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«Ich hatte in elf Jahren kein einziges Mal Motivationsprobleme»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 3. März 2018
Sabine Haldemann unterrichtet als Skilehrerin bis zu 100 Kinder pro Tag.

Sabine Haldemann unterrichtet als Skilehrerin bis zu 100 Kinder pro Tag.

Bei Tausenden von Kindern hat Sabine Haldemann auf der Bettmeralp die Freude am Skifahren geweckt. Weil sie die letzte Saison nach einem schweren Unfall verpasst hat, geniesst die 42-jährige Emmentalerin ihren elften Winter als Skilehrerin besonders. Im Frühling unterrichtet sie manchmal in Holland in Skihallen.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Haldemann, wie wird eine Emmentalerin Skilehrerin auf der Bettmeralp?

SABINE HALDEMANN: Da hat der Zufall ein wenig mitgeholfen. Ich bin in Eggiwil mitten in der Natur aufgewachsen, war viel mit meinen Eltern in den Bergen, besuchte den örtlichen Skiclub. Aber beruflich schlug ich zunächst einen ganz anderen Weg ein und lernte Arztgehilfin in einer notfallmedizinischen Praxis. Diese Arbeit war befriedigend, aber oft auch belastend: Verkehrsunfälle, Gleitschirm- und Skiunfälle, Bauern, die mit Maschinen verunglückt waren, oder Menschen, die mit einem Suizidversuch gescheitert waren… nach sieben Jahre in diesem Beruf brauchte ich dringend eine Auszeit.

Und wie kamen Sie in Kontakt mit der Skischule?

Ich kannte die Bettmeralp von Wanderferien mit der Familie. Als ich mit meinem Partner im Herbst dort war, kamen wir abends nach einer Wanderung mit dem damaligen Skischulleiter Alban Minnig ins Gespräch. Er war auch Besitzer des beliebten Pubs Albis Mountain Rock und fragte mich dort, ob ich nicht Lust hätte, bei ihnen als Kinderskilehrerin einzusteigen. Ich hatte extrem Lust auf eine solche Aufgabe in der Natur, war mir aber nicht sicher, ob die Anfrage ernst gemeint war. Als er mich einige Wochen später dann anrief und das Angebot erneuerte, sagte ich kurz entschlossen zu und zog vom Emmental auf die Bettmeralp. Noch im ersten Winter avancierte ich von der Hilfsskilehrerin zur Leiterin des Snowgardens, wo die Kleinsten ans Skifahren herangeführt werden.

Ihre jüngsten Schüler sind gerade mal zweieinhalbjährig – sich um die ganz Kleinen zu kümmern, ist vermutlich nicht die beliebteste Aufgabe in der Skischule.

Mit spielerischen Ansätzen weckt Sabine Haldemann bei den Kleinsten die Freude am Skifahren. Foto: Skischule Bettmeralp/rawphoto.ch

Mit spielerischen Ansätzen weckt Sabine Haldemann bei den Kleinsten die Freude am Skifahren. Foto: Skischule Bettmeralp/rawphoto.ch

Ja, das stimmt, viele meiner Kolleginnen und Kollegen beneiden mich nicht darum. Und es ist ja auch Knochenarbeit: Die Kleinsten können sich oft kaum auf den Beinen halten, ich muss sie buchstäblich wieder auf die Ski stellen, dazu kommt das Heimweh, die triefenden Nasen, ein Kind aus der Gruppe muss meistens aufs WC… aber obwohl es anstrengend und herausfordernd ist, liebe ich diese Aufgabe. Ich habe schon als Schülerin andere Kinder gehütet und mit der Zeit immer mehr Anfragen aus dem Dorf erhalten, weil mir Eltern und Kinder leicht Vertrauen schenken. Hier ist das ganz ähnlich. Ich hole die Kinder ab, indem ich jedes bei seinem Namen anspreche, mit ihnen Fantasiewelten schaffe und sie spielerisch ans Skifahren heranführe. Am besten gelingt das, wenn die Eltern sich bald verabschieden, sodass die Kinder ganz in die neue Welt eintauchen können.

Sie bestreiten aktuell ihre elfte Wintersaison auf der Bettmeralp und sind weitherum bekannt für die gute Laune, die Sie täglich verbreiten. Müssen Sie sich nie zur Arbeit zwingen?

Nein, ich hatte in diesen elf Jahren wirklich noch an keinem einzigen Morgen Motivationsprobleme – egal, ob die Sonne scheint oder ob es schneit. Ich bin in meinem Element hier mit den Kindern, Anfang Dezember ebenso wie im Frühling kurz vor Saisonende. Und schön ist, dass der Kontakt nicht abreisst, wenn die Kinder älter werden. Diese Woche kam ein 15-Jähriger auf mich zu, zwei Köpfe grösser als ich, und dankte mir für die ersten Skistunden vor elf Jahren. Pro Saison dürften es gegen 2000 Kinder sein, die ich unterrichte; an die meisten erinnere ich mich auch noch Jahre später und freue mich, wenn ich sie wieder treffe und erfahre, welche Fortschritte sie gemacht haben.

Dass Sie diesen Winter wieder unterrichten, ist alles andere als selbstverständlich nach dem Schien- und Wadenbeinbruch der vergangenen Saison.

Ja, letzte Saison war nach 5 Wochen alles vorbei. Am Sonntag, 8. Januar, blieb ich morgens in der ersten Privatstunde mit dem rechten Bein hängen und stürzte schwer. Die Ärzte und der Physiotherapeut machten mir wenig Hoffnung, aber ich kämpfte jeden einzelnen Tag im Kraftraum, um Anfang Dezember wieder parat zu sein. Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Anrufe, SMS und Post ich erhalten habe nach dem Unfall – der Briefträger wusste manchmal gar nicht mehr wohin mit all den Päckchen und Karten. Auch die Skischulleitung hat mich in dieser schwierigen Zeit sehr unterstützt. Umso schöner war für mich der diesjährige Saisonauftakt. Ich spürte so viel Dankbarkeit, so viel Herzlichkeit von Kollegen, Kindern und ihren Eltern – das ist für mich mehr wert als alles Geld dieser Welt. Körperlich ist es aber eine harte Saison. Gerade bei dieser Kälte macht mir die Metallplatte, die mit Schrauben im rechten Bein fixiert ist, zu schaffen.

Was macht eine Skilehrerin im Sommer?

Ich arbeite von Dezember bis April sieben Tage pro Woche mit bis zu 100 Kindern pro Tag – im Mai bin ich jeweils reif für Ferien. In den letzten Jahren war ich meistens in Holland mit meinem Partner, zum Surfen und Segeln. Und ein wenig auch zum Skifahren. Wir schauten uns vor fünf Jahren auf Einladung eines Feriengasts die beiden Skihallen Landgraaf und Zoetermeer an und prompt traf ich dort Kinder, die ich auf der Bettmeralp unterrichtet hatte. Da konnte ich nicht anders, als ein wenig mitzuhelfen beim Unterricht. Aber es ist ein seltsames Gefühl, in einer Halle auf Kunstschnee zu fahren, mir würde die Natur fehlen. Zwischen Juni und Oktober veranstalte ich auf der Bettmeralp ein Sommerprogramm für insgesamt rund 1000 Kinder. Da sind dann auch viele Holländer wieder hier. Wir backen Brot, machen aus Bergkräutern eine Salbe, gestalten T-Shirts und übernachten in einer Hütte in der Gletscherstube am Märjelensee.

Das klingt, als wäre Ihr Beruf perfekt auf Sie zugeschnitten.

Ja, es ist wirklich mein Traumberuf – ich bin dankbar, habe ich diese Gelegenheit zum Quereinstieg erhalten, als ich noch keinen Leistungsausweis hatte. Ich denke auch in meiner Freizeit viel über neue Ideen für die Unterrichtsgestaltung nach. Manchmal schaue ich bei Kollegen in Saas Fee oder Adelboden vorbei, um mich inspirieren zu lassen. Während der Ferien im November besuchte ich ein Kind, das bei mir im Unterricht war, in einer Behindertenwerkstatt. Die Arbeit mit solchen Kindern ist unglaublich schön. Ich durfte schon halbseitig gelähmten oder blinden Kindern das Skifahren beibringen. Manchmal haben die Eltern oder Therapeuten die Hoffnung schon aufgegeben, weil zum Beispiel das Bremsen am Übungshang einfach nicht gelingen will. In solchen Momenten erwacht der Kampfgeist in mir. Kürzlich konnte ich mit einem blinden Jungen nach endlosen Stunden am Übungshang zum ersten Mal auf die richtige Piste bei den Trainerliften. Die Eltern und Grosseltern standen am Pistenrand und weinten alle, als sie ihn fahren sahen. In solchen Momenten weiss ich: Diesen Beruf will ich noch viele weitere Jahre ausüben.

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8 Kommentare zu “«Ich hatte in elf Jahren kein einziges Mal Motivationsprobleme»”

  1. Stefan W. sagt:

    Interessantes Interview! Schon erstaunlich, wie das vor gar nicht so langer Zeit noch lief: Der Leiter der Skischule fragte sie, anscheinend ohne sie je auf den Ski gesehen zu haben, ob sie Skilehrerin werden wolle. Wäre es heute überhaupt noch möglich, ohne Masterstudium und EU-kompatibles Fähigkeitszeugnis einfach so als Skilehererin anzufangen?

  2. Werner Leuenberger sagt:

    Wir haben Sabine Haldemann als Skilehrerin unseres Grosskindes Kimi kennengelernt. Mit ihrem breiten, unverkennbaren und ungefälschtem Emmentaler Dialekt bringt sie der Bettmeralp Skischule einen unvergleichlichen Farbtupfer in die weisse Pracht. Sabine motiviert die Kids auf spielerische und fröhliche Weise; tag täglich bei jeder Witterung. Wenn sie mit ihrer unverkennbaren Stimme zur Freude über Gelungenes ein Lied anstimmt, bleiben nicht nur die Eltern und Verwandten stehen , nein da säumen sich Gäste und Besucher um den Platz und freuen sich mit. Sabine: beispielhaft, vergiss die Neider!

  3. M. und B. Rusch sagt:

    Liebe Sabine, auch unseren Kindern hast du das Skifahren beigebracht und sie im Sommer bei unzähligen Aktivitäten begleitet. So viel gute Laune, Engagement und Motivation ist für die Kids einfach beispielhaft. Und das alles in freier Natur und wunderschöner Umgebung – nicht hinter irgendeinem Bildschirm oder mit technischen Hilfsmitteln. Genau das brauchen die heutigen Jungen als Ausgleich. Wir möchten dir ganz herzlich danken!

  4. F.Vogel sagt:

    @stefan w. Ich habe die Hoffnung nicht verloren, dass es noch Leute an richtigen Positionen gibt die Ihr gegenüber spüren, dass sie/er der richtige ist. Immerhin war sie im Skiclub und kannte so das Business im Schnee. Zudem als Arztgehilfin und langjähriger Erfahrung war die Basis da. Ich sehe durchaus die ideale Kombi.. Auch ich habe die Chance, immerhin mit einem Papier aber ohne grosse Erfahrung, in meinem jetzigen Job bekommen. So bleibt die Arbeitswelt bunt und Diversität wird weiterhin geschrieben. Seien wir ehrlich, so sollte es sein.

  5. Robert und Anna Haldemann sagt:

    ” Super” so tönte es immer, wenn du die Kinder lobst.
    So wie wir dich seit Kindesbeinen kennen, bist du absolut am richtigen Platz mit deiner steten Fröhlichkeit.
    Sabine wir sind stolz auf dich.
    Dein Grossonkel

  6. Familie Dormann sagt:

    Hallo Sabine,

    der Artikel wurde auch mit Interesse in Bad Homburg gelesen 😉

    Unsere Kinder haben beide bei dir Ski fahren gelernt und sind immer noch jedes Jahr mit Eifer dabei! Sie freuen sich immer dich zu sehen. Auch den regnerischten Sommer hast du ihnen versüßt. Vielen Dank für deine tolle Arbeit!
    Bis zur nächsten Saison auf der Bettmeralp!

  7. Noëlle Pirali sagt:

    Sabine ist die wundervollste Skilehrerin, die man sich seinem Kind wünschen kann. Meine beiden kleinen Jungs lieben sie derart, dass der Kleinere sich sogar gegen den Upgrade vom Snowlygarten insPrinzenland weigerte und den Rest der Skiwoche glücklich und voll motiviert bei Sabine verbrachte!
    Sabine, wir freuen uns auf spannende 2 Gletschiwochen im Juli 2018 auf der schönsten Alp, der Bettmeralp.

  8. […] «Ich hatte in elf Jahren kein einziges Mal Motivationsprobleme» (blog.tagesanzeiger.ch): Wir waren eine Woche auf der Bettmeralp in den Skiferien. A. hat bei Sabine zweimal eine Stunde geschnuppert. Sabine hat es genauso gut gemacht wie es hier in diesem Interview den Anschein macht. Super nämlich. […]