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«Ich versuche, den Jagd-Instinkt der Frauen zu wecken»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 31. März 2018
Marie-Louise Swain, Sozialarbeiterin und Laufbahncoach für Frauen.

Anne-Louise Swain, Sozialarbeiterin und Laufbahncoach für Frauen.

Seit über 10 Jahren begleitet Anne-Louise Swain Frauen bei der beruflichen Neuorientierung. Die 48-Jährige kennt die Höhen und Tiefen einer nicht linearen Karriere aus eigener Erfahrung. Swain, die sich vor einem Jahr selbständig gemacht hat, rät Frauen, ihre Bescheidenheit abzulegen und ihre Stärken mutiger hervorzustreichen.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Swain, vor Wochenfrist war in der «Sonntags-Zeitung» unter dem Titel «Mythos Wiedereinstieg» zu lesen, wie schwierig es für Frauen ist, nach 15 oder 20 Jahren wieder im Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Machen Sie als Laufbahnberaterin für Frauen ähnliche Erfahrungen?

ANNE-LOUISE SWAIN: Ja. Viele Personalverantwortliche orientieren sich bei der Stellenbesetzung an männlichen Berufsbiografien. Sie bevorzugen Kandidaten mit geradlinigen Lebensläufen und seriellen Festanstellungen. Immer öfter wird die Vorauswahl an eine Software delegiert, zum Gespräch eingeladen werden nur Kandidaten, die nahtlos ins Jobprofil passen. Frauen, die über längere Zeit stark in Hausarbeit, Familienarbeit und Betreuung Angehöriger eingebunden waren, haben da oft schlechte Karten. Sie bringen zwar einen bunten Blumenstrauss an Erfahrungen und Kompetenzen mit, sind es aber nicht gewohnt, ihre Stärken hervorzustreichen.

Sie bieten ein spezielles Laufbahncoaching für Frauen ab dem 49. Lebensjahr an. Arbeiten Sie da stark am Selbstmarketing?

Ich versuche, den Jagd-Instinkt zu wecken bei meinen Kundinnen. Viele von ihnen agieren zurückhaltend, warten darauf, eingeladen, ermutigt und gefördert zu werden. Oft ist ihr Selbstvertrauen angeschlagen, weil sie wenige Gelegenheiten zum Glänzen hatten und ihre persönlichen Bedürfnisse zum Teil vernachlässigt haben. Wenn sie sich für eine Stelle interessieren, wollen sie auf keinen Fall als Blenderinnen wahrgenommen werden, entsprechend betonen sie eher ihre Schwächen als ihre Stärken.

Was können Sie tun in dieser doppelt schwierigen Konstellation?

Einerseits arbeite ich mit den Kundinnen an ihren Dossiers. Da geht es oft darum, Referenzen einzuholen und Kompetenzen sichtbar zu machen. Viele dieser Kundinnen bringen kaum klassische Arbeitszeugnisse mit, haben sich aber vielfältig engagiert nicht nur als Mütter, sondern auch in Vereinen, im Elternrat der Schule, in der Politik oder Nachbarschaftshilfe, in Ehrenämtern oder indem sie ihrem Mann zum Beispiel Buchhaltungs- und Büroarbeiten abgenommen haben. Da gilt es, all diese Tätigkeiten sichtbar zu machen. Mindestens so wichtig ist, dass ich den Frauen helfe, ihre geschlechtstypische Bescheidenheit abzulegen. Ich bin noch in jedem Begleitprozess zum persönlichen Fan meiner Kundinnen geworden. Dazu gehört auch, dass ich sie ermutige, die Dinge grösser zu denken, auch mal unkonventionelle Wege zu gehen. Letztlich geht es darum, den Spiess umzudrehen: nicht mehr zu zweifeln, ob man in ein bestimmtes Stellenprofil passt, sondern sich zu fragen, welche Arbeit den persönlichen Werten und Interessen gewachsen ist.

Also keine klassischen Bewerbungen mehr verschicken?

Ich empfehle, wenn immer möglich die klassischen Auswahlverfahren zu umgehen. Je mehr sich die Frauen ihrer Stärken und Werte bewusst sind, desto eher trauen sie sich, ihr Netzwerk zu aktivieren, sich spontan zu bewerben, Schlüsselpersonen in Organisationen anzusprechen statt nur schriftlich ein Dossier einzureichen. Im Coaching fordere ich meine Kundinnen auf, in ihrem Umfeld Fremdeinschätzungen einzuholen und auf dieser Basis ihre Stärken zu präsentieren. Die Meisten kostet das grosse Überwindung.

Welche Stärken befähigen denn Sie dazu, andere Frauen auf diesem Weg zu unterstützen?

Meine innere Aktivistin ist stark ausgeprägt. Während andere die Dinge theoretisch ergründen, lange abwägen oder pragmatisch Kompromisse suchen, marschiere ich als Aktivistin an vorderster Front und will Neues ausprobieren. Je mehr Leute mir sagen, etwas sei unmöglich, desto mehr Kräfte mobilisiere ich, um das Gegenteil zu beweisen. So habe ich einiges erreicht und auch gelernt, Körbe einzustecken. Mit dieser kämpferischen Haltung kann ich manche Kundinnen inspirieren, die aus Angst vor einem Nein lieber gar nicht erst fragen.

Für eine furchtlose Aktivistin haben Sie sich erst spät – mit 47 Jahren – selbständig gemacht.

Furchtlos bin ich nicht, ich habe viele Ängste. Als ich vor gut einem Jahr nach zehn Jahren meine Festanstellung bei der öffentlichen Beratungsstelle «fraw – frau arbeit weiterbildung» kündigte und keine Anschlusslösung hatte, geriet ich in ein Gefühlschaos und spürte, dass ich mich vor der Selbstständigkeit und den damit verbundenen Einkommensschwankungen fürchtete. So nahm ich eine Teilzeitstelle an und baute nebenbei meine Selbstständigkeit auf. Es geht nicht darum, keine Angst zu haben oder nicht verletzlich zu sein, sondern darum, die wichtigen Schritte zu machen trotz der Angst. Es sind ja keine Entscheidungen für den Rest des Lebens, sondern Annäherungen an eine stimmigere Lebensform. Ich stelle mir manchmal vor, wie ich an meinem 80. Geburtstag auf mein Leben zurückblicken möchte. Entscheidend wird für mich nicht sein, keine Fehler gemacht zu haben. Aber ich möchte mir nicht eingestehen müssen, Wichtiges nicht versucht und mein eigenes Leben nicht gelebt zu haben. Wenn man genau hinschaut, erkennt man in jedem Leben einen roten Faden, den man nicht leichtfertig aus der Hand geben sollte. Deshalb frage ich meine Kundinnen auch meistens, was sie als Kind werden wollten.

Wie war das bei Ihnen? Sie lernten Pharma-Assistentin, studierten Sozialarbeit, waren als Case-Managerin, Sozialpädagogin, Schmuckverkäuferin, Hauswartin, Tagesmutter und Haus- und Familienfrau tätig…

Eigentlich wollte ich Antiquitätenhändlerin werden wie mein Vater. In der Schule setzte ich mich aber unter Druck, weil ich aus einer Akademikerfamilie stamme und mit klaren Erwartungen meiner Mutter konfrontiert war. Sie war eine sehr starke Frau. Nachdem mein Vater die Familie verlassen hatte und in seine Heimat auf der Insel Jersey zurückgekehrt war, zog sie meinen Bruder und mich alleine auf, verdiente den Lebensunterhalt und engagierte sich darüber hinaus auch politisch. Ich tat mich schwer in der Schule, konnte nicht mit Bestnoten brillieren. Ich musste mir die Dinge erarbeiten, erreichte meine Ziele durch Hartnäckigkeit und Mut und die daraus resultierenden glücklichen Zufälle. Ich habe das Leben mit allen Höhen und Tiefen kennengelernt und dabei meine Intuition geschärft. Das kommt mir heute zugute, wenn ich andere Frauen begleite, die ihren eigenen roten Faden wiederfinden und ihre Träume verwirklichen wollen.

Information und Kontakt: www.annelouiseswain.ch

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