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«Ich träumte schon als Kind davon, Bankdirektor zu werden»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 21. Oktober 2017
Shiatsu-Therapeut Massimo Martino: «Viele wachen erst auf, wenn der Körper den Dienst versagt.»

Shiatsu-Therapeut Massimo Martino: «Viele wachen erst auf, wenn der Körper den Dienst versagt.»

Als der Finanzfachmann Massimo Martino seine Bankstelle kündigte und Shiatsu-Therapeut wurde, erklärten ihn seine Eltern für verrückt. Doch der 44-Jährige bereut den Wechsel nicht. Er fühlt sich heute reicher, obwohl er markant weniger verdient. Seine Arbeit ist nicht nur heilsam für die Kunden, sondern auch für ihn selber.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Martino, Sie haben Ökonomie studiert, betreiben aber heute Ihre eigene Gesundheitspraxis. Wie sind Sie vom Banker zum Shiatsu-Therapeuten geworden?

MASSIMO MARTINO: Ausschlaggebend war die stärkste Veränderungskraft, die ich kenne: der Schmerz. Ich war damals für eine kleine Tessiner Bank tätig und litt unter Leberschmerzen. Anfänglich dachte ich, nach einem Arztbesuch sei das Thema abgehakt, doch daraus wurde ein regelrechter Marathon: Die Termine, Untersuchungen und Medikamente häuften sich, aber es stellte sich keine Besserung ein. Da dämmerte mir allmählich: Die Sache ist nicht mit Pillen aus der Welt zu schaffen. Es geht um meine Arbeit und meinen Lebensstil, die mir nicht gut tun.

Warum sind Sie Banker geworden?

Meine Eltern sind in den Siebzigerjahren in die Schweiz eingewandert, mein Vater arbeitete als Hauswart bei der EPA. Ich durfte ans Gymnasium und an die Uni und hatte danach nur ein Ziel: Genug Geld verdienen, um eine Familie ernähren und ihr ein gutes Leben ermöglichen zu können. Deshalb träumte ich schon als Kind davon, Bankdirektor zu werden. Die Realität sah dann anders aus. Ich arbeitete als Buchhalter in der Hedgefonds-Abteilung und hatte mehr mit Zahlen und Computern als mit Menschen zu tun. Dabei war mir der herzliche persönliche Umgang mit anderen Menschen extrem wichtig. Entsprechend unfrei und eingeengt fühlte ich mich in meinem Job. So wurde mir klar: Ich brauche ein neues Leben.

Wie erfindet man sich ein neues Leben?

Indem man sich darauf besinnt, was einem wichtig ist. Und indem man einen Schritt nach dem anderen nimmt. Ausserdem hilft manchmal die Liebe. Ich lernte 2008 meine Freundin kennen, was mir den Elan gab, den Job im Tessin zu kündigen und nach Zürich zu ziehen. Allerdings arbeitete ich auch hier als Buchhalter auf einer Bank. Es brauchte eine Auszeit in Sardinien und einen dritten Bankenjob, bis ich eine Ahnung hatte, was ich wirklich machen wollte. So nahm ich 2011 eine Weiterbildung zum Shiatsu-Therapeuten in Angriff, um mich vertieft mit den Themen Energiefluss und Balance auseinanderzusetzen. In Sardinien hatte ich davon geträumt, als Therapeut andere Menschen zu unterstützen, und ich erinnerte mich, dass ich schon als Kind meine Geschwister und Eltern massiert hatte.

Ein UBS-Banker, der sich zum Shiatsu-Therapeuten weiterbildet – wie reagierte Ihr Umfeld auf die Veränderung?

Meinem Arbeitgeber gegenüber war ich transparent, es war für alle klar, dass der Job eine Übergangslösung war. Ich merkte aber auch, wie gering die Bereitschaft war, Teilzeitpensen zu akzeptieren oder Mitarbeiter zu beschäftigen, die noch anderen Tätigkeiten nachgehen. Wir hatten mit immer weniger Leuten immer mehr Projekte zu bewältigen und auf mich wirkte es so, als sehe die Bank in uns keine Ressource, sondern einen Kostenfaktor. So kündigte ich 2013 den Job bei der Bank und setzte ganz auf die Selbständigkeit mit meiner Shiatsu-Praxis. Meine Eltern taten sich anfänglich schwer mit meiner Entscheidung, sie waren stolz auf meinen Job und hielten mich für verrückt, so etwas ohne sichtbare Not aufs Spiel zu setzen – um danach in einem Jahr so viel zu verdienen wie in einem Monat bei der Bank. Es gab viele teils sehr emotionale Gespräche.

Können Sie heute von der therapeutischen Arbeit leben?

Nein, ich bin noch nicht in den schwarzen Zahlen und brauche noch Erspartes aus den Banker-Zeiten für den Lebensunterhalt. Dennoch habe ich den Schritt keinen Moment bereut. Ich bin viel freier in der Gestaltung meines Lebens, habe regelmässig Zeit für Termine mit mir selber und Aktivitäten in der Natur. Und ich erlebe, wie wirksam und heilsam meine Arbeit für meine Kunden ist, was bei der Bank nicht der Fall war. Alles läuft heute bewusster ab. Als Banker sass ich die meiste Zeit vor Bildschirmen, war auf Statussymbole fixiert und versuchte, meine Emotionen zu unterdrücken. Diese unterdrückten Emotionen bleiben im Körper gespeichert und quälen uns mit der Zeit. Ich fühle mich heute viel reicher, obwohl ich deutlich weniger Geld zur Verfügung habe: starke Muskeln und Knochen sowie die Energie, die meine Milliarden von Zellen in Bewegung bringen, sind meine tägliche Belohnung.

Welche Kundschaft behandeln Sie?

Hausfrauen, Sportler, gestresste Manager, Seniorinnen mit Bewegungseinschränkung, Paare mit Kinderwunsch – die ganze Palette. Meistens geht es darum, mit Hilfe der Schmerzen die Botschaften des Körpers wahrzunehmen und passende Antworten zu finden. Medikamente helfen meist nur auf Zeit, weil sie einseitig die Symptome bekämpfen. Viele Berufsleute brauchen Koffein und andere Stimulanzien, um sich zu pushen, und abends sedieren sie sich mit Alkohol oder Schlafmitteln. Besser wäre, zu fragen, was uns auf natürlichem Weg Energie gibt, was uns emotional nährt und wie wir uns regelmässig entspannen können. Viele haben kein Sensorium mehr für ihren Körper und ihre Emotionen, sie orientieren sich an Leistung und Anerkennung, härten sich ab und wachen erst auf, wenn der Körper den Dienst versagt. Ich erinnere mich, wie mich die Therapeutin in der Akkupunktur fragte: «Was spüren Sie jetzt?». Mir wurde in dem Moment bewusst: Diese Frage hatte ich mir zuvor mindestens 10 Jahre lang nicht mehr gestellt.

Nun machen aber auch Sie mit sportlichen Höchstleistungen auf sich Aufmerksam, etwa mit Bädern im Eiswasser oder Ende September schwimmend durch die 15 Kilometer lange Durchquerung der Meeresenge zwischen Korsika und Sardinien. Härten Sie sich dabei ab wie die Manager, die Marathon laufen?

Massimo Martino schwamm von Korsika nach Sardinien.

Massimo Martino schwamm von Korsika nach Sardinien.

Nein, mir geht es darum, meinen Körper besser kennenzulernen und in Harmonie mit der Natur intensiv zu leben. Im 4 Grad kalten Eisbad zum Beispiel spürt man seine Emotionen und seine neuralgischen Stellen im Körper viel besser als unter normalen Bedingungen. Und das Durchschwimmen der Strasse von Bonifacio war ein wunderbares Gruppenerlebnis, das im Zeichen eines rücksichtsvolleren Umgangs mit der Natur stand. Da war ich eher als Umweltaktivist im Wasser, der darauf aufmerksam machen wollte, wie wichtig es ist, alles dafür zu tun, dass auch unsere Kinder und Enkel noch in so klarem Wasser schwimmen können.

Kontakt und Information:

www.meandshiatsu.ch oder massimo@meandshiatsu.ch

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