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«Danach also habe ich ein Leben lang gesucht»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 28. Juli 2018
Gabriela Ackermann hat alle Sicherheiten aufgegeben, um dem Geheimnis der Stimme auf den Grund zu gehen.

Gabriela Ackermann hat alle Sicherheiten aufgegeben, um dem Geheimnis der Stimme auf den Grund zu gehen.

Lehrerin, medizinische Praxisassistentin, Wirtin, Opernsängerin: Gabriela Ackermann hat vieles ausprobiert auf der Suche nach ihrer Berufung. Dann lenkte eine zufällige Begegnung ihr Leben in neue Bahnen. Ackermann verabschiedete sich von der Bühne, lernte das Singen neu und erforschte das Geheimnis der Stimme.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Ackermann, Sie sind als Sängerin, Therapeutin und Coach tätig und vermieten Ihr Bali-Haus mit idyllischer Gartenanlage an Hochzeitsgesellschaften oder Firmenkunden. Wie fanden Sie zu diesem besonderen Berufsmix?

GABRIELA ACKERMANN: Sie meinen, ob ich auch etwas Ordentliches gelernt habe? (Lacht) Ja, durchaus. Ich war ein vielseitig begabtes Kind, empfand das aber mehr als Last denn als Privileg. Ich beneidete alle, die in der fünften Klasse schon wussten, dass sie später Arzt oder Hebamme oder Physiker werden wollten. Die Frage, wozu ich auf der Welt bin, beschäftigte mich schon sehr früh – aber ich stand all den Optionen lange Zeit recht orientierungslos gegenüber. Ich bewunderte Menschen, die etwas mit voller Hingabe machten, hatte aber kein Gefühl für meine Berufung. Es hilft ja nicht viel, sich bei der Suche nach der eigenen Berufung an den Talenten zu orientieren. Oft liegt unsere Berufung dort verborgen, wo wir sie nicht vermuten, wo wir sie uns nicht wünschen würden – deswegen wehren wir uns dagegen, laufen erst einmal davon, stärken unser Ego. Wenn wir offen bleiben, dann holt uns die Berufung eines Tages ein.

Wie sind Sie davongelaufen?

Ich habe wie erwähnt ordentliche Berufe gelernt, den der Primarlehrerin und den der medizinischen Praxisassistentin. Zwischenzeitlich war ich sogar Präsidentin des Solothurnischen Lehrerverbands. Und ich führte nebenbei noch ein Restaurant von Freitag bis Sonntag. Entscheidend war aber, dass ich eines Tages eine Gesangsstunde nahm, obwohl ich mir nichts davon erhoffte – schliesslich war mein Bruder das musikalische Wunderkind gewesen, ich hatte jeweils die Begleitstimmen übernommen zu Hause. Nach der Probestunde entschied ich mich dann doch, Gesang zu studieren, und hängte nach dem Studienabschluss noch die Ausbildung zur Opernsängerin in Wien an. Das war brutaler Hochleistungssport, wir weinten dort täglich, so hart und unerbittlich waren die Dozenten. Danach machte ich als Sängerin in Österreich und Deutschland Karriere.

Hatten Sie damit eine Antwort gefunden auf die Frage, was aus Ihnen werden sollte?

Nein, ich hatte ein Metier erlernt und war in meiner Sparte erfolgreich, aber ehrlich gesagt war es ein einziger Albtraum, all die Dirigenten und ihre Launen zu ertragen. Man muss im Klassikbetrieb in sehr engen Strukturen funktionieren, es ist eine hierarchische Welt voller Eitelkeit und Narzissmus. Es hätte eine sehr dicke Haut gebraucht, um sich dort zu behaupten, und ich wollte mich genau in die entgegengesetzte Richtung entwickeln. Das begriff ich allerdings erst nach einem folgenschweren Zufall.

Was ist passiert?

Mein damaliger Mann, ein Arzt mit Spezialgebiet Innere Medizin, hörte im Autoradio, dass die deutsche Sängerin Brigitte Fassbaender in Bern einen Meisterkurs geben würde. Zu Hause angekommen, erzählte er mir davon und bot all seine Überzeugungskraft auf, damit ich dort hinginge. Ich sträubte mich zuerst und gab dann nach, weil er so sehr insistierte. Im Kurs lief zunächst alles in geordneten Bahnen ab, doch dann sang eine Mezzosopranistin «Die Nachtigall» von Alban Berg, und ich war komplett elektrisiert vom Klang ihrer Stimme. Ich fragte sie, wo sie studiert habe, worauf sie meinte, sie gebe mir die Adresse, aber ich solle nicht erschrecken, wenn ich ihre Lehrerin im Odenwald bei Darmstadt besuche.

Was hat Sie dort erwartet?

Ich ging mit der in Wien erlernten Spitzensportler-Haltung dorthin und traf eine ältere Frau, die schon optisch ein kompletter Gegenentwurf zu einer Operndiva war: wirres Haar, in sich versunken auf ihrem Stuhl, komplett uneitel. Nach einer Weile begann sie zu singen, und mir liefen augenblicklich die Tränen übers Gesicht, so sehr erschütterte mich dieser Klang. Ich begriff: Danach also habe ich ein Leben lang gesucht, dafür bin ich auf der Welt. Als sie zu singen aufhörte, fragte ich, was ich machen müsse, um diesen Weg zu gehen. Sie antwortete mir: «Hören Sie auf zu singen, und akzeptieren Sie, dass sie vielleicht nie wieder eine Arie singen werden.» Von dem Tag an habe ich 15 Jahre lang nur noch einen einzigen Klang gesungen, mehrere Stunden pro Tag. Und habe so nach und nach meine eigene Stimme kennen gelernt und darüber hinaus immer besser verstanden, was für ein wunderbares Organ die Stimme ist. Sie erlaubt uns, zu begreifen, wer wir sind, berührt zu sein von uns selbst, und andere zu berühren. Sie verschafft uns wieder Zugang zu unserem Körper, verbindet uns mit unserem Instinkt und kann uns dabei helfen, das autonome Nervensystem zu regulieren, das unseren Herzschlag, unseren Blutdruck, unsere Verdauung und vieles mehr steuert.

Das mag alles zutreffen, aber wie haben Sie damals darauf reagiert, dass diese Frau Ihnen quasi ein Berufsverbot auferlegt hat?

Sie hat mir nicht das Singen verboten, sie hat mir nur gesagt, welchen Preis ich zahlen muss, wenn ich diesen Weg gehen will. Für mich war das keine Frage. Ich spürte, dass diese Frau mir Zugang verschaffen konnte zur therapeutischen und spirituellen Dimension der Stimme. Dass ich meinen Beruf aufgeben musste, um meine Berufung zu entdecken, war für mich kein Hindernis. Und noch bevor ich mir hätte Gedanken machen können, wie ich meine Rechnungen künftig bezahlen sollte, erhielt ich gleich mehrere Anfragen von Kunden, die mit mir arbeiten wollten. Es war, als hätte ich in ein Wespennest gestochen, als hätten da draussen Menschen darauf gewartet, dass ich einen Schritt in diese Richtung machte.

Das klingt, als ginge alles ganz leicht, wenn man erst einmal das Richtige gefunden hat.

Nein, es ist alles andere als leicht – ich weiss schon, warum ich mich lange dagegen gesträubt habe. Finanziell habe ich alles auf eine Karte gesetzt, alle Sicherheiten aufgegeben. Es gab mehrmals Momente, in denen ich nicht wusste, wie es weitergehen sollte. Doch jedes Mal, wenn ich ganz unten war, erhielt ich Unterstützung, öffnete sich eine Tür. So lernte ich, auf die innere Stimmigkeit zu vertrauen und nicht zu viel Energie aufzuwenden für Planung und Absicherung. Ich brauche keine Sicherheit, mir kommt es auf Liebe, Lebendigkeit und Entwicklung an.

Teil 2 des Interviews erscheint in einer Woche an dieser Stelle.

Kontakt und Information: www.gabrielaackermann.ch oder info@dogmafree.ch

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2 Kommentare zu “«Danach also habe ich ein Leben lang gesucht»”

  1. Rosmarie Rüdisühli sagt:

    Der ehemalige Mann von Frau Ackermann wird es wohl danach bereut haben, dass er sie zu diesem Meisterkurs geschickt hat, wenn er nachher eine Ehefrau hatte die bis zu 15 Stunden am Tag immer denselben Ton gesungen hat. Mit sowas kann man vermutlich jede Ehe killen.

  2. Gabriela Ackermann sagt:

    Was für ein herziger Kommentar. Machen Sie sich keine Sorgen, liebe Frau Rüdisüli 😉 Meinem Ex Mann geht es bestens und wir inspirieren uns bis heute. Es hat unser beider Leben stimulierend und ganz einmalig für unser Glück beeinflusst. Ganz herzliche Grüsse, Gabriela Ackermann

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