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«Viele Ältere haben total Lust auf Veränderung»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 25. August 2018
Bernadette Höller, Gerontologin und Geschäftsführerin der Neustarter-Stiftung.

Bernadette Höller, Gerontologin und Geschäftsführerin der Neustarter-Stiftung.

Die Frage, wie gutes Altern geht, beschäftigt Bernadette Höller seit jungen Jahren. Als Geschäftsführerin der Neustarter-Stiftung unterstützt sie Menschen ab der Lebensmitte beim Wiedererwecken ihrer Kreativität und begleitet Arbeitgeber beim «Umparken im Kopf». «Neustarten ist keine Frage des Alters», ist die 36-Jährige überzeugt.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Höller, warum haben Sie sich als junge Frau für ein Gerontologie-Studium entschieden?

BERNADETTE HÖLLER: Nach dem Abitur entdeckte ich Yoga und absolvierte eine Ausbildung zur Yogalehrerin. Dort hiess es, dass es darauf ankäme, das ständige Bewerten und die Bedürfnisse im Alterungsprozess immer mehr zurückzufahren, bis man sozusagen unmerklich ins Nirwana hinübergleitet. In der Folge begann ich zu recherchieren, was unser Kulturkreis für ein Wissen über gutes Altern bereithält, und stolperte über die Gerontologie. Interessiert hätte mich vieles, auch Kunst, Literatur, Architektur oder Soziologie, aber ich wollte nichts studieren, womit ich später jahrelang von Praktikum zu Praktikum hätte eilen müssen. Bei der Gerontologie dachte ich: Diese Fachrichtung hat Zukunft. Wobei es schon auch oft zu Erklärungsbedarf führt, weil die meisten erst mal an Altersheime oder direkt an ihre eigene Beerdigung denken.

Nach Studienabschluss waren Sie nur kurz in einer grossen Seniorenresidenz-Gruppe tätig.

Ich habe dort total viel gelernt, zum Beispiel Vertrieb – das kann man immer brauchen. Und ich habe in der Zeit Gespräche mit annähernd 1000 über 60-Jährigen geführt und habe ein sehr gutes Gefühl für diese Generationen bekommen. Aber mir war diese alte Arbeitswelt zu konservativ, zu hierarchisch, zu lahm. Ich war nicht besonders technologieaffin, aber irgendwie realisierte ich doch, wie radikal sich durch das Internet und durch Smartphones die Märkte und Benutzerbedürfnisse veränderten. So lancierte ich zwei Start-ups, zum einen «Hallospace», eine App, in der die Nutzer ein Ereignis wie einen Sonnenuntergang oder ein Konzert von Strassenmusikern mit Geo-Tags teilen konnten, sodass man leicht sehen konnte, was gerade im realen Umkreis alles stattfand.

Welches war das zweite Projekt?

2014 gingen wir mit dem Portal «werpflegtwie» online – das erste Bewertungsportal für Pflege. Mir schien das absurd, dass man jedes Restaurant und jedes Produkt online bewerten konnte, aber die viel sensiblere pflegerische Leistung nicht. Knapp drei Jahre lang habe ich ohne grössere Pausen durchgearbeitet, um das zum Erfolg zu bringen. Was einigermassen geklappt hat, das Portal wird heute von meiner Nachfolgerin weitergeführt. Es ist sehr interessant, was man alles lernt, wenn man die Freiheit hat, einfach zu machen – inklusive der Verantwortung, dass es was wird.

Und dann fanden Sie in der Schweiz die Neustarter-Stiftung.

Genau, das hat perfekt gepasst. Hier dreht sich alles um die Frage, wie Menschen ab der Lebensmitte die kommenden Berufsjahre kreativ gestalten wollen und können. Da kann ich mein Gerontologie-Wissen ebenso einbringen wie die Start-up-Mentalität. Wir porträtieren inspirierende Menschen, die noch einmal einen Neustart gewagt haben, organisieren einen Stammtisch und Workshops, zur Standortbestimmung und zur Vermittlung von Methoden und Tools für die Arbeitswelt 4.0. Und wir beraten Unternehmen in der Frage, wie sie das Potenzial älterer Kolleginnen und Kollegen besser fördern und nutzen können.

Die Wissenschaft streicht immer wieder heraus, dass ältere Arbeitnehmer nicht weniger leistungsfähig sind, sondern schlicht andere Stärken haben als junge Berufsleute. In der Praxis schicken dennoch viele Firmen erfahrene Leute in die Frühpension oder entlassen sie nach fünfzig. Können Sie daran etwas ändern?

Es braucht auf allen Seiten ein Umdenken. Bei den erfahreneren Berufstätigen, die sich teilweise schwertun damit, dass sich Berufsbilder verändern und Unternehmen sich neu organisieren. Uns Jüngeren ist eh klar, dass wir selbst die Verantwortung tragen für unseren Werdegang, dass wir immer wieder dazulernen und sich alles die ganze Zeit verändert. Die Babyboomer-Generation ist aber eben oft noch mit ganz anderen Erwartungen ins Berufsleben gestartet. Da gilt es, die Kreativität und Veränderungsbereitschaft, die in jedem Menschen angelegt ist, wieder zu erwecken. Viele Ältere haben total Lust auf Veränderung und auf Neues, wenn die Arbeitsqualität und das Umfeld passen. Auf der anderen Seite begleiten wir Arbeitgeber beim Umparken im Kopf. Das Ziel ist dabei häufig, ein wirklich generationenfreundliches Talentmanagement zu etablieren und eine Unternehmenskultur zu schaffen, in der Mitarbeitende in jedem Alter Wertschätzung spüren, statt sich irgendwann wie knapp geduldete Auslaufmodelle zu fühlen. Dabei geht es viel um Haltung, aber auch um die harte Frage: Welche Kompetenzen brauchen wir in Zukunft?

Solche Ansätze gibt es seit Jahrzehnten, aber im Alltag ändert sich wenig.

Der Druck wird grösser, weil Unternehmen in den kommenden Jahren durch Pensionierungswellen sehr viel Know-how verlieren und Mühe haben, junge Nachwuchskräfte zu finden, die nicht nach ein paar Jahren weiterziehen. Deshalb macht es auch aus wirtschaftlicher Perspektive Sinn, die Haltung gegenüber erfahrenen Angestellten zu überdenken und die Wertschätzung zu erhöhen – das rechnet sich unter dem Strich und hat übrigens auch Auswirkungen auf die Attraktivität gegenüber anderen Altersgruppen. Unser Vorteil ist, dass wir als junge Stiftung keinen konservativen, nur beratenden Ansatz verfolgen, sondern die moderne, digitale, agile Arbeitswelt verkörpern und ganz praktische Formate entwickelt haben, um Ältere in den Arbeitswelten der Zukunft zu stärken.

Auch nach der Pensionierung ist es nicht zu spät, noch einmal etwas Neues anzupacken.

Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Viele Menschen haben nach der regulären oder frühzeitigen Pensionierung noch super viele fitte Jahre vor sich und zudem einen Haufen guter Ideen ausser Rosenschneiden – das zeigt sich an unserem Neustarter-Stammtisch. Die Lebenswege sind da allerdings sehr unterschiedlich, jeder kann und soll für sich herausfinden, was für ihn stimmig ist, unabhängig von gesellschaftlichen Normen. Manche ziehen sich lieber zurück und sind dankbar, vieles nicht mehr tun zu müssen, andere packen zahlreiche Projekte an, für die sie vorher nie Zeit hatten. Neustarten ist deshalb keine Frage des Alters. Künftig wird sich die Trennung in ein «Leben vor der Pensionierung» und ein «Leben nach der Pensionierung» übrigens ohnehin immer mehr auflösen.

Sie selber sind zwar noch jung, haben aber eine Gemeinsamkeit mit manchen Senioren: Sie besitzen kein Smartphone. Warum nicht?

Ich war eine der Letzten in meiner Altersklasse, die eins angeschafft hat, entwickelte dann zwei Apps und verzichte jetzt wieder darauf. An Weihnachten 2017 fiel mir meins runter und ging kaputt. Erst wollte ich naturgemäss sofort wieder eines anschaffen. Dann merkte ich, wie schön das ist, nicht alle paar Minuten auf einen Bildschirm zu starren, sondern ohne innere Unruhe in Gesprächen oder längeren Gedankengängen zu verweilen. Schliesslich habe ich mir für 50 Franken ein simples Nokia gekauft, das so wenig kann wie die ersten Handys und entsprechend wenig Suchtpotenzial hat. Ausser Snake. Ich bilde mir ein, in einigen Jahren einen Wettbewerbsvorteil zu haben gegenüber den Smartphone-Benutzern, weil mein Gehirn viel weniger Rechenleistung für unnütze Dinge wie ständiges Mail-Checken oder News-Scrollen verbraucht hat. Das Einzige, was mich stört ist, dass ich Helsana nicht beweisen kann, dass ich laufen gehe, und die Züri-Bikes lassen sich auch nicht ohne Phone verwenden. Ich hoffe, dass man nicht irgendwann gezwungen ist, bestimmte Geräte zu haben, weil man sonst zum Beispiel gar keine Krankenversicherung mehr abschliessen kann.

Kontakt und Information: www.neustarter.com oder bh@neustarter.com

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