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«Es gibt sehr viele Arten, das Leben zu verpassen»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 10. Juni 2017
Frithjof Bergmann schrieb einen Aufsatz, der sein Leben veränderte.

Frithjof Bergmann schrieb einen Aufsatz, der sein Leben veränderte.

Warum mühen sich so viele Menschen das halbe Leben lang in einem langweiligen Job ab? Der Philosoph Frithjof Bergmann, Begründer der «New Work»-Bewegung, arbeitet seit Jahrzehnten an Alternativen zum kapitalistischen Lohnarbeitssystem. Arbeit, sagt der 86-Jährige, müsse keine lästige Pflicht sein, sie könne uns auch lebendig machen.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Bergmann, wir treffen uns hier in Berlin am Rande einer Tagung zum Thema «New Work», an der Sie als Redner aufgetreten sind. Staunen Sie manchmal, was heute alles unter dem von Ihnen in den Achtzigerjahren geprägten Begriff «Neue Arbeit» veranstaltet und verkauft wird?

FRITHJOF BERGMANN: Ich habe da in der Tat zwiespältige Gefühle. Einerseits geniesse ich es, mit 86 Jahren noch eingeladen und gehört zu werden, ja mehr als das: Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren so berührt von meinem Referat, dass wir lange nach Veranstaltungsende noch im kleineren Kreis weiterdiskutiert haben. Eigentlich sind die Leute ja nicht berührt von mir, sondern von sich selber, von dem Teil in ihnen, der über all die Jahre verkümmert ist. Wir haben uns jedenfalls bis weit in die Nacht hinein ausgetauscht – deshalb empfange ich Sie in etwas unausgeschlafenem Zustand hier auf meinem Hotelzimmer. Aber mit ein wenig Geduld und viel Kaffee sollte es gehen.

Sie sprachen von zwiespältigen Gefühlen. Was hat Sie befremdet an der vom Netzwerk Xing organisierten «New Work»-Tagung?

Ich habe mir diese «Neue Arbeit» schon anders vorgestellt, als sie heute zelebriert wird. Mir geht es um grundlegende Dinge, darum, dass Menschen sich nicht in Lohnarbeit, zu der sie keinen inneren Bezug haben, erschöpfen und am Lebensende feststellen, dass sie gar nicht richtig gelebt haben. Hier wurde sehr viel über Führungstechniken und Organisationsfragen geredet, also darum, wie Unternehmen ihre Angestellten noch raffinierter domestizieren und ausbeuten können. Bezeichnenderweise waren vor allem gut bezahlte Führungskräfte auf der Bühne, die zu Führungskräften im Plenum darüber sprachen, wie flexibel und kreativ die Arbeit in Zukunft organisiert sein wird. Diese Perspektive hat mich nie interessiert. Ich bin zwar Philosophie-Professor, aber ich habe es immer darauf angelegt, mich nützlich zu machen, etwas Grundlegendes zu bewirken. Und ich arbeitete immer mit den Machtlosen und Bedürftigen.

Sie gründeten 1984 in Flint bei Detroit ein erstes «Zentrum für Neue Arbeit». Wie kam es dazu?

Flint war das Zentrum der Automobil-Industrie. Ende der 1970er-Jahre waren dort aufgrund der ersten grossen Automatisierungswelle sehr viele Arbeitsplätze bedroht. Wir sagten voraus, dass wegen der absehbaren Massenentlassungen bald die Hälfte der Mitarbeiter ihre Lebensgrundlage verlieren würde und dass danach ein tiefer Graben durch diese Stadt gehen würde. Wir schlugen General Motors deshalb vor, nicht die Hälfte der Leute auf die Strasse zu stellen, sondern die Mitarbeiter nur noch die Hälfte des Jahres bezahlt arbeiten zu lassen und ihnen die andere Hälfte des Jahres Zeit zu geben, sich mit etwas Interessanterem, Aufregenderem zu beschäftigen – mit dem Ziel, dass die Angestellten in dieser Zeit mit unserer Hilfe herausfinden konnten, was sie wirklich, wirklich wollten.

Diese Formulierung, für die Sie später berühmt geworden sind, muss ziemlich naiv geklungen haben in den Ohren der Automanager.

Tatsächlich erntete ich am Anfang lautes Gelächter. Woher sollten diese Arbeiter nach 20 Jahren am Fliessband wissen, was sie wirklich machen wollten? So naiv konnte nur ein Philosophieprofessor sein, fanden viele. Wir waren aber durch Pilotprojekte in Detroit sehr gut vertraut mit der Industrie und konnten so das Management von GM überzeugen, dass es besser war, in ein «Zentrum für Neue Arbeit» zu investieren als blutige Kämpfe gegen die Gewerkschaften auszufechten und das Image zu ruinieren. Wir spürten bald, wie viel Energie da freigesetzt wurde durch die neuen Perspektiven, die wir den Angestellten geben konnten. Ein Fabrikarbeiter, der nicht am, sondern unter dem Fliessband gearbeitet hatte, eröffnete mit grossem Erfolg ein Yoga-Studio und erwies sich als der perfekte Lehrer. Ein anderer, der sich selber als Fabrikratte bezeichnet hatte, widmete sich ernsthaft seiner Leidenschaft für das Schreiben, zunächst bei einer Lokalzeitung, später schrieb er für das «Wall Street Journal» und schliesslich wurde er Bestseller-Autor.

Und was folgern Sie daraus?

Nicht nur diese Fabrikarbeiter mussten erst herausfinden, was sie wirklich, wirklich tun wollten, sondern die meisten Menschen wissen es nicht, weil ihnen das dafür notwendige Organ abtrainiert worden ist. Und weil wir es noch immer als ungehörig empfinden, überhaupt danach zu fragen. Wir sind so tief verstrickt in diesem Lohnarbeitssystem, in diesem Lastesel-Dasein, dass wir denken, es sei normal, die meiste Zeit unseres Lebens einer langweiligen Tätigkeit nachzugehen, die uns abstumpft, entmutigt, zu Arbeitskräften und Konsumenten degradiert. Es gibt sehr viele Arten, das Leben nicht zu leben. Die meisten Menschen sind drei Viertel tot, lange bevor sie beerdigt werden. Sie werden schon in der Schule mit Langeweile gequält, lernen alles, nur nichts über sich, und werden auf den Ernst des Lebens vorbereitet, also darauf, ein Rädchen in einem grossen Getriebe zu werden. Später gehen sie zur Arbeit und erleben diese wie eine milde chronische Krankheit, die sie zwar nicht umbringt, aber auslaugt. Und eines Tages müssen sie sich eingestehen, dass sie sich selber verloren oder vielleicht nie gefunden haben. Wir kommen alle ohne ein Ich auf die Welt und sind auf günstige Bedingungen angewiesen, um eines entwickeln zu können.

Wie haben Sie herausgefunden, was Sie tun wollen?

Ich bin in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Meine Mutter war Jüdin, sie sollte im Zweiten Weltkrieg in ein Konzentrationslager gebracht werden, konnte aber dank glücklichen Zufällen fliehen. Sie hatte einen Abschiedsbrief hinterlassen, alle glaubten, sie habe sich ertränkt, auch ich wuchs in dieser Gewissheit auf. Mein Vater, ein evangelisch-lutherischer Pfarrer, war in den letzten Kriegsjahren im Gefängnis und wurde dort sehr krank. Ich musste deshalb schon als 10-jähriges Kind für mich sorgen, hart arbeiten auf Bauernhöfen und eine schwere Krankheit überwinden. Das hat meinen Kampfgeist geweckt. Und dann durfte ich als 18-jähriger Gymnasiast einen Aufsatz darüber schreiben, welche Schule ich mir wünschen würde. Ich entwarf die Utopie einer Schule, welche die Heranwachsenden stärkt und in ihrer Entwicklung fördert, statt sie mit Wissen abzufüllen und ihnen Disziplin einzuprügeln. Dadurch änderte sich zwar nichts an der Schule, aber alles in meinem Leben. Ich gewann den Hauptpreis, ein einjähriges Stipendium in den USA. Nach der Matura trat ich die Reise an, und statt für ein Jahr blieb ich für den Rest meines Lebens.

Teil 2 des Interviews erscheint in einer Woche an dieser Stelle.

Literatur: Frithjof Bergmann: Neue Arbeit, neue Kultur. Arbor Verlag.

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19 Kommentare zu “«Es gibt sehr viele Arten, das Leben zu verpassen»”

  1. Matthias Störi sagt:

    Sehr interessant sein Leben, würde ich gerne mal kennenlernen…lg Matthias

  2. Rosilene sagt:

    Der Artikel ist sehr interessant sowie lesenswert.

  3. Ali sagt:

    Super Beitrag!, wie könnte man jemand helfen, das Leben anders zu betrachten als nur durch das Hamsterrad?

  4. Hedi Meierhans sagt:

    Ich finde den Artikel sehr interessant und bin gespannt auf den 2. Teil. Schön wäre wenn New Work die ursprüngliche Bedeutung zurückbekäme.

  5. Manfred Stierli sagt:

    Entschuldigung aber dass ist absoluter Quatsch.
    Jeder Mensch kann hier jetzt sofort genau das machen, was er will.
    Gut, hier in der Schweiz schwieriger als anderswo, weil Boden ein rares Gut ist aber grundsätzlich kann Jeder machen, was er will.
    Das Problem sind nicht die bösen Sklaventreiber, wie sie ua genannt werden, denn es gibt kein Gesetz, welches ein Mensch zur Arbeit zwingt. Vorallem gibt es auch kein Gesetz, welches einem zwingt, etwas zu machen, was man gar nicht will.
    Ein Jeder ist für sich selbst verantwortlich.

  6. Ursula Jauch sagt:

    Ich bin erstaunt über seine Erkenntnisse.Sicher war er noch nie an einem Ferienstrand an dem die meisten sich von der Sonne rösten lassen.Ist dies die Sklaverei oder das selbstbestimmte Leben

  7. Alex Grendelmeier sagt:

    Und wer soll schliesslich unsere Sozialhilfeempfangenden, Arbeitslosenunterstützungbeziehenden, Asylsuchenden etc. finanzieren, wenn nicht die brav Arbeitenden, Geldverdienenden und Steuerzahlenden? Ohne das««kapitalistische Lohnarbeitssystem» dürfte es schwierig sein, all diese Menschen auf einem «menschenwürdigen» – das heisst mehr oder weniger mittelständischen – Niveau zum Teil lebenslänglich zu versorgen.

  8. Margrit Stucki sagt:

    Ich kann nicht machen, was mir passt (obwohl ich mich & meine Wünsche sehr gut kenne). Ich bin ins CH-Wirtschafts- und Moralsystem eingebunden. Welches meinem Umfeld vorschreibt, ob sie mich mögen oder hassen sollen. Sprich: ob sie mich unterstützen oder unterbinden sollen. Leider überwiegt das Zweitere hochaus.

  9. Urs Bär sagt:

    Ich bin auch der Meinung, dass die Arbeit in unserer Gesellschaft nicht menschengerecht organisiert ist. Bloss: eine Gesellschaft, in der dies der Fall wäre, wäre marktwirtschaftlich nicht konkurrenzfähig. Enorme Wohlstandseinbussen wären die Folge: Ade Smartphones, ade Ferienreisen, ade Hightech-Medizin.

    Wie viele Menschen wären wirklich bereit für den Wandel hin zu einer solchen Gesellschaft? Wir sitzen in der Falle.

  10. Melanie sagt:

    Ich habe einen vielseitigen Lebenslauf und gerade deswegen habe ich schliesslich gefunden, was ich wirklich machen will – und worin ich gut bin. Ich bin angestellt, nicht selbständig, aber ich liebe meinen Beruf. Die meisten Eltern leben in der Vergangenheit und peitschen ihre Kinder dahin, wo sie selbst einmal hinwollten. Da die Welt sich pausenlos verändert, ist das kein gutes Konzept. Vielseitigkeit und Gelassenheit ist ein ziemlich gutes Konzept. Umwege sind Lernewege udn keine Sackgassen.

  11. Klaus Roggendorf sagt:

    Diese Projekte, dieses Denken und diese Streben der Menschen ist antriebsdynamisch ganz natürlich – unbewußt dominant eitel, vorteils- u. machtorientiert wirksam in allen komplexen Lebewesen angelegt. Jeder und alle wollen etwas ganz Besonderes sein – ob groß ob klein, das führt zu Streiterrein, denn alle wollen ihr Ziel auf bequemste Weise erreichen. Die Kraft dieser unbewußt wirksamen Antriebskräfte hat die Menschheitsgeschichte leidvoll geprägt. Diese dominiert auch das bewußte Denken und dies führte zur eitlen Überschätzung des evolutiv noch jungen Bewußtseins.

  12. Klaus Roggendorf sagt:

    Da solche komplexen Zusammenhänge und die zu ziehenden Schlüsse gar
    nicht bildungsmäßig massenwirksam vermittelbar, geschweige denn psychoanalytisch sicher erschließbar und behandelbar sind, muß man das Ganze einfach verständlich, philosophisch nachvollziehbar vermitteln, wenn die menschlichen existentiellen Probleme gelöst und eine gedeihlichere Zukunft gestaltet werden sollen.

    Dr. Klaus Roggendorf

  13. Mody Bühler sagt:

    Das ist ja genau symptomatisch für Leute, die in angeblich “langweiligen” Berufen arbeiten, Sie geben dem System die Schuld statt an sich zu arbeiten und nach neuen Möglichkeiten zu suchen.

  14. Christoph sagt:

    @Alex Grendelmeier Anscheinend haben sie die Worte des Professors nicht verstanden. Die Arbeit soll auf alle arbeitsfähigen Menschen aufgeteilt werden, bis alle Vollzeit arbeiten können. Dabei können sie angeleitet werden. Das hat dann aber den Haken, dass auch sie etwas hergeben und eine Umorientierung angehen müssten.

  15. G. Schwilick sagt:

    Die Arbeit ist nicht gut organisiert. Die Einen arbeiten, dass ihnen die Zunge heraushängt und die anderen garnicht. Die Schwer arbeitenden Menschenbekommen zu wenig Geld. Dagegen gibt es so viele Berufe auf die man getrost verzichten könnte. Ich denke z. B. an Politiker, die meistens nur Unheil anrichten. Wir haben zu viele Bundesländer mit zuviel Personal, was dazu auch noch hoch bezahlt wird und dann noch besser als normal Arbeitende. Für all diese Menschen arbeiten wir alle mit. Es wäre also nur eine Sache von Arbeitsumverteilung.

  16. detlef jahn sagt:

    die konsequenz:
    wir brauchen ein bedingungsloses grundeinkommen, um den menschen die freiheit zu geben, nein sagen zu können zu schlechter arbeit bei schlechtem lohn und um die freiheit zu haben, ohne angst um die physische existenz danach zu suchen, wofür er/sie geschaffen ist, was er/sie gut kann, was ihn/sie interessiert, was er/sie zum großen ganzen beitragen kann.

    blöd nur, dass dann viele menschen nein sagen würden, zu rüstungsproduktion, atomwirtschaft, ungerechte arbeitsbedingungen und löhne, umweltzerstörung durch industrieelle landwirtschaft.

  17. detlef jahn sagt:

    blöd nur, dass die menschen mit einem BGE die freiheit hätten und auch die kraft dafür fänden, aktiv an politik teilzunehmen, aktiv, ihre religion auszuüben, ihre angehörigen zu pflegen in familien- und ortsverbünden enger zusammenzurücken, auf globalisierung verzichten zu können und sich nicht wehrlos ins hamsterrad einperren zu lassen.

    aber dafür muss man seine anerzogenen und gelernten denkmuster verlassen und seinen eigenen gesunden menschenverstand zu benutzen.
    was uns heute als “komplexes problem” verkauft wird, ist in wirklichkeit obrigkeitsdenken und soll das system schützen.

  18. Vicky sagt:

    Zum teil lächerliche Kommentare von Personen die denken dass Arbeiten alles im Leben ist… sie sind selber schuld wenn sie mit 65 Jahren im Bett liegen und erst merken, dass sie gar nicht gereist sind, dass sie nichts vom Leben wissen und viel weniger von sich selber… weil sie nur im Büro waren… viel verdient haben (Ausgegebenes geld für Autos und Luxus) und keine Zeit für nichts hatten.

  19. Charly sagt:

    Die Ironie der Geschicht: Sobald die Menschheit technisch das Joch der meisten Arbeit abschütteln könnte – gelingt es ihr nur unter grossen Anstrengungen, da das brave Arbeitsvieh ohne Joch auf dem Nacken und dem Kitzel der Peitsche nicht mehr leben will.