ich kam in Brasilien zur Welt, wuchs in der Schweiz auf, lernte fünf Sprachen und viele Kulturen kennen und verstand schon als Kind, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt. Später habe ich in unterschiedlichen Ländern gearbeitet und gerne auch als Brückenbauerin zwischen Wirtschaft und Verwaltung. Und nun begleite ich Menschen bei wichtigen Weichenstellungen, zum Beispiel nach einem Stellenverlust, im Übergang zur Pensionierung oder auch im letzten Lebensabschnitt. Oft besteht meine Aufgabe darin, meinen Kunden zu zeigen, wie viel Spielraum es gibt. Manche haben das diffuse Gefühl, sie müssten im Job durchhalten, koste es, was es wolle; dabei hätten sie alle Ressourcen, um ihr eigenes Leben zu leben und mehr von den Dingen zu tun, die ihnen wirklich am Herzen liegen.

Kontakt und Information:

www.globalworking.ch oder www.artonmassage.com

« Zur Übersicht

3 Kommentare zu “«Ich entschloss mich, in meine Gesundheit zu investieren»”

  1. Fabio Valeri sagt:

    Mutige Entscheidungen. Komplimente.
    Fabio

  2. Marc Wirth sagt:

    Eine beeindruckende “assymetrische” Karriere, Jaqueline Zesiger hatte ihr Potential und ihre empatischen und kommunikativen Cleverness bereits in jungen Jahren mit einer kaufmännischen Grundausbildung und ihrer Fremdsprachenbegabung als (Marketing)-Praktikantin im Finanzbereich mit Visionen gezeigt – notabene in einer Zeit als Quotenfrauen noch kein Thema waren.
    Sie hat es ohne dieses Prädikat geschafft, ihre Visionen zu realisieren und wie das interessante Interview von Matthias Moegenthaler zeigt, immer wieder neue in ihrem Leben anzustreben.Chapeau!

  3. Stefania sagt:

    …Ich bin einfach sprachlos. Bewundernswert was Mensch gutes tun kann.
    Beim Lesen des Interviews quillt regelrecht Frau Zesigers positive Energie über die Zeilen :)).

    Danke!

    Stefania

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

 Zeichen verfügbar:

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.