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Mit künstlicher Intelligenz gegen den Krebs

Mathias Morgenthaler am Samstag den 28. Oktober 2017
Jurgi Camblong, Molekularbiologe und Chef eines rasant wachsenden Start-ups.

Jurgi Camblong, Molekularbiologe und Chef eines rasant wachsenden Start-ups.

Können schwere Erkrankungen wie Krebs bald erfolgreich behandelt werden? Die junge Westschweizer Firma Sophia Genetics weckt mit ihren vollautomatischen Analysen von Gen-Mutationen grosse Hoffnungen. Mitgründer und Chef Jurgi Camblong wurde am Freitag von Ernst & Young zum Unternehmer des Jahres gekürt. Seine Firma wird in internationalen Rankings höher bewertet als Marken wie Tesla oder IBM.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Camblong, Sie sind Mitgründer und Chef des Start-ups Sophia Genetics, das dank künstlicher Intelligenz die Analyse und Therapie von genetisch bedingten Krankheiten revolutioniert. Sechs Jahre nach der Gründung haben Sie bereits 140 Mitarbeitende und Kunden in 55 Ländern. Macht Ihnen dieses Tempo manchmal Angst?
JURGI CAMBLONG: Ja, wenn der Wind so stark in die Segel bläst, ist das ein seltsames Gefühl, eine Mischung aus Euphorie und Ehrfurcht. Heute ist unser Erfolg messbar: Wir haben bereits 60 Millionen Dollar Kapital aufgenommen, gelten als hoffnungsvolle Firma, die bald die 1-Milliarden-Dollar-Bewertungsgrenze knacken könnte, und werden vom Massachusetts Institute of Technology auf Rang 30 der 50 smartesten Unternehmen der Welt geführt – vor grossen Marken wie Tesla, IBM oder General Electric. Die letzte Schweizer Firma, die es in diese Rangliste geschafft hat, war Nestlé. Aber haben wir, habe ich diesen Erfolg herbeigeführt? Nein, ich hatte nicht das geringste Interesse an Erfolg, sondern wollte etwas Nützliches tun, das mich beseelt und die Welt verbessert. Wenn du deiner Passion folgst, kann es sein, dass du eines Tages vom Erfolg überrascht wirst.

Jetzt stapeln Sie sehr tief. Sie haben in Genf Molekularbiologie studiert, in Oxford in den besten Zeitschriften wie «Cell», «Nature» oder «Science» publiziert. Da sehe ich wenig Zufälliges.
Wenn wir etwas genauer hinschauen, sehen wir, dass zwei Faktoren prägend waren für meinen Weg: Zufälle und wiederholtes Scheitern. Ich wuchs im Südwesten Frankreichs auf, wollte erst Pilot, später Tierarzt werden, fiel aber durch die Zulassungsprüfung fürs Tierarzt-Studium. Nach dem Studium in Bordeaux und Genf absolvierte ich Bewerbungsgespräche bei Procter & Gamble und McKinsey und bekam die Stellen nicht. Lauter Misserfolge, die rückblickend wichtig waren. In Oxford waren viele Zufälle im Spiel, die dafür sorgten, dass ich in renommierten Zeitschriften publizieren konnte. Gleichzeitig merkte ich, wie wenig planbar eine akademische Karriere war. So kam ich zurück in die Schweiz, auch meiner Frau und den beiden Kindern zuliebe. Man muss akzeptieren, dass man sein Schicksal nicht steuern, aber immer wieder die Segel richtig ausrichten kann. Oft entdeckt man das Entscheidende eher beiläufig, dort, wo man es nicht gesucht hätte – im Englischen gibt es dafür das schöne Wort «Serendipity».

Und was haben Sie entdeckt mit Sophia Genetics?
Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms war ein Meilenstein in der Forschung. Die Sequenzierung des ersten Genoms nahm 13 Jahre in Anspruch und kostete rund drei Milliarden Dollar. Sie wurde 2003 als revolutionärer Durchbruch gefeiert. Heute ist das Gleiche in einem Tag für 1000 Dollar möglich. Dass wir die molekularen Informationen heute rasch lesen können, bedeutet aber noch nicht, dass wir genetisch bedingte Erkrankungen wie Krebs heilen können. Allerdings versetzt es uns in die Lage, die individuellen Krankheitsursachen besser zu verstehen und durch eine viel genauere Analyse spezifische Therapieansätze zu entwickeln. Vor dem Durchbruch der DNA-Sequenzanalyse war es schwierig, den Grund für die Erkrankung zu verstehen, entsprechend war die Therapie stark auf die Linderung der Symptome ausgerichtet.

Und Sophia Genetics kann das ändern?
Wir haben eine Technologieplattform gebaut, die rasche und preiswerte vollautomatische Analysen von DNA-Sequenzen zur Untersuchung genetisch bedingter Erkrankungen liefert. So werden charakteristische Veränderungen rasch identifiziert, Diagnostik und Therapie werden präziser. Da heute bereits 360 Spitäler in 55 Ländern unsere Technologie nutzen und uns die Datenauswertung anvertrauen, wächst unsere Datenbank rasch und wir können dank künstlicher Intelligenz innert weniger Stunden erkennen, welche Besonderheiten das Genom-Profil eines Patienten aufweist. Bald wird es möglich sein, ein spezifisches Profil eines an Krebs erkrankten Patienten mit Tausenden ähnlichen Profilen abzugleichen und auszuwerten, welche Therapiemethode in diesen Fällen die besten Erfolge brachte.

Sie sprachen in diesem Zusammenhang schon von einer Disruption oder Demokratisierung der Medizin. Was meinten Sie damit?
Wir arbeiten zum einen mit Universitätsspitälern zusammen, welche die Kosten für die DNA-Sequenzierungsgeräte tragen können. Sie produzieren die Genom-Profile vor Ort und laden die Daten auf unsere Software-Plattform hoch. Aber auch kleinere Spitäler in Entwicklungsländern ohne finanzielle Mittel für teure Geräte können unsere Analyse nutzen, wenn sie mit Universitätsspitälern zusammenarbeiten. So leisten wir einen Beitrag zur Überwindung von Wissens- und Geldbarrieren im Gesundheitswesen. Wir sind nicht der einzige Anbieter in diesem sehr umkämpften Feld, aber unsere Analysesoftware ist genauer als die jedes anderen Anbieters – vergleichbar mit der präzisen Mechanik einer Schweizer Uhr. Und je mehr Spitäler an unsere Plattform angeschlossen sind, desto besser verstehen wir den Ursprung von Krankheiten mit genetischen Ursachen und können dank exaktem Molekularprofil spezifische Therapieformen entwickeln, statt den Patienten einen Medikamenten-Cocktail zuzumuten in der vagen Hoffnung, etwas davon werde schon helfen.

Sie rechnen also mit einem Quantensprung in der Behandlung von Krebserkrankungen?
Ja, das ist unsere Hoffnung und Überzeugung. Die Dimension könnte ähnlich sein wie bei der Entdeckung der Antibiotika, die im 2. Weltkrieg Millionen von Soldaten das Leben retteten, weil lebensbedrohliche Infektionskrankheiten plötzlich erfolgreich therapiert werden konnten.

Sie wurden am Freitagabend vom Beratungsunternehmen EY als Unternehmer des Jahres ausgezeichnet. Was würden Sie als Ihr grösstes Talent bezeichnen?
Entscheidend ist, am Puls des Markts eine starke Technologie und ein starkes Team aufzubauen. Wir arbeiten hier alle an einer enorm herausfordernden und sinnvollen Aufgabe. Weder Ruhm noch Reichtum stehen im Fokus, sondern die Chance, die Lebensqualität vieler Menschen zu verbessern. Was meine Stärken angeht, müssten Sie mein Team fragen. Vielleicht verfüge ich über eine gute Intuition und kann stabile und vertrauensvolle Beziehungen aufbauen.

Kontakt und Information: www.sophiagenetics.com

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2 Kommentare zu “Mit künstlicher Intelligenz gegen den Krebs”

  1. Ralf Schrader sagt:

    Antibiotika haben Menschen in allen Phasen des Lebens geheilt, während Krebsmedikamente lediglich Leben noch mehr verlängern, als schon der Fall. Ob wir das überhaupt wollen, darüber sollte zunächst ein gesellschaftlicher Konsens hergestellt werden. Ich befürworte das nicht.

  2. Aminah Amaan sagt:

    BismALLAH AlRahman AlRahim

    Beeindruckend, Ihre Arbeit!
    Wir wünschen Ihnen das Allerbeste bei Ihrer werttvollen Arbeit !!!

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