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«Ich wollte kein Zahnrädchen in der Arbeitswelt werden»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 30. März 2019
Olivier Schneller: «Dort, wo wir scheinbar nicht genügen, können wir unseren wichtigsten Beitrag leisten.» Foto: Tanja Thomsen

Olivier Schneller: «Dort, wo wir scheinbar nicht genügen, können wir unseren wichtigsten Beitrag leisten.» Foto: Tanja Thomsen

Volkswirtschaftsstudium, Doktorarbeit, Misserfolg als Unternehmer und Umzug nach Hamburg: Olivier Schnellers Einstieg ins Berufsleben verlief turbulent. Heute sieht der 38-Jährige das frühe Scheitern als Glücksfall, der ihn näher zu seiner wichtigsten Aufgabe geführt hat: durch freies Denken Grundlegendes zu verändern.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Schneller, Sie haben an der Universität Zürich Volkswirtschaft studiert und dann an der ETH promoviert. Hat Ihnen der Doktortitel viel geholfen beim Sprung in die Selbstständigkeit?

OLIVIER SCHNELLER: (Lacht) Vermutlich hätte ich den Misserfolg auch ohne Doktorwürden geschafft. Im Ernst: Wir wissen ja sehr wenig über uns, wenn wir die ersten Weichen im Berufsleben stellen müssen. Also orientiert man sich an jenen Fähigkeiten, die sich in der Schule zeigen. Ich war gut in Mathematik und entschied mich daher für ein Studium der Volkswirtschaft. Mit der anschliessenden Dissertation wollte ich primär Zeit gewinnen: Ich hatte keine Lust, einfach ein Zahnrädchen in der Arbeitswelt zu werden, also verlängerte ich das Studentenleben und versuchte, besser zu verstehen, was mich wirklich interessiert und welches meine Rolle sein könnte.

Sie lancierten schliesslich nach dem Vorbild des Betahauses in Berlin ein Coworking-Angebot in Zürich, kamen damit aber nicht über die Pilotphase hinaus. Hat der Misserfolg Sie verunsichert?

Nein, das war zu meiner eigenen Überraschung eher eine Befreiung für mich. In der Schule und an der Uni lernt man ja vor allem, möglichst viel richtig zu machen und Fehler zu vermeiden. Was man dort nicht lernt, erfuhr ich mit meinem Start-up: Spielerisch an etwas heranzugehen, Dinge auszuprobieren im Wissen darum, dass man vieles nicht im Griff hat. Ich folgte meinem Freiheitsdrang und signalisierte auch mir selber: Es ist ok, etwas zu versuchen und damit zu scheitern, es muss nicht alles gelingen, ich muss kein Musterschüler sein. Das war eine wohltuende Erfahrung.

Andererseits stand immer noch die Frage im Raum, wie Sie in der Arbeitswelt Fuss fassen können.
Stimmt. Ich war damals schon 30 und wusste: Jetzt kann ich dieser Frage nicht mehr länger ausweichen, jetzt gilt es ernst. So entschied ich mich für einen Neuanfang in Hamburg – zum einen, um Abstand von Zürich zu gewinnen, zum anderen, weil Hamburg für mich ein komplett unbeschriebenes Blatt war. Ich fand dort einen Job als Strategie- und Innovationsberater in der Otto-Gruppe, lernte, mich anzupassen und einzuordnen in eine ziemlich formalisierte Arbeitswelt. Ich schaffte es zwar, in diesem System zu funktionieren, merkte aber, dass ich weder besonders produktiv noch sehr zufrieden war. Dann kam unsere Tochter zur Welt, und das war nicht nur privat, sondern auch beruflich eine wichtige Weichenstellung für mich.

Wie hat das Ihren beruflichen Weg beeinflusst?

Dank dem Elternzeit-Modell in Deutschland konnte ich ein Jahr lang frei nehmen, ohne den Job zu verlieren. Meine Frau sagte nach einiger Zeit zu mir, ich arbeite ja mehr als vorher, seit ich nicht mehr arbeiten müsse. Es war tatsächlich so: Die Möglichkeit, nach dem Lustprinzip zu lernen und tätig zu sein, beflügelte mich so sehr, dass ich mich manchmal bewusst bremsen musste. Statt Druck spürte ich einen Sog und mein Energielevel war selbst am Abend noch hoch. So war bald klar, dass ich nicht in den Job zurückkehren, sondern fortan freiberuflich als Coach und Innovationsberater tätig sein würde. In der Schweiz, wo die Lebenskosten so hoch sind, hätte ich vielleicht nicht den Mut aufgebracht für diesen Schritt, in Hamburg konnte ich mir den Luxus leisten, frei zu sein in dem, was ich tue.

Und nun geht es im Kern Ihrer Arbeit um das freie Denken und die individuelle Freiheit, das zu tun, was wir wirklich wollen?

Ich denke, wir könnten uns erlauben, den erarbeiteten Wohlstand in Lebensqualität zu transformieren. Das reale Bruttoinlandprodukt pro Kopf hat sich in den letzten 40 Jahren verdoppelt, aber unsere Lebensqualität hat sich nicht analog verbessert. Wir arbeiten immer noch praktisch gleich viel wie vor 40 Jahren, die Unzufriedenheit und die stressbedingten Erkrankungen nehmen zu. Viele Menschen harren in Jobs aus, die wenig mit ihren Interessen, Fähigkeiten und Anliegen zu tun haben. Warum erlauben wir uns nicht, sinnvoller und erfüllter zu arbeiten? Vielleicht sitzt uns die Geschichte zu sehr in den Knochen. Wir haben in den letzten Jahrzehnten erfahren, dass sich durch harte Arbeit die Lebensqualität verbessern lässt. Jetzt, da die Grundbedürfnisse fast aller gedeckt sind, fehlt uns der Mut, den nächsten Schritt zu machen und unsere Luxusbedürfnisse zu definieren. Viele schrauben ihre Konsumbedürfnisse hoch, um in der glorifizierten Freizeit noch etwas besser zu leben. Der grössere Hebel wäre aber, jenen Bereich zu verändern, dem wir am meisten Zeit widmen: die Arbeit.

Was heisst das konkret?

Wir sollten uns als Gesellschaft und als Individuen mit der Frage auseinandersetzen, wie wir tätig sein wollen, wenn der Zwang wegfällt, 40 Stunden pro Woche zu arbeiten, um die Rechnungen bezahlen zu können. Viele wissen, wie sie nicht mehr arbeiten wollen, haben aber keine Ahnung, wie die Alternative aussehen könnte, weil ihre intrinsische Motivation so stark überlagert ist von externen Anreizen und Gewohnheiten. Deswegen ist mein wichtigstes Anliegen, in Unternehmen und bei Einzelpersonen das Denken zu befreien und die Kanäle zu öffnen für spielerische, manchmal verrückte Ansätze. Die meisten von uns haben in der Schule gelernt, durch dutzendfaches Üben auf Fragen die eine richtige Antwort zu geben; und in der Arbeitswelt haben sie sich damit profiliert, die Dinge im Griff zu haben und durch lineares Denken Prozesse zu planen und zu optimieren. Dieses Planungs- und Sicherheitsdenken stösst aber an Grenzen in der Auseinandersetzung mit der vernetzten und exponenziellen Welt, die uns eine Flut von Möglichkeiten bietet und in der sich die Dinge sehr schnell radikal verändern können.

Ihre Kunden bezahlen Sie also dafür, dass Sie Ihnen die Sicherheitsillusion rauben?

Ich unterstütze sie dabei, wieder frei, experimentell und verrückt zu denken. Früher dachte ich, ich müsste lernen, mich besser in die Unternehmensstrukturen einzupassen. Dadurch beschnitt ich mich selber in meinen Möglichkeiten, bremste meine Kreativität. Inzwischen habe ich erkannt, dass gerade mein ausgeprägter Freiheitsdrang und das unerschrockene Denken besonders wertvoll sein können für andere. Dort, wo wir uns reiben und scheinbar nicht genügen, können wir unseren wichtigsten Beitrag leisten.

Freiheit ist bei Ihnen wirklich Programm. Warum überlassen Sie es den Kunden, den richtigen Preis für Ihre Leistung festzulegen?

Das gilt nicht für Firmenkunden, sondern für Coaching-Privatkunden. Ihnen biete ich an, dass sie mir eine Woche nach der Coaching-Sitzung telefonisch eine Rückmeldung geben und bei dieser Gelegenheit auch gleich sagen, was ihnen das Coaching wert war. Zum einen ist es mir wichtig, dass nicht nur Wohlhabende, sondern alle Menschen bei Bedarf Zugang zu einem Coaching haben. Zum anderen wissen die meisten im Voraus nicht, was sie einkaufen. Bei einem neuen Smartphone kann man das abschätzen, vor dem ersten Coaching eher nicht. Warum sollte jemand im Voraus viel Geld zahlen für ein unbekanntes Ergebnis? Da fahre ich gut mit der Preisfindung im Nachhinein. Es geht mir auch darum, dass sich meine Kunden mit der Frage befassen, was ihnen ein Fortschritt in einem persönlichen Thema wert ist. Die meisten investieren problemlos Geld in eine Sache, die später wieder Geld einbringt, aber erst wenige investieren bewusst in die eigene Lebensqualität.

Kontakt und Information:
ahoi@olivierschneller.com oder www.outofyourmind.de

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