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«Beim Fotografieren wurde meine grosse Schwäche zur Stärke»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 4. November 2017
Beat Mumenthaler zeigt nicht das Sonntagsgesicht der Menschen, sondern ihr ehrlichstes Antlitz.

Beat Mumenthaler zeigt nicht das Sonntagsgesicht der Menschen, sondern ihr ehrlichstes Antlitz.

Als Lehrer litt Beat Mumenthaler unter seiner Dünnhäutigkeit. Beim Fotografieren wurde das Manko zum Markenzeichen: Sein Gespür für das Gegenüber ist die Grundlage für unverstellte Portraitaufnahmen, die in Erinnerung bleiben. Im Interview verrät er, wie es zum unkonventionellen Bundesratsfoto kam und warum internationale Preise dem Geschäft schaden können.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Mumenthaler, Fotografieren war einmal ein anspruchsvolles Handwerk – heute machen alle mit ihren Smartphones Bilder, viele liebäugeln mit dem Fotografenberuf, aber nur wenige können gut davon leben. Warum gaben Sie vor acht Jahren den Lehrerberuf auf und wurden Fotograf?

BEAT MUMENTHALER: Ich war sehr erschöpft von meiner Arbeit als Oberstufenlehrer. Der Lehrerberuf ging mir viel zu nahe – ich hatte Mühe, mich abzugrenzen und abzuschalten. Ich hatte damals schon eine Auszeit hinter mir, kehrte wieder zurück, merkte aber bald, dass es nicht mehr ging. Ich arbeitete schon länger nebenberuflich als Fotograf. Das verstärkte einerseits den Stress, aber es war für mich wichtig als Kontrapunkt, damit sich nicht alles um die Schule drehte. Als der Leidensdruck akut wurde, traf ich mich mit einem Treuhänder und rechnete mit ihm durch, ob ich mit der Fotografie über die Runden kommen könnte.

Sie machten einen Businessplan?

Nein, wir schauten den Auftragsbestand an, rechneten die Projekte dazu, die ich aus Zeitgründen ausgeschlagen hatte plus einige zusätzliche Arbeiten. Am Ende meinte der Treuhänder: «Es könnte klappen – notfalls braucht es halt noch Stellvertretungen.» So kündigte ich meine Lehrerstelle und konzentrierte mich auf die Fotografie.

Was hat sich für Sie dadurch verändert?

Ehrlich gesagt war plötzlich die ganze Romantik des Fotografierens dahin, weil ich die Aufträge nach betriebswirtschaftlichen Kriterien annehmen musste. Zuvor hatte ich mir in der Aktfotografie einen Namen gemacht und einige Preise gewonnen, nach dem Umstieg machte ich das Gleiche wie viele andere: Portraits, Hochzeiten, Familienfotografie, schwangere Frauen, Babys. Das war recht frustrierend – man braucht immer wieder die gleichen Einstellungen für Bauch- und Babyfotos, ich konnte nicht wirklich meine eigene Handschrift entwickeln. Am ehesten war das bei der Hochzeitsfotografie möglich, aber vor rund fünf Jahren drängten viele Hobbyfotografen in diesen Markt, die gerne in der Freizeit 2000 Franken dazuverdienten. So galt ich als Profi plötzlich als zu teuer – auch weil viele Kunden den Unterschied nicht sahen und nicht wussten, wie viel Aufwand ich betrieb. Ich fotografierte regelmässig 15 Stunden am Freitag, 20 Stunden am Samstag und arbeitete danach Tag und Nacht an der Bildbearbeitung. Und war bald ähnlich kaputt wie zuvor im Lehrerberuf.

Und dann trennten Sie sich von der Hochzeitsfotografie?

Ja, ich entschied mich, ganz auf Portraitfotografie zu setzen und in diesem Feld meinen persönlichen Stil zu entwickeln. Finanziell musste ich drei Jahre lang unten durch und mich sogar verschulden, aber ich bereue den Schritt nicht. In dieser Zeit merkte ich, dass das, was ich für meine grosse Schwäche gehalten hatte, bei der Portraitfotografie zur Stärke wurde: Zuvor hatte ich darunter gelitten, dass mir vieles zu nah ging, weil ich mein Sensorium für andere Menschen nicht ausschalten konnte. Bei der Portraitfotografie kommt es mir zugute, dass ich mich sehr schnell auf die verschiedensten Menschen einlassen und eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen kann – zum Bergbauern ebenso wie zur Bundesrätin. Ich spüre sofort, wie viel Nähe jemand zulässt, wie er sich entspannen und sich öffnen kann.

Das ist die Grundlage für die Mumenthaler-Portraits, diese aufs Wesentliche reduzierten Schwarz-Weiss-Nahaufnahmen?

Ja, der Schlüssel dazu liegt in der Beziehung – nur sie macht es möglich, dass die Essenz eines Menschen sichtbar wird. Technisch sind diese Fotos, die ohne Hintergrund, Farbigkeit und aufwendige Beleuchtung auskommen, leicht zu kopieren. Aber diesen Schlüsselmoment, in dem die Portraitierten aus ihrer Rolle herausfallen und sich ganz offen zeigen, den kann man nicht technisch herbeiführen. Das gelingt nur, wenn die Person vor der Kamera mir unverstellt in die Augen schaut und diesen Blick beibehält, wenn ich die Kamera dazu nehme. Das ist dann nicht die Schoggiseite und auch nicht das Sonntagsgesicht eines Menschen, sondern sein ehrlichstes Antlitz, in dem sich ein Teil seines Wesens zeigt.

Gelingt das auch bei der Arbeit mit Politikern, die am liebsten wenig Angriffsfläche bieten? Und wie kam es zu diesem viel diskutierten Bundesratsfoto 2017, das viele an ein Plattencover der Rockband Queen erinnert?

Das dieser Tage aktualisierte Bundesratsfoto mit Ignazio Cassis.

Das dieser Tage aktualisierte Bundesratsfoto mit Ignazio Cassis.

Als ich die Anfrage aus dem Umfeld von Bundespräsidentin Doris Leuthard erhielt, war mir klar, dass ich keines dieser oft gesehenen Gruppenbilder machen will, sondern Portraits, die zu einer Collage zusammengeführt werden. Ich schlug drei Varianten vor: eine sehr langweilige und eine sehr gewagte, die ich für chancenlos hielt – und schliesslich Variante 3, die ich realisieren wollte. Zu meinem grossen Erstaunen entschied sich Doris Leuthard für die pyramidenförmig angeordneten Portraits, die in der Folge so viel zu reden gaben. Ich hatte dabei übrigens nicht die Queen-Platte im Hinterkopf und auch keine der anderen Vorlagen, die in der Presse genannt wurden. Für die einzelnen Portraits plus die Silhouetten-Bilder hatte ich nur drei bis zehn Minuten pro Person. Da haben sich nicht alle Magistraten gleich weit geöffnet.

Mit anderen Portraitarbeiten gewannen Sie an internationalen Wettbewerben wichtige Preise – zuletzt Mitte Oktober den Portrait-Hauptpreis für Ihre Aufnahme einer Holocaust-Überlebenden. Können Sie sich die Aufträge inzwischen aussuchen?

(Lacht) Nein, davon bin ich weit entfernt. Ich bin nicht der erste Schweizer Künstler, der die Erfahrung macht, dass internationale Erfolge im eigenen Land nicht unbedingt hilfreich sind. Manchmal ist es sogar kontraproduktiv, weil potenzielle Kunden gar nicht erst anfragen in der Annahme, ich sei jetzt ein Star und daher unbezahlbar. Dabei hat der Solothurner Fotograf Marco Grob, der in New York wirklich zum Star geworden ist und Leute wie Leonardo di Caprio, Lady Gaga, George Clooney oder Donald Trump vor der Linse hat, vor ein paar Jahren gesagt, in der Schweiz gebe es keinen Markt für Starfotografen. Ich würde ihn gerne widerlegen, aber vermutlich hat er recht. Die Wahrheit ist, dass mich manche Kunden zum Beispiel in Zürich trotz all meiner Auszeichnungen nicht ernst nahmen, weil ich im Vergleich zu den lokalen Fotografen zu günstig offerierte. Ich will mich nicht beklagen, im letzten Jahr lief es gut, aber ein Selbstläufer ist es nicht. Ich brauche die Mischung aus Business-Portraits, Werbearbeiten, anderen Auftragsarbeiten und eigenen Portraits, damit ich über die Runden komme und mich weiterentwickeln kann.

Lange hatte man das Gefühl, Sie interessierten sich mehr für die zerfurchten Gesichter von Bergbauern als für die Prominenz.

Ich finde beides interessant. Entscheidend ist, dass ich den Menschen spüre, dass nicht die Verkleidung und Inszenierung dominiert. In der Modefotografie wäre ich verloren. Meine Welt sind die Charakterköpfe, in denen das Leben Spuren hinterlassen hat. Das können prominente Schweizer sein oder Flüchtlinge im Libanon oder Holocaust-Überlebende. Ich lerne den Menschen kennen, sitze ihm gegenüber, Auge in Auge, und versuche, einen Blick in seine Seele zu werfen.

Aktuell sind im Berner Kornhausforum Ihre Fotos von Holocaust-Überlebenden zu sehen. Ein preisgekröntes Portrait zeigt eine Frau, die ihr Gesicht mit dem Unterarm verdeckt; auf ihrem Arm ist eine Nummer eintätowiert. Wie ist dieses Bild entstanden?

Holocaust-Überlebende mit tätowierter Nummer: Ein Bild, das eine Geschichte erzählt und international ausgezeichnet wurde.

Holocaust-Überlebende mit tätowierter Nummer: Ein Bild, das eine Geschichte erzählt und international ausgezeichnet wurde.

Die Frau wollte zuerst anonym bleiben und ich überlegte mir, was ich von ihr in der definierten Portraitserie für ein Bild machen könnte. Da sah ich ihren Arm und sofort das Bild. Später, als all die anderen Portraits realisiert waren, posierte sie ebenfalls mit unverdecktem Gesicht, weil sie nicht aus dem Rahmen fallen wollte. Mir war aber klar, dass das andere Bild viel stärker wirkte. Es wirft Fragen auf, aktiviert das Kopfkino, erzählt eine ganze Geschichte. Als Betrachter versetzt man sich in ihre Lage, denkt über ihre Scham und ihre Angst nach, sieht schliesslich diese Tätowierung, die so eindrücklich symbolisiert, wie Menschen in den Konzentrationslagern ihrer Würde beraubt, auf eine Nummer reduziert wurden. Ich musste um dieses Bild kämpfen, nun ist es international zum Aushängeschild der Ausstellung und zu einem Symbol für dieses traurige Kapitel der Geschichte geworden.

Kontakt und Bildgalerie:
info@beatmumenthaler.com
www.beatmumenthaler.com

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Ein Kommentar zu “«Beim Fotografieren wurde meine grosse Schwäche zur Stärke»”

  1. Sandro Klein sagt:

    das Bundesratsfoto ist einfach rein schon vom fotografischen Handwerk sehr schlecht. Die Proportionen stimmen nicht. Doris Leuthard ist ca. 20% grösser als alle anderen. Selbst wenn dies so gewollt war, da Bundesratspräsidentin, ist dies sehr unglücklich, da es unnatürlich wirkt, da eben nich proportional. Auch Lichttechnisch ist das Bild sehr flach und die Subjekt sehen aus, als wären sie schlecht ausgeschnitten worden und einfach der Hintergrund schwarz gemacht. Und die “Mumenthaler-Portraits” sind eine sehr schlechte Kopie von Lee Jeffries. Von Marco Grob ist er meilenweit entfernt.

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