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«Ich habe die neuen Möglichkeiten stets umarmt»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 3. Februar 2018
Christian Erni bringt Daten in eine verständlilche und verdaubare Form.

Christian Erni bringt Daten in eine verständliche und verdaubare Form.

Während 30 Jahren hat der gelernte Grafiker Christian Erni in der Werbung Akzente gesetzt. Seit drei Jahren konzentriert er sich darauf, aus der gigantischen Datenflut Informationen herauszufiltern und diese attraktiv aufzubereiten. Davon profitieren nicht nur Firmenkunden, sondern neuerdings auch Musikliebhaber. So hat Erni Hitparadensongs aus 50 Jahren als Sternenhimmel inszeniert.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Erni, hatten Sie als Kind stets ein perfekt aufgeräumtes Zimmer?

CHRISTIAN ERNI: Nein, ganz und gar nicht, da herrschte ein kreatives Chaos. Ich war ein grosser Sammler, hortete viele kleine Schätze, die meine Eltern gerne entsorgt hätten.

Heute gehört es zu Ihren Kernaufgaben, Unmengen von Daten so aufzubereiten, dass sie auch für Laien zugänglich und verständlich sind. Wie kamen Sie zu dieser Tätigkeit?

Ein gewisser Gestaltungswille hat sich schon früh abgezeichnet. In der Schule glänzte ich nicht in den Sprachen oder der Mathematik, sondern in Singen, Heuen, Sackhüpfen und Zeichnen, also jenen Fächern in der unteren Hälfte des Zeugnisses. Karten haben mich schon früh fasziniert. Ich erinnere mich, dass ich als 10-Jähriger stundenlang eine Landkarte studierte, auf der die Flugbewegungen über der Schweiz vermerkt waren. Später absolvierte ich die Grafiker-Lehre beim Designer Urs Arnold, der besonderen Wert darauf legte, Informationen visuell sauber aufzubereiten.

Als Grafiker und Werber gehörten Sie dann zu den Pionieren im Einsatz von Personal Computern.

Ja, der Mac II aus dem Hause Apple bedeutete für unsere Branche eine Revolution. Bis dahin hatten wir dem Setzer am Telefon erklärt, wie wir den Text gerne gestaltet hätten, und dann zugewartet, bis der Ausdruck aus der Reproabteilung zurückkam. Dank der Digitalisierung hatten wir Gestalter plötzlich alle Werkzeuge in der Hand – was viel Freiheit und viel Verantwortung bedeutete. Viele Berufskollegen sträubten sich anfänglich gegen solche Veränderungen, ich habe die neuen Möglichkeiten stets umarmt und gerne damit experimentiert. Solange ich denken kann, bin ich lieber in Unbekanntes eingetaucht, als das Bewährte zu reproduzieren. So dachte ich immer auch über Fragen nach, die keine unmittelbare Relevanz fürs Geschäft hatten.

Zum Beispiel?

1999 diskutierte ich mit einem Freund darüber, ob es möglich wäre, zu sehen und abzubilden, wonach Menschen gerade suchen im Internet. Es gelang uns, eine Suchmaschine anzuzapfen und so in Echtzeit abzubilden, welche Suchbegriffe gerade Hochkonjunktur hatten – ein Projekt, für das wir niemandem Rechnung stellen konnten, das uns aber jede Menge Publizität und Preise einbrachte.

Vor drei Jahren haben Sie die Werbebranche verlassen und bei der Firma D One angeheuert, die auf Datenanalyse und -aufbereitung spezialisiert ist. Sind Daten wirklich das Erdöl der Zukunft?

Ich stellte mir nach 30 Jahren in der Werbebranche einige Fragen. Vieles ist stark auf Performance ausgerichtet, darauf, ob es von Suchmaschinen gefunden wird. Die Chance, in einer jungen, interdisziplinären Firma mitzuwirken, die aus Daten Wert kreiert und Erkenntnisse in verständlicher Form aufbereitet, hat mich elektrisiert. Täglich werden Unmengen von Daten produziert, aber es braucht spezielle Fähigkeiten, um diesen Rohstoff schürfen und daraus nützliche Informationen generieren zu können.

Was heisst das konkret?

D One war beispielsweise ins Projekt Smide involviert, den stationslosen Verleih von E-Bikes. Die Mobiliar lancierte das Angebot mit einem Pilotprojekt. Wir halfen mit, aus Daten verschiedene Nutzergruppen herauszufiltern und so Antworten auf die Frage zu finden, wie das Angebot ausgestaltet werden muss, damit es gut aufgenommen wird im Markt. Wir können Unternehmen aufgrund von Datenanalysen Hinweise geben, ob eine Geschäftsidee funktioniert, oder aus bestehenden Daten mit Algorithmen Prognosen errechnen. Auch entwickeln wir Dashboards für Geschäftsleitungen, damit die Manager die wichtigsten Kennzahlen jederzeit richtig aufbereitet und schnell erfassbar vor Augen haben. Oder wir unterstützen Energieanbieter darin, dank gezielter Datenanalyse die Leistung von Windpärken zu optimieren.

Viele Ihrer Arbeiten sind vertraulich. Zum 50-Jahre-Jubiläum der Schweizer Hitparade haben Sie nun aber einen virtuellen Sternenhimmel aus 10’200 Songs geschaffen. Wie kam es zu diesem Projekt?

10'393 Songs fein säuberlich als Sterne am Himmel angeordnet.

10’393 Songs fein säuberlich als Sterne am Himmel angeordnet.

Ich stiess auf die Hitparaden- und Musikplattform Hitparade.ch, die Steffen Hung auf privater Basis seit 1995 betreibt. Ich war beeindruckt von der Datenmenge, aber auch etwas ernüchtert von der Qualität der Aufbereitung. Es war eine Ansammlung von Fakten und Links. Nach Absprache mit dem Betreiber suchten wir nach einer geeigneten Form, um diese Musiksammlung visuell aufzubereiten und so gut zugänglich zu machen. Um die trockene Faktenlage mit zusätzlichen Qualitäten anzureichern, brauchte es den kreativen Einfall, die Daten beim Streaming-Dienst Spotify zu analysieren. Deren Analysedienst vermisst Musikstücke nach 16 Vektoren. Diese Kategorisierung bildet die Grundlage für Empfehlungen in der Art von «Das könnte dir auch gefallen…». So kategorisierten wir die Hitparaden-Songs nach Rangierung, Erstveröffentlichung, Tanzbarkeit, Stimmung und anderen Kriterien. Durch diese Verknüpfungen und die Darstellung in Form eines Sternenhimmels bauten wir einen neuen, spielerischen Zugang für ein breites Publikum. Unsere Arbeit soll immer eine Einladung sein, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen. Ich sage deshalb gerne, dass mein Kerngeschäft die letzte Meile ist: Ich sorge dafür, dass die aufbereitete Information möglichst leicht zum Nutzer fliesst.

Das verlangt vertiefte IT-Kenntnisse. Wie schaffen Sie es mit bald 55 Jahren, am Puls der Zeit zu bleiben?

Einerseits durch ständiges Lernen – das hält bekanntlich jung. Andererseits arbeiten in unserem Team Mathematiker, Informatiker, Physiker, Ökonomen und Kreative eng zusammen. Meine Hauptaufgabe ist es, die richtigen Fragen zu stellen, relevante Messgrössen herauszuarbeiten und die Flut an Informationen so zu reduzieren und die Erkenntnisse so darzustellen, dass das Wesentliche sichtbar wird. Ich bin nicht an vorderster Front mit Analysen beschäftigt, sondern letztlich der Schönheit verpflichtet. Gut ist die visuelle Aufbereitung eines Sachverhalts erst, wenn man nichts mehr weglassen kann und alles versteht.

Kontakt und Information: christian.erni@d1-solutions.com

Die Hitparade neu entdecken: www.50-Jahre-Hitparade.ch/map

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Ein Kommentar zu “«Ich habe die neuen Möglichkeiten stets umarmt»”

  1. Max Blatter sagt:

    Soeben ist die SRF-“Jubiläums-Show” zur Hitparade zu Ende gegangen. Auf der SRF-Website ist die Kommentarfunktion dazu nicht aktiviert; deshalb bringe ich die Kritik hier an: Ich selbst (Jg. 1954) bin mit der Hitparade gross geworden. Ich hätte eine gewisse Hommage an die damalige Aufbruchstimmung (Hippiezeitalter) erwartet; schliesslich hatte mein Vater (damals auch bei Radio Basel) geschildert, wie der Initiant der Hitparade, Christoph Schwegler, barfuss und mit langen Haaren, bei manchen noch aneckte… Statt dessen schaffte es SRF, aus dem Rückblick eine Heimatsendung zu machen. Schade!

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