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«Es gibt nichts zu verdienen und nichts zu versichern»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 1. Juli 2017
Peter Koenig zeigt in seinen Geldseminaren, dass das Freiheitsgefühl nicht vom Kontostand abhängig ist.

Peter Koenig zeigt in seinen Geldseminaren, dass die Freiheit nicht zu kaufen ist.

Gibt Geld uns die Freiheit, das zu tun, was wir wollen? Peter Koenig war 33 Jahre lang mit diesem Glaubenssatz unterwegs und wurde schwerreich damit. Ein Gefühl von Freiheit erlangte er erst, als er mittellos war und lernte, dem Geld weniger Macht zuzuschreiben über sein Leben. In seinen Seminaren zeigt er: Es gibt keinen Kontostand, der unsere immateriellen Bedürfnisse befriedigt.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Koenig, Sie führen seit 25 Jahren Geldseminare durch. Lernen die Teilnehmer dort, leichter Geld zu verdienen?

PETER KOENIG: Nein, darum geht es nicht. Der Kontostand und die Höhe des Einkommens sagen nichts über die Zufriedenheit eines Menschen aus. Das zeigt sich auch in meinen Seminargruppen. Vom schwer Verschuldeten bis zum Multimillionär kommen ganz verschiedene Leute, und alle haben ein Problem mit dem Geld. Jemand ist belastet von einem Erbe, weil dieses ihn unter Druck setzt, jemand anderes rennt dem Geld hinterher aus Angst, im Alter zu verarmen wie der Vater und der Grossvater, ein Dritter kommt trotz Höchstleistungen nicht aus den Schulden heraus. In all diesen Fällen geht es nicht wirklich ums Geld, sondern um das, was wir aufs Geld projizieren. Wir schreiben dem Geld positive oder negative Qualitäten zu und geben ihm dadurch unnötig Macht über uns. Das Geld selber bleibt aber stets neutral.

Es lebt sich doch unbestritten besser mit Geld als ohne Geld. Man hat mehr Optionen, einen höheren Freiheitsgrad.

Das ist Ihre Erfahrung und Sie haben bestimmt viele Beispiele, die diese Sichtweise stützen. Und vermutlich wenden Sie viel Energie auf, um Ihr Geld zu vermehren und dadurch freier zu werden. Aber solange Sie Ihre Freiheit vom Kontostand abhängig machen, sind Sie sehr unfrei. Ich darf das so hart sagen, weil ich selber 33 Jahre lang mit dem Glaubenssatz unterwegs war, ich könne mir mit genügend Geld eines Tages die Freiheit erkaufen, das zu tun, was ich wirklich wolle. Aber offen gestanden kenne ich niemanden, bei dem das so funktioniert hat. Ich hatte als Teenager drei Jobs, am Morgen verkaufte ich geräuchertes Huhn, am Nachmittag Zentralheizungen und am Wochenende führte ich Touristen durch London. So verdiente ich als 19-Jähriger mehr als viele Topmanager. Dann bildete ich mich zum Immobilienmanager weiter, heuerte bei einer amerikanischen Firma in Zürich an und verdiente das Sechsfache. Ich wurde sehr rasch sehr reich und fühlte mich gleichzeitig sehr unfrei. Also nahm ich eine MBA-Ausbildung in Angriff mit dem Ziel, den Lohn nochmals zu verdoppeln. So hätte ich noch eine ganze Weile weitermachen können, bis ich mit 50 oder 60 Jahren tot umgefallen wäre, schwerreich und maximal unfrei.

Wie entkamen Sie dem Teufelskreis?

Ich besuchte einen Workshop bei Robert Hargrove zum Thema Beziehungen. Das war der Wendepunkt. Ich begriff, wie getrieben ich war, und begann, mich mit der Geschichte und der Psychologie des Geldes auseinanderzusetzen. Bald dämmerte mir, welch destruktive Kraft unsere unbewussten Projektionen aufs Geld hatten. Ich wollte das Geldthema tiefer erforschen und startete gleichzeitig ein Experiment im Loslassen. Nach einigen Jahren hatte ich all mein Geld bis auf 7 Franken weggegeben, war also komplett mittellos. So begegnete ich meiner Existenzangst und erfuhr am eigenen Leib, wie falsch der Glaubenssatz ist, man brauche Geld, um zu leben. Ich war gesund und existierte, kämpfte aber gegen Selbstzweifel und den Druck meiner Eltern, die hart mit mir ins Gericht gingen.

Wie kamen Sie wieder zu Geld?

Ich schrieb 19 Freunde an, schilderte ihnen meine Situation und meine Fixkosten und fragte, ob jemand eine Idee habe. Einer antwortete mir, er zahle mir monatlich 300 Franken, wenn es mir gelinge, fünf weitere Unterstützer zu finden. Nach nur einer Woche hatte ich meine finanzielle Unterstützungsgruppe beieinander. Das war für mich eine berührende und unvergessliche Erfahrung, viel wertvoller als der höchste Managerlohn, den ich hätte erreichen können. Ich merkte: Wenn die Beziehung stimmig ist, dann ist Abhängigkeit keine Katastrophe, dann kann man sehr frei sein ohne Geld. So konnte ich weiterforschen und meine Seminare aufbauen, und schliesslich führte der Verkauf einer Immobilie aus dem Familienbesitz dazu, dass ich keine Unterstützung mehr brauchte.

Eine schöne Geschichte, aber kann man sie verallgemeinern?

Wenn wir uns trauen, das zu tun, was wir wirklich tun wollen, finden wir die Ressourcen dafür, davon bin ich felsenfest überzeugt. Wobei Ressourcen nicht immer Geld oder Besitz sein müssen. Freunde von mir hatten den Traum, in einem Schloss zu leben. Da sagt die Vernunft: Ohne Geld ist das aussichtslos. Sie aber fanden ein Schloss, das ihnen zum Bewohnen und zur Pflege überlassen wurde. Juristisch gehörte es jemand anderem, aber sie haben es sich durch ihre Liebe und Hingabe angeeignet. Wir sollten uns darauf konzentrieren, die richtigen Dinge zu tun, und uns danach um die Ressourcen kümmern. Solange wir denken, wir müssten uns zuerst unsere Existenz verdienen und dann diese Existenz versichern, kommen wir nie zu den wichtigen Dingen. Es gibt nichts zu verdienen und nichts zu versichern, sondern nur vollständig zu leben. Alles andere sind Projektionen. Letzte Woche habe ich an meiner alten Kaderschule IMD gesehen, wie wenig Manager noch über die Auswirkungen ihrer Beziehung zu Geld wissen.

Wie hat sich das gezeigt?

Das IMD profiliert sich damit, wie stark sich der Lohn der Absolventen nach dem MBA erhöht. Ist das nicht erstaunlich, dass der Lohn heute noch der Gradmesser für Erfolg ist? Es gibt an diesen Schulen eine unglaublich hohe, bewundernswerte Intelligenz. Ich habe viele hochintelligente Manager dort getroffen, die beeindruckende Modelle zum Zustand der Wirtschaft und der Welt präsentierten und Ideen entwickelten, wie die Armut und der Hunger und andere «Global Challenges» zu bekämpfen wären, aber wenn man diese Manager beim Luxus-Lunch fragt, wie ihre Beziehung zum Geld sei und ob diese womöglich etwas mit der Armut anderer zu tun habe, dann sind sie sprachlos. Diese Themen sind noch nicht einmal tabu, sie sind einfach nicht auf dem Radar. Die Manager wissen, dass jede Bilanz ein Nullsummenspiel ist, dass jedem Plus ein Minus gegenüberstehen muss, aber sie beziehen das nicht auf die Ungleichheit in der Welt. Das Einkommen und das Vermögen sind für viele die zentrale Messgrösse, alles andere ist Luxus für gute Zeiten. Wie sehr sich alles um das Geld dreht, hat das Beispiel Daniel Vasella schön gezeigt. Er verdiente als Novartis-Chef lange Zeit so viel wie kein anderer Schweizer Manager, aber verglichen mit den Kollegen in den USA war er ein kleiner Fisch. Daher war ihm die angebotene Abgangsentschädigung von 72 Millionen Franken hochwillkommen. Er war sich wahrscheinlich nicht bewusst, dass auch ein paar Dutzend Millionen zusätzlich keine Sicherheit, keine Freiheit und keine echte Macht bringen…

…dafür sehr viel Arbeit.

Ja, es ist erstaunlich, welchen Aufwand die Schwerreichen teilweise betreiben, um ihr Geld zu vermehren, zu schützen, zu sichern. Viele von ihnen leben in goldenen Käfigen. In Brasilien besuchen die Reichsten einander mit dem Hubschrauber, sie errichten immer höhere Mauern um ihre Villen, fahren gepanzerte Autos und merken nicht, dass die angestrebte Sicherheit ferner ist denn je. Auch in der Schweiz werden die Autos immer grösser – je grösser die Unsicherheit, desto wuchtiger der Wagen. Es gibt nur wenige Menschen, die viel Geld haben und innerlich frei sind. Bei jenen, die schnell zu viel Geld kommen, zeigt sich besonders dramatisch, dass das Bewusstsein nicht Schritt halten kann. Deshalb ist die Mehrheit der Lottogewinner ein Jahr nach dem Gewinn unglücklicher als vor dem Gewinn. Wer Lotto spielt, hat schon vor der Ziehung verloren, weil er sich vom Geld Glück oder Freiheit oder Sicherheit erhofft. Er täte besser daran, diese Projektionen zurückzunehmen und zu erkennen, dass er auch ohne Geld glücklich oder mit viel Geld sehr unfrei sein kann. Unsere Beziehung zum Geld ist ein Spiegel, der uns zeigt, wo wir mit unserem Bewusstsein stehen. Wer sich vom Geld Glück und Sicherheit erhofft, zeigt seinen Mangel an Glück und Sicherheit. Dieses Defizit kann nie mit Geld ausgeglichen werden.

Sondern?

Es geht darum, sich klar zu machen, dass man mit und ohne Geld glücklich sein kann. Und, in einem zweiten Schritt, dass es okay ist, auch unsicher und unglücklich zu sein. Wer das wirklich verinnerlicht, beide Pole akzeptiert, erlangt dadurch die Freiheit, sein Leben zu geniessen und tiefe Beziehungen einzugehen – mal mit mehr, mal mit weniger Geld.

Welche Rolle spielt das Geld heute in Ihrem Leben?

Mein Ziel ist nicht, viel oder wenig Geld zu besitzen, sondern gescheit zu handeln mit Geld, einen freien Umgang damit zu pflegen. Wenn Geld zwischen zwei Menschen fliesst, sollen beide dabei ein gutes Gefühl haben. Ich geniesse das Zahlen heute ebenso wie das Erhalten. Ich werde in den nächsten Tagen 70, habe etwas Geld auf ein paar Konten und keine Vorsorge. Das Geld aus der Pensionskasse habe ich frühzeitig bezogen und in meine Gesundheit investiert. So bin ich in der Lage, heute das zu tun, was ich liebe – mein Bewusstsein zu entwickeln gemeinsam mit anderen Menschen. Und ich bin guter Hoffnung, mich weiterhin lebendig zu fühlen und eines Tages glücklich zu sterben, mit oder ohne Geld. Verrate ich mich aber selber und fokussiere ich mich zu sehr aufs Geld, habe ich es verdient, arm und unglücklich zu sterben – so lautet meine Wette.

Kontakt und Information:

www.peterkoenigsystem.com

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2 Kommentare zu “«Es gibt nichts zu verdienen und nichts zu versichern»”

  1. Werner Attinger sagt:

    Danke Herr Koenig für die anregenden Gedanken. Fast genauso denke ich und versuche es auch zu leben. Weil so gut ausgedrückt, gibt es wieder ein Hochgefühl und einfach Freude zur Umsetzung! Vielleicht geht es letzlich nur um die Entscheidung, ob ich der Angst mehr Gewicht gebe, oder dem was ich wirklich will und das Risiko eingehe, dabei auch zu scheitern. Bzw. “ich muss sogar scheitern, damit ich mich von der Abhängigkeit der Angst befreie” (und oft gelingt das Scheitern einfach nicht, trotz Vorsatz…)

  2. H.Decurtins sagt:

    Danke Herr König für Ihre Gedanken. DIese kann ich bestens nachvollziehen. LOSLASSEN ist das Zauberwort nur wenige können das Loslassen in jeder Art auch umsetzen, da die Aengste scheinbar mehr Gewalt über sie haben. NAch dem Tod meines Mannes war ich auf dem Nullpunkt – Neuorientierung und mein Ziel war so viel Geld zu haben um meine Rechnungen zu bezahlen und etwas mehr für Zuwendungen an die, die noch weniger haben. Und mit dieser Einstellung lebe ich heute recht zufrieden. Geld ist Energie, Geld darf man schätzen, doch nicht überbewerten. Angst blockiert. carpe diem – nütze den Tag.