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Vom Pfarrer zum Barkeeper

Mathias Morgenthaler am Samstag den 5. August 2017
Pfarrer Bernhard Jungen lanciert ein «mobiles Pfarramt» mit Bierausschank. Foto: Franziska Scheidegger

Pfarrer Bernhard Jungen lanciert ein «mobiles Pfarramt» mit Bierausschank.
© Franziska Scheidegger

30 Jahre auf der Kanzel waren genug: Kurz vor seinem 60. Geburtstag hat Bernhard Jungen seine Stelle aufgegeben und gegen ein Abenteuer eingetauscht. Ab Mitte August will der Pfarrer mit der «Unfassbar», einer Bar auf drei Rädern, dorthin gehen, wo das Leben stattfindet. Statt Bibelversen gibts Bier und Begegnungen.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Jungen, Sie haben 30 Jahre lang in Ittigen bei Bern als Pfarrer gewirkt und dabei meist vor gut besetzten Kirchenbänken gepredigt. Was hat Sie veranlasst, mit knapp 60 Jahren den Job zu quittieren und sich selbständig zu machen?

BERNHARD JUNGEN: Ich hätte das ein paar Jahre früher noch nicht für möglich gehalten – so eine Kirchgemeinde verlässt man doch nicht, hätte ich mir da gesagt, es läuft ja alles gut und man soll nicht davonlaufen, wenn die Leute einen mögen und brauchen. Doch dann kam das 30-Jahr-Dienstjubiläum, da waren so viele Leute, die mir dankten und mich in den Himmel lobten, dass ich mich am liebsten aus dem Staub gemacht hätte. Es wirkte auf mich wie eine Verabschiedung, sogar wie ein Nachruf. Zurück blieb der Eindruck: Hier habe ich bewegt, was ich bewegen kann. Aber ich konnte mich unmöglich im Gewohnten einrichten.

Wie haben Sie sich nach 30 Jahren im Staatsdienst mit dem Gedanken an die Selbständigkeit angefreundet?

Auch wenn ich in all diesen Jahren viel Resonanz auf meine Arbeit gespürt habe, fragte ich mich immer öfter, ob die Kirche nicht näher zu den Leuten müsste. Nichts gegen Anlässe in der Kirche – aber warum ist die Kirche bei den Festivals, in der Dorfbeiz, an Ausstellungen und an Sportveranstaltungen nicht vertreten? Ich sah, wie sehr mich die Büroarbeiten ermüdeten und wie wenig Zeit mir blieb für spontane Gespräche, was mir immer das liebste Beschäftigungsfeld gewesen war. Und so kam ich auf die Idee, eine eigene mobile Bar zu betreiben und mit ihr dorthin zu gehen, wo das Leben stattfindet – ein mobiles Pfarramt sozusagen.

Das erste Mal werden Sie Mitte August am Berner Matte-Fest mit Ihrer Bar unterwegs sein. Werden Sie dort Bibeltraktate verteilen?

Nein, ums Himmels willen, eine solche «Nimm und lies»-Haltung, wie sie gewisse christliche und andere Missionare an den Tag legen, liegt mir völlig fern. Ich will niemanden vereinnahmen. Ich bin auf dem Weg zu diesem Interview gerade von einer jungen Frau bearbeitet worden, die mich als Spender für ein Hilfswerk gewinnen wollte. Als ich, des Lobes voll für ihre Arbeit, den Spende-Vertrag doch nicht unterschrieb, setzte sie immer mehr Druck auf, bis ich mich mit einem richtig schlechten Gefühl losriss. Das darf bei uns nicht passieren. Unser Produkt sind keine Heilsversprechen oder Appelle, sondern Bier und Begegnungen. Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch einen göttlichen Funken in sich trägt, der Clochard genau so wie der Theologieprofessor. Wenn wir dem Raum und Zeit geben in der Begegnung, wird das unvermittelt aufleuchten und unser Gast ist plötzlich ein Engel.

Sie sprechen in der Mehrzahl – haben Sie schon vor dem Start einen Mitstreiter gefunden?

Viele Mitstreiter! Aber kaum hatte ich mich entschieden, die «Unfassbar» zu lancieren, rief mich der 35-jähriger Kollege Tobias Rentsch an und sagte mir, er würde gerne Teil dieses Projekts werden. Wir kannten uns vorher nicht, aber die Chemie stimmte sofort. Nun werden wir am Berner Matte-Fest erstmals gemeinsam auf der Gasse sein mit unserer «Unfassbar» auf 3 Rädern. Wir werden dabei mit der lokalen Nydegg-Kirche zusammenarbeiten.

Wie soll sich das Projekt finanzieren? Sie werden kaum genug Bier verkaufen, um sich je einen Lohn auszahlen zu können.

Tobias Rentsch der zweite mobile Pfarrer, mit der gemeinsam konstruierten «Unfassbar».

Tobias Rentsch, der zweite mobile Pfarrer, mit der gemeinsam konstruierten «Unfassbar».

Ich freue mich sehr darauf, wenn unser «Pfaff»-Bier aus dem 18-Liter-Fass sprudelt, aber natürlich brauchen wir andere Geldquellen. Ich bin für die Finanzierung durch viele bürokratische Mühlen gegangen und hoffe nun, dank Beiträgen der Kantonalkirche, der Kirchgemeinden von Stadt und Land und von privaten Gönnern ein 75’000-Franken-Budget stemmen zu können. Ich selber habe mich frühpensionieren lassen und bin zufrieden, wenn ein zusätzlicher Batzen herausspringt – meine Frau trägt mit ihrem Teilzeitpensum in der Spitalseelsorge ebenfalls dazu bei, dass ich mir meinen Traum erfüllen kann. Für meinen jüngeren Kollegen ist es wichtiger, mit dem mobilen Pfarramt einen ordentlichen Lohn erzielen zu können, damit er daneben nicht zu viele Stellvertretungen übernehmen muss.

In den nächsten Wochen besuchen Sie mit Ihrer mobilen Bar diverse Sommerfeste. Was kommt danach?

Wenn ich das wüsste! Ein Traum von mir ist, später einmal mit dem Dreirad von Genf nach Romanshorn zu fahren und laufend zu schauen, woher der Wind weht und wo Türen aufgehen. Aber im Moment finde ich es schön, dass wir nicht wissen, wie es nach der Festival-Saison weitergehen wird. So sind wir offen für Ideen und flexibel, wenn zum Beispiel Veranstalter, Wirte oder Marktstandbetreiber auf uns zukommen.

Wie sind Sie auf den Namen «Unfassbar» gekommen?

Es lag für mich auf der Hand, mit den Wörtern Fass und Bar zu experimentieren, aber ich suchte viel zu weit. Schliesslich fand ein befreundeter Theologieprofessor den prägnanten Namen, als wir gemeinsam in London waren. Für mich ist der Name sehr passend, weil er dem Geheimnis Rechnung trägt, das Gott für uns alle bleibt. Die Bar ist kein PR-Instrument, mit dessen Hilfe wir den Leuten sagen, wo Gott hockt, sondern eine Einladung zum Gespräch. Zudem spiegelt der Name auch meine eigene, eigentlich unfassbare Geschichte. Ich spüre immer wieder, wie sehr es die Leute berührt, dass einer wie ich mit 60 noch einmal etwas Neues anfängt. Bei manch einem kitzelt es die eigene Sehnsucht nach Aufbruch und Veränderung.

Viele sehnen sich zwar nach Veränderung, bringen aber den Mut dazu nicht auf. Was hat Ihnen geholfen?

Der Rückzug in die Stille, die Meditation – in der kirchlichen Tradition sind das die Exerzitien. Wenn du eine Woche schweigend unterwegs bist, kommst du in Berührung mit deiner Innenwelt. Ich spürte schon am ersten Tag durch eine innere Unruhe, dass etwas in Bewegung kommt, es war eine Mischung aus Furcht und freudiger Aufregung. Und dann träumte ich in einer verblüffenden Klarheit von einer weissen Taube, die in eine dunkle, stinkige Tiefgarage fliegt und dort mit schwerem Flügelschlag herumirrt, bis meine Frau und ich sie befreien können. Ich hatte in dieser Woche so viele klare Signale empfangen, dass ich danach in völliger Klarheit zu meiner Frau zurückkehrte und zu ihr sagte: «Wir hören auf in Ittigen.» Sie, die in solchen Dingen sehr pragmatisch ist, schaute mich an und sagte: «Gut, dann lass uns zur Finanzberatung gehen und schauen, was das bedeutet für uns.»

 

Information und Kontakt:

bernhard@die-unfassbar.ch

www.die-unfassbar.ch

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