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«Bei uns wird 24 Stunden pro Tag gearbeitet»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 5. Januar 2019
Carlo Badini hat mit seiner Kamera und 500 Franken in einer Garage angefangen.

Carlo Badini hat mit seiner Kamera und 500 Franken in einer Garage angefangen.

Als Schüler interessierte sich Carlo Badini für Technologie, Film und Unternehmertum. Kurz nach der Matura gründete der Berner seine eigene Firma Cleverclip, die mit Erklärvideos komplexe Themen verständlich darstellt. Die 30 Mitarbeiter sitzen nicht nur in Bern oder Berlin, sondern auch in Costa Rica und Malaysia.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Badini, Sie haben direkt nach dem Gymnasium Ihre Firma Cleverclip gegründet und beschäftigen heute als 27-Jähriger 30 Angestellte in zwölf Ländern. Wie sind Sie zum Unternehmer geworden?

CARLO BADINI: Ich hatte schon als Schüler Freude daran, mein eigenes Geld zu verdienen. An den Wochenenden jobbte ich als Barkeeper, in den Ferien half ich meinen Eltern mit Büroarbeiten. Und bald war mir klar, dass ich Regisseur oder Unternehmer werden wollte. Ein wichtiger Antrieb war mein Interesse an Kameras und überhaupt an Technologie. Als Canon die erste Spiegelreflexkamera auf den Markt brachte, mit der man hochwertige Filme machen konnte, opferte ich dafür mein Erspartes und lernte das Filmhandwerk mithilfe von Online-Tutorials. Und so drehte ich schon als Gymnasiast erste Image-Filme für regionale Unternehmen und verdiente damit in guten Monaten ein paar Tausend Franken.

Das waren sozusagen die Lehrjahre für die spätere Gründung der Firma Cleverclip?

2011, ein Jahr vor meiner Matura, fragte mich eine Firma an, ob ich für ihr Jubiläum einen Film realisieren könnte, der allen Mitarbeitern und Kunden zeigte, wie ihre Produkte entstanden. Mir war rasch klar, dass das mit einem klassischen Videofilm nicht funktionieren würde. So fragte ich einen Kollegen aus dem Gymnasium, der gut zeichnen konnte, ob er mir helfen würde, ein kompliziertes Thema durch Skizzen verständlich zu machen. Wir nutzten ein leeres Klassenzimmer, mein Kollege zeichnete auf einem Whiteboard, ich sprach einen Erklärtext dazu und filmte das Ganze. Und als der Kunde unseren ersten verwackelten, im Sonnenlicht gefilmten Versuch extrem cool fand, wusste ich: Das könnte ein gutes Geschäft werden.

Und nach der Matura legten Sie sofort los?

Ich ging zuvor auf Reisen und verschlang jede Menge Start-up-Bücher. Im April 2013, vier Tage nach meiner Rückkehr, war die Website online und ich legte los – zuerst im Keller der Eltern, bald darauf mietete ich einen Kellerraum bei einer Firma in Bern. Nebst meiner Kamera hatte ich beim Start nur 500 Franken, von denen ich zwei Palette bei Bauhaus und Metallträger für ein Gestell kaufte, dazu ein Whiteboard. Mehr brauchte ich nicht. Manche Kollegen fanden das sehr mutig oder verrückt, für mich war es eine sehr natürliche Sache – ich hätte mir ja immer noch einen Job suchen können, wenn es nicht geklappt hätte.

Stellte sich der Erfolg bald ein?

Der Anfang war schon hart, ich arbeitete Tag und Nacht, übernachtete oft im Keller. Man muss am Anfang alles selber machen, auch jeden Fehler, der einen weiterbringt. Das ist anstrengend, aber es beflügelt dich auch, weil du vor einem ganz weissen Blatt sitzt und alles nach deiner Vorstellung entwickeln kannst. So war für mich schon nach der Reiselektüre klar, dass die Angestellten in meiner Firma von überall her arbeiten können sollten. Als wir in der Schweiz keinen Designer für animierte Illustrationen fanden, schrieben wir den Job weltweit auf Design-Websites aus und erhielten Hunderte von Bewerbungen.

Und die Vorstellungsgespräche fanden über Skype statt?

Genau, so fand ich Saimen aus der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur, der seit vier Jahren einen hervorragenden Job macht. Das funktioniert also bestens, obwohl wir uns nur sehr selten sehen. Dass wir Angestellte aus zwölf Ländern beschäftigen, zwang uns, frühzeitig alle Prozesse konsequent zu digitalisieren. Alle Besprechungen und alle wichtigen Informationen müssen online zugänglich sein. Wir haben Büros in Bern, Berlin und ab April in Zürich. Aber niemand hat einen fixen Arbeitsplatz, grundsätzlich arbeiten alle dezentral.

Welche Herausforderungen stellt das an Sie als Chef?

Ohne Vertrauen als Basis funktioniert so ein Modell nicht. Wenn ein Mitarbeiter auf einem anderen Kontinent für uns tätig ist, sehe ich nicht, wann und woran er genau arbeitet. Zunächst wollte ich die Leistung nur nach den Ergebnissen beurteilen. Dann wurde mir klar, dass dadurch ein ungesunder Wettbewerb entstehen könnte und wir besser auch die Arbeitszeit erfassen. Ich bin selber kein gutes Vorbild, ich arbeite sehr gerne und sehr viel, aber als Gründer und Besitzer darf ich das nicht zum Massstab für alle machen. Durch die internationale Zusammensetzung unseres Teams haben wir nie Feierabend. Wenn ich am Morgen den Computer hochfahre, ist in Kuala Lumpur schon Nachmittag, und wenn es hier Abend wird, ist unsere Mitarbeiterin in Costa Rica gerade vom Mittagessen zurück. Es wird also 24 Stunden pro Tag irgendwo gearbeitet in unserem Unternehmen.

Wie schützen Sie sich vor dem Ausbrennen?

Die Firma ist mein Baby, und ich habe sonst keine Kinder, deshalb ist die Arbeit auch mein wichtigstes Hobby, und ich verbringe gerne viel Zeit damit. Aber man muss schon aufpassen. Denn wir verwenden bei unserer Arbeit viele Werkzeuge, die rasch süchtig machen. Ich habe mir angewöhnt, meinen Laptop und mein Smartphone nicht mehr nach Hause zu nehmen, ich habe nicht einmal WLAN zu Hause. Und auf dem Smartphone habe ich die Facebook- und Instagram-App gelöscht. Das Suchtpotenzial ist einfach zu gross.

Sie haben die Firma ohne Fremdkapital aufgebaut und waren schon im ersten Jahr profitabel. Profitierten Sie auch vom guten Timing?

Ja, vor sechs Jahren steckte Informationsdesign noch in den Kinderschuhen. Ich erinnere mich gut daran, wie die Swisscom mit einem umfangreichen PDF-Dokument versuchte, ihren Kunden die Vorzüge von «Cloud Computing» zu vermitteln. Oder mit welchen Formulierungen die SBB ihren Angestellten die neue Strategie der Geschäftsleitung verständlich machen wollten. Das Problem ist bei solchen Dingen immer, dass die Absender der Botschaft es nicht schaffen, sich gedanklich in die Situation ihrer Zielgruppe zu versetzen. Sie gehen von ihrem Wissensstand aus und denken, alles sei völlig klar. Das ist, als würde man einem Fünftklässler die Gravitationskraft gleich erklären wie einem Physikstudenten im fünften Semester. Wir vermeiden das, indem wir uns als Laien ins Thema eindenken und eine erste visuelle Umsetzung direkt mit der Zielgruppe testen. Da erkennt man leicht, was dort wie ankommt.

Kontakt und Information:

www.cleverclip.ch oder carlo.badini@cleverclip.ch

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